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Der Grönland-Deal und der Spiegel im Indischen Ozean | Von Dirk Ellerbrock

Der Grönland-Deal und der Spiegel im Indischen Ozean | Von Dirk Ellerbrock

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Und was er über den taumelnden Hegemon verrät

Wochenlang war Grönland ein Schauspiel. Im Januar erklärte Trump, die USA würden die Insel „auf die eine oder andere Weise“ erwerben, und schloss den Einsatz von Gewalt nicht aus. Es folgten Memes, KI-Bilder, Gerede vom 51. Bundesstaat und ein Europa, das sich empört und entsetzt zeigte. Dann kam der Schluss, unspektakulär: Am 22. September unterzeichneten Trump, die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen und Grönlands Regierungschef Jens-Frederik Nielsen am Rande der UN-Generalversammlung in New York ein Sicherheitsabkommen. Eine Übernahme ist das nicht. Aber es ist etwas, das für die Frage nach der Macht mehr verrät als eine Annexion. ligaeuronews

Was tatsächlich vereinbart wurde

Nach den veröffentlichten Vereinbarungen darf die US-Armee ihre Präsenz deutlich ausbauen: Die Pituffik Space Base wird modernisiert und erweitert, dazu kommen neue Verteidigungszonen bei Narsarsuaq und Mestersvig. Die USA bekommen freien Zugang und freie Bewegung zwischen allen Verteidigungsgebieten, einschließlich der Territorialgewässer und des Luftraums. Trump selbst betonte, das Abkommen habe kein Ablaufdatum. Berichten zufolge bleibt es auch dann bindend, wenn Grönland eines Tages unabhängig wird, und Staaten außerhalb der NATO wie China und Russland dürfen dort weder Stützpunkte bauen noch Investitionen tätigen, die Washington als Sicherheitsrisiko einstuft. groenland deal usa militaer +4

Wichtig ist der Vergleich mit dem, was schon vorher galt. Seit 1951 gab es ein Abkommen, das den USA die militärische Nutzung Grönlands erlaubt, einschließlich Bau von Anlagen, Stationierung von Soldaten und Kontrolle über Schiffe und Flugzeuge. Rechtlich hätte Washington also schon vieles gedurft. Im Kalten Krieg unterhielten die USA 17 Militäreinrichtungen mit über 10.000 Soldaten auf der Insel, heute ist es nur noch Pituffik mit etwa 150. Neu ist daher nicht die Möglichkeit, sondern deren Dauer und Absicherung. Was bisher Nutzungsrecht auf Zeit war, wird zu einer Dauerposition, die sogar einen künftigen unabhängigen Staat bindet. webliga

Souveränität hängt am Schutz

Formal bleibt Grönland dänisch, und Nielsen sprach davon, das Abkommen erkenne Grönlands Interessen an. Trotzdem lässt sich an dem Vorgang eine Regel ablesen, die in der Sonntagsrhetorik der Staatenwelt gern vergessen wird: Souveränität geht mit dem Schutz einher. Ein Gebiet, das sich nicht selbst schützt, sondern schützen lässt, verfügt nicht mehr über das Entscheidende. Wer den Schutz stellt, entscheidet, wer bleibt, wer kommt und wer investiert. Die Klausel über die Unabhängigkeit macht das Prinzip sichtbar: Ein freies Grönland wäre ein Staat mit Flagge und Regierung, aber ohne Zugriff auf den Kern seines Territoriums. gazettengr

Eine weitere Konsequenz liegt nahe. Die Vereinbarung macht eine spätere Annexion nicht nötig, aber billig. Wo amerikanische Truppen ohnehin das Gebiet kontrollieren, braucht es keinen Krieg mehr, sondern nur noch eine Entscheidung in Washington.

Wozu das Theater?

Die naheliegende Frage lautet: Warum diese Inszenierung, wenn eine stille Absprache gereicht hätte? Dänemark hätte kaum Nein gesagt. Ich halte es für einen Fehler, dafür einen Plan zu unterstellen, ein Drehbuch der Globalisten oder des tiefen Staates. Dafür gibt es keinen Beleg, und man muss es auch nicht wissen. Die Wirkung genügt.

Die Wirkung war eine dreifache Disziplinierung. Erstens lernten die Europäer, dass ihr Widerstand nichts kostet, weil er nichts ändert. Zweitens wurde die Annexion als Option in die Welt gesetzt, ohne sie ziehen zu müssen. Drittens konnte Trump zu Hause eine Geschichte von Stärke erzählen. Dass es dagegen in den USA kaum Widerstand gab, spricht dafür, dass es sich um kein Sonderprojekt eines Präsidenten handelt, sondern um ein altes Interesse der politischen Klasse.

Bemerkenswert ist die europäische Reaktion. Die Regierungen, die Frederiksen zur Nachgiebigkeit drängten, folgten einer Logik, die sich aus ihrer Feindbildordnung ergibt. Wer Russland als Existenzbedrohung behandelt, kann sich einen Streit mit dem Beschützer nicht leisten. Also wird das Souveränitätsopfer zur Bündnisleistung umgedeutet. Das ist kein Zufall der Personen, sondern die Konsequenz des Betriebssystems.

Umbau statt Rückzug

In einer Sendung des Kanals The Duran wurde die These vertreten, Grönland markiere einen Wechsel der Aufgabe. Früher sicherten US-Truppen Europa und hielten es dabei zugleich unter Kontrolle. Grönland dagegen dient dem Schutz des amerikanischen Kernraums: Wer die Insel kontrolliert, kann den Nordatlantik für Gegner sperren. Dahinter stehe der Streit im Pentagon zwischen jenen, die Europa als Last sehen und die Ressourcen auf die eigene Hemisphäre und den Pazifik konzentrieren wollen (die Linie um Elbridge Colby), und den alten Atlantikern, die Europa als Machtbasis halten wollen. Das ist eine plausible Lesart, aber die Sendung belegt sie nicht, sie deutet sie. Als Arbeitshypothese ist sie fruchtbar.

Sie erklärt auch, warum sich Europas Eliten nicht vor Russland fürchten müssen, um nervös zu sein. Was sie umtreibt, ist die Vorstellung, dass Washington eines Tages nach eigener Interessenlage geht. Die Kriegsangst leistet dafür mehrfach Dienst: Sie hält die Europäer gefügig, bindet in ihrer Wahrnehmung die Amerikaner an den Kontinent und erlaubt den eigenen Regierungen mehr Kontrolle nach innen. Und sie hat eine materielle Seite. Wenn Thinktanks, Stiftungen und Programme auf US-Geld angewiesen sind, wird jede Kürzung zur Existenzfrage einer ganzen Schicht. In der Sendung fiel dafür das Wort vom Gehaltscheck, und es trifft.

Der Spiegel im Indischen Ozean

Dasselbe Muster zeigt sich tausende Kilometer weiter südlich. Diego Garcia, die britisch-amerikanische Basis im Chagos-Archipel, ist für Washington offenbar unverzichtbar. Trump selbst nannte sie beim Treffen mit dem britischen Premier Andy Burnham am Rande der UN-Generalversammlung ein „sehr, sehr strategisches“ Gelände und verwies darauf, dass B-2-Bomber für den Schlag gegen Iran aus Missouri anfliegen mussten, statt näher stationiert zu sein. Die Vereinbarung von 2025, wonach die Souveränität über die Inseln an Mauritius übergeht und Großbritannien Diego Garcia per 99-jähriger Pacht behält, nannte er „schrecklich“ und „lächerlich“. Die Umsetzung ist wegen des US-Widerstands ausgesetzt, und Burnham sagte, er suche alles Mögliche, um eine Lösung zu finden. Trump tells UK’s Burnham: ‘We can do business’ — but blasts ‘terrible’ Chagos deal +4

Man muss hier vorsichtig sein: Aus Trumps Einwand folgt nicht, dass die USA die Inseln kaufen wollen. Aber das Muster ist dasselbe wie in Grönland. Wo Land umstritten und politisch teuer wird, geht es um die Stützpunkte, die man nicht hergibt. Vijay Prashad sieht im Golf einen schrittweisen Rückzug der USA von exponierten Vorposten, eine Verlagerung in den Indischen Ozean, keinen Zusammenbruch. Das ist seine Einschätzung, keine gesicherte Tatsache. Sie fügt sich aber zu dem, was sich in Grönland belegen lässt.

Wer geht, schließt ab

„Taumeln“ heißt nicht „fallen“. Ein Hegemon, der taumelt, verliert an Bewegungsspielraum, und je enger dieser wird, desto genauer entscheidet er, was er hält. Die Lehre aus Grönland und dem Chagos-Streit lautet: Die USA räumen nicht ab, sie ordnen um. Landpositionen, die viel kosten und wenig einbringen, werden geräumt oder verhandelt. Was Seewege sichert, wird verriegelt, und zwar so, dass es Unabhängigkeitserklärungen, Regierungswechsel und Parlamentsvoten überdauert.

Europas Eliten wissen das oder ahnen es, und deshalb erzählen sie sich Geschichten von Russland, die sie zugleich beschäftigen und beruhigen. Ein Hausherr, der auszieht, wirft den Schlüssel nicht weg. Er schließt ab.

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Bildquelle: Mohd Aul / shutterstock

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Quellen (zum Anhängen)

  • Euronews (de), „Grönland-Deal: Keine Übernahme, aber freie Hand für US-Militär“, 22.09.2026
  • ITV News, „US to build two new military bases in Greenland under deal with Denmark“, 22.09.2026
  • The Gazette (Nigeria) / CNN-Material, „Trump says U.S., Denmark reach deal on Greenland's security“, 19.09.2026
  • Oman Observer, „US and Denmark reach deal on Greenland“, 19.09.2026
  • Reuters (via Liga.net), zum Ausbau der US-Präsenz auf Grönland
  • web.de/krux, zum Abkommen von 1951
  • Gulf News und Ground News, „Trump tells UK's Burnham: ‚We can do business'“, 22./23.09.2026
  • The Week, „Morning Report“, 23.09.2026
  • Transkripte: The Duran (Grönland-Deal) und Vijay Prashad bei Transition Protocol (September 2026)

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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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