Sachbuch “Wie wir unfrei werden” – Historikerin Gudula Walterskirchen zeigt totalitäre Tendenzen der Gegenwart auf

Eine Rezension von Eugen Zentner.

Der Totalitarismus schien in der westlichen Hemisphäre überwunden zu sein. Doch im Jahr 2022 lebt er wieder auf, zwar in einer anderen Form, aber deutlich erkennbar. Am deutlichsten wurde es während der Corona-Krise, als vermeintlich liberale Demokratien zu politischen Maßnahmen griffen, die autoritäre Züge tragen. Immer mehr Menschen merken seitdem, dass sich ihre Regierungen weit von Grundwerten entfernen wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus. Folglich kommen vermehrt Bücher auf den Markt, in dem die Wiedergeburt des Totalitarismus thematisiert wird. Erst kürzlich erschien erstmals die deutsche Übersetzung von Sheldon S. Wolins «Democracy Incorporated» aus dem Jahr 2008, eine kluge wie scharfsinnige Schrift, in der der US-amerikanische Politikwissenschaftler noch unter dem Eindruck der Verwerfungen im Zuge von 9/11 die Grundzüge eines „umgekehrten Totalitarismus“ skizziert. Nun hat die österreichische Historikerin Gudula Walterskirchen ein Werk vorgelegt, das dieses Phänomen mit mehr Aktualitätsbezug abhandelt.

«Wie wir unfrei werden», so der aussagekräftige Titel, fasst die Corona-Krise wie unter einem Brennglas zusammen. Es erwähnt die wichtigsten Verfehlungen und Fehlentwicklungen und benennt in klaren Worten, in welche Richtung sie führen: staatliche Totalüberwachung und Unfreiheit. Ein großer Teil der Bevölkerung kann sich das noch immer nicht vorstellen und tut solche Warnungen als Hirngespinste ab. Um die Leser für dieses Thema zu sensibilisieren, geht Walterskirchen deshalb zunächst auf die Merkmale des Totalitarismus ein. In einer verständlichen wie präzisen Sprache erläutert sie dessen Erscheinungsformen, zeigt die Muster auf und entlarvt beliebte Techniken. Totalitarismus, schreibt die Historikerin, sei „eine Herrschaftsform, die alle Lebensbereiche bis hin zu den privaten Verhältnissen der Menschen durchdringt und bestimmt“. Das Ziel bestehe immer darin, die Handlungen, die Körper, Gedanken und Meinungen der Menschen zu beherrschen und zu kontrollieren: „Es geht um die totale Macht über jeden Einzelnen.“

Um das zu erreichen, setze die politische Elite auf Angst und Feindbilder, auf moralische und kognitive Desorientierung, auf die Zerstörung der innersten Sozialbindungen und auf die Atomisierung der Gesellschaft. Eine wichtige Rolle spiele dabei die Propaganda, weshalb totalitäre Systeme die Meinungsvielfalt einschränken und den öffentlichen Diskurs verengen. Walterskirchen veranschaulicht das anhand vieler Beispiele aus der Geschichte, indem sie sich vor allem auf die Herrschaftssysteme des Stalinismus und Nationalsozialismus bezieht. Für ihre Analyse schöpft die Autorin aus antiken wie modernen Klassikern. Besonders viel Raum bekommen dabei die Bücher Hannah Arendts und Karl Raimund Poppers, wirkmächtige Werke, die sich mit den Merkmalen des Totalitarismus explizit auseinandersetzen. Diesem gehe es, lautet eine Hauptthese, nicht nur um die Schaffung einer starren Hierarchie, der man sich unterzuordnen hat, sondern auch um die Schaffung eines „neuen Menschen“.

Wie dieser im 21. Jahrhundert beschaffen sein soll, erläutert Walterskirchen im zweiten Teil ihres Buches, wenn sie die vorher ausgearbeiteten Züge totalitärer Systeme in der Gegenwart aufzeigt. Die autoritären Corona-Maßnahmen samt der dazugehörigen Verordnungspolitik werden dabei genauso behandelt wie die Beeinflussung der Medien durch mächtige Organisationen. Als Pate steht dafür die Bill & Melinda Gates Stiftung, die im Jahr 2019 dem Magazin Der Spiegel mit einem Kooperationsprojekt finanziell unter die Arme griff. Seitdem fällt die Berichterstattung über die Pharmaindustrie überraschend wohlwollend aus. Walterskirchen skizziert solche Zusammenhänge, ohne polemisch zu werden. Ihr Stil bleibt stets sachlich-objektiv, selbst dann, wenn sie auf die Menschenrechtsverletzungen in China eingeht. Das Reich der Mitte stellt für die Autorin den Gipfelpunkt des modernen Totalitarismus dar, weshalb sie dessen Methoden nicht nur immer wieder als abschreckendes Beispiel anführt, sondern ihnen sogar ein ganzes Kapitel widmet.

Was Chinas totalitäres System ausmache, steht dort, sei die lückenlose Überwachung. Alle Bürger würden auf Schritt und Tritt kontrolliert, mit Hilfe von Kameras und der künstlichen Intelligenz. Wer nicht das gewünschte Verhalten an den Tag legt, muss mit Strafen rechnen. Dafür wurde schließlich das Social-Credit-System eingeführt, in dem die Bürger ihre Individualität aufgeben müssen, um keine Nachteile zu erleiden. Sie internalisieren die Regeln von oben und fungieren wie ein Rädchen in einem gut geölten Getriebe. Auf diese Art der Lebensführung steuern laut Walterskirchen auch die westlichen Demokratien zu. Die größte Gefahr sieht sie in der technischen Entwicklung. Die Digitalisierung vereinfache zwar das Leben, schaffe aber neue hocheffektive Kontrollmöglichkeiten. Allerdings würden diese negativen Aspekte nicht zur Sprache kommen. Stattdessen hebe man die Vorteile hervor, um die Bevölkerung für die Technologien zu gewinnen.

Die Herstellung totalitärer Strukturen, bekräftigt die Autorin immer wieder, sei ein „dynamischer Prozess“. Angetrieben werde er von den Ideen des Transhumanismus, der zugleich vor Augen führt, wie der „neue Mensch“ aussehen soll: „Heute ist dieser nicht nach seiner Rasse oder seiner Klassenzugehörigkeit definiert“, schreibt Walterskirchen, „sondern nach seiner körperlichen und geistigen Verfasstheit.“ Den Transhumanisten gehe es darum, sowohl die körperliche als auch die mentale Leistungsfähigkeit zu erhöhen, allerdingst mit technischer Hilfe. Das Resultat seien Cyborgs – eine Mischung aus Mensch und Maschine. Dieser Typus könnte möglicherweise sogar den Tod überwinden, wäre aber auch leichter kontrollierbar. Von diesem „neuen Menschen“ träumt unter anderem Klaus Schwab, Chef des Weltwirtschaftsforums, der in seinem letzten Buch unverblümt schreibt, dass man die Corona-Krise nutzen müsse, um die transhumanistischen Visionen zu verwirklichen.

Es sind gerade solche Beispiele der aktuellen Entwicklung, die das Buch so lesenswert machen. Walterskirchen führt die Leser in verschiedene Bereiche ein, kommt schnell auf den Punkt und beschreibt die Bruchstellen, ob es nun um die Einschränkung des Demonstrationsrechts, Denunziation, die Aufhebung der Gewaltenteilung oder die Umsetzung des Global Governance geht. «Wie wir unfrei werden» erweist sich in vielerlei Hinsicht als eine treffende Studie der Gegenwart. Wem es bislang schwerfiel, die totalitären Tendenzen zu erkennen, wird sie nach der Lektüre so deutlich sehen wie das Gesicht im Spiegel. Dort gilt es auch anzufangen. Die Bürger, ist Walterskirchen überzeugt, müssen der Entwicklung entgegenwirken. Wenn sie die Techniken und Muster totalitärer Systeme durchschauen, gibt sie den Lesern auf den Weg, können sie die Transformation stoppen und rückgängig machen.

Hier der Link zum Buch: https://seifertverlag.at/liest/gudula-walterskirchen-wie-wir-unfrei-werden/

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Kommentare (4)

4 Kommentare zu: “Sachbuch “Wie wir unfrei werden” – Historikerin Gudula Walterskirchen zeigt totalitäre Tendenzen der Gegenwart auf

  1. Reinhardas sagt:

    Es gibt nur wenige Menschen auf der Erde, die in einem Zustand leben, der Freiheit nahe kommt. Einige leben im Regenwald des Amazonas, aber auch in bestimmten territorialen Grenzen. Die anderen in exterritorialen Gebieten, mit Diplomatenpässen, auf privaten Inseln, einige mit Lizenzen zum Gelddrucken, einige mit blaufarbigem Blut. Allerdings sind sie durch die überwältigenden Massen von Sklaven, welche sie auf diesem Planeten in ihrer freien Entfaltung überall behindern, ebenfalls stark eingeschränkt. Wenn man sich in ihre Lage versetzt, ist ihre Sorge vor einer Bevölkerungsexplosion auf der Erde sehr gut nachvollziehbar. Sie können zur Zeit gar nicht mehr so schnell und ausreichend Kriege anzetteln, wie überall die Sklaven nachwachsen und sich ausbreiten. Wie war übrigens das bekannte Zitat, sinngemäß so lautend, dass der größte Sklave derjenige ist, welcher sich in "Freiheit" zu befinden wähnt?

  2. Nevyn sagt:

    Ich behaupte mal kühn, dass sie meisten Menschen gar nicht wissen, was Freiheit ist.
    Sie denken wenn sie bei McDonalds am Tresen 20 Entscheidungen treffen dürfen, dass sie Freiheit genießen.
    Man kann den Sklaven auch die Farbe seiner Eisenkugel am Bein wählen lassen. Er wird sich großartig fühlen.
    Der Mensch muss vor allem von seinen Illusionen über sich selbst befreit werden und das tut meist weh.
    Selbstbestimmung ohne Selbsterkenntnis bleibt eine Illusion.

    • Reinhardas sagt:

      Richtig. Es hat ja von "normalen Menschen" noch niemand in Freiheit gelebt. Es hieß vor vielen Jahren schon "von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare". Ein Kind wird heute schon meist vor der Geburt staatlich registriert und mittels Ultraschall kontrolliert und fotografiert. Die werdende Mutter bekommt entsprechende Dokumente und Nachweise ausgestellt. Nach dem Ableben in Deutschland klebt die Friedhofsverwaltung Zettel an die Grabsteine, falls die Grabstätte nicht ordentlich gepflegt ist und dort eventuell einfach natürliche Vegetation stattfindet. Hat wirklich ernstlich jemand so etwas für "Leben in Freiheit" gehalten?

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