Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Im Januar 2026 ging der Zuschlag für eine der wertvollsten unerschlossenen Lithiumlagerstätten Europas an ein Konsortium um die Investmentfirma TechMet und Ronald S. Lauder, einen der engsten Vertrauten Donald Trumps. Das Feld heißt Dobra, liegt im zentralukrainischen Gebiet Kirowohrad und enthält schätzungsweise 80 bis 105 Millionen Tonnen Lithium. Im Juni verabschiedete die Rada in Kiew die Gesetzesänderungen, die den im April unterzeichneten und im Mai ratifizierten US-ukrainischen Rohstoffvertrag operativ machen: Die Hälfte aller künftigen Einnahmen aus neuen Förderlizenzen fließt in einen gemeinsamen Fonds mit Washington. Wer die Meldung liest, hört darin vor allem Wirtschaftsvokabular — Investitionssummen, Wertschöpfungsketten, kritische Rohstoffe für die Energiewende. Was darin nicht steht, ist die Vorgeschichte. Und die Vorgeschichte ist der eigentliche Text.
Denn dieselbe Übung wurde bereits einmal versucht, dreizehn Jahre früher, an fast derselben Stelle der Landkarte, nur mit anderen Firmenlogos. Im Januar 2013, in Davos, unterzeichneten der ukrainische Präsident Viktor Janukowytsch und der Shell-Chef Peter Voser einen auf fünfzig Jahre angelegten Vertrag über die Erschließung des Schiefergasfelds Juziwska in den Gebieten Charkiw und Donezk — ein Investitionsvolumen von zehn Milliarden Dollar, im Beisein des damaligen niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte. Wenig später sicherten sich Chevron im Westen des Landes und ein Konsortium um Exxon Mobil vor der Schwarzmeerküste vergleichbare Claims. Die Summe der zugesagten Investitionen lag bei über dreißig Milliarden Dollar. Der ukrainische Präsident sprach von einem „großen Ereignis", fast schon von Verwandtschaft.
Was dann geschah, ist bekannt, wird aber selten in diesem Zusammenhang erzählt: Ausgerechnet die gasreichen Regionen Krim und Ostukraine verweigerten sich dem Putsch vom Februar 2014. In Slowjansk, Kramatorsk und den anderen Zugangsorten zum Juziwska-Feld besetzten Bürger die Rathäuser. Innerhalb weniger Wochen verwandelte sich die Förderregion in ein Bürgerkriegsgebiet. Der Aufstand im Donbass nahm den westlichen Konzernen exakt das, was sie sich in Davos gerade gesichert hatten — die Möglichkeit, aus Rohstoffen im Boden buchbare Sicherheiten zu machen.
Diese Formulierung ist nicht metaphorisch gemeint. Sie war, wie sich inzwischen dokumentieren lässt, die Sprache der Beteiligten selbst. Am 18. März 2014, drei Wochen nach dem Sturz Janukowytschs, schrieb der verurteilte Sexualstraftäter und Finanzintermediär Jeffrey Epstein an Ariane de Rothschild, damals im Vorstand der Genfer Privatbank Edmond de Rothschild Group, eine kurze E-Mail zur Lage in der Ukraine. Der Umbruch, so sinngemäß sein Kern, eröffne "viele Möglichkeiten". Die Nachricht ist Teil der Anfang 2026 vom US-Justizministerium freigegebenen Epstein-Akten und war zuvor nicht öffentlich. Sie beweist nicht, dass Epstein oder Rothschild den Umsturz orchestriert hätten — dafür gibt es keinen Beleg, und diese Behauptung wäre auch nicht nötig. Sie zeigt etwas Nüchterneres und gerade deshalb Aufschlussreicheres: dass in den Finanzzentren der Zusammenhang zwischen politischem Umbruch und Zugriff auf Sicherheiten selbstverständlich mitgedacht wurde, in Echtzeit, als Teil des normalen Tagesgeschäfts, lange bevor irgendjemand von Kriegswirtschaft sprach.
Die Frage, die sich daran anschließt, ist eine strukturelle: Warum brauchen Finanzmärkte überhaupt Rohstoffe im Boden als "Sicherheiten"? Die Antwort liegt im Derivatgeschäft selbst. Seit der Öffnung des internationalen Finanzdienstleistungsmarktes durch das WTO-Protokoll von 1997, das 1999 in Kraft trat und die Trennung von Spar- und Investmentbanken für alle 156 Mitgliedsstaaten aufhob, wuchs der außerbörsliche Derivatehandel zu einem der konzentriertesten und profitabelsten Geschäftsfelder der Welt heran, kontrolliert von einer Handvoll Großbanken mit Zentrum in der City of London — einer Verwaltungseinheit mit eigenem Bürgermeister, eigener Polizei und einem Wahlrecht, das Unternehmen nach Beschäftigtenzahl Stimmen zuteilt. Diese Maschine funktioniert nur, solange ihr ständig neue, werthaltige Sicherheiten zugeführt werden: Öl, Gas, seltene Erden, Lithium. Bleibt der Nachschub aus, drohen Nachschussforderungen, Notverkäufe, am Ende die Kernschmelze, wie sie sich 2008 bereits einmal ereignet hat, ausgelöst durch verbriefte Schrottimmobilien statt Bodenschätze, aber nach demselben Mechanismus.
Der Donbass 2014 war insofern kein Randkonflikt, sondern ein Sicherheitenausfall. Was folgte, war folgerichtig, wenn man diese Logik zu Ende denkt: der IWF-Kredit von 17 Milliarden Dollar an die neue Regierung in Kiew im April 2014, mobilisiert unter dem ausdrücklichen Druck westlicher Geldgeber, die Kontrolle über Osten und Süden zurückzugewinnen. Der Besuch des damaligen CIA-Direktors John Brennan in Kiew wenige Tage zuvor, den das Weiße Haus auf Nachfrage bestätigte, während gleichzeitig eine 60.000 Mann starke Nationalgarde unter dem Sicherheitschef Andrij Parubij mobilisiert wurde. Die Berufung von Hunter Biden in den Vorstand des größten privaten ukrainischen Energiekonzerns Burisma im Mai 2014, wenige Wochen nach dem Kiew-Besuch seines Vaters, der der neuen Regierung Unterstützung bei der „Umsetzung" der 2013 geschlossenen Energieverträge zugesagt hatte. Jedes dieser Ereignisse ist für sich genommen dokumentiert und einzeln erklärbar. In der Summe ergeben sie ein Muster: der Versuch, mit politischen und sicherheitspolitischen Mitteln zu erzwingen, was sich wirtschaftlich nicht mehr freihändig kaufen ließ.
Zwölf Jahre und ein ausgewachsener Krieg später ist genau das gelungen — nur eben nicht mehr über Produktionsteilungsverträge einzelner Konzerne mit einer ukrainischen Regierung, sondern über einen zwischenstaatlichen Vertrag, der einen Teil der ukrainischen Rohstoffeinnahmen dauerhaft in einen gemeinsamen Fonds mit Washington bindet. Der Unterschied zu 2013 ist nicht die Substanz, sondern der Grad der Offenheit. Damals verhandelten Aktienkurs-Vorstände mit einem Präsidenten in Davos; heute steht der Zugriff im Gesetzestext der Rada. Rund ein Fünftel der ukrainischen Bodenschätze, darunter bedeutende Teile des Donbass, liegt inzwischen unter russischer Kontrolle — was bedeutet, dass der Frontverlauf selbst darüber entscheidet, welche Lagerstätten überhaupt noch als Sicherheiten in den Fonds einfließen können. Der Krieg hat die Landkarte der Verwertbarkeit neu gezeichnet, und was übrig bleibt, wird nun, mit einem Trump-nahen Investor als erstem Nutznießer, tatsächlich verbucht.
Wer an dieser Stelle einwendet, das sei doch nur legitime Wirtschaftsdiplomatie, übersieht den Punkt nicht zufällig. Legitime Wirtschaftsdiplomatie sucht keine Sicherheiten unter Artilleriebeschuss. Dass genau das seit 2014 und in verschärfter Form seit 2022 geschieht, ist der eigentliche Skandal — nicht als moralische Verfehlung Einzelner, sondern als Funktionslogik eines Systems, das ohne fortlaufenden Zugriff auf neue Sicherheiten seine eigene Verschuldung nicht mehr tragen kann. Die City of London hat seit dem Big-Bang-Gesetz von 1986 genau dafür ihre Infrastruktur gebaut: Kriegsrisikoversicherungen bei Lloyd's, die seit 1898 im Ernstfall überhöhte Prämien verlangen dürfen, und ein Derivatvolumen, das die Realwirtschaft heute um das Hundertfache übersteigt. Diese Maschine hält nicht deshalb Kurs auf immer neue Konflikte, weil ihre Manager Kriege wollten. Sie hält Kurs darauf, weil das System kollabiert, wenn sie es nicht tut.
Die Formel „Wars are bankers' wars" trifft diesen Zusammenhang zu bündig, um ganz genau zu sein — sie suggeriert einen bewussten Plan, wo tatsächlich ein struktureller Zwang wirkt, der einzelne Akteure gar nicht mehr entscheiden lässt, sondern nur noch ausführen. Genau das aber macht die Sache gefährlicher, nicht harmloser: Ein Plan ließe sich durch die Absetzung der Planer stoppen. Ein struktureller Zwang, der immer neue Sicherheiten verlangt, verschwindet nicht mit einem Personalwechsel im Kanzleramt oder im Weißen Haus. Er verschiebt sich nur an den nächsten Frontverlauf — von Bagdad über den Donbass nach Teheran, und, wie der Fall Dobra zeigt, auch wieder zurück in die Ukraine, wo die Rechnung von 2013 gerade, mit zwölfjähriger Verspätung und einem Vielfachen an Toten, beglichen wird.
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Bildquelle: John Wreford / shutterstock
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Quellen:
Dobra-Lithium / US-Ukraine-Rohstoffabkommen 2025/26
Ukrainska Pravda (engl.), 12.1.2026 – Zuschlag an Dobra Lithium Holdings JV (TechMet/Rock Holdings): https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/01/12/8015797/
S&P Global Commodity Insights, 12.1.2026 – Reserven, Investitionssumme (179 Mio. USD), PSA-Struktur: https://www.spglobal.com/energy/en/news-research/latest-news/metals/011226-techmet-rock-holdings-jv-wins-rights-for-dobra-lithium-deposit-in-ukraine
Mining.com, 11.3.2025 – TechMet/Lauder-Verbindung, DFC-Beteiligung an TechMet: https://www.mining.com/us-backed-techmet-eyes-ukraine-lithium-asset/
Shell/Chevron/Exxon-Deals 2012/2013
BBC, 24.1.2013 – Shell-Ukraine-Deal, Fotos Rutte/Voser/Janukowytsch in Davos: https://feeds.bbci.co.uk/news/world-europe-21191164
IndustryWeek, 25.1.2013 – Unterzeichnung, Zitat Janukowytsch: https://www.industryweek.com/operations/energy-management/article/21959351/shell-ukraine-in-10-billion-shale-gas-deal
OSW Centre for Eastern Studies, 30.1.2013 – Eigentumsstruktur Nadra-Yuzivska, Übersicht aller drei Felder (Yuzivska/Oleska/Skifska) inkl. Lage: https://www.osw.waw.pl/en/publikacje/analyses/2013-01-30/ukraines-agreement-shell-shale-gas-extraction
2B1st Consulting – geografische Zuordnung Oleska (West) vs. Yuzivska (Ost): https://2b1stconsulting.com/shell-to-break-gazprom-gas-monopoly-in-ukraine/
IWF-Kredit April 2014
IWF-Pressemitteilung (Folgeprogramm 2015, mit Rückblick): https://www.imf.org/en/news/articles/2015/09/14/01/49/pr15107
CNBC, 30.4.2014 – Zusage der 17 Mrd. USD: https://www.cnbc.com/2014/04/30/imf-approves-17-billion-loan-package-for-ukraine.html
Jamestown Foundation, Mai 2014 – Auszahlungsmodalitäten: https://jamestown.org/imf-approves-17-billion-loan-for-ukraine/
Rothschild–Epstein-Mail (März 2014, veröffentlicht Anfang Februar 2026)
RT, 2.2.2026 – Wortlaut, Einordnung, Kontext DOJ-Freigabe: https://www.rt.com/news/631852-ukraine-opportunities-epstein-rothschild/
IBTimes UK, 20.2.2026 – zusätzlicher Kontext (25-Mio.-Dollar-Vertrag 2015, DOJ-Aktenlage): https://www.ibtimes.co.uk/epstein-rothschild-email-payment-documents-1780383
https://euvsdisinfo.eu/report/the-coup-in-ukraine-should-provide-many-opportunities-jeffrey-epstein-said/
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