Artikel

Warum Rügen ein LNG-Terminal ausbaden soll | Von Günther Burbach

Warum Rügen ein LNG-Terminal ausbaden soll | Von Günther Burbach

Ein Meinungsbeitrag von Günther Burbach

Die Debatte um das LNG-Terminal im Hafen von Mukran bei Sassnitz leidet an einem fundamentalen Mangel: Sie wird fast ausschließlich technisch, juristisch und administrativ geführt, aber nicht mehr politisch im eigentlichen Sinn. Denn Politik beginnt dort, wo Nutzen, Risiken und Alternativen ehrlich gegeneinander abgewogen werden. Genau das findet im Fall Rügen seit Monaten nicht mehr statt. Stattdessen wird ein Projekt aus der akuten Krisenphase heraus in die Normalität überführt, ohne dass jemand noch schlüssig erklären kann, warum es heute, im Jahr 2026, überhaupt noch gebraucht wird.

Als das LNG-Terminal beschlossen wurde, herrschte Alarmstimmung. Der Wegfall russischer Gaslieferungen, drohende Mangellagen, explodierende Preise, all das bildete den Hintergrund, vor dem Ausnahmeregelungen, verkürzte Verfahren und politischer Druck legitimiert wurden. Doch Ausnahmezustände dürfen kein Dauerzustand werden. Die energiepolitische Realität hat sich seitdem massiv verändert: Der Gasverbrauch ist gesunken, Speicher sind gut gefüllt, zusätzliche Importkapazitäten wurden geschaffen, alternative Lieferwege etabliert. Deutschland ist heute nicht mehr in der Lage von 2022. Wer dennoch so tut, als sei Mukran weiterhin unverzichtbar, verwechselt politische Trägheit mit Notwendigkeit.

Gerade deshalb rückt der Standort Rügen ins Zentrum der Kritik. Rügen ist keine austauschbare Fläche auf der Landkarte, sondern eine Insel mit hochsensibler Küstenökologie, einer auf Natur und Tourismus angewiesenen Wirtschaft und begrenzten Möglichkeiten, industrielle Risiken auszugleichen. Was auf dem Papier als „schwimmende Übergangslösung“ erscheint, bedeutet vor Ort eine dauerhafte Industrialisierung eines maritimen Raums, der dafür weder vorgesehen noch geeignet ist.

Besonders problematisch ist dabei, dass das Terminal faktisch anders betrieben wird, als es ursprünglich kommuniziert und genehmigt wurde. Die landseitige Stromversorgung, die als emissionsärmere Lösung angekündigt war, existiert bis heute nicht in der Form, die den Betrieb tatsächlich trägt. Stattdessen läuft die Regasifizierung über schiffseigene Verbrennungsmotoren. Das ist kein technisches Detail, sondern der Kern der Auseinandersetzung. Denn damit steigen Emissionen, Lärmbelastung und Umweltwirkungen und damit verschiebt sich das Projekt substanziell. Wenn ein Vorhaben aber anders betrieben wird als zugesagt, verliert es seine politische Legitimation. Dann geht es nicht mehr um Optimierung, sondern um einen neuen Sachverhalt.

Hier offenbart sich ein strukturelles Problem: Der Betrieb läuft weiter, während Genehmigungen angepasst, Fristen verlängert und Verfahren nachgezogen werden. Für die Betroffenen fühlt sich das nicht nach Rechtsstaat an, sondern nach Verwaltung im Vollzug eines bereits beschlossenen Willens. Öffentlichkeitsbeteiligung findet zwar formal statt, wird aber so organisiert, dass sie möglichst wenig Einfluss entfaltet. Tausende Seiten Unterlagen, kurze Einspruchsfristen, Akteneinsicht nur vor Ort, all das mag juristisch zulässig sein, politisch ist es ein Offenbarungseid. Beteiligung, die Menschen faktisch ausschließt, ist keine Beteiligung, sondern Absicherung.

Doch selbst wenn man all diese Punkte ausblendet, bleibt die zentrale Frage unbeantwortet: Welchen konkreten Nutzen hat dieses LNG-Terminal heute noch? Die Auslastung ist gering, Überkapazitäten sind längst kein Geheimnis mehr, und energiepolitisch wird selbst auf Bundesebene offen über eine Neubewertung der LNG-Infrastruktur diskutiert. Mukran erscheint dabei zunehmend wie ein Projekt, das nicht mehr wegen seiner Funktion existiert, sondern weil sein Stopp politisch als Gesichtsverlust gilt. Doch genau hier liegt der Denkfehler. In einer lernfähigen Demokratie ist Korrektur kein Scheitern, sondern Stärke.

Parallel zur LNG-Debatte erlebt Rügen eine Situation, die die Sicherheitsfrage mit brutaler Klarheit vor Augen führt: Vor der Küste liegt seit Monaten der havarierte Öltanker Eventin. Er ist kein LNG-Schiff, aber er ist ein Menetekel. Er zeigt, wie schnell technische Probleme, geopolitische Verstrickungen und rechtliche Grauzonen zu einer realen Bedrohung für Meer und Küste werden können. Ein solcher Tanker ist kein abstraktes Szenario aus Gutachten, sondern ein sichtbares Risiko, Tag für Tag, direkt vor der Haustür.

Gerade auf einer Insel verschiebt sich dadurch die Wahrnehmung von Gefahr. Risiken werden nicht addiert, sie kumulieren. LNG-Terminal, intensiver Schiffsverkehr, sensible Ökosysteme, gleichzeitig ein havariertes Tankschiff, das alles bildet ein Geflecht, das im Ernstfall kaum kontrollierbar wäre. Niemand behauptet seriös, eine Katastrophe sei zwangsläufig. Aber Politik darf sich nicht darauf beschränken, dass „es schon gut gehen wird“. Vorsorge bedeutet, Risiken zu minimieren, nicht sie zu verwalten.

Hinzu kommt die ökologische Dimension, die politisch gern relativiert wird. LNG wird als Brückentechnologie verkauft, als pragmatischer Zwischenschritt. Doch diese Erzählung hält einer ganzheitlichen Betrachtung kaum stand. Fracking bei der Förderung, energieintensive Verflüssigung, interkontinentaler Transport, Methanverluste entlang der gesamten Kette und schließlich die energiehungrige Regasifizierung, all das ergibt keinen klimafreundlichen Übergang, sondern eine neue fossile Abhängigkeit. Dass diese Abhängigkeit ausgerechnet auf Rügen verankert werden soll, wirkt wie eine Verschiebung politischer Widersprüche an den Rand der Republik.

Was die Situation weiter zuspitzt, ist der Umgang mit Kritik. Bürgerinitiativen wie „Lebenswertes Rügen“ werden nicht ernsthaft widerlegt, sondern verwaltet. Ihre Argumente werden als emotional abgetan, obwohl sie im Kern nüchtern sind: Nutzen fraglich, Risiken real, Verfahren problematisch. Das ist keine Fundamentalopposition, das ist demokratische Normalität. Wer diese Stimmen ignoriert, beschädigt nicht nur ein Projekt, sondern das Vertrauen in politische Prozesse insgesamt.

Rügen wird damit zum Testfall. Nicht nur für Energiepolitik, sondern für die Frage, wie viel Mitsprache Regionen noch haben, wenn nationale Interessen beschworen werden. Wenn eine Insel gezwungen wird, ein Projekt zu tragen, dessen ursprüngliche Begründung entfallen ist, dann entsteht ein gefährlicher Präzedenzfall. Er signalisiert: Einmal beschlossen, immer gültig, egal, wie sich die Lage ändert. Das ist das Gegenteil von verantwortungsvollem Regieren.

Deshalb muss die Debatte neu geführt werden, nicht als ideologischer Schlagabtausch, sondern als ehrliche Bilanz. Brauchen wir dieses LNG-Terminal noch? Gibt es heute noch eine Notwendigkeit, die Umweltbelastungen, Sicherheitsrisiken und demokratischen Defizite rechtfertigt? Oder handelt es sich um ein Projekt, das vor allem deshalb fortgeführt wird, weil niemand den Mut hat, es zu beenden?

Eine verantwortliche Politik müsste genau hier ansetzen: den tatsächlichen Bedarf offenlegen, den Betrieb transparent machen, Alternativen ernsthaft prüfen und wenn nötig, Konsequenzen ziehen. Rügen ist nicht gegen Versorgungssicherheit. Aber Rügen ist auch nicht verpflichtet, die Langzeitfolgen einer überholten Krisenentscheidung zu tragen.

Das LNG-Terminal in Mukran ist damit mehr als ein Energieprojekt. Es ist ein Symbol für eine Politik, die Entscheidungen aus dem Ausnahmezustand in die Dauer überführt, ohne sie neu zu legitimieren. Wer heute darauf beharrt, dieses Projekt sei alternativlos, verweigert sich der Realität. Wer es hinterfragt, erfüllt genau das, was Demokratie verlangt: den Mut zur Neubewertung, bevor aus Risiken Gewissheiten werden.

Quellen und Anmerkungen

Urteil vom 03.12.2025 bestätigt: Für den Weiterbetrieb der schiffseigenen Verbrennungsmotoren am LNG-Terminal Mukran ist eine Änderungsgenehmigung mit Öffentlichkeitsbeteiligung erforderlich. Bundesverwaltungsgericht – Pressemitteilung zum LNG-Terminal „Deutsche Ostsee“: https://www.bverwg.de/pm/2025/90

DUH kritisiert, dass die Betreiberin dauerhaft ohne Landstrom/KWK fortfahren will, entgegen ursprünglicher Zusagen. Deutsche Umwelthilfe – PM zur Kritik an dauerhaftem Betrieb ohne Landstrom: https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/deutsche-umwelthilfe-startet-rechtsverfahren-gegen-lng-terminal-ruegen-dauerhafter-betrieb-ohne-land/

DUH begrüßt die BVerwG-Entscheidung und fordert Transparenz und vollständige Umweltinformationen. Deutsche Umwelthilfe – PM zur Stärkung von Immissionsschutzrecht & Beteiligungsrecht: https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/deutsche-umwelthilfe-zu-lng-terminal-in-mukran-bundesverwaltungsgericht-staerkt-immissionsschutzrec/

Hintergrund zum Projekt, Genehmigung, Kritik von Umweltverbänden und Auswirkungen auf Schutzgebiete. Wikipedia – LNG-Terminal Mukran (Hintergrund & Kritik): https://de.wikipedia.org/wiki/LNG-Terminal_Mukran

Informationen über den havarierten Öltanker „Eventin“ und seine Situation vor Rügen/Sassnitz. Wikipedia – Eventin (Schiff), havarierter Öltanker vor Rügen: https://de.wikipedia.org/wiki/Eventin_%28Schiff%29

Bericht über die Sicherung des Tankers mit rund 90.000 Tonnen Öl vor Rügens Küste. stern.de – Havarierter Tanker „Eventin“ wird nach Sassnitz geschleppt: https://www.stern.de/news/havarierter-tanker-vor-ruegen-wird-nach-sassnitz-geschleppt-35373094.html

+++

Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

+++

Bild: Hafen von Mukran: das Regasifizierungsschiff Neptune wird festgemacht
Bildquelle: ThomBal / shutterstock


+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:

Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark

oder mit

Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin

Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/

+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.

+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/

+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut

Mukran Energiepreise Ökologie Erdgas Eventin Fracking