Tagesdosis 18.9.2017 – Hysterisch, paranoid, konzeptlos

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Es ist aussichtslos. Am Tag sechs vor der Bundestagswahl kommt man an dieser nicht mehr vorbei. Es geht die Medien rauf und runter: Der Bürger soll gefälligst seine verdammte Pflicht erfüllen und wählen, welcher Flügel des Establishments vier weitere Jahre die politische Herrschaft über ihn ausüben soll.

Man möchte meinen, die AfD erfüllt ihren Zweck dafür recht gut. Offensichtlich kommt sie den anderen bürgerlichen Parteien wie gerufen. Weidel hier, Weidel da und der Spiegel warnt, die AfD könne künftig die Opposition anführen. Zwischen den Zeilen klingt der Ruf der sogenannten Etablierten: Wählt uns, wir machen´s genauso, nur demokratisch!. Während die einen mit hysterischem »Lügenpresse!«- und »Merkel muss weg!«-Geschrei darauf reagieren, verfallen andere in besorgte »Ohgottogott geht auf jeden Fall wählen«-Paranoia und werfen erklärten Nichtwählern die Schuld am Untergang des Abendlandes vor.

In die Kerbe schlägt Springers Tittitayment-Boulevardblatt »Bild«. Schon zum Frühstück indoktriniert es seit heute den Unbedarften an fünf Tagen hintereinander – dem Internet sei Dank – mit Live-Talks. Der – wie jetzt jeder weiß – vom Arbeitersohn zum Steigbügelhalter der Bourgeoisie aufgestiegene Grünen-Chef Cem Özdemir durfte heute leere Worthülsen a la »Wir brauchen bessere Sklaven- … Verzeihung, Lohnarbeit und mehr Ökologie im bunten Warenkapitalismus« ablassen. Es folgen »Es gibt keine breite Unzufriedenheit in der Bevölkerung«-Kanzleramtschef Peter Altmaier, dessen CDU-Parteikollege, Sachsen-Sumpf-Minister Thomas de Maizière. Hartz-IV-Obersanktionierierin Andrea Nahles aus der »Wer nicht arbeitet, soll nicht essen«-Partei SPD – und die »Zurück zur sozialen Marktwirtschaft«-Linken-Ikone Sahra Wagenknecht.

Nach einer Legislatur-Pause wieder losgelassen wurde das gegelte Mövenpick-Partei-Bübchen Christian Lindner. Im ARD-Talk »Hart aber fair« grinste er kürzlich so dekadent in die Kamera, während Linke-Fraktionsführer Dietmar Bartsch den obzönen Reichtum weniger und die wachsende Armut vieler beklagte, dass einem mögliche Gewaltfantasien armer Rentner oder ausgebeuteter Leiharbeiter sehr verständlich erscheinen. Am Sonntag ließ der »Spiegel« den freien Marktradikalen, der Zugewanderte wie Einheimische an einer imaginären Rampe nach wirtschaftlichem Nutzen sortieren möchte, etwas jammern: Die böse AfD könne seine FDP glatt überholen!

Dem Durchschnittsausgebeuteten in Deutschland kann das eigentlich egal sein. Denn beide sind sich ähnlicher als gedacht. Aus ihren Programmen tönen gleichermaßen Forderungen nach absoluter Dominanz des Marktes, nach Aufrüstung von Polizei und Militär, dem Verbleib Deutschlands in der NATO und nach Steuersenkung für besonders gut Betuchte – damit der empfindliche Markt nicht aus dem Gleichgewicht gerate. Allenfalls ein obskurer christlicher Fundamentalismus inklusive des programmatisch definierten Wunsches nach dem totalen Abtreibungsverbot, unterscheidet die AfD von der FDP.

Eine euphorisch beschworene, aber völlig undefinierte »deutsche Leitkultur« verbindet die AfD genauso mit den Schwestern CDU und CSU. Hartz-IV-Bezieher sollen für ihr Existenzminimum am besten ganztags schuften, denn Leistung muss sich wieder lohnen. In aller Welt wollen sie einträchtig deutsche Wirtschaftsinteressen durchsetzen. Die AfD formuliert das ganz konkret, FDP und Union tun das etwas schwammiger. Wie das funktioniert, davon können viele Flüchtlinge ein Lied singen. Die lässt man dann ganz einfach im Mittelmeer ersaufen, im Krieg zerbomben, im Jemen verhungern oder in der Wüste verdursten. Was die einen »demokratisch« fernab der bürgerlichen Realität schon jetzt besorgen, verlangen die anderen populistisch. Ganz so, als gäbe es das alles nicht.

Die Fraktionen der kapitalistischen Einheitspartei unter den Slogan »Absolute Freiheit für den Markt«, »Vollbeschäftigung für alle« und »Die Ausländer bedrohen das Abendland« könnten wahrlich gut zusammen den Laden managen. In Gestalt von SPD und Grünen lauern schon willige Gehilfen auf gutdotierte Posten.

Dass der »kleine Mann« die Linke auch nicht wählen mag, ist zu verstehen. Fast so visionslos wie der Rest will sie: Zurück. Die einen lecken sich die Finger nach Zuständen wie im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Die anderen fordern wahlweise staatlich aufoktroyierte Gottesfürchtigkeit, einen dritten Arbeitsmarkt oder Biofood für alle dazu. Die Hausfrau-Mutti mit Kochlöffel und drei blonden Kinderchen am karierten Tischtuch lässt grüßen. Derweil schwärmen Vortänzer der Linkspartei von den 1950er Wirtschaftswunderjahren. Da sei es noch allen gut gegangen!

Es gibt nur ein Problem: In der Geschichte gibt es kein Zurück. Der Kapitalismus wird seinen Tribut fordern, ob mit CDU, FDP, AfD, SPD, den Grünen oder den Linken. Jedenfalls solange ihn niemand abschaffen will.

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