Die Idee von Geld (Teil 1)

Über Geld und Geldsysteme

Ein Kommentar von Michael Wolf.

Wir stehen an der Schwelle einer technologischen Revolution. Die alten Modelle weichen einem neuen Paradigma. In den letzten Jahren hat die Welt begonnen, sich von einer globalen, zentralisierten Ordnung zu multipolaren, dezentralisierten Netzwerken zu bewegen. Um diese Verschiebung zu erklären, müssen wir einige grundlegende (aber komplexe) Wirtschaftskonzepte ansprechen, unser aktuelles Geldsystem erklären, warum es kaputt ist und welche Ideen bereits im Raum sind, um Lösungen anzubieten.

Um zu verstehen, was am aktuellen Geldsystem schief läuft, hilft es, die Idee von Geld zu verstehen und die Ursprünge im historischen Kontext zu betrachten.

Kaurigeld

Über tausende Jahre war die Kaurimuschel das beliebteste und meistgenutzte Tauschmittel, um mit Waren zu handeln.

Warum Kauri-Muscheln?

Kauri-Muscheln hatten damals eine gewisse (1)SELTENHEIT, da man noch nicht die Technologie hatte, sie wie heute in Massen zu ernten. Auf Grund ihres geringen Gewichts waren sie sehr (2)TRANSPORTABEL. Auch das fälschen einer Kauri-Muschel war zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich, somit war die (3)ÜBERPRÜFBARKEIT ihrer Echtheit gewährleistet. Außerdem erwies sich ihre (4)HALTBARKEIT als erstaunlich hoch. Ein geringes Problem war auch die (5)TEILBARKEIT, denn wegen des geringen Wertes waren sie als Kleingeld gut geeignet. Größere Mengen wurden einfach auf Bastfäden gezogen und als Geldschnüre gehandelt. Der Marktwert der Kaurischnecke beruhte auf gegenseitiger Übereinkunft und war unabhängig von ihrer Größe – jede Kaurischnecke hatte den gleichen Geldwert und war dadurch (6)AUSTAUSCHBAR.

Die 6 fundamentalsten Eigenschaften von Geld sind also:

  1. Seltenheit bedeutet, dass es ein begrenztes Angebot gibt. Beispiel: Gold hat eine relativ hohe Knappheit, gerade weil es eine Menge Arbeit, Energie und Ressourcen erfordert, eine Goldmünze zu finden, zu reinigen und zu prägen, während Regierungen Fiat-Geld (z. B. $, €, ¥) mit einem Tastendruck erzeugen können auf modernen computergesteuerten Druckmaschinen. Kernaussage: Je mehr Energie benötigt wird, um Geld zu schaffen, desto knapper wird das Geld.
  2. Transportabilität bedeutet, dass es physische Entfernungen leicht überwinden kann. Beispiel: Gold ist umständlich physisch zu transportieren, während Bargeld relativ einfach zu transportieren ist. Kernaussage: Je niedriger die Transaktions-/Transportbarrieren, desto höher die Portabilität.
  3. Überprüfbarkeit auch Verifizierbarkeit genannt, bedeutet, dass es auf Echtheit geprüft werden kann (ist es echt oder gefälscht?). Beispiel: Gold ist schlecht nachweisbar, da nicht jeder über die notwendige Prüfmaschine (ein Spektrometer) verfügt. Papiergeld ist auch schlecht verifizierbar, da man einen komplexen Falschgelddetektor benötigt. Kernaussage: Je einfacher zu prüfen, desto höher die Nachweisbarkeit.
  4. Haltbarkeit bedeutet, dass es im Laufe der Zeit gespeichert werden kann (denken Sie: Wie ändert sich der Wert im Laufe der Zeit? Verrottet es, läuft es an, verschlechtert oder entwertet es?). Beispiel: Fiat-Währung hat eine schlechte Haltbarkeit, da die Schaffung von mehr davon ihre Kaufkraft im Laufe der Zeit verringert: Ein Laib Brot kostet (1920: 0,05 $ gegenüber 2020: 1,34 $). Kernaussage: Je mehr Geld wir schaffen, desto mehr verringern wir seine Kaufkraft.
  5. Teilbarkeit bedeutet, dass es unterteilt werden kann. Beispiel: Es ist fast unmöglich, Gold in ein Stück zu teilen, das klein genug ist, um einen Apfel zu kaufen, während Fiat relativ einfach ist. Kernaussage: Je kleiner die Teile, desto höher die Teilbarkeit.
  6. Austauschbarkeit bedeutet, dass es austauschbar ist. Begrenzte Variationen ermöglichen schnelle Transaktionen. Beispiel: Gold ist relativ fungibel, da ein Goldbarren zwischen Person A und Person B austauschbar ist, Bargeld dagegen weniger: Japanische Yen werden in Europa nicht sehr akzeptiert und umgekehrt. Kernaussage: Je höher die Standardisierung, desto höher die Fungibilität.

Das Ende der Kauri-Muscheln

Das Problem kam erst, als Verbesserungen in der Schifffahrts- und Weichtierernte-Technologie es den Europäern ermöglichte, den Markt im 16. bis 18. Jahrhundert mit 30 Milliarden Kaurimuscheln zu überschwemmen – das Muschelgeld wurde schließlich durch europäisches Gold ersetzt.

Es gibt drei Formen von Geldsystemen:

  1. „Hartes Geld“
  2. „Währung basierend auf hartem Geld“
  3. „Währung basierend auf Schulden“

Der Handel mit Kaurimuscheln und Gold fällt unter Geldsystem 1, doch Kaurimuscheln waren irgendwann nicht mehr selten genug und Gold ist zwar knapp, langlebig und austauschbar, schneidet aber beim Rest schlecht ab. Bargeld wiederrum ist teilbar und tragbar aber weder knapp, noch langlebig. Das ideale Geldsystem würde in allen sechs Geldmerkmalen am besten abschneiden, aber dieses System muss noch erfunden werden und so kam es über die letzten Jahrhunderte zu drei unterschiedlichen Geldsystemen, die sich durch Kompromisse zwischen den sechs oben genannten Eigenschaften etablierten. Die drei Geldsysteme sind:

Währungssystem 1: Hartes Geld

Gesellschaften suchen trotz Unsicherheiten wie Vertragsstreitigkeiten oder fehlenden gemeinsamen Regeln immer Wege zu florieren. Sie legen deshalb mehr Wert auf Knappheit, Dauerhaftigkeit und Austauschbarkeit. Sie nehmen die Unannehmlichkeiten einer geringeren Überprüfbarkeit, Übertragbarkeit und Teilbarkeit in Kauf. Wird in Gold bezahlt, ist der Handel endgültig. Es ist wenig Vertrauen nötig. Historisch gesehen war hartes Geld eine physische Ware wie Gold, Silber, Perlen oder Muscheln. Was zwingt die Gesellschaft, das Geldsystem zu ändern? (1) eine technologische Störung, die sich auf die Ware „Hartes Geld“ auswirkt, oder (2) der Wunsch eines Landes, Ausgaben zu tätigen, die über seine Verhältnisse hinausgehen (häufig zur Finanzierung von Kriegen).

Beispiel 1:

Wie oben bereits erwähnt, waren Kauri-Muscheln als Geld wegen ihrer Knappheit, Haltbarkeit, Tragbarkeit und Verifizierbarkeit sehr gefragt. Verbesserungen in der Schifffahrts- und Weichtiererntetechnologie ermöglichten es den Europäern, den Markt im 16. bis 18. Jahrhundert mit 30 Milliarden Kaurimuscheln zu überschwemmen – und das Muschelgeld wurde durch europäisches Gold ersetzt.

Beispiel 2:

Römische Kaiser entwerteten Silbermünzen mit billigeren Metallen (z. B. Kupfer), um den Krieg zu finanzieren, bis die Münzen kaum noch versilbert waren.

Machen Sie die Soldaten reich und achten Sie nicht auf die anderen.

Septimius Severus 201 n. Chr.

Währungssystem 2: Währung basierend auf hartem Geld

Um den Handel zu beschleunigen, suchte man nach Möglichkeiten, die Unannehmlichkeiten physischer Rohstoffe zu verringern, insbesondere die Ineffizienzen der Transportfähigkeit und Teilbarkeit. (Stell dir vor, wie kostspielig, langsam und riskant der Versand von Goldtruhen in die ganze Welt wäre oder wie unmöglich es ist, Tausende von Mikrozahlungen mit Metallmünzen zu tätigen).

Die Lösung bestand darin, das „harte Geld“ an einem sicheren Ort aufzubewahren und Papiergeld zu drucken, das durch das „harte Geld“ gedeckt war (z. B. in den 1920er Jahren lagerten die USA Gold in Fort Knox und druckten Papierscheine, auf denen geschrieben stand, dass die Verpflichtung (Schuld) bestand, den Inhaber von beispielsweise einem 20-Dollar-Schein, den Gegenwert in Gold, jederzeit zu bezahlen.)

Quelle: Wikipedia

Das Problem dabei war, dass die Leute mehr Schulden machten, als Sie Waren und Werte anhäuften.

Nixon Shock:

1971 geriet US-Präsident Richard Nixon gegenüber den ausländischen Gläubigern in Zahlungsverzug, indem er einseitig die Konvertierbarkeit von US-$ in Gold aussetzte.

Währungssystem 3: Währung basierend auf Schulden

Gesellschaften, die versuchen, sich vollständig von allen physischen Rohstoffproblemen zu befreien, verknüpfen Währung einfach mit dem Glauben an ihre Fähigkeit, ihre Schulden zu bezahlen. Diese Gesellschaften legen Wert auf Portabilität und Teilbarkeit und akzeptieren die Unannehmlichkeiten geringerer Knappheit, Haltbarkeit, Überprüfbarkeit und Fungibilität. Das größte Risiko ist der Wunsch, so viele Schulden zu machen, dass sie niemals zurückgezahlt werden können, ohne noch mehr Schulden zu machen. Es kommt der Zeitpunkt, da bricht das Vertrauen zusammen und die Länder geben das „Währung basierend auf Schulden“-System auf, um zu einem „Hartgeld“-System zurückzukehren.

Frankreich hat es vorgemacht, wie man alle drei Währungssysteme durchschreiten kann, um schließlich wieder beim ersten anzukommen.

1776 Angesichts eines ständig steigenden Schuldenbergs wechselten die Franzosen 1776 von „hartem Geld“ zu einer „Währung basierend auf hartem Geld“. Dafür druckten sie Papiernoten („actions au porteur“), die durch Silbermünzen (‚livre‘) gedeckt waren.

1790 wechselte die französische Nationalversammlung durch die Ausgabe von Papiergeld („Assignat“) zu „Währung basierend auf Schulden“.

1796 versuchte die Regierung („Directoire“), die „Währung basierend auf Hartgeld“ wieder einzuführen, indem sie die hyperinflationierten Assignats durch mit Land gedeckte Papiernoten („Mandats territoriaux“) ersetzte.

1797 Die landgedeckten Banknoten erzielten leider nicht den gewünschten Erfolg, das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen. Das wiederum zwang die Regierung, zu einer metallischen Währung zurückzukehren, als Napoleon bekanntlich erklärte: „Payer en espèces ou ne rien payer“ („zahlen Sie hartes Geld, oder Sie haben nicht bezahlt“).

Teil 2/3 folgt in Kürze hier auf apolut.

Hinweis: Dieses Dokument wurde von Michael Wolf (https://bitcoinlight.house) erstellt und ist ausschließlich zu Informationszwecken gedacht und ist keine Anlagenberatung. Leser sollten bei Investitionen einen Berater, einschließlich Steuerberater, konsultieren, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen. Meine Recherche basiert in erster Linie auf einer Analyse aktueller öffentlicher Informationen aus Quellen, die ich für zuverlässig halte, ich übernehme jedoch keine Verantwortung für die Genauigkeit der Daten. Die hierin geäußerten Ansichten sind ausschließlich meine zum Datum dieses Berichts und können ohne Vorankündigung geändert werden. Ich habe möglicherweise ein finanzielles Interesse an ein oder mehreren der besprochenen Positionen und/oder Wertpapiere oder Derivate.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: kram-9 / shutterstock

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Kommentare (9)

9 Kommentare zu: “Die Idee von Geld (Teil 1)

  1. Zara Trusta sagt:

    Hm..
    Das bringt uns ja nicht gerade sehr weit .
    Überhaupt kann man das alles voll vergessen.
    Die Historie, sowie auch die Story , die man dem zuordnet.
    Ob Tausch oder Verteilung von Last und Bezugsberechtigung oder Attraktor spielt gar keine Rolle,
    denn ein solches System ist so oder so nicht mehr zeitgemäß ist.
    Das laufende Welt-Währung-System ist ein Betrugssystem, welches dazu sein Verfallsdatum überschritten hat.
    Ein demokratisches Geldsystem bedeutet , die Schöpfung müsste von den Individuen des Volkes ausgehen.
    Sodann ginge es um Lebenszeit bzw. Arbeitszeit auf die es basiert. Den meisten scheint es nicht klar zu sein welchen Wert Lebenszeit hat, und sie bekommen es nicht auf die Reihe, das in einen harmonischen und schlüssigen materiellen Zusammenhang zu bringen.
    Wie soll dann aber Gerechtigkeit herrschen, die unsere Existenz in Freiheit und Frieden garantiert.
    Der grundlegende Gesellschaftsvertrag ist selbstverständlich komplex, wie auch ein ´Smart Contract´ der die Basis für ein solches Geldsystem ist.
    Es wird halt nicht einfach, es den Menschen, die nie etwas über komplexe Systeme noch Wirtschaft gelernt haben , zu vermitteln. Deshalb beginnt man am besten mit einem Arbeitszeit-Tauschring. Wie
    https://mondial.world/
    Wenn genug Leute gelernt haben sich damit lokal basiert etwas freier zu machen, und dabei einiges über NFTs gelernt haben , mag nach und nach das komplette Mondo – System samt amtlichen Bargeldes folgen.

  2. Ursprung sagt:

    Egal, welches "Geld" Du nimmst: es repraesentiert symbolisch einen Tauschwert. Welchen, ist Mode-. Vereinbar-, Machtausuebungssache, und situationsgebunden.

  3. Einfach sagt:

    Danke für den mit interessanten Details gefüllten Artikel. Leider ist auch dieser Autor der Mär von Geld sei ein Tauschmittel auf den Leim gegangen. Diese Illusion, die schon längst von seriösen Untersuchungen widerlegt ist (z.B. David Gräber, Schulden), verbaut leider komplett den Blick auf mögliche Lösungen der Problematik. Jedes Geldsystem basiert auf dem Prinzip der Schuldigkeit oder Schuld. Es gibt kein "hartes Geld" ausser es ist durch die Bereitschaft und Möglichkeit zu einer Leistung oder Lieferung von Waren gedeckt. Die falsche "Tauschlogik" ist ein Instrument uns alle zum Narren zu halten und die Verantwortung der Geldhalter, Milliardäre und Oligarchen Kleinzureden. Es geht beim Geld grundsätzlich um Verteilung von Last und Bezugsberechtigung, um nichts anderes.
    Ich hoffe dass es im zweiten Teil dem Autor noch gelingt, sich aus der Sackgasse der herrschenden Ideologie herauszulösen…

    • rhabarbeer sagt:

      Hallo Einfach

      dem möchte ich mich sehr gerne anschließen!
      …und mit Fokus auf dein
      `Es geht beim Geld grundsätzlich um Verteilung von Last und Bezugsberechtigung`
      die vielleicht auch für die weiteren Teile stichpunktgebende Frage zum `Entstehungsprozess` ergänzen:
      Woraus/wonach (genau) `entsteht` denn bei der (Buch-)Geldschoepfung ein (bilanzierter/bilanzierbarer) `Wert`?
      Aus dem Nichts?
      …wohl kaum.

      …und viele Grüße in die Runde

    • Martin63 sagt:

      Wo liegt denn dann die Schuld bei Gold?

    • vizero 13 sagt:

      @Martin63: Aus der Vorleistung der Arbeit beim Schürfen, Transport und Gießen/einschmelzen vielleicht?

    • Kota sagt:

      Die angeblich "falsche Tauschlogik" wurde von Nick Szabo und David Gräber 2018 auf Twitter diskutiert: https://twitter.com/NickSzabo4/status/981953957592383488
      Geld kann nicht nur Tauschwährung sein sondern besitzt auch Eigenschaften wie Wertaufbewahrung (SoV) oder Möglichkeiten des Vermögenstransfers, was nicht zwangsläufig aus Schulden entstanden ist und auch mit dem Messen oder Zählen nicht zwangsläufig was zu tun haben muss.
      https://aprycot.media/blog/shelling-out-die-urspruenge-des-geldes/

  4. Roken sagt:

    Vorschlag zur Lektüre: Stephen Zarlenga: Der Mythos vom Geld (The Lost Science of Money)

  5. FizzyIzzy sagt:

    https://medium.com/@julieward70/human-health-is-soon-to-be-tradable-in-a-futures-market-helped-along-with-reversal-of-88c3a14c8c84

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