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Europa am Wendepunkt – Aufrüstung, Russland und der schwindende diplomatische Spielraum | Von Wolfgang Effenberger

Europa am Wendepunkt – Aufrüstung, Russland und der schwindende diplomatische Spielraum | Von Wolfgang Effenberger

Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger.

Die aktuelle Entwicklung in Europa lässt sich nicht mehr allein als Fortsetzung des Ukrainekrieges betrachten. Gleichzeitig verändern sich die militärischen Strukturen in Osteuropa, die Rüstungsproduktion in Deutschland wird ausgeweitet, die militärischen Auseinandersetzungen nehmen an Intensität zu – und der diplomatische Spielraum zwischen Russland, der Ukraine, Europa und den Vereinigten Staaten scheint enger zu werden.

Drei Beiträge aus dem September 2026 beleuchten diese Entwicklung aus unterschiedlichen Blickwinkeln:

  • ein Bericht der Associated Press/Euronews über den möglichen Ausbau einer dauerhaften US-Militärpräsenz in Polen, (1)
  • Paul Craig Roberts mit seinem Beitrag „Does Anyone Understand the Actual Situation?“, der sich ausdrücklich auf einen aktuellen Moskau-Bericht von John Mearsheimer stützt, (2)
  • sowie Larry C. Johnson mit seiner Analyse „Moscow Closes the Door“, die die jüngste Verhärtung der russischen Verhandlungsposition untersucht. (3)

Gerade im Zusammenspiel dieser Quellen wird eine Entwicklung sichtbar, die über einzelne Gefechte hinausgeht:

Europa befindet sich in einer Phase zunehmender militärischer Verdichtung, während gleichzeitig die politischen Voraussetzungen für eine Beendigung des Krieges schwieriger werden.

1. Polen: Die amerikanische Präsenz wird möglicherweise dauerhaft

Am 18. September 2026 berichtete die Associated Press über die Ankündigung Donald Trumps, beim Aufbau einer dauerhaften US-Militärbasis in Polen seien „große Fortschritte“ erzielt worden.

Bereits heute befinden sich nach dem Bericht rund 10.000 US-Soldaten im Rotationsprinzip in Polen. Das US-Militär unterhält dort elf Standorte mit dem Hauptquartier in Posen. Trump kündigte außerdem an, weitere 5.000 Soldaten nach Polen zu entsenden. Parallel dazu sagte das US-Außenministerium Polen Militärhilfe in Höhe von vier Milliarden Dollar zu.

Damit könnte sich die amerikanische Präsenz in Polen von einer überwiegend rotierenden Stationierung zu einer dauerhaften militärischen Infrastruktur entwickeln.

Für Polen und die NATO ist dies aus der Logik der Abschreckung eine Verstärkung der Ostflanke. Aus russischer Perspektive kann dieselbe Entwicklung als weitere Verdichtung militärischer Fähigkeiten unmittelbar an der russischen Grenze wahrgenommen werden.

Das ist der klassische Kern eines Sicherheitsdilemmas: Was die eine Seite als Verteidigung versteht, kann die andere Seite als Bedrohung interpretieren.

2. Die militärische Infrastruktur reicht weiter nach Osten

Im vorliegenden Material werden neben Posen auch Gebiete in Niederschlesien beziehungsweise im Raum Breslau als mögliche Standorte genannt. Besonders hervorgehoben wird Bunzlau (Bolesławiec). Der Raum liegt an wichtigen Ost-West-Verbindungen; im Material wird insbesondere die Verbindung Bremerhaven – Görlitz/Horka – Ukraine hervorgehoben.

Damit bekommt die Frage der Infrastruktur eine strategische Bedeutung. Im Frieden sind Verkehrswege wirtschaftliche Lebensadern. Im Krieg können sie zu militärischen Versorgungsadern werden. Je dichter ein solcher Korridor mit militärischen Einrichtungen, Depots, Produktionsstätten und Truppenstandorten verbunden wird, desto größer wird seine militärische Bedeutung.

3. Deutschland als möglicher Rüstungsstandort

Parallel dazu wird im vorliegenden Material über Pläne berichtet, im Raum Leipzig/Halle Marschflugkörper mit einer Reichweite von etwa 1.500 Kilometern zu produzieren. Der genaue Standort wird dort als nicht öffentlich bekannt beschrieben.

Unabhängig der umstrittenen politischen Bewertung dieses Vorhabens scheint der strategische Zusammenhang ist jedoch eindeutig: Eine Produktionsstätte für weitreichende Waffensysteme besitzt im Konfliktfall eine andere Bedeutung als eine gewöhnliche Industrieanlage.

Daraus ergibt sich für Deutschland eine grundlegende sicherheitspolitische Frage:

Wie weit kann Deutschland in die militärische Infrastruktur eines europäischen Krieges eingebunden werden, ohne selbst immer stärker zum Bestandteil des Konflikts zu werden?

4. Mearsheimer aus Moskau: ein anderer Blick auf den Krieg

Hier kommt die zweite Quelle ins Spiel.

Paul Craig Roberts berichtet am 19. September 2026 über einen mehrtägigen Aufenthalt John Mearsheimers in Moskau und St. Petersburg. Mearsheimer habe dort mit Außenminister Sergej Lawrow und russischen außenpolitischen Experten gesprochen. Roberts zitiert und interpretiert anschließend Mearsheimers Eindrücke.

Nach Roberts' Darstellung berichtete Mearsheimer, er habe in Russland vergleichsweise wenige unmittelbare Anzeichen der wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges und der Sanktionen wahrgenommen. Mearsheimer habe allerdings keine russischen Öl- und Raffineriestandorte besucht, an denen Drohnenangriffe Schäden verursacht haben sollen.

Dieser Punkt ist wichtig, weil er eine häufige westliche Annahme relativiert:

Militärischer Druck und Sanktionen bedeuten nicht automatisch, dass Russland wirtschaftlich oder militärisch unmittelbar zum Nachgeben gezwungen wird.

Gleichzeitig muss auch hier sauber zwischen Beobachtung und Schlussfolgerung unterschieden werden.

Ein mehrtägiger Aufenthalt in Moskau und St. Petersburg erlaubt Einblicke in die dortige gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation. Er erlaubt aber keine vollständige Beurteilung der russischen Gesamtwirtschaft und insbesondere nicht der militärischen Produktionskapazität.

5. Roberts' zentrale These: Der Krieg ist größer als der Ukraine-Russland-Konflikt

Roberts zentrale These lautet, dass Mearsheimer den Konflikt zu stark als Krieg zwischen Russland und der Ukraine beschreibe. Roberts sieht dagegen einen Konflikt zwischen Washington und Russland, wobei die Ukraine als Stellvertreter fungiere.

Diese geopolitische Interpretation Roberts' erscheint weltweit unstrittig, vor allem wenn man dem TRADOC-Papier „Win in a Complex World 2020-2040“ vom 7. Oktober 2014 – nur 7 Monate nach dem Regime-Change in der Ukraine und dem Beginn des Krieges im Donbass verfasst – entsprechende Bedeutung schenkt. Das Dokument trägt ausdrücklich den Zeithorizont 2020–2040 und beschreibt, wie künftige US Army Forces gemeinsam mit anderen staatlichen und multinationalen Kräften eingesetzt werden sollen, um in einfacher und verniedlichender Sprache "Kampagnenziele zu erreichen und amerikanische nationale Interessen zu schützen". Im Abschnitt 2.4 Künftige Konflikte werden die Aufgaben für Heer, Luftwaffe, Marine, All-und Cyber-Kommando klar: in diesen beiden Dekaden die von Russland und China ausgehende Bedrohung zu beseitigen. 

Damit ist eine wichtige Unterscheidung möglich:

Dokumentiert ist eine langfristige amerikanische Strategie- und Fähigkeitsentwicklung, die weit über die Ukraine hinausreicht. Dokumentiert ist ebenfalls eine seit 1990 gewachsene amerikanische und NATO-Präsenz in Europa und auf dem Balkan. Dokumentiert ist schließlich die zunehmende strategische Einbindung der Ukraine in westliche politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Strukturen.

Ist also der Krieg in der Ukraine ausschließlich ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine – oder ist er zugleich Schauplatz einer größeren Auseinandersetzung um die europäische Sicherheitsordnung und die künftige globale Machtverteilung?

Die zweite Frage ist deshalb keine bloße Übernahme der These von Paul Craig Roberts. Sie ergibt sich aus der Betrachtung einer mehr als drei Jahrzehnte umfassenden Entwicklung, deren einzelne Stationen – von der amerikanischen „new world order“ von 1990 über die Kriege und Interventionen der 1990er Jahre, die NATO-Osterweiterung und den Balkan bis hin zu den amerikanischen strategischen Dokumenten und der Ukrainepolitik – anhand von Primärquellen untersucht werden können.

Genau hier ist Roberts’ Bezug auf John Mearsheimer analytisch interessant. Roberts formuliert die These, der Konflikt müsse letztlich stärker als Auseinandersetzung zwischen Washington und Moskau verstanden werden, in der die Ukraine eine Stellvertreterfunktion einnehme. Angesichts der dokumentierten strategischen Entwicklung seit 1990 kann diese Frage nicht einfach mit dem Hinweis auf einen ausschließlich russisch-ukrainischen Territorialkonflikt erledigt werden.

Die entscheidende Frage ist hier nicht nur: Wer kämpft in der Ukraine gegen wen?
Sondern: Welche europäische und globale Ordnung entsteht aus diesem Krieg – und welche strategischen Interessen der beteiligten Großmächte stehen dahinter?

An diesem Punkt weist die gegenwärtige Entwicklung über den Kriegsschauplatz Ukraine hinausweist und zu einer Frage der europäischen und globalen Weltordnung. 

Vor diesem Hintergrund greift es zu kurz, die Auseinandersetzung lediglich als territorialen Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu betrachten.

Entscheidend ist vielmehr die strategische Vorgeschichte, die bei einer Analyse der gegenwärtigen europäischen Sicherheitsordnung nicht ausgeblendet werden kann.

Am 11. September 1990 formulierte US-Präsident George H. W. Bush vor dem Kongress die Vision einer „new world order“ – einer internationalen Ordnung, in der nach dem Ende des Ost-West-Konflikts die Vereinigten Staaten gemeinsam mit ihren Verbündeten eine neue Sicherheitsarchitektur prägen sollten. Bush stellte dabei ausdrücklich die Golfkrise in den Zusammenhang dieser entstehenden Weltordnung.

Nur wenige Monate später folgte der Krieg gegen den Irak. Im weiteren Verlauf der 1990er Jahre intervenierte die NATO auf dem Balkan. 1999 führte sie die 78-tägige Operation Allied Force gegen die Bundesrepublik Jugoslawien durch; anschließend wurde mit KFOR eine dauerhafte internationale Militärpräsenz in Kosovo etabliert.

Von besonderer strategischer Bedeutung war dabei der Aufbau von Camp Bondsteel. Die US Army dokumentiert, dass die Anlage 1999 nach dem Kosovo-Krieg durch US-amerikanische Pioniere errichtet wurde; allein rund 1.700 Militär-Pioniere und etwa 1.000 Beschäftigte eines privaten Auftragnehmers waren am Bau beteiligt.

Parallel dazu entwickelte sich nach dem Ende des Kalten Krieges eine neue amerikanische strategische Konzeption. Im "Defense Planning Guidance' von 1992 wurde die grundlegend veränderte internationale Lage nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Golfkrieg ausdrücklich als Ausgangspunkt für die künftige amerikanische Verteidigungsplanung beschrieben.

Hinzu kamen die amerikanischen Demokratie- und Transformationsprogramme in den Staaten des ehemaligen sowjetischen Einflussbereichs. Für die Ukraine erklärte das US-Außenministerium bereits 2014, die Vereinigten Staaten hätten seit der Unabhängigkeit mehr als fünf Milliarden Dollar für verschiedene Programme zur Unterstützung einer „secure, prosperous and democratic Ukraine“ bereitgestellt; darin enthalten waren unter anderem Demokratie-, Austausch- und Governance-Programme.

Die Aussagen Angela Merkels vom 7. Dezember 2022 und Antony Blinkens vom Januar 2025 verändern die Beurteilung der amerikanischen Rolle erheblich. Sie gehören deshalb in die Argumentation über die Vorgeschichte des Ukrainekriegs – nicht lediglich in eine Fußnote.

1. Merkel über Minsk: Zeit für die Ukraine

Am 7. Dezember 2022 erschien in DIE ZEIT das Interview mit Angela Merkel unter dem Titel „Hatten Sie gedacht, ich komme mit Pferdeschwanz?“.

Merkel sagte über das Minsker Abkommen von 2014:

„Und das Minsker Abkommen 2014 war der Versuch, der Ukraine Zeit zu geben.“

Unmittelbar danach erklärte sie, die Ukraine habe diese Zeit auch genutzt, um stärker zu werden. Sie verwies darauf, dass die Ukraine von 2014/15 nicht mit der Ukraine von 2022 vergleichbar gewesen sei und dass die NATO-Staaten inzwischen wesentlich mehr zur Unterstützung der Ukraine hätten beitragen können.“ (4)

Merkel bestätigte damit selbst, dass die Zeit zwischen 2014 und 2022 für die militärische Stärkung der Ukraine von Bedeutung war.

Das ist ein wichtiger Beleg für die strategischen Folgen der Minsker Vereinbarungen.

Die Aussage belegt den Zeitgewinn und die anschließende Stärkung der Ukraine.

2. Blinken im Januar 2025: Waffenlieferungen vor dem russischen Angriff

Noch konkreter ist die Aussage des damaligen US-Außenministers Antony Blinken in einem Interview mit dem New York Times Magazine, veröffentlicht am 4. Januar 2025.

Blinken erklärte, die USA hätten den Krieg kommen sehen und deshalb bereits im September und erneut im Dezember 2021 Waffen in die Ukraine gebracht. Er sagte, man habe dies diskret getan, damit die Ukraine über die benötigten Waffen zur Verteidigung verfüge. Als Beispiele nannte er Stinger-Flugabwehrraketen und Javelin-Panzerabwehrwaffen. (5) 

6. Roberts' Kritik an Mearsheimer 

Roberts bezeichnet Mearsheimer als einen der wenigen amerikanischen Außenpolitikwissenschaftler, die unabhängig von offiziellen Narrativen denken, kritisiert ihn aber anschließend wegen seiner Interpretation des Ukrainekrieges.

Roberts widerspricht Mearsheimer insbesondere in drei Punkten.

Erstens: Wer ist der eigentliche Gegner?

Mearsheimer analysiert den Krieg wesentlich im Verhältnis Russland–Ukraine und im Zusammenhang mit der NATO-Osterweiterung.

Roberts geht weiter und sieht Washington als eigentlichen strategischen Gegner Russlands.

Zweitens: Welche Rolle spielt Europa?

Roberts hält Mearsheimers Erklärung für unzureichend, wonach Trump beim Versuch einer Beilegung des Krieges auf den Widerstand Europas und der Ukraine gestoßen sei.

Er argumentiert dagegen, Washington verfüge über wesentlich stärkere Einflussmöglichkeiten auf Europa.

Auch das ist eine politische Interpretation Roberts', keine nachgewiesene Tatsache.

Drittens: Warum hat Russland so lange gezögert?

Roberts stellt die Frage, warum Putin nach viereinhalb Jahren Krieg erst 2026 zu einer wesentlich stärkeren militärischen Strategie übergegangen sein soll.

Er interpretiert das lange Zögern als Ausdruck einer russischen Strategie, die zu lange auf Verhandlungen und die Hoffnung auf eine politische Lösung gesetzt habe. 

7. Der entscheidende Punkt bei Roberts: Russland gegen Washington

Die stärkste These des Roberts-Artikels lautet somit:

Der Ukrainekrieg sei nicht primär ein Krieg zwischen Russland und der Ukraine, sondern eine Auseinandersetzung zwischen Russland und Washington, in der die Ukraine als Stellvertreter fungiere.

Roberts verwendet diese Perspektive anschließend, um die gesamte Entwicklung der vergangenen Jahre zu erklären.

Er nennt dabei unter anderem die NATO-Unterstützung für die Ukraine, die Sanktionen gegen Russland, die militärische Unterstützung Kiews und die Nord-Stream-Sabotage.

Bei Nord Stream formuliert Roberts eine eindeutige Schuldzuweisung an Washington. 

8. Mearsheimer und Roberts gemeinsam gelesen 

Trotz ihrer Unterschiede liefern Mearsheimer und Roberts einen wichtigen gemeinsamen Ausgangspunkt: Beide betrachten den Ukrainekrieg nicht isoliert. Beide stellen ihn in den größeren Zusammenhang der Beziehungen zwischen Russland, den USA, der NATO und der europäischen Sicherheitsordnung.

Der Unterschied liegt in der Gewichtung.

Mearsheimer argumentiert stärker aus einer realistischen Großmachtperspektive:

Russland – NATO – Ukraine – Sicherheitsinteressen.

Roberts verschiebt den Schwerpunkt:

Washington – Russland – Hegemonie – Ukraine als Stellvertreter.

Damit taucht eine für die aktuelle Situation wichtige Frage auf:

Geht es im Ukrainekrieg nur um die Zukunft der Ukraine – oder zugleich um die Frage, welche Machtordnung Europa und die Welt nach dem Ende der unipolaren Phase besitzen werden?

Diese Frage verbindet den Roberts/Mearsheimer-Komplex unmittelbar mit der gegenwärtigen Entwicklung der NATO-Ostflanke.

9. Larry C. Johnson: Die russische Verhandlungsposition verhärtet sich 

Der dritte Blickwinkel stammt von Larry C. Johnson.

Sein Beitrag vom 28. September 2026 trägt den Titel:

„Moscow Closes the Door: How Putin and Lavrov Hardened Russia’s Line on Ukraine in Ten Days.“ (Moskau macht die Tür zu: Wie Putin und Lawrow innerhalb von zehn Tagen Russlands Haltung gegenüber der Ukraine verschärft haben.)

Johnson beschreibt eine Entwicklung von zunächst vorsichtiger Gesprächsbereitschaft zu einer deutlich härteren russischen Position. Nach seiner Darstellung hatte Putin zunächst signalisiert, nach den russischen Parlamentswahlen vom 20. September könnten Kontakte wieder aufgenommen werden. Innerhalb weniger Tage habe sich diese Position verändert.

Der von Johnson beschriebene Wendepunkt war der 20. September.

Putin habe die ukrainischen Drohnenangriffe auf den Raum Moskau als wesentliche Eskalation interpretiert. Johnson weist selbst darauf hin, dass die russischen Angaben über das Ausmaß der Schäden entsprechend bewertet werden müssen.

Entscheidend ist daher weniger die exakte Zahl der Drohnen als die politische Reaktion Moskaus.

10. Keine Waffenruhe während der Verhandlungen

Besonders wichtig ist Lawrows Aussage vom 23. September.

Nach Johnson erklärte Lawrow vor dem UN-Sicherheitsrat:

„Having learned from bitter experience, we will not pause the special military operation for the period of negotiations in any format.“ (Da wir aus bitterer Erfahrung gelernt haben, werden wir die militärische Sonderoperation während der Verhandlungen in keiner Form unterbrechen.)

Johnson interpretiert dies als klare Absage an eine Waffenruhe während der Verhandlungen. Russland befürchte, Europa wolle eine Pause nutzen, um die ukrainischen Streitkräfte wieder aufzurüsten.

Damit stehen zwei gegensätzliche Verhandlungsmodelle gegenüber:

Ukraine und Unterstützer:
Waffenruhe – Verhandlungen.

Russland:
Verhandlungen ohne vorherige militärische Unterbrechung – anschließend politische Regelung.

Diese Differenz ist möglicherweise wichtiger als viele einzelne diplomatische Erklärungen. 

11. Europa wird aus russischer Sicht zunehmend zum Gegner 

Johnson beschreibt darüber hinaus Lawrows Auftritt vor der UN-Generalversammlung am 26. September.

Nach seiner Darstellung stellte Lawrow dort die europäische Aufrüstung als zunehmende Bedrohung Russlands dar und warnte vor einer möglichen „selbsterfüllenden Prophezeiung“.

Damit wird eine Entwicklung deutlich, die unmittelbar mit der amerikanischen Militärpräsenz in Polen zusammenhängt:

Je stärker Europa seine militärischen Fähigkeiten ausbaut, desto stärker kann Moskau dies als Bedrohung interpretieren.

Je stärker Moskau diese Entwicklung als Bedrohung interpretiert, desto stärker kann dies wiederum als Begründung für weitere europäische Aufrüstung dienen.

12. Drei Quellen – drei Ebenen

Damit ergibt sich aus den drei Beiträgen ein bemerkenswertes Gesamtbild:

Gerade diese Kombination ist für eine Analyse wertvoll.

Denn die Quellen beschreiben drei unterschiedliche Ebenen desselben Problems: Infrastruktur – Strategie – Diplomatie.

13. Die Zugkraft der Entwicklung 

Damit lässt sich auch der Begriff „Zugkraft“ präzisieren.

Die gegenwärtige Entwicklung besitzt mehrere miteinander verbundene Zugkräfte:

Militärische Zugkraft

US-Truppen, NATO-Infrastruktur und europäische Aufrüstung werden verstärkt.

Logistische Zugkraft

Osteuropäische Verkehrs- und Transportkorridore gewinnen militärische Bedeutung.

Industrielle Zugkraft

Die Produktion moderner und weitreichender Waffen wird stärker in die europäische Infrastruktur integriert.

Strategische Zugkraft

Die Auseinandersetzung wird von Mearsheimer und Roberts in einen größeren Konflikt zwischen Russland und dem westlichen Machtblock eingeordnet.

Diplomatische Zugkraft

Gleichzeitig verhärtet sich die russische Position, während eine Waffenruhe vor Verhandlungen von Moskau abgelehnt wird.

Diese Kräfte wirken in dieselbe Richtung:

Die militärische Realität wird stärker, während der diplomatische Raum kleiner wird. 

14. Welche Schlussfolgerung lässt die Senatsanhörung vom 28. Februar 20223 zu?

Die USA – genauer: ihre Banken und großen Konzerne – haben seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ihren Einfluss kontinuierlich vergrößert, sie haben nicht nur von den Weltkriegen, sondern auch vom Wiederaufbau profitiert und seit 1945 konsequent auf die globale Dominanz hingearbeitet. 

In diesem Zusammenhang gebe ich hier Ausschnitte aus einer Senatsanhörung vom 28. Februar 2023 zum Ukrainekrieg wieder,

in der Senator Rick Scott den 3-Sterne-General Keith Kellogg fragte:

„Aber warum hat Deutschland nicht seinen Teil zur tödlichen Hilfe beigetragen?“

Die Antwort des Generals:

„Ich glaube, Deutschland spielt in Europa im Moment keine Rolle mehr“.

Anschließend schwärmte der General dem Senator vor: 

„Wenn man einen strategischen Gegner besiegen kann und dabei keine US-Truppen einsetzt, ist man auf dem Gipfel der Professionalität, denn wenn man die Ukrainer siegen lässt, ist ein strategischer Gegner vom Tisch, und wir können uns auf das konzentrieren, was wir gegen unseren Hauptgegner tun sollten, und das ist im Moment China... wenn wir dabei scheitern, … müssen wir vielleicht einen weiteren europäischen Krieg führen, das wäre dann das dritte Mal.“

Nun, die USA scheitern gerade in der Ukraine! Hier sehen Sie die Relevanz der Geschichte für die Gegenwart!

15. Der eigentliche Wendepunkt

Der Krieg wird zunehmend nicht mehr nur auf dem ukrainischen Territorium geführt.

Er umfasst

  • militärische Infrastruktur,
  • Energie,
  • Transportwege,
  • Rüstungsproduktion,
  • Finanz- und Sanktionssysteme,
  • Informationsräume,
  • maritime Verkehrswege und
  • die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur. 

Damit nähert sich der Konflikt einer Dimension, die über die ursprüngliche Frontlinie hinausgeht.

Und genau deshalb ist der Roberts/Mearsheimer-Komplex für die Analyse so wichtig.

Denn er stellt die Frage:

Ist die Ukraine lediglich der Schauplatz eines Krieges – oder ist sie der Schauplatz einer größeren Auseinandersetzung um die künftige Weltordnung?

Diese Frage ist offen.

Sie sollte aber gestellt werden. 

Vom Ukrainekrieg zur europäischen Sicherheitsordnung?

Die drei Quellen ergeben zusammen ein Bild, das über die täglichen Meldungen hinausweist.

  • Polen wird möglicherweise zu einem dauerhaften Zentrum amerikanischer Militärpräsenz.
  • Deutschland wird stärker in die militärische Produktions- und Unterstützungsstruktur eingebunden.
  • Russland reagiert mit einer zunehmend schärferen Interpretation der europäischen Aufrüstung.

Mearsheimer betrachtet den Konflikt aus der Perspektive der Großmachtkonkurrenz.

Roberts radikalisiert diese Perspektive und interpretiert den Krieg als Auseinandersetzung zwischen Washington und Russland.

Larry C. Johnson beschreibt schließlich die unmittelbare Folge: eine zunehmende Verhärtung der russischen Verhandlungsposition.

Damit entsteht eine gefährliche Wechselwirkung: 

Militärische Verstärkung erzeugt Bedrohungswahrnehmung.
Bedrohungswahrnehmung erzeugt Gegenmaßnahmen.
Gegenmaßnahmen verstärken wiederum die ursprüngliche Bedrohungswahrnehmung.

Die entscheidende Frage für Europa lautet deshalb nicht allein:

Wer ist schuld?

Sondern:

Welche Kräfte treiben Europa gegenwärtig in eine militärische Ordnung hinein, in der die Vorbereitung auf den nächsten Krieg immer stärker wird, während die politischen Möglichkeiten zur Beendigung des gegenwärtigen Krieges gleichzeitig abnehmen?

Und damit schließt sich der Kreis zur übergeordneten Frage:

Vom Krieg zur Weltordnung?

Denn wenn der Ukrainekrieg tatsächlich – wie Roberts behauptet und Mearsheimer in anderer Form analysiert – Teil einer größeren Auseinandersetzung um die europäische und globale Machtordnung ist, dann geht es bei den heutigen Entscheidungen nicht nur um die Frontlinie in der Ukraine.

Es geht um die Frage, welche Sicherheitsordnung Europa nach diesem Krieg besitzen wird – und ob diese Ordnung auf dauerhafter Konfrontation oder auf einer neuen Verständigung zwischen den europäischen Staaten, Russland und den Vereinigten Staaten beruhen wird.

Damit sind jetzt alle drei Quellen im Argumentationsgang verankert:

  • AP/Euronews liefert die konkrete militärische Entwicklung,
  • Roberts/Mearsheimer die geopolitische Deutungsebene und Johnson die aktuelle diplomatische Zuspitzung. (6) 

Roberts analysiert und interpretiert Mearsheimers Bericht, während Johnson die jüngsten Äußerungen Putins und Lawrows interpretiert. Beide sind also Analystenquellen und keine Primärquellen für die russische Politik. 

John Mearsheimer ist Professor für Internationale Beziehungen und ein Vertreter des offensiven Realismus. Seine Analyse setzt primär bei Staaten, Machtverteilung, Sicherheitsdilemma, Großmachtinteressen und Bündnispolitik an. Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass Mearsheimer anscheinend die US-Strategie-Papiere nicht kennt.

In TRADOC 525-3-1 vom 7. Oktober 2014 sind im Abschnitt 2.4 ausdrücklich China und Russland als „competing powers“ sowie Iran und Nordkorea als regionale Mächte aufgeführt. Aus dieser Vorgabe wurden anschließend die notwendigen militärischen Fähigkeiten und daraus die Anforderungen an die US Army abgeleitet.

Die Frage ist deshalb nicht, ob die USA 2014 überhaupt wussten, wer ihre künftigen militärischen Konkurrenten sein würden. Das Dokument beantwortet diese Frage selbst. Die weitergehende Frage lautet vielmehr: Welche Konsequenzen wurden aus dieser Bedrohungsanalyse für Force Development, Stationierung, Bündnisse, Waffenentwicklung und die Gestaltung des strategischen Umfelds gezogen?

Dann geht es nicht mehr um die Aussage:

„Mearsheimer erklärt die amerikanische Politik aus der NATO-Osterweiterung und dem Sicherheitsdilemma“, sondern man muss zusätzlich fragen:

Was sagt die amerikanische Militärplanung selbst über Russland und China – und welche Handlungslogik ergibt sich daraus?

Das ist eine wesentlich anspruchsvollere Gegenüberstellung.

2014 darf nicht isoliert betrachtet werden. Der nächste Schritt wäre, 525-3-1 (2014) und die überarbeitete Fassung von 2018/„Multi-Domain Operations“ direkt nebeneinanderzulegen. Dort wird die Sprache gegenüber China und Russland nochmals erheblich konkreter – einschließlich des Ziels, chinesische und russische Aggression „in competition and conflict“ zu verhindern bzw. zu besiegen. Die spätere US-Army-Literatur bezeichnet Russland ausdrücklich als „pacing threat“ und China als aufsteigende bzw. später gefährlichere Herausforderung. (7)

Eine globale Weltordnung soll Russland kleinhalten und im Konflikt mit Europa steht, so dass die Dominanz der USA weltweit gesichert ist.

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Anmerkungen und Quellen

Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm:

  • „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020)
  • "Die unterschätzte Macht" (2022)
  • "Vom Krieg zur Weltordnung" (Juni 2026)
  • "Der Kalte Geist des Krieges " (Oktober 2026)

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1) https://de.euronews.com/2026/09/18/trump-us-militarbasis-polen?utm_source=chatgpt.com

2) Paul Craig Roberts, „Does Anyone Understand the Actual Situation?“, 19.09.2026, unter Bezugnahme auf John Mearsheimers aktuellen Bericht aus Moskau und St. Petersburg. https://www.lewrockwell.com/2026/09/paul-craig-roberts/does-anyone-understand-the-actual-situation/?utm_source=chatgpt.com

3) Johnson, Larry C.: „Moscow Closes the Door: How Putin and Lavrov Hardened Russia’s Line on Ukraine in Ten Days“, 28. September 2026. https://larrycjohnson.substack.com/p/moscow-closes-the-door-how-putin?utm_source=chatgpt.com

4) https://www.zeit.de/2022/51/angela-merkel-russland-fluechtlingskrise-bundeskanzler

5) https://2021-2025.state.gov/office-of-the-spokesperson/releases/2025/01/secretary-antony-j-blinken-with-christiane-amanpour-for-cnn-cnni-and-pbs-2/

6) https://www.lewrockwell.com/2026/09/paul-craig-roberts/does-anyone-understand-the-actual-situation/?utm_source=chatgpt.com

7) https://www.armyupress.army.mil/Journals/Military-Review/English-Edition-Archives/May-June-2020/Wesley-Winning-Tomorrow/?utm_source=chatgpt.com

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Schachbrett mit zwei Königinnen in US- und russischer Flagge
Bildquelle: Torpix / shutterstock


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