Missing Link to Ulf Svensson

Die meisten KenFM Zuschauer haben es nie erlebt, die älteren haben es wohl bereits vergessen: Es gab wirklich einmal eine Zeit gab, in der linke Ideen die internationale politische Diskussion dominierten.

In den späten 60er Jahren erlebte die “freie westliche Welt”, wie sie sich selbst gern nannte und nennt, eine unbeabsichtigte, immer größer werdende Krise, hervorgerufen durch den Angriff der USA auf ein kleines Land in Indochina: Vietnam. Der Vietnamkrieg, von den USA nie offiziell erklärt, erzeugte eine Protestwelle in allen westlichen Demokratien.

Fast überall war es die Jugend, die gegen ihr jeweiliges Establishment protestierte, dass den Krieg angefangen hatte oder ihn unterstützte. In Deutschland wurde dieser Protest zum Namensgeber einer ganzen Generation, der 68er. Der Protest der 68er war mehr als Widerstand gegen eine ungerechtfertigte militärische Operation, er wurde zu einem kulturellem Bürgerkrieg, der auch in der politischen Sphäre stattfand, die damals von der mächtigsten, aber nicht einzigen Supermacht dominiert wurde, den USA. Ihr Gegner war die Sowjetunion, eine Supermacht, die von Betonköpfen angeführt wurde und keinesfalls als Vorbild taugte, auch wenn sie das den Rest der Welt glauben machen wollte.

Der Angriff der USA auf Vietnam, als schnelles Abenteuer geplant, verwandelte sich in einen endlosen Konflikt, der für die USA zunehmend ein Krieg gegen sich selbst wurde, der die Glaubwürdigkeit der westlichen Welt und der US dominierten NATO fundamental in Frage stellte. In den meisten Ländern demonstrierten die Studenten gegen ihre Regierungen. In Schweden führte der sozialdemokratische Ministerpräsident Olof Palme die Demonstrationen an, und neben ihm marschierte der nordvietnamesische Botschafter. Ein Bild, das sich vielen US Politikern einbrannte. Sie interpretierten das als Verrat. Richard Nixon bezeichnete Palme später immer wieder als “Dieses schwedische Arschloch”.

Schweden gehörte zur westlichen Welt, aber es war nicht Mitglied der NATO. Aber eine mächtige schwedische Elite war durch Geheimdiplomatie, wie wir heute wissen, seit den frühen 60er Jahren zum inoffiziellen NATO Mitglied geworden. Wäre es zu einem sowjetischen Angriff auf die europäischen NATO Staaten gekommen, hätte diese Elite versucht, Schweden in einen unsinkbaren Flugzeugträger der USA zu verwandeln. Auf der anderen Seite gab es aber auch Kräfte, die den USA den Zugang zu den schwedischen Flughäfen verweigert hätten, solange die Sowjets Schweden nicht direkt angegriffen hätten.

Niemand arbeitete so sehr wie Olof Palme dafür, Schweden wirklich zu einem blockfreien und neutralen Staat zu machen. In seiner Regierungszeit wurde “Schweden” zu einem Begriff. Das Land stand für die Suche nach einem “Dritten Weg” zwischen Kapitalismus und Kommunismus, für einen unabhängigen Sozialismus, der ideologisch weder zur NATO noch zum Warschauer Pakt gehörte.

Der Begriff “Sozialdemokratie” hatte damals wegen Olof Palme eine ganz andere Bedeutung, die nicht vergleichbar ist mit der Worthülse, die sie heute ist. Die heutige Sozialdemokratie ist eine mitleiderregende Ruine, die auf den endgülitigen Abriss wartet.

Schweden hingegen war damals ein Vorbild von internationaler Bedeutung, es besaß Einfluss, man kann sogar sagen Macht. Die stammte nicht aus Gewehrläufen, sondern aus den verwirklichten Idealen eines unzweifelhaft friedlichen, zivilisierten Landes, in dem der Staat korruptionsfrei seine innenpolitischen Aufgaben in einem Ausmaß übererfüllte, der weltweit einzigartig war.

Schweden übernahm außerdem auch eine internationale Rolle, es war sozusagen der Anführer der Blockfreien, der sich die Abschaffung von NATO und Warschauer Pakt und eine weltweite nukleare Abrüstung zum Ziel gesetzt hatte.

Das sozialdemokratische Schweden war das Vorbild für Dubceks “Prager Frühling” im kommunistischen Machtbereich, im Westen auch als “Sozialismus mit menschlichem Antlitz” bezeichnet. Schweden unterstützte weltweit Befreiungsbewegungen, vor allem Nelson Mandelas ANC, damals von den USA als “kommunistische Terrororganisation” bezeichnet, aber auch Rebellen in Angola und Mosambik, die Palästinenser und viele mehr. Schweden besaß selbst im Ostblock und seinen Alliierten hohes Ansehen, Palme wurde in Kuba mit allen Ehren empfangen, und als er Nicaragua nach der Machtergreifung der Sandinisten besuchte, war die gesamte nicaraguanische Regierung am Flughafen angetreten, um ihn zu ehren.

Palmes unabhängige Außenpolitik und sein hohes internationales Ansehen waren insbesondere konservativen US Regierungen, aber auch einer konservativen Elite in Schweden ein Dorn im Auge. Sein unabhängiges, blockfreies, sozialistisches Schweden wurde zum Ziel einer Operation der psychologischen Kriegführung, die letztlich 1986 im Mord an Olof Palme gipfelte.

Mit dem Tod Palmes war auch die Rolle Schwedens als moralischer Supermacht beendet.

In einer Reihe von Interviews mit schwedischen Intellektuellen wird Dirk Pohlmann in “KenFM International” die verlorene Zukunftsperspektive Olof Palmes erkunden und den hinterhältigen “Regime Change” Putsch gegen das von ihm dominierte Schweden zur Sprache bringen.

Der erste Interviewparter dieser Reihe ist Ulf Svensson, ein dezidiert linker Diplomat, der unter Palme (aber nicht nur unter ihm) Direktor des Ministerbüros für Sicherheitspolitk und Abrüstung war. Svensson verwirklichte Olof Palmes Vietnampolitik und war unter anderem 1983 für die Konferenz zur Gemeinsamen Sicherheitspolitik verantwortlich, die erstmals führende Politiker der USA, der Sowjetunion, der NATO und des Warschauer Paktes, aber auch blockfreier Staaten, sowie Friedensaktivisten und Friedensforscher zusammenbrachte. Die “Gemeinsame Sicherheitspolitik”, die im Auftrag von Olof Palme vor allem von Egon Bahr entwickelt wurde, und die von Michail Gorbatschow vehement unterstützt wurde, wurde durch das Eindringen angeblich sowjetischer U-Boote in schwedische Gewässer zu Fall gebracht. Heute wissen wir, dass es keine sowjetischen U-Boote waren, sondern amerikanische, britische und italienische Mini-U-Boote, die Teil der psychologischen Kriegführung von CIA Chef Bill Casey gegen die europäische Sozialdemokratie waren. Svensson war außerdem schwedischer Diplomat in Jugoslawien unter Marschall Tito, ein weiterer blockfreier, sozialistischer Staat, der sich im Fadenkreuz der USA befand.

Seine Erfahrungen aus der politischen Arbeit für Olof Palme an genau den Themen, mit denen Schweden den Zorn der USA auf sich zog, ist ein guter Anfang für die Erkundung einer verlorenen Welt linksintellektueller Meinungsführerschaft und der Methoden, mit denen das erreicht wurde.

Englische Übersetzung

Most of our viewers have either forgotten or never experienced a world, in which left-wing ideas influenced the international political discourse. But it once existed.

In the late 60s the unity of the western world, or the „free world“, as it liked to call itself, experienced the unintended and ever growing fallout from the attack of the USA on a small country in Indochina. The Vietnam War, although officially never declared, became the starting point of a tidal wave of protests in the western democratic countries.

It was mainly the young generation protesting against an establishment which had started or supported this war. In Germany a whole generation received its name from these events, as the protest of the „68er“ soon became much more than demonstrations against a military operation. It became a cultural civil war in the political sphere, dominated by the then most powerful, but not the only existing superpower, the USA, which had the Soviet Union as its adversary, a superpower led by concrete blockheads, which was not the alternative role model it pretended to be.

The US attack against Vietnam turned out be an attack on itself, a war against the credibility of the western world in US dominated NATO countries. In most nations the students demonstrated against their governments. In Sweden it was the Social Democratic Prime Minister Olof Palme, who led the demonstrations against the Vietnam war, marching with the ambassador of North Vietnam beside him. A picture US politicians would never forget. Richard Nixon used to call Palme „that Swedish asshole“.

Sweden belonged to the western world, but it was not an member of NATO. A powerful Swedish elite was, however, as we know now, by means of clandestine diplomacy „a secret member“ of NATO since early 60s. Had there been an attack of the USSR on Europe, this Swedish elite would have tried to make Sweden an unsinkable aircraft carrier for the USA although not yet attacked by the Soviets. On the other hand, parts of Sweden was seaking a true neutrality, which would deny the US access to Swedish air bases if not attacked by the Soviets.

But no one was stronger than Olof Palme in bringing the concept of true neutrality and non-alignment to life. Under his rule Sweden became a worldwide household name, the symbol for a „third road“ between capitalism and communism, an independent socialist policy between the ideologies of US led NATO and the USSR led Warsaw pact.

Social Democracy then was very different from the ruin it is today. Olof Palme´s Sweden had an unsurpassed international importance and influence, which even meant power to some degree. Sweden was a role model. It´s power came from the ideas and the social democratic reality of a truly peaceful country in which the state fulfilled it´s obligations in it´s domestic policy to a degree not known anywhere else.

But it also fulfilled an international role, as the world´s ideological leader of the non-aligned world, urging the abolishment of NATO and Warsaw Pact, and nuclear disarmament.

The social democratic Sweden became powerful as the role model for the „Prague spring“ uprisal of the then soviet ruled Czechoslovakia, helping independence movements worldwide, especially the ANC of Nelson Mandela in South Africa, but also the leftist rebels in Angola and Mosambique, the Palestinians and many more. Palme was hailed in Cuba, and when he visited Nicaragua after the Sandinistas took over, the whole government was lined up at the airport to greet him.

Palmes independent and successful policies made him the target of the USA. In the end, a US led psychological warfare operation of Ronald Reagan, aimed against the non-aligned, independent, socialist Sweden led to the murder of Olof Palme.

And with the death of Palme Sweden ceased to be the moral superpower of the world.

In a series of interviews with Swedish intellectuals „KenFM International“ host Dirk Pohlmann will explore this forgotten world and the US led heinous „regime change“ coup against Olof Palme´s Sweden.

The first interview is with Ulf Svensson, a left-leaning diplomat under Olof Palme and Director of the Foreign Ministry’s Office of Security Policy and Disarmament. Svensson implemented the Vietnam policy of Olof Palme and was responsible for the „Common Security“ conference in 1983, which brought together politicians from USA and USSR, from NATO, WP and non-aligned countries as well as security scholars and peace researchers. The „Common Security“ policy, developed mainly by Egon Bahr on request of Olof Palme and strongly favoured by Michail Gorbachev, was stalled by the submarine incursions into Swedish waters of allegedly soviet submarines, which recently turned out to be submarines under US and British commad. Svensson was also a Swedish diplomat in Yugoslavia, then under Marshal Tito another important non-aligned state in the crosshairs of the USA.

Svenssons experience from working at the core policies of Sweden under Olof Palme, which directed the ire of the USA at the Scandinavian country is a good starter for the exploration of a lost world of left-wing intellectual leadership.

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