Imperiale Überdehnung führt zum Scheitern des US-Iran-Kriegs
Ein Kommentar von Rainer Rupp.
Die vorläufige Bilanz des brutalen, unprovozierten, völkerrechtswidrigen US-israelischen Angriffskrieges gegen Iran zeichnet das Bild eines scheiternden Imperiums und einer Weltordnung im Umbruch. Der bisherige Misserfolg des Krieges lässt sich nicht an erobertem Territorium messen, sondern an den zerstörten geo-strategischen „Gewissheiten“, auf denen die hegemoniale US-Weltordnung aufgebaut war, und die durch Irans resoluten und erfolgreichen Widerstand in ihren Grundfesten erschüttert worden ist.
Die Vereinigten Staaten gingen aus einer Position jahrzehntelanger globaler Vorherrschaft in den Krieg und vertrauten dabei sowohl auf ihre militärische Machtprojektion als auch auf ihre wirtschaftlichen und finanziellen Druckmittel. Nach der Auflösung der Sowjetunion hatten die USA ihre Interessen weltweit mithilfe von Sanktionen, politischen Umstürzen und „Farbrevolutionen“, begrenzten Militärinterventionen und langwierigen Kriegen durchgesetzt. Diese Epoche prägte eine politische und strategische Führungsschicht, die sich an eine nahezu unangefochtene amerikanische Vormachtstellung gewöhnt hatte.
Der Krieg gegen Iran offenbarte jedoch eine zunehmend große Kluft zwischen den hegemonialen Ansprüchen Washingtons und seinen tatsächlich verfügbaren militärischen, industriellen und gesellschaftlichen Fähigkeiten. Unter anderem fehlen wichtige Ressourcen (z.B. „seltene Erden“) sowie ausreichende industrielle und militärtechnologische Kapazitäten, um in einem Krieg, der länger als ein paar Wochen dauert, durchzuhalten. Gleichzeitig haben neue, vergleichsweise kostengünstige Waffensysteme die Bedingungen moderner Kriegführung verändert. Insbesondere Drohnen sowie präzise und weitreichende Anti-Schiffraketen ermöglichen es wirtschaftlich schwächeren, aber gesellschaftlich resilienten Staaten, der traditionellen militärischen Überlegenheit des Westens wirksamer entgegenzutreten.
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bei den amerikanischen Flugzeugträger-Angriffsgruppen. Sie bildeten lange einen zentralen Pfeiler der globalen militärischen Machtprojektion der Vereinigten Staaten und zugleich ein Instrument politischer Erpressung mit dem Aufbau von Drohkulissen. Durch billige, zielgenaue und zunehmend weitreichende Anti-Schiffsraketen sowie hochmobile Flugkörper ist deutlich geworden, dass die Ära der Flugzeugträger zu Ende geht.
Der russische Verteidigungsminister hatte die Entwicklung bereits vor zehn Jahren angekündigt, als er sagte: „Wir brauchen keine Flugzeugträger, wir brauchen ein billiges, zuverlässiges Mittel, Flugzeugträger zu versenken“. Russland und China haben dieses Ziel schon vor einigen Jahren erreicht, aber nun hat es auch die Regionalmacht Iran geschafft. Der Rückzug, beziehungsweise die Verlagerung amerikanischer Seestreitkräfte aus dem Persischen Golf kann daher als Beleg einer umfassenderen strategischen Niederlage der US-Seestreitkräfte gesehen werden.
Iran hat den amerikanischen Angriff überstanden, ohne seine staatliche Souveränität einzubüßen, während das iranische Atomprogramm intakt geblieben ist.
Auch die Situation rund um die Straße von Hormus ist Ausdruck dieses veränderten Kräfteverhältnisses. Das zeigen auch die Ereignisse der letzten Tage.
Einer Anweisung und „Schutzgarantien“ des US-Oberkommandos „CENTCOM“ folgend waren einige Tanker und Frachtschiffe bereit, den Warnungen Irans zu trotzen und entlang der Oman zugewandten Seite die Straße von Hormus zu durchfahren.Sie wurden von iranischen Raketen gestoppt, obwohl CENTCOM zuvor Iran mit Feuer und Schwefel gedroht hatte, falls es die Schiffe aufhalten würde. Doch die zuvor bombastisch angekündigte CENTCOM-Vergeltung und die nachfolgend von Trump angedrohten US-Großangriffe gegen Iran blieben bis heute aus. Stattdessen droht das Trump-Regime Iran mit einem Wirtschafts- und Finanzkrieg ein Armageddon an.
Ganz offensichtlich sind die Berichte über leere US-Arsenale von Raketen und anderen Abstandswaffen wahr, die inzwischen auch Eingang in US-Medien wie die New York Times gefunden haben. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass nicht nur die US-Seestreitkräfte einen zentralen Teil ihrer traditionellen Angriffsfähigkeit verloren haben, sondern auch die US-Luftwaffe, weil es ihr einerseits an Abstandswaffen fehlt und sie andererseits die Fähigkeit der iranischen Luftabwehr kennen gelernt hat, die bisher an die 40 superteure US-Maschinen abgeschossen oder auf dem Boden zerstört hat.
Die militärische Überdehnung des US-Imperiums ist zugleich mit strukturellen Problemen der amerikanischen Rüstungsindustrie verbunden. Die Bestände wichtiger Waffensysteme sind stark beansprucht worden und selbst der Schutz eigener Stützpunkte, geschweige denn verbündeter Staaten, die in Reichweite iranischer Raketen sind, ist nahezu unmöglich geworden. Als Pläne der US-Luftwaffe bekannt wurden, Basen in Zypern und in Rumänien für Angriffe gegen Iran zu benutzen, wurden die beiden Staaten vom iranischen Außenminister gewarnt, dass sie sich damit zum legitimen Ziel für iranische Raketen machen.
Insgesamt verfügt die imperiale Reichweite des US-Militärs nicht mehr über einen hinreichenden militärisch-industriellen Rückhalt. Damit wird eine Strategie, die auf weltweiter militärischer Präsenz und der Fähigkeit zur gleichzeitigen Abschreckung verschiedener Gegner beruhte, zunehmend schwer aufrechtzuerhalten.
Als besonders drastisches Symbol dieser Krise kann die Meuterei an Bord der USS Abraham Lincoln gedeutet werden, bei der jüngsten Berichten zufolge sogar sieben Seeleute ums Leben gekommen sein sollen. Das Ereignis auf der Lincoln und die Reaktion Washingtons darauf deutet auf eine zerbrochene Kommandostruktur, eine Verkörperung einer Strategie, deren Überdehnung schließlich auch ihre eigenen militärischen Strukturen erfasst hat. In Verbindung mit den oben beschriebenen technologischen Veränderungen entsteht das Bild einer US-Seemacht, deren teuerste und sichtbarste Instrumente angesichts asymmetrischer Kriegführung des Iran zunehmend verwundbar erscheinen.
Die Krise beschränkt sich jedoch nicht nur auf die militärische Ebene. Auch die wirtschaftlichen Grundlagen amerikanischer Macht sind im Schwinden begriffen, vor allem mit Blick
- auf die hohe Verschuldung der US-Regierung (40 Billionen 40.000.000.000.000 Dollar und 120% des US-BIP)
- auf die zunehmend labile Position des US-Dollar als Welt-Währungsreserve und
- auf die Erosion jener finanziellen Machtmittel, die Washington über Jahrzehnte neben seiner militärischen Überlegenheit eingesetzt hat, wie z.B. die US-T-Bonds
Vor diesem Hintergrund hat die US-Politik des „maximalen Drucks“ gegen Iran ihr Ziel verfehlt. Statt Iran zu isolieren, haben diese Maßnahmen „die Achse des Widerstands“, nämlich die regionale Opposition gegen die Vereinigten Staaten verstärkt und international zugleich den Ausbau einer alternativen BRICS-Finanzarchitektur sowie damit den Niedergang der Dollar-Dominanz beschleunigt.
Iran erscheint in diesem Zusammenhang nicht lediglich als Staat, der einen Angriff überstanden hat, sondern als Akteur, dessen internationale Handlungsmöglichkeiten sich erheblich erweitert haben. Teheran treibt seine Einbindung in die neue BRICS-Entwicklungsbank voran, vertieft global seine diplomatischen Beziehungen und arbeitet gemeinsam mit Moskau an Cyber-Schutzstrukturen. Die angestrebte stärkere Einbindung in die BRICS-Strukturen wird dabei als Bestandteil einer umfassenderen Verschiebung der internationalen Ordnung verstanden, in der alternative politische und finanzielle Netzwerke an Bedeutung gewinnen.
Parallel zu dieser außenpolitischen Entwicklung spielen auch die innenpolitische und gesellschaftliche Krise der Vereinigten Staaten eine Rolle. Laut Umfragen lehnen inzwischen zwei Drittel der amerikanischen Öffentlichkeit den Iran-Krieg ab. Diese Ablehnung in der Gesellschaft hat jedoch nur begrenzten Einfluss auf die Entscheidungen der politischen US-Führungselite, die in den Taschen der globalistischen Geldaristokratie steckt. Während die politische Elite weiterhin an den hegemonialen Zielsetzungen der Globalisten festhält, steht diese Politik in zunehmendem Widerspruch mit den für die USA tatsächlich verfügbaren Ressourcen.
Zu den strategischen, wirtschaftlichen und politischen Krisen kommt eine moralische Krise hinzu, die nicht nur die US-Gesellschaft spaltet, sondern auch im gesamten kollektiven Westen die Fundamente der eigenen Werte und Identität untergräbt. Die beschwichtigenden Reaktionen auf den zionistischen Genozid in Gaza haben diese Doppelmoral der Eliten im kollektiven Westen für alle Welt deutlich gemacht. Im globalen Süden werden in Zukunft westliche Ermahnungen über die Einhaltung von Menschenrechten nur noch als perverse Lachnummer wahrgenommen werden. Damit wird der militärische, politische und wirtschaftliche Machtverlust der Vereinigten Staaten und seiner NATO-Vasallen mit einem globalen Verlust moralischer Glaubwürdigkeit noch verstärkt.
Fazit
Der Iran-Krieg sollte nicht als isolierte militärische Episode, sondern als Ausdruck eines umfassenderen Prozesses imperialer Überdehnung des US-Hegemons gesehen werden. Die traditionellen Instrumente amerikanischer Macht – Flugzeugträgerverbände, Sanktionen, finanzielle Dominanz und die Fähigkeit zur politischen Disziplinierung von Verbündeten – sind erheblich geschwächt worden oder haben komplett an Wirksamkeit verloren. Gleichzeitig haben militär-technologische Veränderungen die Eintrittskosten asymmetrischer Gegenwehr gegen den US-Bully und seine NATO-Schläger gesenkt und damit Staaten des Globalen Südens zusätzliche Möglichkeiten eröffnet, sich westlichem militärischen Druck zu widersetzen.
Die entscheidende Ironie der jüngsten globalen Entwicklungen besteht darin, dass die materiellen Grundlagen für die Bewahrung der so genannten „regelbasierten Ordnung“ der Vereinigten Staaten bereits ausgehöhlt sind und auch nie wieder zurückkommen werden. Während Washington an Instrumenten einer vergangenen Phase unipolarer Dominanz festhalten will, sind die enormen Kosten dieser Strategie in Form erschöpfter militärischer Ressourcen, gesellschaftlicher Spannungen, wirtschaftlicher Schwächung und internationaler Entfremdung sichtbar geworden. Iran dagegen hat nicht nur seine staatliche Souveränität bewahrt, sondern ist in jeder Beziehung gestärkt aus dieser Krise hervorgegangen. Es hat seine Raketen weiterentwickelt, seine diplomatischen Beziehungen global weiter ausgebaut und seine Annäherung an die BRICS-Strukturen vorangetrieben.
Diesbezüglich ist der US-israelische Krieg gegen den Iran nicht nur ein gescheiterter Feldzug, sondern ein Symptom für das Ende einer Epoche, in der Washington militärische, wirtschaftliche und politische Überlegenheit nahezu selbstverständlich miteinander verbinden konnte. In der neuen, sich abzeichnenden Epoche hat nun der globale Süden die Chance - zunehmend unbehindert durch die USA und den Westen - zusammen mit China und Russland eine neue Weltordnung - ohne Hegemon - aufzubauen.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Der Kapitalaufbau in den Vereinigten Staaten, der mit Daten aus dem digitalen Börsenticker überlagert ist, veranschaulicht den starken Einfluss von Regierungsentscheidungen auf die nationalen Finanzmärkte
Bildquelle: QQMinh88 / shutterstock
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