Lücken-Schule

Was ist mit der Jugend los? Ein Lehrer bekam Stress mit den Behörden und hatte dadurch Zeit, im Unterrichtsmaterial nach Antworten zu suchen.

Eine Rezension von Michael Meyen.

Auf dem Cover steht ein Pseudonym. Kein gutes Zeichen. Meine Studenten haben mich neulich gefragt, wie es damit aussieht. Kann man das machen? Kann man sich so vor einem Shitstorm schützen und vielleicht sogar vor einem Rauswurf, wenn der Wind sich dreht und plötzlich nicht mehr angesagt ist, was ich heute rausgefunden habe?

Die Generation Z denkt das Internet mit und hat gelernt, dass buchstäblich alles moralisch aufgeladen werden kann. Man muss nicht mehr wissen, wie es zu den großen Kriegen gekommen ist, was oder wie die DDR war und was es mit all den Viren auf sich hat, die jeden Tag durch die Leitmedien geistern. Wichtig ist: Auf die Haltung kommt es an. Und die kann sich über Nacht ändern. Ich habe junge Leute erlebt, die ihr Thema für die Abschlussarbeit zurückgaben, weil sie plötzlich Angst bekamen. Eine Frau wollte sogar aus einem Buch gestrichen werden, obwohl nicht sie dort schlecht wegkam, sondern der Staat, der sie verfolgen ließ. Dort winkte nun aber ein Stipendium.

„Hauke Arach“ hat mir geschrieben und sogar ein Bild geschickt. „Ich habe gern ein Gesicht zu einem Buch“, heißt es in seinem Brief. „Vielleicht geht es Ihnen auch so.“ Ja, lieber Hauke Arach. Ich brauchte auch die Geschichte, um über die Hürde Pseudonym zu springen. Ein Lehrer, mehr als drei Jahrzehnte im Dienst, der öffentlich gefragt hat, was das mit der Maskenpflicht in Schulen soll, und der oben ohne unterrichtet hat. Disziplinarverfahren, Krankschreibung, Ruhestand (vorzeitig, wenn das Bild nicht täuscht), Prozess. Und dieses Buch, das, so schreibt mir der Autor, „ein massiver Angriff auf das“ ist, „was gelehrt wird“. Deshalb kein Klarname.

Der Name tut am Ende nichts zur Sache, weil der Stoff für sich spricht. Ein paar Seiten zum Bildungsauftrag der Schule, zum Demokratiemanagement, zur Indoktrination. Das findet man an anderer Stelle breiter. Rainer Mausfeld, einer der Kronzeugen von Hauke Arach, hat gerade sein Opus Magnum vorgelegt. Damit muss dieser Lehrer nicht konkurrieren.

Das gilt auch für Matthias Burchardt, der in unserem Apolut-Gespräch den Hintergrund von dem ausgeleuchtet hat, was gleich folgt – ein Schulsystem, das über den Umweg Pisa aus dem Lehrer einen Lernbegleiter gemacht hat, einen „Arrangeur von Bildungserlebnissen“. Der Mensch ist zuerst Beziehung, sagt Burchardt im Studio und redet dann über die OECD und über die Bertelsmann-Stiftung, demokratisch nicht legitimierte Akteure, die allem, was mit Bildung und Ausbildung zu tun hat, spätestens ab den 1990ern ihren Stempel aufgedrückt und Lernerfolge „messbar“ gemacht haben, obwohl das, wie das Gespräch zeigt, überhaupt nicht geht. Was „weiß“ jemand über ein Drama, der sagen kann, wo die Figuren waren, bevor der Vorhang aufgeht? Wohin führen Tests, die jeden Kenntnisüberschuss bestrafen und komplexe Wirklichkeiten auf eine Zahl reduzieren oder auf Ja versus Nein?

Das führt zurück zum Buch von Hauke Arach, weil das Ganze dort sehr viel konkreter wird. Was steht in den Lehrbüchern? Was stand dort vor 30 Jahren und was sagt die Forschung dazu – nicht nur die staatlich subventionierte an den Universitäten, sondern auch dort, wo es all die Abhängigkeiten nicht gibt, die von Drittmitteltöpfen ausgehen, vom Konformitätsdruck, von der Pension? Das Ergebnis in einem Wort: erschreckend. Oder: Es war fast zu befürchten. Geschichte? Puh. Biologie? Nun ja. Erdkunde und Politik? Herrjemine.

Natürlich: Ein Sozialwissenschaftler wie ich kann in jeder empirischen Studie das Haar in der Suppe finden. Die Stichprobe zum Beispiel. Nur einige wenige Bücher und auch das selbstredend nicht aus allen Bundesländern, Klassenstufen, Fächern, Verlagen. Oder die Haltung. Hauke Arach schafft es längst nicht immer, Distanz zu wahren. Er setzt Ausrufezeichen und macht klar, wo er politisch steht. So etwas darf ein Wissenschaftler nicht, der auf Werturteilsfreiheit besteht und deshalb wenigstens so tun muss, als ober er über allen Dingen schwebt.

Wer mit Herzblut Lehrer war, der kann hier nicht ruhig bleiben. Das beginnt bei der Didaktik. Hauptsätze mit sechs bis acht Wörtern, hin und wieder um einen Relativsatz erweitert – in einem Biologiebuch, das „Viren als permanente Bedrohung von Gesundheit und Leben“ darstellt (S. 112) und dafür offenbar auch von der etwas komplexeren Sprache seines Vorgängers („fast schon intellektuell“) abweichen musste (S. 113f.). „Monströse Kriegsverbrechen der USA“, „bei Hiroshima auf kindgerecht verdauliche Größe gestutzt“ (S. 68) und in Vietnam einfach um Agent Orange und Napalm gekürzt und damit um das, wofür dieser Krieg „im Bewusstsein der Welt steht“ (S. 68). „Sachlich sinnfreie“ Aufgaben, die nur die „Funktion“ zu haben scheinen, „das Bild einer verantwortungsvollen Pharmaindustrie und Gesundheitspolitik in die Köpfe zu bekommen“ (S. 112).

Um gleich bei den USA zu bleiben: In den Lehrbüchern, die Hauke Arach ausgewertet hat, ist das der größte blinde Fleck. Kein Wort zu den Debatten, die sich um die beiden Weltkriege ranken und dabei immer auch nach dem US-Interesse fragen. Kein „Hauch von Kritik an den USA“. Stattdessen ein „NATO-freundliches Bild“, gezeichnet von einem Professor im Sold der Bundeswehr (S. 37). „Weiter geht es mit dem Marshallplan. Die USA sind der große Helfer in der Not“ (S. 63) und später in Afghanistan und im Irak unterwegs, um „die Demokratie zu bringen“ und den Terrorismus zu bekämpfen (S. 76).

Der zweite blinde Fleck, gewissermaßen direkt mit Nummer eins verbunden: der Kapitalismus. Konzerne, Finanzsektor, Profitorientierung. In der Schule lernt man, dass „die einheimischen Eliten“ schuld sind „am Elend Afrikas“ (S. 86), und bekommt so gleich noch eine versteckte Botschaft für den Weg ins Leben: „Der Afrikaner kriegt es ohne unsere Hilfe einfach nicht gebacken.“ (S. 87). In der Schule lernt man auch, dass viele Menschen nichts dagegen haben, ohne festen Arbeitsvertrag zu jobben. Die gar nicht allzu sehr versteckte Botschaft hier: „In unserem Staat ist alles gut.“ (S. 145). Das geht auch deshalb, weil die jungen Leute von heute selbst „die deutschen Verbrechen im Osten Europas“ nicht mehr kennen, zumindest nicht aus dem Unterrichtsmaterial. „Das Leiden der Sowjetunion verschwindet nahezu komplett“ (S. 64).

Dafür neu in den Schulbüchern: der Klimawandel. 2007 noch keine Spur (S. 137). Jetzt fehlen alle Gegenstimmen, die die Treibhaustheorie in Frage stellen, das „CO2-Märchen“ (Bernd Fleischmann), die Computersimulationen, den Glauben an ein paar wenige Messreihen und damit auch das Buch von Bernie Lewin, der tief in die Akten eingetaucht ist und das politische Projekt IPCC so von allem Lack befreien konnte. Auch Milieumedien gibt es in der Schule nicht. Nicht auszudenken, wenn sich so ein Schüler im Internet verirrt und plötzlich merkt, dass Wissenschaft keineswegs „eindeutig“ und alternativlos ist, und vielleicht sogar darüber sprechen will.

Was ich meinen Studenten zum Thema Pseudonym gesagt habe? Verurteilt nicht den Menschen, der seinen Namen versteckt, sondern klagt lieber die Zustände an, die den Raum des Sagbaren selbst für diejenigen verschließen, die viele Argumente auf ihrer Seite haben. Heute würde ich ergänzen: Beginnt dabei mit der Schule.

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Hauke Arach: “Mensch, lern das und frag nicht! – wie unsere Kinder für die Zukunft vorbereitet werden”, Anderwelt Verlag.

Hier der Link zum Buchkauf: https://anderweltverlag.com/p/mensch-lern-das-und-frag-nicht

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 23.11.2023 auf freie-medienakademie.de.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bildquelle: Kapustin Igor / Shutterstock.com

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Kommentare (4)

4 Kommentare zu: “Lücken-Schule

  1. Sie machen exakt das, was im Artikel beschrieben wird. Schwer gewichtige Punkte lassen Sie weg und ansonsten bagatellisieren Sie. So etwas ist keine Diskussionsgrundlage.

  2. Dass die Schule staatstragend ist, ist keine Neuigkeit und ist generell auch nachvollziehbar. Auch Michael Meyen dürfte sich keine Illusionen darübergemacht haben, dass von ihm staatstragendes Verhalten erwartet wird, als er Universitätsprofessor wurde. Man kann dies der Schule oder der Uni nicht vorwerfen.
    Als unser Klassenlehrer z.B. aus dem Lehrbuch zitierte, dass es Aufgabe der Werbung sei, den Kunden über die Preise von Waren zu informieren, habe ich ihm vehement widersprochen, denn ich wusste, das dies nicht stimmt. Die Werbung zeigt uns die glückliche Rama-Familie, die an einem sonnigen Morgen vor ihrem hübsch restaurierten Resthof sitzt und frühstückt, damit wir ein positives Gefühl für Rama bekommen – über den Preis sagt sie nichts. Da mein Lehrer meiner Argumentation zunächst nicht folgen wollte, bot ich ihm an, mir beim technischen Hausmeister einen Videorecorder zu leihen und die Fernsehwerbung aufzuzeichnen, damit wir sie uns gemeinsam im Unterricht anschauen könnten. Er gab nach und mein Widerspruch hatte für mich keine negativen Konsequenzen.
    Anders war es, als wir in Sozialkunde lernen sollten, dass es in der BRD eine Demokratie von unten gäbe und der Bürgerwille von der Politik umgesetzt würde, während in der UdSSR diktatorisch von oben regiert werden würde. Auch hier wusste ich, dass es so nicht war und auch hier protestierte ich. Der Lehrer wurde wütend und fragte mich, ob ich wohl gefälligst schreiben würde, was er sagt. Ich antwortete, dass ich das gerne tun würde, sobald er seine Meinung glaubhaft belegen würde. Er konnte das nicht und deshalb schrieb ich es nicht, was mir die einzige 6 in meiner Schullaufbahn einbrachte. Ich brauchte den Kurs nicht für das Abitur und strich ihn einfach – und den Lehrer strich ich ebenfalls und guckte ihn mit dem Arsch nicht mehr an.
    Unser Geschichtslehrer erwähnte einst, dass Napoleon Bonaparte von Kaufleuten Geld bekam, um eine Armee aufzustellen, aber er klärte nicht auf, wer diese Kaufleute waren und warum sie dies taten. Da ich nach der Schule nicht mit dem Denken aufgehört habe, weiß ich heute, dass diese Kaufleute zur Familie Rothschild gehörten und dass das Geld, das sie gaben, keine Spende war, sondern eine Investition, die sich für die Rothschilds auszahlen sollte. Das erklärt, warum mein Geschichtslehrer nicht deutlicher geworden ist, sondern hoffte, dass wir Schüler selber aktiv werden und nachforschen würden. Wegen "Antisemitismus" konnte man als Beamter auch schon vor vierzig Jahren gefeuert werden.
    Und genau darum geht es: Die Schule war früher auch nicht besser, als sie heute ist – wer nachgelassen hat, sind die Schüler, die denkfaul sind und ihr Hirn auf Durchgang gestellt haben!

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