Wir werden jetzt bis zwölf zählen …

Ein Meinungsbeitrag von Dirk C. Fleck.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, blicke ich durch einen glitzernden Perlenvorhang aus Regentropfen. In der tiefhängenden Wolkendecke sind keinerlei Strukturen erkennbar. Das Patrizierhaus gegenüber glänzt unter den Rinnsalen, die an seiner frisch gestrichenen weißen Fassade herunterfließen. Ich mag diesen in schwarzgrau gewickelten Tag. In ihm ist der menschliche Lärm vorübergehend abgeschaltet. Nur der Sturm ist zu hören, der sich in die Stadt verbissen hat. Ich beginne innerlich zu jubilieren, als sich die ersten Dachziegel lösen und die geschundenen Straßenbäume ihre Äste festzuhalten versuchen. Plastikfetzen kleben knatternd im Gestrüpp. Die Verirrten dort unten in meiner Straße stemmen sich mit offenen Mündern gegen die Böen, die ihnen die Haut von den Knochen reißen möchten, unterdessen klappern die Bogenlampen mit den Neongebissen, als beklagten sie das Ende alles Statischen. Die kleine Reinigung tut gut, ich wünschte sie mir allerdings gründlicher.

An Tagen wie diesen empfinde ich die Einsamkeit alles Lebendigen. Es ist dieses „Ganz-für-sich-Sein“, was mich fasziniert und in den Zustand der Ruhe versetzt. Ich bin gerne allein. Erst im Alleinsein entwickle ich das Gefühl, Teil des ganzen Erdkörpers zu sein, eine Mikrozelle unter Abermilliarden anderer. Allein? Lachhaft. Keine Vorstellung mehr von sich selbst zu haben, nicht mehr verhaftet zu sein durch Verstand und Intellekt, zu leben, was man im Kern ist, nämlich ein mit allem verbundenes Wesen, welches sich zuhause FÜHLT – das ist die wahre Befreiung. All die Zeit hinter uns, als wir versunken waren im Schlamm von Ehrgeiz, Meinung, Eitelkeit, Angst und Vorurteil, gleitet dahin, wie eine FFP-Maske elbabwärts. Kennen Sie das, wenn Sie im Traum denken, shit, das habe ich doch alles schon einmal geträumt!? Ich besteige eine mir bekannte Wendeltreppe, sogar die eingeritzten Namen und Herzen in der Kalkwand sind mir vertraut, auch das Knarren der Holzstufen. Irgendetwas treibt mich wieder auf den geheimnisvollen Dachboden, von dem kolportiert wird, dass sich dort nur unnützes Gerümpel befindet.

Außerdem bestünde Einsturzgefahr, weshalb von einem Besuch dringend abzuraten sei. Dieser Dachboden, verrät mir eine innere Stimme, ist ein Fundus für die gesamte Menschheit, voll gestellt mit Artefakten aller Art, mit zeitlosen Möbeln, Gemälden, Musikinstrumenten, Truhen, Partituren, Totems, einer Sammlung kostbarer Bücher in verschiedenen Sprachen, Skulpturen, Schreibwerkzeugen etc, etc. Allerdings mag sich dort schon lange niemand mehr bedienen, weshalb man die Kostbarkeiten unter einem weißen Laken bedeckt hält, um sie vor totaler Verstaubung zu schützen. Meine Neugier führt nun dazu, dass ich an der einen oder anderen Stelle vorsichtig am Linnen zupfe. Dabei habe ich das untrügliche Gefühl, als würde wieder Leben in den Raum gespült, der durch das Desinteresse der Google-Generationen in Vergessenheit geraten war. Mit jedem Zentimeter, den ich das schützende Leinentuch in meine Hände nehme, wird es heller und klarer um mich herum, wobei die ans Licht tretenden Gegenstände energetisch im Verbund zu wirken scheinen.

Bald weiß ich nicht mehr, was ein Klavier ist, eine Vase, ein Ring oder ein Renoir, weil all dies vor meinen Augen in einen Strudel gerät und abgesaugt wird, um schließlich in einem Schmelztiegel zu verschwinden, in dem die Zeugnisse sämtlicher Kulturen – der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen – EINS werden: atemberaubend und jeden Gedanken im Keim erstickend.

Ich glaube, dass wir alle „entrümpelt“ werden mit der Zeit, bis wir uns nicht mehr als die Person wahrnehmen, für die wir uns so lange gehalten haben.

„Ich habe kein Urteil über mich und mein Leben,“

schrieb der Begründer der analytischen Psychologie, C. G. Jung (1875 – 1961) kurz vor seinem Tod:

„in nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung – eigentlich von nichts. Ich weiss nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Ich existiere auf der Grundlage von etwas, das ich nicht kenne. Trotz all der Unsicherheit fühle ich eine Solidität des Bestehenden und eine Kontinuität meines Soseins“.

Diese Befindlichkeit ist das Ergebnis eines Abstreifungsprozesses. Wir streifen sämtliches Wissen und alle daraus erwachsenen Glaubensgrundsätze ab, die zu dieser unsäglichen Verdüsterung geführt haben, in der wir uns durch die Zeit urteilten. Sich intensiv schrubben – das ist der Weg zurück ins eingestandene NICHTWISSEN, zurück ins Urvertrauen und somit zur Angstfreiheit. Es ist kein Versprechen auf Glück, es ist das Ergebnis einer langwierigen Reinigung, in der all unsere bisherigen Sichtweisen aufbrechen und als Placken zu Boden fallen, wo sie sich krümmen und vertrocknen. Übrig bleibt eine freigelegte zarte Membran, mit der wir die Schwingungen des universellen Konzerts endlich wahrzunehmen vermögen.

STILL SEIN

Wir werden jetzt bis zwölf zählen.
Und dann alle ganz still sein.
Einmal nur wollen wir
nicht in unseren vielen Sprachen sprechen,
nur für eine Sekunde völlig ruhig sein,
und nicht so viel mit unseren Händen spielen.
Es wäre ein ungewohnter Augenblick,
ohne Hektik, ohne den Lärm von Maschinen und Mündern.
In einem einzigen Augenblick
wären wir alle von einer plötzlichen Befangenheit befallen.
Die Fischer auf den kalten Meeren
würden keine Wale töten.
Und der Arbeiter in der Saline
würde seine geschundenen Hände wahrnehmen.
Jene, die Schreibtischkriege führen,
jene, die mit Feuerwaffen Krieg führen,
die Siege ohne Überlebende vorbereiten,
würden saubere Kleider anlegen
und zusammen mit ihren Brüdern
im Schatten lustwandeln und nichts tun.
Was mir da vorschwebt, möge niemand
mit völliger Passivität verwechseln.
Die Rede ist vom Leben;
ich will nicht in den Spuren des Todes wandeln.
Wären wir nicht so einseitig
auf dauernde Geschäftigkeit eingestellt,
um den vermeintlichen Schwung
in unserem Leben aufrechtzuerhalten,
könnten wir nur einmal wirklich „nichts“ tun,
vielleicht würde eine gewaltige Stille
unsere Traurigkeit unterbrechen;
die Traurigkeit darüber,
dass wir uns nicht verstehen
und uns mit dem Tod bedrohen.
Vielleicht kann die Erde uns lehren,
dass es den Tod gar nicht gibt,
Wenn alles tot zu sein scheint,
und sich später zeigt, dass nichts tot ist.
Und nun werde ich bis zwölf zählen
und Ihr werdet ganz still sein,
und ich werde hinausgehen.

PABLO NERUDA

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Dirk C. Fleck ist ein deutscher Journalist und Buchautor. Er wurde zweimal mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet. Sein Roman “Go! Die Ökodiktatur” ist eine beklemmend dystoptische Zukunftsvision.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Stephm2506 / shutterstock.com

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Kommentare (2)

2 Kommentare zu: “Wir werden jetzt bis zwölf zählen …

  1. Nikolai sagt:

    Fast wie ein ellenlanger Bob Dylan Song-My hearts in the highlands oder so.
    So genial alltäglich,-das ist große Kunst, welche die Masse nicht mal wahrnimmt.
    Das archaische, melancholische Selbstreflektieren. Wunderbar.
    Es gibt so "verschrobene" Menschen, die dadurch Menschen sind, weil sie so menschlich sind.

  2. Licht sagt:

    Dieser Beitrag, hat mir seit langem mal wieder richtig gut gefallen.

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