Wenn niemand den Krieg gegen Russland planen muss | Von Dirk Ellerbrock

Wenn niemand den Krieg gegen Russland planen muss | Von Dirk Ellerbrock

Von Bill Browder über die City of London bis in den Donbass: Warum die Erzählung vom Kriegsplan beruhigt und die Struktur dahinter nicht

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Alex Krainer erzählt im Gespräch mit Pascal Lottaz von seinem Buch über Bill Browder, und diese Geschichte lädt dazu ein, sie als Drehbuch zu lesen. Ein Autor beschädigt einen mächtigen Zeugen, das Buch verschwindet bei Amazon, dahinter steht ein Netzwerk aus Finanzkreisen, Geheimdiensten und Politik. Wer so erzählt, braucht jemanden, der das Stück geschrieben hat. Krainer liefert ihn mit seiner „Master-Blaster-Konstellation“, in der London lenkt und Washington zuschlägt. Das ist eingängig und erklärt weniger, als es verspricht. Wer genauer hinsieht, findet etwas Unbequemeres: einen Krieg, den niemand beschlossen haben muss, weil das System ihn braucht.

Die Konstellation

Beginnen wir bei der Großbank HSBC. Im Dezember 2012 einigte sie sich mit der US-Justiz auf einen Vergleich von rund 1,9 Milliarden Dollar, weil sie Gelder mexikanischer Drogenkartelle gewaschen und Sanktionen gegen den Iran umgangen hatte. Die Anklage wurde nicht erhoben, sondern aufgeschoben, im Fachjargon ein „Deferred Prosecution Agreement“: Die Bank verpflichtet sich zu Auflagen, danach wird das Verfahren eingestellt. Niemand musste vor Gericht. Ein Bericht der republikanischen Mitarbeiter des Finanzausschusses im US-Repräsentantenhaus von 2016 zeigt, dass Beamte des Justizministeriums die Empfehlung ihrer Staatsanwälte, die Bank anzuklagen, überstimmten, nach Warnungen des britischen Finanzministers Osborne und der britischen Finanzaufsicht vor den Folgen für die Finanzstabilität. Osborne bestreitet, sich in das Verfahren eingemischt zu haben, sein Brief ging an die amerikanische Notenbank. Der Fall belegt keinen Befehl aus London, sondern die Logik der Systemrelevanz: Wer zu groß ist, um ihn zu bestrafen, wird geschont.

Im selben Jahr 2012 verabschiedete der US-Kongress das Magnitsky-Gesetz, das Sanktionen gegen russische Amtsträger ermöglicht. Es beruht auf der Darstellung von Bill Browder, dem Gründer des Hedgefonds Hermitage Capital, über den Tod seines Anwalts Sergej Magnitzki in russischer Haft. Browders früher Geldgeber Edmond Safra hatte 1999 seine Bank an HSBC verkauft. Dieselbe Finanzwelt wurde in einem Fall geschont und lieferte im anderen das Material für ein Sanktionsinstrument gegen Russland.

Tony Blair gehört in dasselbe Bild. Als Premierminister umwarb er den frischen Präsidenten Putin, 2003 folgte ein Staatsbesuch in London. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt wurde er Berater bei JPMorgan und beim Versicherer Zurich. Staatsamt und Finanzsektor gehen hier ineinander über, man spricht von einer Drehtür. Wo beides so ineinandergreift, braucht es keine Verschwörung, damit sich Feindbilder und Verwertungsinteressen gegenseitig stützen.

Der größere Raum: die Ukraine

Dass Verwertungsinteressen und Sicherheitsapparate in der Ukraine ineinandergreifen, zeigt eine Abfolge, die kaum bestritten wird. Im Januar 2013 unterzeichneten der damalige Präsident Janukowytsch und der Shell-Chef Voser in Davos einen auf fünfzig Jahre angelegten Vertrag über die Erschließung des Schiefergasfelds Juziwska in den Gebieten Charkiw und Donezk, im Wert von rund zehn Milliarden Dollar. Chevron im Westen des Landes und ein Konsortium um ExxonMobil vor der Schwarzmeerküste sicherten sich vergleichbare Rechte. Gemeint waren sogenannte Produktionsteilungsverträge: Der Konzern investiert, fördert und teilt sich den Ertrag mit dem Staat. Im Februar 2014 stürzte Janukowytsch, und gerade die gasreichen Regionen im Osten verweigerten sich dem neuen Regime. Die Förderzone wurde zum Kriegsgebiet.

Was folgte, ist einzeln dokumentiert: Mitte April 2014 der Besuch des damaligen CIA-Direktors Brennan in Kiew, den das Weiße Haus erst auf russische Vorwürfe hin bestätigte und als Routine bezeichnete, Ende April ein Kredit des Internationalen Währungsfonds über 17 Milliarden Dollar an die neue Regierung, im Mai die Berufung von Hunter Biden in den Vorstand des Energiekonzerns Burisma. Hinzu kommt ein Geheimdienst, der ukrainische Spezialkräfte ausbildet, nach den Berichten von Yahoo News seit 2015, nach der New York Times seit etwa 2016, und britische Ausbilder, die ebenfalls seit 2015 im Land sind.

Warum aber verbindet sich das mit Finanzinteressen? Weil der außerbörsliche Derivatehandel, also Wetten und Absicherungsgeschäfte ohne Börse, den ein kleiner Kreis von Großbanken um die City of London beherrscht, ständig neue werthaltige Sicherheiten braucht. Sicherheiten sind Vermögenswerte, die ein Schuldner hinterlegt, damit der Gläubiger im Ausfall zugreifen kann: Öl, Gas, seltene Erden, Lithium. Bleibt der Nachschub aus, drohen Nachschussforderungen, Notverkäufe und im Extremfall eine Kernschmelze, wie sie 2008 mit verbrieften Schrottimmobilien schon einmal eintrat. In dieser Lesart war der Donbass 2014 kein Randkonflikt, sondern ein Sicherheitenausfall: Was in Davos gesichert worden war, ließ sich nicht mehr verbuchen.

Zwölf Jahre später steht der Zugriff offen im Gesetz. Der amerikanisch-ukrainische Rohstoffvertrag leitet die Hälfte der künftigen Einnahmen aus neuen Förderlizenzen in einen gemeinsamen Fonds mit Washington, und die Lithiumlagerstätte Dobra ging im Januar 2026 an ein Konsortium um einen engen Vertrauten Donald Trumps. Schätzungen zufolge liegt ein Fünftel der ukrainischen Bodenschätze inzwischen unter russischer Kontrolle, der Frontverlauf entscheidet also mit darüber, welche Lagerstätten überhaupt noch als Sicherheit taugen. Der Krieg hat die Landkarte der Verwertbarkeit neu gezeichnet.

Wie selbstverständlich der Zusammenhang schon 2014 mitgedacht wurde, deutet eine Mail an, die Jeffrey Epstein am 18. März 2014 an die Bankerin Ariane de Rothschild schrieb, als diese über die Lage in der Ukraine sprechen wollte: Der Umbruch in Kiew werde viele Möglichkeiten eröffnen. Sie stammt aus den 2026 veröffentlichten Akten des US-Justizministeriums, beweist keine Anstiftung und ist hier nur als Beleg für den Tonfall im Finanzgewerbe gemeint.

Die Machtpolitik liefert die zweite Seite, und hier spricht ein Beteiligter offen. Jeffrey Sachs, der Ökonom, der in den neunziger Jahren Regierungen in Osteuropa beriet und später mit dem Weißen Haus über die NATO-Frage stritt, sagt, es habe einen Plan gegeben: den Anspruch der Vereinigten Staaten auf Vorherrschaft in Eurasien, den Zbigniew Brzeziński, Sicherheitsberater Jimmy Carters, 1997 in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ beschrieben habe. Die Ukraine sei darin ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, ein Land, das für Amerika selbst unwichtig sei, aber Russland als Großmacht schwäche, wenn es dem Westen zufalle. Sachs zeichnet den Weg nach: die NATO-Erweiterung um Polen, Ungarn und Tschechien, 2004 um sieben weitere Staaten, die Kündigung des Raketenabwehrvertrags 2002, die Zusage von Bukarest 2008, schließlich der Umbruch von 2014. Er nennt das Salamitaktik: Jede Scheibe ist für sich zu klein, um Widerstand zu wecken, und am Ende steht, was man im Ganzen nie hätte durchsetzen können.

Auffällig ist, wie Sachs dieses Vorgehen erklärt. Die Strategie werde nicht in Präsidentenreden verkündet, sondern in Fachzeitschriften wie „Foreign Affairs“ und in Papieren von Denkfabriken, weil sie Finanzkreise, Technologiekonzerne und meinungsbildende Eliten ausrichten solle. Das ist, genau gelesen, eine strukturelle Aussage: kein Befehl, sondern ein Verfahren, in dem viele Akteure mit eigenen Interessen auf eine gemeinsame Richtung eingestimmt werden. Dass Firmen wie Palantir die Ukraine als Testfeld für KI-gestützte Waffensysteme nutzen, nennt er ausdrücklich als zusätzliches Motiv. Gegen die Vorstellung eines Kriegsplans spricht zudem, was er selbst berichtet: Im Dezember 2021 habe ihm der nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan auf die Warnung vor einem Krieg geantwortet, die NATO werde die Ukraine ohnehin nicht aufnehmen, und eine öffentliche Erklärung verweigert, weil man an der Politik der offenen Tür festhalte. Wer so redet, hat Vorherrschaft als Strategie, aber keinen Krieg als Plan. Im Neutralitätskurs des Präsidenten Janukowytsch sieht Sachs übrigens den eigentlichen Grund für dessen Sturz, ein zweites Motiv neben der Sicherheitenlogik, das sich mit ihr nicht ausschließt.

Was das trägt und was nicht

Dichte Einbindung ist nicht dasselbe wie ein Kriegsplan, und an dieser Stelle muss ein Text wie dieser sich selbst widersprechen lassen. Brzezinskis Buch und Sachs' Linie lesen sich wie ein Plan, nämlich Vorherrschaft über Eurasien. Eine offen erklärte Strategie ist aber etwas anderes als eine Verschwörung. Strategie gibt eine Richtung vor, nicht jeden Schritt, und die Struktur sorgt dafür, dass viele Akteure, ohne sich abzusprechen, in dieselbe Richtung ziehen: Konzerne, die Sicherheiten brauchen, Dienste, die Einfluss sichern, Politiker, die Feindbilder bedienen. Ein Raum, in dem Ausbilder, Geheimdienste und Anleger gleichzeitig wirken, lädt sich auf, ohne dass jemand die Eskalation beschlossen hat.

Drei Einwände gehören deshalb in den Text. Erstens erklärt die Struktur, warum ein Konflikt für das System funktional ist, nicht, dass jemand ihn beschlossen hat. Zweitens ist Russland in den meisten dieser Erzählungen nur Objekt. Der russische Staat hat eigene Sicherheits- und Verwertungsinteressen, und eine Analyse, die ihn ausblendet, ist halb. Drittens passen die Warnungen der US-Dienste vor dem Februar 2022 und das lange Zögern bei Waffenlieferungen schlecht zu einer durchgehend gesteuerten Eskalation.

Das Beispiel Krainer

In diese Logik passt Krainers Buch. Es beschädigt den Kronzeugen der Sanktionsgeschichte, und nach seiner eigenen Darstellung wurde es zweimal bei Amazon entfernt, im Herbst 2017 und erneut im August 2018, das erste Mal nach einer Beschwerde von Browders Anwalt Jonathan Winer. Unabhängig bestätigt ist das bisher nicht, die Berichte stammen von Krainer und seinem Umfeld, auch Amazons Begründung ist nicht dokumentiert. Gäbe es einen solchen Vorgang, wäre er für sich ein Befund: eine Plattform, die auf Beschwerde eines Gegners ein Buch aus dem Angebot nimmt, ohne erkennbare Prüfung. Das zeigt, wie ein Konsens sich gegen abweichende Darstellungen absichert, durch Beschwerden, vorauseilende Vorsicht und die Abhängigkeit vom Marktplatz, nicht durch zentrale Anordnung.

Es ist dieselbe Asymmetrie wie bei HSBC, nur im Kleinen. Was das System trägt, wird geschützt, was es stört, wird bekämpft. Niemand muss das anordnen, weil die Beteiligten ihre Interessen selbst erkennen.

Warum der Plan so beliebt ist

Bleibt die Frage, warum so viele am Plan hängen, auch Krainer mit seiner Master-Blaster-Konstruktion. Weil er entlastet. Ein Plan lässt sich entlarven, ein Planer lässt sich absetzen, und der Krieg endet, sobald man ihn durchschaut. Eine Struktur dagegen verschwindet nicht mit einem Personalwechsel im Kanzleramt oder im Weißen Haus. Sie verlangt immer neue Sicherheiten, immer neue Feindbilder, immer neue Fronten, von Bagdad über den Donbass bis nach Teheran. Wer an den Plan glaubt, behält die Hoffnung, dass jemand verantwortlich ist. Wer die Struktur sieht, muss sich eingestehen, dass es keinen Hebel gibt, den man nur umlegen müsste. Das macht die Sache nicht harmloser, sondern gefährlicher: Der Krieg hat keinen Autor, aber er hat Gläubiger.

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Bildquelle: Mykhailo Repuzhynskyi / shutterstock

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Quellenanhang

Krainer und Browder

Alle Quellen zu den Amazon-Sperren stammen von Krainer oder aus seinem Umfeld.

HSBC

Magnitsky-Gesetz und Browder

  • Sergei Magnitsky Rule of Law Accountability Act, Public Law 112-208, Dezember 2012.
  • Edmond Safra und der Verkauf der Republic National Bank an HSBC 1999.

Blair

Ukraine 2013/2014

Geheimdienste und Ausbildung

Sicherheitenlogik, Rohstoffe, Epstein

Machtpolitik

  • Jeffrey Sachs im Gespräch mit Glenn Diesen, 03.10.2026: https://www.youtube.com/watch?v=aY9UfPLVDgw (Quelle für die Passagen zu Brzeziński, Salamitaktik, Veröffentlichung der Strategie, Palantir, Sullivan und Janukowytsch)
  • Jeffrey Sachs, „Ukraine: Amerikas anhaltender Stellvertreterkrieg gegen Russland“, Videovortrag: https://www.youtube.com/watch?v=PIMHJm3xDuo
  • Zbigniew Brzeziński, The Grand Chessboard, 1997 (deutsch: Die einzige Weltmacht); ders., „A Geostrategy for Eurasia“, Foreign Affairs, September/Oktober 1997.

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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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