Über die Grenzen der US-Macht am Golf und Europas gefährliche Sackgasse
Ein Kommentar von Rainer Rupp.
Washington kann drohen, blockieren und bombardieren. Doch kann es seine Verbündeten noch schützen?
In einem auf Substack am 1. Oktober veröffentlichten Gespräch zwischen dem norwegischen Politikwissenschaftler Prof. Glenn Diesen und dem eminenten US-Professor John Mearsheimer zeichnete letzterer das Bild einer Großmacht, deren einstige militärische Überlegenheit zunehmend an politische und praktische Grenzen stößt. Am Persischen Golf sei demnach das amerikanische Sicherheitsversprechen für seine ölreichen „Verbündeten“ unter iranischen Raketenschlägen verpufft.
Zugleich würde es in Europa - selbst nach einem Ende der Kämpfe in der Ukraine - keinen dauerhaften Frieden geben. Beide Krisen verbinde eine unbequeme und uns alle existentiell betreffende Frage: Was geschieht, wenn der Westen an Zielen festhält, die er mit den verfügbaren Mitteln kaum durchsetzen kann und er im Zustand zunehmender Ratlosigkeit Entscheidungen trifft, die uns alle in den Abgrund stürzen?
Am Persischen Golf wächst der Druck
Mearsheimer erkennt in der von ihm beschriebenen Lage am Golf wenig Bereitschaft der Vereinigten Staaten, den Krieg gegen Iran weiter auszuweiten. Selbst iranische Angriffe auf den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus, darunter Berichte über Treffer auf mehrere Schiffe, hätten keine amerikanischen Vergeltungsschläge ausgelöst. Frühere begrenzte Schlagabtausche seien aufgegeben worden. Sie haben zu wenig bewirkt und zugleich knappe und nur langsam oder sogar nur schwer ersetzbare US-Munitionsbestände noch weiter aufgezehrt.
Washington setze deshalb auf Blockade und wirtschaftlichen Druck. Die im Gespräch mit Finanzminister Scott Bessent verbundene Strategie, nämlich mit Hilfe von sekundären Sanktionen Irans Handels- und Geschäftspartner zu bestrafen, soll Iran isolieren und wirtschaftlich so weit schwächen, dass Teheran nachgeben müsste. Doch Prof. Mearsheimer bezweifelt, dass diese Rechnung aufgeht. Denn was die amerikanische Führung als wirtschaftliche Druckmittel betrachtet, könnte die iranische Führung als existenzielle Bedrohung auffassen – und mit weiterer Eskalation gegen die Interessen der USA und ihrer Verbündeten in der Region beantworten.
Teheran habe dafür konkrete Anreize. Nach den im Diesen-Mearsheimer-Gespräch angeführten Angaben sind die Ölverladungen im saudischen Hafen Ras Tanura im Laufe des Septembers von ungefähr 1,5 auf zuletzt 6,5 Millionen Barrel täglich gestiegen. Mehr Öl gelange auf den Weltmarkt, wodurch Irans Hebel gegenüber seinen Gegnern schwächer würde. Um diesen Hebel zurückzugewinnen, könnte Iran den Schiffsverkehr weiter stören oder noch intakt gebliebene Energieanlagen in den Golfstaaten angreifen.
Als mögliche Ziele nennt Mearsheimer Ras Tanura, die noch nicht voll ausgelastete Pipeline quer durch Saudi-Arabien sowie Anlagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait.
Weiter gibt Mearsheimer zu bedenken, dass im September zwar wieder mehr Öl als zuvor fließe, zugleich aber Ölpreise, Anleiherenditen und andere wirtschaftliche Signale weiterhin auf schwere wirtschaftliche Belastungen im Westen hindeuten. Ein größerer Angriff auf die Exportinfrastruktur könnte diese erheblich verschärfen.
Hinzu kämen logistische Probleme der US-Marine. Mearsheimer beschreibt den zerstörten Stützpunkt in Bahrain, der die Fünfte US-Flotte beherbergt hatte, als faktisch ausgefallen. Hinter den selbstbewussten öffentlichen Erklärungen über den angeblich siegreichen Waffengang Trumps gegen Iran vermutet Mearsheimer, dass hinter verschlossenen Türen in Washington erhebliche Besorgnis herrscht. Die Lage könne rasch kippen!
Verbündete mit sehr unterschiedlichen Lasten
Diesbezüglich unterscheidet Mearsheimer deutlich zwischen Europa und dem Golf. Die Unterstützung der Ukraine könnten die Vereinigten Staaten zunehmend den europäischen Regierungen überlassen, weil diese entschlossen seien, ihr Engagement fortzusetzen. Am Golf fehle Washington ein vergleichbarer Partner. Saudi-Arabien, die Emirate und Kuwait hätten weder die militärischen Fähigkeiten, Iran selbst zu bekämpfen, noch eine Tradition eigenständiger Verteidigung gegen einen solchen Gegner. Über Jahrzehnte hätten sie sich auf den amerikanischen Schutzschirm verlassen.
Anders als in Europa könne Washington daher die militärische Last der Konfrontation mit Iran kaum den regionalen Verbündeten aufbürden. Deshalb versuche es vielmehr, weitere Eskalationsstufen zu vermeiden und Iran wirtschaftlich die Luft abzudrücken.
Israel hingegen habe nach Mearsheimers Urteil die anhaltende Auseinandersetzung mit Iran weitgehend auf die Vereinigten Staaten abgewälzt. Nach einem gemeinsamen anfänglichen Bombenkrieg gegen Iran halte sich Israel im Hintergrund, während Washington die fortdauernde Belastung trage. Diesen Rollenwechsel könne die amerikanische Regierung (Trump-Administration und Kongress) wegen des Einflusses der zionistischen Lobby in Washington nicht einfach rückgängig machen.
Die US-Finanz- und Wirtschaftsblockade schmerze Iran durchaus. Schätzungen gingen davon aus, dass iranische Ölvorräte, die sich außerhalb des Landes auf Schiffen befinden, noch bis Dezember reichen könnten. Daraus folge jedoch keine bevorstehende Kapitulation des Irans. Mearsheimer verweist auf wiederholte Drohungen Trumps, Iran zu vernichten. Wer um das Überleben seines Landes, seiner Kultur und seiner Menschen fürchtet, werde sich eher zu Angriffen auf gegnerische Energieanlagen entschließen, als die geforderte Unterwerfung unter das US-Diktat zu akzeptieren, so der US-Professor. Eine vergleichbare Grenze wirtschaftlichen und militärischen Zwangs sieht er gegenüber Russland: Auch Moskau nehme die Vereinigten Staaten als existenzielle Bedrohung wahr und könne und werde nicht einfach aufgeben.
Für Washington entsteht damit ein Dilemma. Greift es Iran an, werden iranische Raketen und Drohnen die wirtschaftlichen Lebensadern seiner Partner treffen mit Folgen für die USA und ihrer europäischen Vasallen. Verzichtet es auf militärisches Eingreifen, müssen diese Partner sich mit Teheran arrangieren. In beiden Fällen würde das amerikanische Sicherheitsversprechen für die Länder in der Region den letzten Rest von Glaubwürdigkeit verlieren.
Die Golfstaaten müssen umdenken
Den gerade stattgefundenen, endgültigen amerikanischen Abzug aus dem Irak deutet Mearsheimer als Teil einer umfassenderen Verringerung der US-Präsenz in der Region. Zugleich hätten sich die US-Stützpunkte am Golf als wesentlich verwundbarer erwiesen als vom Pentagon ursprünglich erwartet.
Ein Wiederaufbau der US-Basen in der Region verspreche wenig dauerhafte Sicherheit. Iran könne künftig noch mehr und präzisere Raketen und Drohnen einsetzen. Auch der Marinestützpunkt in Bahrain werde seine frühere Funktion wahrscheinlich nicht wieder erfüllen. Der amerikanische Schutzschirm, wie er vor Ende Februar 2026 bestanden habe, lasse sich deshalb nach Mearsheimers Einschätzung nicht wiederherstellen. Allerdings könnten weder Russland noch China diese Lücke als Schutzmacht schließen, und wahrscheinlich wollten sie das auch gar nicht. Damit blieben den Golfstaaten vor allem zwei gangbare Wege: eine tragfähige Verständigung mit Iran mit einem regional ausgearbeiteten Sicherheitskonzept unter Wahrnehmung gegenseitiger Interessen ohne Einmischung ausländischer Mächte. Eine solche Verständigung wird übrigens von Iran angeboten als auch von Peking und Moskau unterstützt.
Der zweite gangbare, aber sehr gefährliche Weg der arabischen Golfstaaten zur Kompensierung des verlorenen US-Schutzschirms wäre das Streben nach eigener nuklearer Abschreckung.
Deshalb hält Mearsheimer eine arabisch-iranische Verständigung für die vernünftigere Lösung, die jedoch nicht für alle arabischen Staaten in gleicher Weise akzeptabel wäre. Für den mehrheitlich schiitischen Irak sei eine solche Lösung z.B. leichter als für die sunnitischen Feudalherren. Aber auch Saudi-Arabien müsse einen Modus Vivendi mit Teheran suchen. Eigene saudische Atomwaffen wären schwer zu beschaffen und würden zugleich auf entschiedenen Widerstand der Vereinigten Staaten und Israels stoßen.
In bemerkenswerter intellektueller Ehrlichkeit geht Mearsheimers Kritik an Washington dabei über die von den USA mutwillig verspielte Schutzfunktion für seine Vasallen am Golf hinaus. Viel schwerer wiege, dass die Vereinigten Staaten die Golfstaaten selbstherrlich in den Konflikt hineingezogen haben, ohne diese vorher zu fragen oder auch nur zu informieren.
Warum eine Verständigung mit Iran blockiert bleibt.
Auch für die Vereinigten Staaten selbst wäre ein Ausgleich mit Iran nach Mearsheimers Ansicht rational. Er charakterisiert Teherans militärisches Verhalten überwiegend als Reaktion auf amerikanische oder israelische Aggressionen und erklärt, Iran habe selbst keine Kriege begonnen. Diese Bewertung bildet den Kern seiner Argumente für eine diplomatische Lösung zwischen Teheran und Washington. Das entscheidende Hindernis dagegen sieht er in Israel. Dessen Führung strebe seiner Darstellung nach eine Zerschlagung Irans in kleine und schwächere Nachfolgestaaten an, ähnlich dem von ihm angeführten syrischen Beispiel. Der Einfluss Israels und der mächtigen zionistischen Lobbygruppen in den USA werde leider die amerikanische Nahostpolitik auf absehbare Zeit weiter an diesem Ziel – die Zerschlagung des Iran - ausrichten. Eine stabile diplomatische Lösung, die Washington den Rückzug aus dem Mittleren Osten und eine stärkere Konzentration auf Asien erlauben würde, sei daher schwer vorstellbar.
Dabei gingen amerikanische und israelische Interessen inzwischen weit auseinander. Auch die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten gegenüber Israel habe sich verändert. Einen baldigen grundlegenden Kurswechsel gegenüber Iran erwartet Mearsheimer trotzdem nicht.
In Europa ein russischer Sieg ohne Frieden
Für den Ukrainekrieg erwartet Mearsheimer auch nach einem russischen Sieg einen schwelenden Konflikt. Ein stark geschwächter ukrainischer Reststaat würde – unterstützt von EU-Staaten - dauerhaft feindselige Beziehungen mit Russland schüren. Auch das Verhältnis Russlands zu den Vereinigten Staaten würde belastet bleiben, wenn auch weniger stark.
Besonders die scharfe antirussische Rhetorik in Großbritannien bereitet Mearsheimer Sorgen. Denn europäische Regierungen würden Bedingungen schaffen, die erneute Kämpfe sehr wahrscheinlich machten, obwohl die konventionellen militärischen Möglichkeiten der EU-Staaten begrenzt seien und Russland über ein großes Atomwaffenarsenal verfüge. Washington werde seine Präsenz in Europa reduzieren, aber nicht vollständig aufgeben.
Ein Ende der Kämpfe in der Ost-Ukraine beseitige zudem nicht die Ursachen des Konflikts. Die Erweiterung von NATO und EU sowie die Konkurrenz um Staaten wie Moldau und Georgien könnten ähnliche Spannungen erneut erzeugen. Mearsheimer verweist auch mit großer Sorge auf den NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens, den NATO-Druck auf Kaliningrad und Äußerungen in Finnland über mögliche Angriffe auf Russland. Vorschläge, Streitkräfte gegen Kaliningrad zusammenzuziehen, hält er für abenteuerlich gefährlich. Moskau werde zunehmend in die Enge gedrängt; seine Abschreckung werde nicht ausreichend respektiert.
Zwei Deutungen mit gefährlichen Folgen
Hinter diesen unterschiedlichen politischen Strategien stehen laut Mearsheimer gegensätzliche Erklärungen des Ukrainekriegs. Der norwegische Gesprächspartner Prof Glenn Diesen und Mearsheimer sehen in der NATO- und EU-Erweiterung sowie in sogenannten Farbrevolutionen und Regierungsumstürzen die zentralen Ursachen. Entscheidend sei das westliche Projekt gewesen, die Ukraine zu einem gegen Russland gerichteten Vorposten zu machen und sie für einen Stellvertreterkrieg zu missbrauchen.
Die dominierende westliche Interpretation des Konflikts sieht dagegen in Putin einen imperialen Eroberer, der zunächst die gesamte Ukraine und anschließend weitere Teile Osteuropas unterwerfen wolle. Aus dieser Sicht müsse Russland dauerhaft eingedämmt werden.
Mearsheimer weist diese Deutung zurück. Putin habe nie einen Anspruch auf die Eroberung der gesamten Ukraine oder weiterer Länder erhoben oder auch nur erwähnt. Zudem heißt es in westlichen Darstellungen, dass die russische Armee schwach ist und sie jahrelang darum kämpfen musste, lediglich einen Teil der Ukraine einzunehmen. Zugleich sprechen westliche Darstellungen von enormen russischen Verlusten. Wie passt das in das zeitgleich von westlichen Politikern und Medien gemalte Bild, einer gewaltigen russischen Streitmacht, die ganz Europa überrennen könnte.
Trotzdem sind es solche widersprüchlichen Vorstellungen, die das Denken vieler europäischer Eliten bestimmten. Ein russischer Sieg über die Ukraine würde deshalb als weitere Bestätigung von „Putins Expansionsabsichten“ in Richtung Westuropa dargestellt, so Mearsheimer. Wer dagegen russische Sicherheitsängste gegenüber der NATO-Erweiterung erklärt, werde häufig als Russen-Propagandist denunziert. Diesbezüglich verwies Mearsheimer sogar auf Bestrebungen in Großbritannien derartige „Russen-Versteher“ strafrechtlich zu verfolgen.
Laut Mearsheimer würde eine russische Besetzung Polens oder der Westukraine auf erbitterten Widerstand in der Bevölkerung stoßen, was in der russisch-stämmigen Ost-Ukraine nicht der Fall ist. Zudem gebe es in Russland so gut wie keine Unterstützung für einen Angriff auf Polen. Auch Moskaus wichtigste Partner China und Indien, würden ein solches Vorhaben nicht billigen. Die sowjetischen Erfahrungen in Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen seien eine Warnung vor den Kosten gewaltsamer Kontrolle. Afghanistan und Irak hätten den beiden Großmächten ähnliche Grenzen gezeigt.
Für Mearsheimer liegt darin eine ernüchternde Lehre: Militärische Macht reicht nicht aus, um politische Gefolgschaft zu erzwingen. Während sich das wirtschaftliche Schwergewicht der Welt nach Asien verschiebt, bleiben die Vereinigten Staaten und Europa in Konflikten gebunden, deren nächste Eskalation sie kaum beherrschen können. Ein Ende der Kämpfe wäre ein Anfang. Eine tragfähige Ordnung sei damit aber noch lange nicht geschaffen.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Die geopolitischen Spannungen in der Straße von Hormuz mit der Ölindustrie und der militärische Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran
Bildquelle: Sandinashr / Shutterstock.com
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