Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Während sich die Verhandlungsfront zwischen Washington und Teheran diese Woche erneut in Seitwärtsbewegungen erschöpft, hat sich der Krieg an anderer Stelle bereits ausgeweitet: mit dem gemeinsamen US-saudischen Angriff auf die Hashd al-Shaabi im Irak. Beide Ereignisse – die Verhandlungsstarre und die neue Front – gehören zusammen, und wer sie getrennt betrachtet, versteht keines von beiden richtig.
Die westliche Erwartung, Teheran werde sich unter wirtschaftlichem und militärischem Druck letztlich fügen, beruht auf einem Kategorienfehler: Sie überträgt eine Verhandlungslogik – Druck erzeugt Zugeständnis – auf einen Akteur, für den die strittige Frage keine Verhandlungsmasse, sondern die materielle Grundlage seiner Souveränität selbst ist. Die Straße von Hormuz ist kein Faustpfand, das man gegen Sanktionserleichterungen eintauscht, sondern die konkrete, geografisch fixierte Kontrolle über einen Nadelöhr-Punkt des globalen Ölhandels. Wer diese Kontrolle aufgibt, gibt sein einziges strukturelles Druckmittel gegenüber einer Seite auf, die selbst mehrfach bewiesen hat, dass unterschriebene Vereinbarungen – das Memorandum of Understanding – einseitig gebrochen werden, sobald es opportun erscheint.
Genau diese Erfahrung erklärt die von Teheran verlangte Reihenfolge: erst die Erfüllung bereits eingegangener Verpflichtungen – Rückzug Israels aus dem Libanon, Aufhebung der Blockade, Freigabe der Vermögenswerte –, dann erst die Bereitschaft, über das Nukleardossier zu sprechen. Washington verlangt exakt die umgekehrte Reihenfolge: das Nukleardossier zuerst, alles Weitere später. Diese Nichtübereinstimmung ist kein diplomatisches Missverständnis, das sich durch geschicktere Vermittler auflösen ließe – sie ist der eigentliche Kriegsgegenstand. Es geht, wie sich an der beharrlichen Weigerung Irans zeigt, gar nicht primär um Atomtechnologie, sondern um einen Erdöl- und Petrodollar-Konflikt, um Kontrolle über Transportkorridore und, damit verbunden, um die Frage, ob ein Land außerhalb der westlichen Sanktions- und Kontrollarchitektur ökonomisch und militärisch überlebensfähig bleiben darf.
Dass Iran wiederholt US-Kontaktversuche – über Katar, über Islamabad, über Bagdad – zurückgewiesen hat, bevor diese eigenen Vorbedingungen erfüllt waren, zeigt: Es handelt sich nicht um taktisches Zögern, sondern um eine strukturell begründete, wiederholt bestätigte Position. Eine Seite, die ihr einziges wirksames Druckmittel gegen eine Macht verteidigt, die sich als vertragsbrüchig erwiesen hat, kapituliert nicht – sie kalkuliert, dass jede Alternative zur Kapitulation langfristig günstiger ist als die Kapitulation selbst.
Doch genau diese Unnachgiebigkeit, die sich aus der Vertragsbrüchigkeit der Gegenseite speist, lässt sich von Washington aus nur als Provokation lesen, nicht als legitime Kalkulation. Wo Verhandlungsdruck nicht zum erwarteten Zugeständnis führt, wird er in der amerikanischen Logik nicht überdacht, sondern erhöht – auf einer Eskalationsleiter, die keine kontrollierte Leiter mehr ist, sondern eine Ausweitung des Kriegs auf immer weitere Schauplätze und Statthalter sucht. An die Stelle der Frage "Wie bringt man Iran zur Kapitulation?" tritt praktisch die Frage: Wenn nicht Iran direkt, wer dann? Die Antwort, die sich in den letzten Tagen abzeichnet, ist die gesamte Achse des Widerstands – und an vorderster Front ein Akteur, der dafür kaum geeignet erscheint: Saudi-Arabien.
Der Angriff auf die Volksmobilisierungseinheiten am 29. Juli, bei dem nach Angaben der Hashd al-Shaabi mindestens 20 Kämpfer getötet und 32 verletzt wurden, lässt sich nicht als isolierter Vorfall lesen. Er fügt sich in ein Muster einer geplanten, umfassenden Offensive nicht allein gegen Iran, sondern gegen die gesamte Achse des Widerstands – Ansarallah im Jemen, Hisbollah im Libanon, die Volksmobilisierungskräfte im Irak, Iran selbst. Die Hashd al-Shaabi sind dabei kein Milizen-Konstrukt am Rand der irakischen Staatlichkeit, sondern dem Verteidigungsministerium unterstellt und von der höchsten schiitischen Autorität des Landes getragen. Ein Angriff auf sie ist damit ein Angriff auf irakisches Staatsgebiet – eine Eskalationsstufe, die Washington rhetorisch zu verschleiern versucht, indem es den Angriff als angeblich mit Bagdad abgestimmt darstellt. Diese Behauptung widerlegt sich an der politischen Physik selbst: Eine irakische Regierung, die einem Angriff auf die eigene Sicherheitsstruktur zustimmt, würde ihre Herrschaft nicht zehn Minuten überleben – und tatsächlich hat Bagdad postwendend einen "umfassenden Sicherheitsplan" zur Wahrung der eigenen Souveränität verkündet, statt den Angriff zu decken.
Saudi-Arabiens Rolle darin verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie strategisch kaum zu rechtfertigen ist. Anders als der Irak, der über keine zentralisierte, angreifbare Infrastruktur verfügt, ist Saudi-Arabien selbst extrem exponiert – und zwar nicht in erster Linie, weil seine Luftabwehr versagen würde (die jüngsten Huthi-Raketen auf Yanbu wurden abgefangen), sondern wegen eines viel grundsätzlicheren Konzentrationsrisikos: Nachdem Iran die Straße von Hormuz faktisch blockiert hat, laufen inzwischen 78 bis über 90 Prozent der gesamten saudischen Seeexporte über den einzigen verbliebenen Terminal Yanbu am Roten Meer. Ein Land, dessen komplette Ölwirtschaft von einem einzigen Nadelöhr abhängt, das die Huthis bereits wiederholt unter Beschuss genommen haben, hat sich selbst in eine Lage manövriert, in der ein einziger erfolgreicher Treffer – nicht zwingend militärisch, sondern über die bloße Versicherungs- und Reederrisiken – die Exportfähigkeit des Königreichs lahmlegen kann. Ein Land mit rund zwanzig Millionen eigenen Staatsbürgern, von denen ein erheblicher Teil dem Haus Saud ablehnend gegenübersteht, zehn Millionen Arbeitsmigranten ohne Bindung an den Ausgang dieses Konflikts und umgeben von jemenitischer, irakischer und iranischer Bevölkerung in dreistelliger Millionenzahl, öffnet hier – nahezu ohne erkennbaren militärischen Nutzen – eine dritte Front neben Jemen und Iran. Das lässt sich kaum anders lesen denn als Bereitschaft, das eigene ökonomische Überleben der amerikanischen Gesamtstrategie unterzuordnen, in der Erwartung eines Schutzes, den die USA selbst – siehe die Beliebigkeit im Umgang mit dem Memorandum of Understanding gegenüber Iran – wiederholt als unzuverlässig erwiesen haben.
Dass ausgerechnet Riad bereit ist, dieses Risiko einzugehen, verweist auf ein tieferliegendes Problem: Es ist nicht erkennbar, dass hinter dieser dritten Front überhaupt eine kohärente Gesamtrechnung steht – weder auf saudischer noch auf amerikanischer Seite. Was diesen "großen Schlag" von einer klassischen, kalkulierten Eskalation unterscheidet, ist eben das Fehlen einer erkennbaren strategischen Rückfallebene in Washington. Es gibt keine zentrale Koordination mehr, sondern mehrere Schauplätze, die sich zunehmend zu demselben Krieg verdichten – geführt von einer Administration, die Eskalation als Verhandlungsinstrument einsetzt, ohne die materiellen Realitäten (schwindende Ölversorgung, begrenzte Munitionsreserven, wirtschaftliche Erschöpfung) in ihre Kalkulation einzupreisen.
Am Ende schließt sich damit der Kreis zur Ausgangsthese: Gerade weil Iran nicht kapitulieren wird – weil sein Druckmittel keine Verhandlungsposition, sondern seine materielle Souveränität selbst ist –, bleibt Washington nur die horizontale Ausweitung des Kriegs auf immer neue Statthalter und Schauplätze, statt der vertikalen Eskalation gegen Iran direkt, die sich als wirkungslos erwiesen hat. Doch diese Ausweitung löst die Fehlkalkulation nicht, sie verteilt sie nur: Wer an einem Schauplatz nicht gewinnen kann, weil der Gegner strukturell nicht kapitulieren wird, gewinnt auch nicht dadurch, dass er denselben Kategorienfehler auf drei weitere Schauplätze überträgt. Der "große Schlag gegen die Achse des Widerstands" ist damit weniger Ausdruck von Stärke als Symptom eines Hegemons, der taumelnd expandiert, weil ihm ein kohärenter Rückzugsplan fehlt.
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Bildquelle: Irak, Miliz Hashd al-Shaabi / AI shutterstock
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Quellen:
Al Jazeera: Iraqi armed groups condemn 'dangerous escalation' after US-Saudi strikes (29.07.2026) — https://www.aljazeera.com/news/2026/7/29/saudi-arabia-us-carry-out-strikes-on-iran-backed-groups-in-iraq
Arab News: Saudi Arabia strikes Iran-backed Iraqi militia (29.07.2026) — https://www.arabnews.com/node/2652631/saudi-arabia
The Globe Post: US, Saudi Strike Iraq Alliance in Expanding War (29.07.2026) — https://theglobepost.com/2026/07/29/us-saudi-strike-iraq/amp/
France 24: US to hit Iran 'hard' after attack on bases in Jordan, Trump says — Live-Blog (29.07.2026) — https://www.france24.com/en/middle-east/20260729-live-us-and-saudi-arabia-launch-strikes-on-iraq-target-iran-allies
Courthouse News Service: US-Saudi strikes in Iraq kill 20, including Iranians (29.07.2026) — https://courthousenews.com/us-saudi-strikes-in-iraq-kill-20-including-iranians/
TechTimes: Houthi Strike Burns Jizan Aramco Refinery; Yanbu Attack Seals Saudi Arabia's Oil Trap (25.07.2026) — https://www.techtimes.com/articles/321583/20260725/houthi-strike-burns-jizan-aramco-refinery-yanbu-attack-seals-saudi-arabias-oil-trap.htm
Türkiye Today: Houthis claim strikes on Aramco sites in Saudi Arabia's Jizan, Yanbu (25.07.2026) — https://www.turkiyetoday.com/region/aramco-refinery-in-jazan-burns-after-houthi-missile-and-drone-strike-3224596
Daily Sabah: Saudi Arabia intercepts Houthi missiles targeting oil refineries (25.07.2026) — https://www.dailysabah.com/world/mid-east/saudi-arabia-intercepts-houthi-missiles-targeting-oil-refineries/amp
CNBC: Saudi military strikes Houthi targets in Yemen after Iran-backed militia attacked Red Sea shipping (25.07.2026) — https://www.cnbc.com/2026/07/25/saudi-military-strikes-iran-backed-houthi-targets-yemen.html
Transition Protocol (Escobar/Johnson/Magnier), Sendung vom 29.07.2026 — als Quelle für nicht unabhängig verifizierte Insider-Angaben (pakistanische Vermittlerrolle, jemenitischer Geheimdienst, Details zum Araghchi-Gespräch)
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