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Atomkrieg: Die Abschaffung der Zweitschlagsgarantie | Von Dirk Ellerbrock

Atomkrieg: Die Abschaffung der Zweitschlagsgarantie | Von Dirk Ellerbrock

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Es gehört zu den stillen Ironien der gegenwärtigen Weltlage, dass ausgerechnet in dem Moment, in dem zwei der drei großen Nuklearmächte in ihren jeweiligen Kriegen – Russland in der Ukraine, die USA gegen den Iran – konventionell an ihre Grenzen stoßen, innerhalb des amerikanischen Sicherheitsapparats eine Debatte wieder auflebt, die seit Jahrzehnten als erledigt galt: ob ein Atomkrieg zu „gewinnen“ sei.

Im August 2024 berichtete David Sanger, der langjährige Sicherheitskorrespondent der New York Times, dass Präsident Biden im März desselben Jahres eine geheime "nukleare Einsatzrichtlinie" gebilligt hatte, die erstmals ein Szenario koordinierter nuklearer Bedrohung durch Russland, China und Nordkorea gemeinsam vorsieht. Am selben Tag veröffentlichte das Bulletin of the Atomic Scientists eine Analyse, die den eigentlichen Bruch benennt: Innerhalb der amerikanischen Nuklearplanung stehen sich inzwischen zwei Schulen gegenüber. Die eine hält an der klassischen Abschreckungslogik fest, der sogenannten Mutually Assured Destruction (kurz MAD) – der Vorstellung, dass ein Atomkrieg gerade deshalb nicht geführt wird, weil jede Seite die Fähigkeit zum vernichtenden Gegenschlag behält, selbst nach einem Erstschlag.

Die andere Schule argumentiert, dass moderne Sonartechnik, künstliche Intelligenz und unbemannte Systeme die bislang angenommene Unauffindbarkeit gegnerischer U-Boote zunehmend infrage stellen und damit erstmals die Möglichkeit eröffnen könnten, auch die seegestützte Zweitschlagfähigkeit in die Logik eines koordinierten Erstschlags einzubeziehen. Ein Atomkrieg würde damit, in der Logik dieser Fraktion, wieder das, was er seit Hiroshima nicht mehr sein durfte: „gewinnbar“.

Das ist keine Randnotiz aus einem Thinktank-Papier. Es ist die Formalisierung einer Verschiebung, die sich seit Jahren ankündigt – im schleichenden Verfall der Rüstungskontrollarchitektur, im Auslaufen von New START, in der Erosion selbst der kongressseitigen Kontrolle über Kriegsentscheidungen. Abschreckung war nie ein Naturgesetz. Sie war ein Konsens, getragen von der Einsicht, dass keine Seite den ersten Schlag überleben und gleichzeitig „gewinnen“ kann. Wird dieser Konsens innerhalb des Sicherheitsapparats selbst aufgekündigt, verschiebt sich nicht nur eine Doktrin, sondern die Statik, auf der die gesamte Nachkriegsordnung ruhte.

Bemerkenswert ist der Kategorienfehler, der dieser neuen Denkschule zugrunde liegt.

Dieselben Planer, die glauben, mit technologischer Überlegenheit die nukleare Zweitschlagfähigkeit einer Großmacht so weit neutralisieren zu können, dass der verbleibende Rest keine Vergeltung mehr darstellt, sind es, die weder in der Ukraine noch im Iran in der Lage waren, mit überlegener konventioneller Militärtechnik ein Kriegsziel durchzusetzen. Der Anspruch auf technologische Allmacht im nuklearen Bereich existiert parallel zum dokumentierten Scheitern konventioneller Kriegsführung – ein Widerspruch, der nicht auf Inkompetenz einzelner Akteure zurückzuführen ist, sondern auf die strukturelle Logik eines Sicherheitsapparats, der auf jede erlebte Grenze seiner Macht mit der Suche nach einer neuen, absoluteren Machtoption reagiert.

Was in dieser Debatte fast durchweg unterbelichtet bleibt, ist der Preis, den die vermeintliche „Gewinnbarkeit“ in Zeit kostet. Ein Erstschlag, der auf die gleichzeitige Vernichtung landgestützter Interkontinentalraketen und der als unauffindbar geltenden U-Boot-Flotte zielt, muss innerhalb eines Fensters von wenigen Minuten erfolgen – jede Verzögerung gibt dem Gegner die Möglichkeit, seine Waffen vor der Zerstörung noch zu starten. Diese Verkürzung der Entscheidungszeit trifft auf ein System, das zunehmend auf KI-gestützte Sensorauswertung angewiesen ist, um die dafür nötige Geschwindigkeit überhaupt herzustellen. Damit verschiebt sich das eigentliche Risiko: weg von der Frage, ob ein Staat einen Atomkrieg absichtlich beginnt, hin zur Wahrscheinlichkeit, dass ein Fehlalarm in einem Zeitfenster, das für menschliche Prüfung kaum noch Raum lässt, zum unbeabsichtigten Krieg führt. 1983 verhinderte der sowjetische Offizier Stanislav Petrow im Alleingang die Weiterleitung eines automatisch gemeldeten amerikanischen Raketenangriffs, der sich als Sensorfehler herausstellte – nur weil das damalige System ihm die Zeit ließ, den Alarm als unplausibel zu erkennen und zurückzuhalten. Eine Doktrin, die genau diese Zeitreserve als strategischen Nachteil begreift und sie systematisch abbaut, produziert damit nicht mehr Sicherheit, sondern verlagert das Risiko von der bewussten Entscheidung zur Fehlfunktion.

Diese Verschiebung bleibt nicht folgenlos für Dritte. Wo die Erstschlagsoption innerhalb einer Großmacht wieder diskutabel wird, reagieren kleinere und mittlere Staaten mit dem naheliegenden Schluss, dass nur die eigene Bombe noch Sicherheit garantiert.

Deutschland, das sich seit der Wiedervereinigung jeder eigenständigen nuklearen Ambition enthielt, sucht nun eine engere Einbindung in die französische Abschreckung, Polen bringt ein eigenes nukleares Potenzial ins Gespräch, und in Südkorea sprechen sich laut Umfragen deutliche Mehrheiten für ein eigenes Arsenal aus. Das ist keine Panikreaktion, sondern eine rationale Antwort auf eine sich verändernde Grundannahme: Wenn Abschreckung nicht mehr als stabiler Zustand, sondern als überwindbares technisches Problem behandelt wird, verliert jeder Staat ohne eigene Waffen das, was ihm bislang Sicherheit versprach.

Am Ende steht damit nicht die Frage, ob ein bestimmter Akteur in einem bestimmten Moment unvernünftig handelt. Am Ende steht eine Systemlogik: Ein Sicherheitsapparat, der aus konventionellem Scheitern nicht Zurückhaltung, sondern die Suche nach der nächsten technologischen Eskalationsstufe ableitet, wird die Schwelle, an der er heute noch innehält, morgen nicht mehr als Schwelle erkennen.



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Bildquelle: Photo Spirit / shutterstock

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Quellen:

  1. Biden: neue nukleare Einsatzrichtlinie / Russland–China–Nordkorea
    David E. Sanger, The New York Times, „Biden Approved Secret Nuclear Strategy Refocusing on Chinese Threat“, 20. August 2024.
The New York Times
    The Japan Times, Zusammenfassung und Einordnung von Sangers Bericht.
The Japan Times
  2. Nuklearstrategie / Counterforce / Zweitschlagfähigkeit
    Bulletin of the Atomic Scientists, Beiträge zur Entwicklung amerikanischer Nuklearstrategie, Counterforce und strategischer Stabilität.
Bulletin of the Atomic Scientists
    SIPRI, Yearbook 2024, Kapitel zu Nuklearwaffen und strategischer Stabilität.
SIPRI Yearbook
  3. Verwundbarkeit von SSBNs / Unterwasseraufklärung / neue Technologien
    IEEE Spectrum, Analyse zur technologischen Entwicklung und möglichen Verwundbarkeit von Atom-U-Booten.
IEEE Spectrum – Nuclear Submarines
    James M. Acton, Is It a Nuke? Pre-launch ambiguity and nuclear escalation, Carnegie Endowment – zur Problematik neuer Aufklärungs- und Frühwarntechnologien.
Carnegie Endowment
  4. New START / Erosion der Rüstungskontrolle
    U.S. Department of State, Informationen zum New-START-Vertrag.
U.S. Department of State – New START
    Arms Control Association, Überblick über das Auslaufen von New START und die Folgen für die strategische Stabilität.
Arms Control Association
  5. KI, Frühwarnung und nukleare Entscheidungszeiten
    Bulletin of the Atomic Scientists, 2024 Doomsday Clock Statement, zu KI, Frühwarnsystemen und nuklearen Risiken.
Bulletin of the Atomic Scientists – 2024 Doomsday Clock Statement
    UNIDIR, Arbeiten zu künstlicher Intelligenz und nuklearer Entscheidungsfindung.
UNIDIR – AI and Nuclear Weapons
  6. Stanislaw Petrow / Fehlalarm 1983
    U.S. National Park Service, biografische Darstellung Petrows und des sowjetischen Fehlalarms von 1983.
 National Park Service – Stanislav Petrov
    United Nations, Hintergrundmaterial zu nuklearen Fehlalarmen und dem Fall Petrow.
United Nations Office for Disarmament Affairs
  7. Frankreich / Deutschland: nukleare Kooperation
    Élysée-Palast, gemeinsame Erklärung von Emmanuel Macron und Friedrich Merz vom 2. März 2026; Einrichtung einer deutsch-französischen Nuclear Steering Group und Vertiefung der strategischen Kooperation.
Élysée – Joint Declaration Macron/Merz
  8. Polen / nukleares Potenzial
    Tagesschau, Bericht über Karol Nawrockis Äußerungen zur Möglichkeit eines polnischen nuklearen Potenzials.
Tagesschau
  9. Südkorea / öffentliche Unterstützung für eigene Nuklearwaffen
    Asan Institute for Policy Studies, South Koreans and Their Nuclear Options, 2025.
Asan Institute – South Koreans and Their Nuclear Options
    Asan Institute, aktuelle Umfragedaten zur Unterstützung einer südkoreanischen Nuklearbewaffnung.
 Asan Institute

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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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