Gedankenknoten – Ethik 02 | Von Bernd Lukoschik

Gedankenknoten sind kleine Texte, die philosophische Probleme erörtern, Fragestellungen aufwerfen und den Leser ins Grübeln bringen. Vom Altertum bis zur Moderne werden Begriffe besprochen, die zum Hinterfragen anregen und das philosophische Problematisieren schulen.

Das Thema heute: Ethik

Die utilitaristische Ethik: ein Sprachproblem

Der Utilitarismus bestimmt diejenige Handlung als moralisch richtig, die für den Handelnden und alle von der Tat Betroffenen das größtmögliche Glück bewirkt.

Als diese Ethik entwickelt wurde, stellte sie einen großen Fortschritt dar, vor allem als Kontrastprogramm zu den bis dahin religiös begründeten Befehls- und Pflichtethiken. Nun war Ethik nämlich nicht mehr an eine jenseitige Instanz gebunden und von ihr begründet, sondern sollte die Funktion haben, zum innerweltlichen Wohl der Menschen beizutragen. Auch dem altruistischen Element, das man bei einer Ethik erwartet, wird Rechnung getragen, insofern ja die Interessen aller Betroffenen berücksichtigt werden sollen, nicht nur die des Handelnden selbst. Sowohl der Selbstliebe als auch dem Altruismus scheint damit diese Ethik Raum zu geben. Also eine gelungene weltbezogene Moraltheorie?

Der australische Philosoph John Leslie Mackie, als Ethiker Vertragstheoretiker, kritisiert den Utilitarismus herb als „Ethik der Illusionen“ und als „Mythos“. Dies insbesondere mit dem Hinweis, hier liege gewissermaßen ein Sprachtrick vor:

Natürlich streben alle Menschen nach Glück. Die Rede von „dem Glück“ lege aber nahe, dass es für alle etwas Gleichartiges gebe, das sie erstreben, dass ein gemeinsamer Maßstab, eine gemeinsame gleich geartete Glückseinheit all ihren Interessen, Bedürfnissen und Vorstellungen vom eigenen Wohl zugrunde liege. Das inhaltlich umfassende Wort Glück suggeriert, alle Menschen seien im Prinzip auf das gleiche Lebensziel ausgerichtet und unterschieden sich darin nur unwesentlich und graduell. Nur so können die Glücksempfindungen im utilitaristischen Kalkül „aufaddiert“ und gegeneinander „verrechnet“ werden.

Ein solches Glück aller und für alle gibt es natürlich nicht. Es kann daher auch nicht Grundlage eines moralischen Gebots sein. Der Utilitarismus ist unmöglich.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Anastasios71 / shutterstock

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Kommentare (7)

7 Kommentare zu: “Gedankenknoten – Ethik 02 | Von Bernd Lukoschik

  1. Ursprung sagt:

    Mit "Glueck" kommt endlich mal ein Begriff hier in den Diskurs, der m.E. zentral fuer Leben streht. Ich hatte dazu nur "Fuelle" gefunden. Fuelle ist aber nur Voraussetzung fuer Leben, Quelle, Glueck als Gefuehl ist der Ansporn, das Streben, bewusstes Lebenserleben, nicht etwa Triebbefriedigung.
    Katze kann das augenfaellig. Wenn sie "im Glueck" ist schnurrt sie. Nicht etwa, wenn sie gerade mit Glueck eine Maus findet.
    Die von Wolff erwaehnte Maschine Aladdin ist Fehlkonstruktion, Geld zu machen, heisst wie Katze Maeuse (kaputt) "machen", nicht Glueck haben. Nix zum Schnurren. Aladdin ist eine Fehlziel-Konstruktion. Eine Maschine zur Psychosegeneration. Die verhindert, dass Glueck bei Menschen auftreten kann.

  2. Fass sagt:

    Schon das Wort utilitarismus – Verzweckung ruft Widerwillen hervor. Dann noch angewandt in Bezug auf das Glück – ein Daseinszustand der ohne Sinneseindruck und/oder Imagination gar nicht zu haben ist macht die Widersinnigkeit deutlich.

  3. sandra beimer sagt:

    Das heisst, die Utilitartisten haben sich feige darum gedrückt zu sagen was dieses 'Glück' ist. Inzwischen wissen wir was das für Folgen hat. Irgendwann kamen die neoliberalen Fanatiker und haben definiert was es ist: Profitmaximierung!

  4. Irwish sagt:

    DER MYTHOS VOM STÄNDIGEN GLÜCKLICHSEIN

    Gibt es hier oder andernorts irgend jemanden, der danach strebt, ständig, allzeit, immer und ununterbrochen glücklich zu sein? Über das, was man gemeinhin unter dem Glücksbegriff zu verstehen hat, streiten sich die Geister. Da gibt es zum Beispiel das Glück im Spiel, das angeblich das Glück in der Liebe verringern soll. Dann das »Glück« der späten Geburt, wonach die Nachkommen der Nazi-Mitläufer nicht für das Geschehen während der Hitlerei verantwortlich gemacht werden dürfen. Und es gibt sogenannte glückliche Momente, in denen der jeweilige Mensch ganz und gar Glückseligkeit zu sein vermeint. Soweit ich das interpretiere, meint der Autor hier den letztgenannten Prozeß.

    Neurologisch gesehen kommen »Zustände« wie Glücklichsein – die in Wirklichkeit Prozesse sind –, einem Narkosevorgang gleich: In diesem angeblich höchst erstrebenswerten »Zustand« werden betäubende Botenstoffe ausgeschüttet, wie das auch beim Konsum rauscherzeugender Drogen der Fall ist. Drogensucht entsteht dann, wenn ein Mensch versucht, sich durch regelmäßigen, dauerhaften Drogenkonsum immerfort glücklich zu fühlen, indem er den Konsum sofort wiederholt, sobald die Wirkung der letzten Dosis nachzulassen beginnt.

    Das Gegenstück zum Glücksgefühl ist der Schmerz. Mir scheint, die heutigen Menschen, zumindest wie ich sie erlebe, streben nach dauerhafter Freiheit von jeglichem Schmerz. Das wird langsam aber sicher eintönig, um nicht zu sagen langweilig. Das menschliche Nervensystem ist nicht in der Lage, einen neurologischen Zustand dauerhaft zu manifestieren. Das beste Beispiel, das mir dazu einfällt, ist das Auge. Was nämlich die wenigsten wissen: Um ein dauerhaftes Bild dessen, was das Auge gerade »sieht«, im Gehirn abzubilden, ist es notwendig, daß der Augapfel leicht zittert, um auf diese Weise immer wieder ein neues Bild zu erzeugen und damit neue Nervenimpulse. Würde der Augapfel nicht zittern, würde bei längerer Betrachtung das Bild, das wir auf unserem inneren Monitor sehen, schnell verblassen, bis wir am Ende gar nichts mehr sehen – zumindest so lange, bis wir die Blickrichtung ändern. Noch deutlicher wird dieser Effekt, wenn wir z.B. einen frischen Zahnstocher nehmen und in leicht in die Haut der Hand oder des Unterarmes drücken. Zu Anfang verspüren wir noch den stechenden Schmerz; doch je länger wir denselben Druck an derselben Stelle ausüben, desto mehr verschwindet der schmerzliche Eindruck, bis wir nach kurzer Zeit den Druck des Zahnstochers nicht mehr wahrnehmen.

    Ganz ähnlich funktioniert das auch mit dem Glücksempfinden: Wenn wir versuchen, dauerhaft »glücklich« zu sein, wird uns das schnell langweilig, weil uns das andere Ende gewissermaßen fehlt, um einen fühlbaren Unterschied zu machen. In seinem kurzen Aufsatz »Glück als Narkosevorgang im Pendel der Schmerz-Langeweile-Ambivalenz« erläutert Alex Brabandt diese Zusammenhänge. So zitiert er u.a. aus Michael Foucaults »Von der Subversion des Wissens«:

    »Meiner Überzeugung nach kann aber der Begriff des Glücks nicht mehr gedacht werden. Das Glück existiert nicht und das Glück der Menschen existiert noch weniger.«

    Nach Arthur Schopenhauer ist Leben immer mit Schmerz und Leid verbunden. Wir in den modernen Industrieländern jedoch scheinen wirklich den Schmerz, vor allem den psychischen, zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Darum lenken sich die meisten Leute ständig von sich selbst, von ihrem eigenen Schmerzerleben ab, indem sie z.B. ausdauernd fernsehen, sich mittels Rauschdrogen betäuben, Videospiele spielen, nicht wenige sogar mit so viel Arbeit, daß sie abends nur noch todmüde ins Bett fallen und nach einigen Jahren völlig ausgebrannt sind.

    Ich kann den oben erwähnten Text (13 A4-Seiten) nur jedem empfehlen, der sich hinsichtlich des Glücksbegriffs etwas ernüchtern möchte:

    http://irwish.de/PDF/_GesKrit/_Sonstige/Brabandt_Alex-Glueck_als_Narkosevorgang_im_Pendel_der_Schmerz-Langeweile-Ambivalenz.pdf

  5. KaraHasan sagt:

    Wahrheit, Recht oder Ethik?

  6. Über das größtmögliche Glück für alle kann man natürlich streiten:

    Meiner Ansicht nach wäre das größtmögliche Glück für alle Bürger in einer Staatsform verwirklicht, die den Bürgern möglichst viel Freiheit und demokratische Mitbestimmung/Teilhabe einräumt, so wie in der Schweiz. Volkswirtschaftlich sehen manche im Kapitalismus, andere im Sozialismus das größtmögliche Glück für alle Bürger. Nach meinem Geschmack wäre ein ordentliches Maß an Staatswirtschaft nicht verkehrt, weil der Staat dann über mehr Einkommensquellen verfügt und es zu weniger Ungleichheit kommt. Der ungezügelte Kapitalismus führt zu vielen Missständen, u.a. dazu, dass es in Deutschland 700.000 und in den USA 3,5 Millionen Wohnungslose gibt, obwohl diese Länder weltweit zu den reichsten Nationen zählen. Weltweit ist durch den Kapitalismus vielerorts die Versorgung der Armen, der Kranken, der Arbeitslosen und der Alten nicht gewährleistet. Ansonsten gehört m.E. zum größtmöglichen Glück natürlich u.a. auch, dass es einen Rechtsstaat für alle gibt.

    • Allerdings kann die demokratische Teilhabe natürlich dadurch ausgehöhlt werden, dass manche mehr Einfluss auf die Bildung der politischen Meinung in Medien und Parteien haben.

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