Artikel

Die Brandmauer stürzt — und dahinter liegt nichts als Leere | Von Dirk Ellerbrock

Die Brandmauer stürzt — und dahinter liegt nichts als Leere | Von Dirk Ellerbrock

Warum die Wahl in Sachsen-Anhalt mehr ist als ein Sieg der AfD

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Es ist der 6. September 2026. Die Wahllokale in Sachsen-Anhalt sind seit Stunden geschlossen. Die Hochrechnungen sind eindeutig: Die AfD bei 44,0 Prozent, die CDU eingebrochen auf 17,7 Prozent — 2021 waren es noch 37,1 Prozent. Die FDP ist komplett aus dem Landtag geflogen. "Wir haben die CDU halbiert", sagt AfD-Chef Tino Chrupalla am Wahlabend — und untertreibt damit sogar noch. Die Kommentatoren ringen um Fassung. Sie reden von einer "Zäsur", von einem "Denkzettel", von einer "Niederlage der Mitte". Sie diskutieren über die "Brandmauer" — jenes ungeschriebene Gesetz, das eine Zusammenarbeit mit der AfD ausschließen soll — und ob sie nun fällt oder nicht.

Aber das, was da im Fernsehen verhandelt wird, ist nur die Oberfläche. Die eigentliche Geschichte handelt nicht von der AfD. Sie handelt von einem System, das seine Legitimität verloren hat — und von einem Krieg, der sich quer durch Europa frisst, während diejenigen, die ihn führen, nie ein Schlachtfeld betreten.

I. Die Brandmauer — ein Herrschaftsinstrument wird sichtbar

Die "Brandmauer" war nie ein Prinzip der Demokratie. Sie war ein Instrument der Machterhaltung. Ihr Zweck war nicht, die Demokratie vor einem Feind zu schützen. Ihr Zweck war, eine Partei künstlich zu isolieren, deren Wähler man für verloren hielt, um die eigene Klientel mit einem moralischen Feindbild bei der Stange zu halten.

Drei Jahrzehnte lang haben die etablierten Parteien die soziale Sicherungssysteme demontiert, die öffentliche Infrastruktur ausgehungert und die Löhne gedrückt. Gleichzeitig haben sie die Rüstungshaushalte explodieren lassen und Deutschland in einen Stellvertreterkrieg verwickelt, dessen Kosten die Bevölkerung täglich spürt — in den Energiepreisen, in der Inflation, in der Unsicherheit. Und wenn die Wähler fragten, wurde ihnen gesagt: Die AfD ist das Problem. Die Russen sind das Problem. Die Populisten sind das Problem.

Nun hat die Bevölkerung geantwortet. Sie hat nicht der AfD die Stimme gegeben, weil sie rechtsextrem wäre. Sie hat der AfD die Stimme gegeben, weil alle anderen Parteien keine Antwort mehr auf ihre Fragen hatten — oder weil sie die Fragen erst gar nicht zuließen.

Die Brandmauer ist nicht gefallen. Sie wurde von den Wählern eingerissen. Und wer verstehen will, warum diese Klientelbindung nicht mehr trägt, muss auf das schauen, was diese Politik tatsächlich kostet — und wo dieses Geld hinfließt.

II. Der Krieg, den keiner sieht

Um zu verstehen, was in Sachsen-Anhalt passiert ist, muss man verstehen, was in der Ukraine passiert. Nicht das, was in der Tagesschau erzählt wird. Sondern das, was dahinterliegt.

Jeffrey Sachs, einer der bekanntesten US-Ökonomen und ehemaliger Berater der UN, hat es vor wenigen Wochen auf den Punkt gebracht: Die USA führen in der Ukraine keinen Verteidigungskrieg, sondern einen Stellvertreterkrieg gegen Russland. Das Ziel ist nicht Frieden, sondern Vorherrschaft — die Kontrolle über Eurasien, die Sicherung von Rohstoffen, der Zugriff auf strategische Wege. Die Ukraine ist in dieser Rechnung kein Subjekt, sondern ein Objekt. Ein Instrument. Ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, wie es Zbigniew Brzeziński, der Architekt der US-Geopolitik, schon 1997 nannte.

Und dieses Instrument wird nicht nur militärisch genutzt. Es wird ökonomisch genutzt. Wer den Krieg in der Ukraine nur als militärischen Konflikt betrachtet, sieht nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte handelt von Derivaten, Rohstoffverträgen und Sicherheiten. Davon, dass der Ukraine-Krieg nicht zufällig dort ausbricht, wo die größten Lithium- und Gasvorkommen Europas liegen. Davon, dass US-Fonds und Rohstoffspekulanten heute Verträge unterschreiben, die ihnen die Hälfte der ukrainischen Rohstoffeinnahmen sichern.

Der Krieg ernährt nicht mehr sich selbst, wie es die alte Feldherrenformel des Dreißigjährigen Kriegs besagte. Er ernährt eine Klasse. Eine transnationale Klasse aus Rüstungskonzernen, Finanzakteuren, KI-Entwicklern und Rohstoffspekulanten (Palantir, BlackRock, Rheinmetall u.a.). Sie sitzt nicht an der Front, sie verwaltet nur ein Portfolio.

Für diese Klasse ist der Krieg kein Risiko, sondern ein Geschäftsmodell. Er liefert die Rechtfertigung für die Aufrüstung, die in Friedenszeiten politisch nicht durchsetzbar wäre. Er liefert die Sicherheiten, die der Derivatehandel braucht, um nicht zu kollabieren. Er liefert das Labor für KI-gesteuerte Kriegsführung, das auf keinem Übungsplatz der Welt nachgebildet werden kann.

III. Die Kosten — und wer sie trägt

Die Rechnung für diesen Krieg wird nicht in den Bilanzen der Rüstungskonzerne gezahlt. Sie wird in den Haushalten der Menschen in Sachsen-Anhalt gezahlt.

Die Energiepreise sind explodiert. Die Inflation frisst die Renten auf. Die Krankenhäuser sind unterfinanziert, die Schulen marode, die Brücken brüchig. Und während die Bevölkerung spart, werden Sondervermögen für die Bundeswehr beschlossen. Defizite, die für Bildung "unverantwortlich" waren, werden für Rüstung über Nacht zur Vernunft.

Die Wähler in Sachsen-Anhalt haben das nicht nur gespürt. Sie haben es verstanden. Und sie haben die Quittung ausgestellt. Sie haben nicht gegen die AfD gestimmt — sie haben gegen ein System gestimmt, das ihre Lebensgrundlage geopfert hat, um einen Krieg zu finanzieren, der nicht ihr Krieg ist.

Die etablierten Parteien haben darauf nur eine Antwort: das immer gleiche moralische Betriebssystem aus Spaltung, Bewertung, Legitimation und Sanktionierung. Die AfD ist rechtsextrem. Putin ist der Aggressor. Wer das in Frage stellt, ist ein Putinfreund. Diese Reflexe mögen im Bundestag funktionieren. In Sachsen-Anhalt haben sie versagt. Weil die Menschen nicht mehr hören wollen, was sie schon tausendmal gehört haben. Sie wollen hören, wie ihr Leben wieder besser wird. Auch SPD-Chef Lars Klingbeil, sichtlich angeschlagen am Wahlabend, sprach nur noch von einem "Abend, der mich betrübt" — ein Satz, der Betroffenheit ausdrückt, aber keine einzige Antwort enthält.

IV. Die AfD — Symptom, nicht Ursache

Die AfD ist nicht nur Symptom. Sie ist auch Profiteur und Verstärker des Zerfalls. Sie nutzt die Kriegsökonomie nicht, um sie zu überwinden, sondern um sich als die einzige Alternative zu inszenieren – ohne selbst ein tragfähiges Friedens- oder Sozialprogramm zu haben. Sie ist der Schatten des Systems, nicht sein Gegenteil. Ihre Programme sind im Kern neoliberal: Steuersenkungen für Reiche, Abbau des Sozialstaats, Deregulierung. Sie wird nicht die Mieten senken, nicht die Renten erhöhen, nicht die Krankenhäuser retten. Sie wird das System, das die Menschen in die Verzweiflung getrieben hat, nur in einer anderen Farbe fortsetzen.

Aber das ist nicht das, was ihre Wähler hören wollen. Ihre Wähler hören, dass sie den Krieg beenden will. Dass sie die Sanktionen aufheben will. Dass sie wieder mit Russland handeln will. Das sind keine rechtsextremen Positionen. Das sind Positionen der ökonomischen Vernunft — nur dass sie von der „falschen“ Partei vertreten werden.

Die etablierten Parteien haben es versäumt, diese Positionen selbst zu besetzen. Sie haben die Kritik am Krieg den Rechten überlassen. Sie haben den Pazifismus den Populisten überlassen. Sie haben den Wunsch nach Frieden den Feinden der Demokratie überlassen. Und nun wundern sie sich, dass die Wähler dorthin gehen, wo sie gehört werden.

Dass ausgerechnet Kanzler Merz für dieses Wahlergebnis mitverantwortlich gemacht wird, passt ins Bild: Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele attestierte ihm am Wahlabend öffentlich, den Menschen nicht das Gefühl zu geben, mit ihren Sorgen ernst genommen zu werden — weshalb man ihn aus dem Wahlkampf weitgehend herausgehalten habe. Aber das ist kein persönliches Versagen. Merz ist hier nur die Charaktermaske eines Systems, das strukturell keine andere Sprache mehr kennt.

V. Eine andere Politik ist möglich — aber nicht mit diesem Personal

Die eigentliche Lehre aus Sachsen-Anhalt ist nicht, dass die Brandmauer fällt. Die eigentliche Lehre ist, dass die etablierten Parteien keine Antwort mehr auf die Fragen der Zeit haben.

Eine andere Politik wäre möglich. Sie würde Frieden statt Stellvertreterkrieg bedeuten: Deutschland müsste sich aus der Logik der US-Hegemonie lösen und auf Verhandlungen mit Russland drängen — nicht aus Sympathie für Putin, sondern aus Eigeninteresse, denn die europäische Wirtschaft blutet, während die USA Rüstungsaufträge verbuchen. Sie würde soziale Sicherheit statt Rüstungsexplosion bedeuten: Die Milliarden, die in Waffen fließen, fehlen in Krankenhäusern, Schulen und Renten. Die Umverteilung von unten nach oben muss gestoppt werden — nicht durch neoliberale Steuersenkungen, sondern durch eine Politik, die den Wohlstand wieder denjenigen zugänglich macht, die ihn erarbeiten. Und sie würde Demokratie statt Feindbilder bedeuten: Die Politik muss wieder lernen, Konflikte auszuhalten, statt sie mit Moralkeulen zu erschlagen. Die Kritik an der Regierung, an der NATO, an den USA darf nicht mit dem Verdacht der Landesverräterschaft belegt werden. Eine Demokratie, die ihren Bürgern Angst vor der eigenen Meinung macht, hat ihre Seele verloren.

Das ist kein Programm der AfD. Das ist kein Programm der Linken. Das ist das Programm einer Politik, die sich von den Fesseln der transnationalen Klasse befreit hat.

VI. Was bleibt

Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist keine Katastrophe. Sie ist eine Offenbarung. Sie zeigt, dass das System, das uns seit drei Jahrzehnten regiert, am Ende ist. Es hat keine Antworten mehr, nur noch Reflexe. Es hat keine Visionen mehr, nur noch Ängste. Es hat keine Zukunft mehr, nur noch Verwaltung.

Die Brandmauer ist gefallen. Aber das ist nicht das Ende. Es ist der Anfang einer Auseinandersetzung, die noch nicht entschieden ist. Die Frage ist nicht, ob die AfD regieren wird. Die Frage ist, ob die anderen Parteien begreifen, dass sie sich selbst neu erfinden müssen – oder ob sie weiterhin Feindbilder produzieren, bis nichts mehr übrig bleibt.

Doch wer erwartet, dass die Lösung aus denselben Institutionen kommt, die das Problem produziert haben, wird enttäuscht werden. Die Parteien, die Medien, die Thinktanks – sie alle sind Teil jenes Netzwerks, das den Krieg als Geschäftsmodell etabliert und die soziale Frage der Rüstung geopfert hat. Sie werden sich nicht selbst abschaffen.

Die Geschichte wird nicht von denen geschrieben, die die Brandmauer verteidigen. Sie wird von denen geschrieben, die sie überwinden. Und sie wird nicht im Bundestag geschrieben, sondern auf den Straßen, in den Betrieben, in den Nachbarschaften – überall dort, wo Menschen beginnen, sich ihre eigene Antwort auf die Frage zu geben, die ihnen die Politik verweigert: Wie wollen wir leben?

Die Brandmauer ist gefallen. Jetzt muss die Phantasie beginnen.


+++

Bildquelle: Spitzi-Foto / shutterstock

+++

Quellen

+++

Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:

Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark

oder mit

Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin

Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/

+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.

+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/

+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut

Dirk Ellerbrock AfD Sachsen-Anhalt Landtagswahl Energiepreise


Artikel vorlesen MP3 Download
0:00
0:00