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„Amerika muss den Nahen Osten verlassen“ | Von Rainer Rupp

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Ein Kommentar von Rainer Rupp.

Dass man einen Artikel mit dieser Überschrift in der aktuellen Ausgabe der einflussreichen politischen Zeitschrift „Foreign Affairs“ findet, ist eine kleine Sensation. Sie wird nämlich vom „US-Council for Foreign Relations“ herausgegeben, und der hat die imperialistische Diskussion im außenpolitischen Establishment der USA seit Jahrzehnten maßgeblich beeinflusst und nicht selten richtungsweisend dominiert. Und jetzt lautet ein Titel in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „Amerika muss den Nahen Osten verlassen“. Bedeutet das, dass der kläglich gescheiterte, unprovozierte US-Angriffskrieg gegen Iran in Washington der Erkenntnis den Weg gebahnt hat, dass aufgrund

  • fehlender Ressourcen (z.B. „rare earth“) und
  • industrieller Kapazitäten und
  • kriegsentscheidender, neuer und billiger Waffentechnologien zugunsten kleinerer Länder

die imperiale Überausdehnung des US-Militärs nicht länger aufrechtzuerhalten ist?

Vor allem ist das Schlüsselelement der US-amerikanischen, globalen militärischen Machtprojektion, nämlich die Flugzeugträger-Angriffsgruppen (Carrier-Strike-Groups), zunehmend obsolet geworden. Angesichts billiger, aber zielgenaueren und immer weitreichenderen und wendigen Anti-Schiff-Raketen haben die Carrier-Strike-Groups als Instrument der erpresserischen Drohungen selbst gegen kleine Länder schon bald komplett ausgedient.

Der Fall Iran ist ein gutes Beispiel dafür: Die Angriffsjets auf den US-Flugzeugträgern haben eine maximale Reichweite von 400 Kilometern. Aus Sorge vor iranischen Anti-Schiff-Raketen bleiben die US-Träger auf mindestens 300 Kilometer Distanz zur iranischen Küste. In den ersten Tagen und Wochen, als der US-Air-Force noch genügend Langstreckenraketen zur Verfügung standen, konnten die US-Bomber damit Ziele im Inneren des Iran erreichen, ohne dabei selbst in den iranischen Luftraum einzudringen und zu riskieren, abgeschossen zu werden.

Laut eigenen Eingeständnissen aus Washington ist jetzt jedoch der Vorrat an diesen teuren und komplexen Waffen, die für den Krieg gegen Iran bereitgestellt worden waren, aufgebraucht. Um mit dieser Art Abstandswaffen weiter Iran angreifen zu können, müsste die US-Führung die „eisernen Reserven“ freigeben, die sie für einen eventuellen US-Krieg im Pazifik oder gegen Russland blockiert hat.

Natürlich haben die Amerikaner in ihrem Arsenal noch genügend Schwerkraft-oder Gleitbomben. Letztere sind mit Flügeln versehene Bomben, die aus großer Höhe abgeworfen und über GPS ins Ziel gesteuert werden, das bis zu 100 Kilometer entfernt sein kann. Um mit dieser Methode Ziele anzugreifen, die mehr als 100 Kilometer von der Küste des Irans entfernt im Landesinneren liegen, müssten sich die amerikanischen Piloten in die operative Reichweite der landgestützten iranischen Flugabwehr begeben. Erschwerend kommt hinzu, dass sie im Fall des Einsatzes von Gleitbomben vor dem Abwurf sogar auf große Höhen aufsteigen müssten, wodurch sie für gegnerisches Radar gut erkennbar wären. Da die iranischen Luftabwehrsysteme anscheinend immer noch gut funktionieren, hat die Vorstellung von massiven Verlusten an teuren Flugzeugen und von Fotos von kostbaren US-Piloten in iranischer Gefangenschaft die US-Führung davon abgehalten, Gravitations- oder Gleitbomben einzusetzen.

Das bringt uns zurück zu dem Artikel in „Foreign Affairs“, mit dem Titel: „Amerika muss den Nahen Osten verlassen“, mit dem der Ex-Biden-Berater Michael Fuchs den vollständigen Abzug der US-Truppen aus dem Nahen Osten fordert. Mr. Fuchs, aktuell Direktor der Open Society Foundations und früher auch enger Mitarbeiter von Kamala Harris, argumentiert, dass der gescheiterte Iran-Krieg den entscheidenden Anstoß für einen längst überfälligen vollständigen Abzug der US-Streitkräfte aus der Region liefern müsse. Fuchs, der unter Präsident Obama auch als Deputy Assistant Secretary of State für Ostasien und den Pazifik tätig war, legt in seinem Text eine überraschend schonungslose Bilanz der amerikanischen Militärpräsenz in der Region Westasien vor und fordert einen grundlegenden Kurswechsel.

Obwohl die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten im Nahen Osten engagiert seien, habe erst der Golfkrieg von 1990/91 die militärische Rolle Washingtons dauerhaft zementiert, erinnerte der Autor. Was damals als Höhepunkt der amerikanischen Macht nach dem Ende des Kalten Krieges galt – die erfolgreiche Organisation einer breiten internationalen Koalition zur Beendigung der irakischen Invasion Kuwaits unter Saddam Hussein – habe sich in eine jahrzehntelange, kaum noch hinterfragte Verpflichtung verwandelt.

Aufeinanderfolgende Regierungen, unabhängig von ihrer parteipolitischen Couleur, hätten Zehntausende von Soldaten und Personal in der Region stationiert. Sie seien davon ausgegangen, dass eine ständige Truppenpräsenz den freien Fluss von Energie sichern, Israel unterstützen, terroristische Gruppen bekämpfen und den Iran abschrecken könne. Laut Fuchs waren bis zum Beginn des Krieges gegen Iran etwa 2.000 US-Soldaten im Irak, 2.300 in Saudi-Arabien, 3.500 in den Vereinigten Arabischen Emiraten, 4.000 in Jordanien, 8.000 in Bahrain, 10.000 in Katar und 13.000 in Kuwait stationiert, zusammen fast 43.000 in der Region. Die genauen Stärken und Standorte hätten im Laufe der Jahre zwar geschwankt, doch die Gesamtpräsenz sei stets enorm, weit verzweigt und tief in der Region verwurzelt geblieben.

Ein solcher militärischer Fußabdruck könne jedoch selbst für die allmächtige USA zur erheblichen Belastung werden, betonte Fuchs. Denn er habe die Gastländer der US-Militärbasen den Vergeltungsangriffen des Iran ausgesetzt, der die US-Installationen und wichtige lokale Infrastrukturobjekte mit Raketensalven ausgelöscht hat. Tatsache sei, dass die US-Präsenz die lokalen arabischen Verbündeten nicht mehr beschützt, sondern zur Zielscheibe für iranische Angriffe gemacht hat.

Zudem hätten die regionalen US-Verbündeten die Vereinigten Staaten immer wieder in ihre eigenen lokalen Konflikte hineingezogen. Mit Basen, die über die gesamte Region verstreut seien, blieben Bedrohungen amerikanischer Interessen allgegenwärtig – und jede einzelne dieser Bedrohungen diene Falken in Washington wiederum als Argument, die US-Präsenz dort weiter auszubauen.

Besonders anschaulich werde dies am Beispiel der amerikanischen Besatzung des Irak nach der Invasion von 2003, so Mr. Fuchs. Diese habe die US-Streitkräfte nicht nur in einen langen und blutigen Konflikt verstrickt, sondern sie auch verwundbar gemacht für Angriffe von Iran und Iran-freundlichen Milizen. Die Folge seien Vergeltungsoperationen der USA im Irak, in Syrien und darüber hinaus gewesen. Gleichzeitig sei der Krieg in Afghanistan nach Pakistan übergeschwappt, wo die Vereinigten Staaten Hunderte von Drohnenangriffen gegen Militante geführt hätten, die amerikanische Truppen über die Grenze hinweg angriffen. Nachdem sich Washington 2011 weitgehend aus dem Irak zurückgezogen hatte, seien 2014 erneut Truppen entsandt worden, um den aus dem Chaos der Invasion hervorgegangenen Islamischen Staat (ISIS) zu bekämpfen. Es müsste vielmehr heißen: um unter dem Vorwand, ISIS zu bekämpfen, erneut in diesem strategisch wichtigen Land mit gemeinsamer Grenze zum Iran, den Ton anzugeben.

Die Kosten dieser militärischen Engagements seien enorm und durch nichts zu rechtfertigen, unterstrich der Direktor der Open Society Foundations, Mr. Fuchs. Die Vereinigten Staaten hätten im Rahmen des sogenannten „Kriegs gegen den Terror“ nach dem 11. September 2001 rund acht Billionen Dollar (eine Billion sind 1.000 Milliarden) für die Kämpfe in Afghanistan, im Irak und anderen Schauplätzen ausgegeben. Nach Forschungen der Brown University hätten etwa drei Millionen Amerikaner in diesen Konflikten gedient. Mehr als 15.000 Soldaten und US-Söldner seien dabei ums Leben gekommen, 1,8 Millionen US-Truppen hätten lebenslange Behinderungen unterschiedlicher Tragweite davongetragen.

Die Menschen in der Region selbst trügen noch weit schwerere Lasten. Mehr als 940.000 Personen seien durch direkte Gewalteinwirkung zu Tode gekommen, darunter 432.000 Zivilisten. Weitere 3,6 Millionen seien an den indirekten Folgen des Staatszerfalls (Hunger, Krankheiten, Bürgerkrieg, etc.) in Afghanistan, Irak, Pakistan, Syrien und Jemen gestorben. 38 Millionen Menschen seien vertrieben worden. Doch Zahlen allein könnten das menschliche Leid nicht annähernd erfassen, mahnte Fuchs. Man müsse die Augen der Kinder sehen, die ihre Eltern verloren hätten, die Familien, die ihre Häuser und Existenzen eingebüßt hätten, und eine ganze Generation, der die Chance auf ein normales Leben durch den andauernden Konflikt gestohlen worden sei. Besonders frappierend sei, dass niemand für die politischen Entscheidungen und Handlungen, die dieses Leid verursacht hatten, zur Verantwortung gezogen wurde.

Darüber hinaus hätten die Vereinigten Staaten durch ihre Truppenstationierung direkt zu Gewalt und Unterdrückung durch andere Staaten beigetragen, kritisierte der Autor. Die Präsenz amerikanischer Soldaten habe den Impuls Washingtons verstärkt, eng mit repressiven Regierungen zusammenzuarbeiten, die oft eigene regionale Machtinteressen verfolgten. So habe man autokratische Regime wie das in Ägypten gestützt, Saudi-Arabiens Militärkampagne im Jemen aufrechterhalten und die Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate im sudanesischen Bürgerkrieg ermöglicht – einem Konflikt, in dem UN-Ermittler Handlungen dokumentiert hätten, die einem Völkermord gleichkämen. Solche Partnerschaften hätten den Volkszorn sowohl gegen die jeweiligen Regierungen als auch gegen die Vereinigten Staaten selbst geschürt.

Besonders eindrücklich zeige sich Fuchs zufolge die verhängnisvolle Dynamik tiefer Sicherheitsbeziehungen in Kombination mit permanenten Basen am Beispiel des US-Verhältnisses zu Israel. Seit dem Scheitern der Oslo-Verhandlungen in den 1990er-Jahren habe sich die amerikanische Unterstützung in einen faktischen Blankoscheck für eine israelische Regierung nach der anderen verwandelt. Diese Regierungen hätten die Aussichten auf einen Frieden mit den Palästinensern durch schleichende Annexion und systematische Unterdrückung im Westjordanland Schritt für Schritt untergraben.

In den vergangenen Jahren habe diese Rückendeckung Israel ermöglicht, im Gazastreifen Maßnahmen durchzuführen, die eine UN-Untersuchungskommission als Völkermord eingestuft habe – eine Bewertung, die von mehreren israelischen Wissenschaftlern und zivilgesellschaftlichen Organisationen geteilt werde. Im Februar 2026 seien die Vereinigten Staaten schließlich noch einen Schritt weiter gegangen und hätten sich Israel in einem völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran angeschlossen, unterstreicht Fuchs, der in diesem Absatz besonders viel Zivilcourage zeigt.

Sowohl demokratische als auch republikanische Präsidenten trügen Verantwortung für den Schaden, den die amerikanische Militärpräsenz im Nahen Osten angerichtet habe, betonte Mr. Fuchs. Diese Präsenz habe die Vereinigten Staaten in schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht verwickelt. Washington müsse nun den Kurs korrigieren. Der Abzug der Streitkräfte solle beginnen, sobald ein stabiler Waffenstillstand mit dem Iran erreicht sei.

Mit Blick in die Zukunft sieht Fuchs die amerikanische Führung vor einer Reihe von Entscheidungen mit weitreichenden und langfristigen Folgen. Dazu gehöre die Frage, ob während des Iran-Kriegs beschädigte US-Basen wiederaufgebaut und neue Waffen an regionale Partner verkauft werden sollten. Einige US-Sicherheits-Experten plädierten für die Beibehaltung eines kleineren militärischen Fußabdrucks – und laut Berichten des Wall Street Journal erwäge das Pentagon genau dies.

Doch ein nur teilweiser Rückzug würde die Vereinigten Staaten weiterhin einem ständigen Risiko in der Region aussetzen, argumentierte Fuchs. Allein in den vergangenen fünf Monaten habe der Iran Gebäude und Ausrüstung auf mindestens 15 US-Militärstandorten zerstört oder schwer beschädigt. Selbst wenn die Truppen auf eine oder zwei Basen konzentriert würden, blieben sie ein bevorzugtes Angriffsziel für den Iran und dessen Proxys. Erhebliche Ressourcen müssten dann weiterhin für den Schutz der eigenen Kräfte aufgewendet werden. Ohne einen vollständigen Abzug werde sich Washington immer wieder gezwungen sehen, die Unterstützung für das eigene Personal und die Partnerregierungen zu verstärken – und die Vereinigten Staaten würden weiter in neue Konflikte hineingezogen.

Nach Jahrzehnten fast ununterbrochener Kriege im Nahen Osten sei die amerikanische Bevölkerung mittlerweile zutiefst kriegsmüde, stellte Fuchs fest. Eine aktuelle Umfrage des „Searchlight Instituts“ habe ergeben, dass 62 Prozent der Befragten es vorzögen, „so weit wie möglich aus Kriegen herauszubleiben“, während lediglich 33 Prozent den Einsatz militärischer Gewalt befürworteten, „wenn er dem Land nütze“. Eine ganze Generation von Amerikanern habe nie eine Zeit des Friedens erlebt. Mehrheiten unter jungen US-Bürgern – darunter mehr als die Hälfte der Republikaner im Alter von 18 bis 44 Jahren – lehnten den Krieg von 2026 gegen den Iran ab. Es handele sich um den ersten Krieg im Zeitalter moderner Meinungsumfragen, den die Öffentlichkeit von Beginn an abgelehnt habe – also in jener Phase, in der die Zustimmung normalerweise am höchsten sei.

Gleichzeitig, so erinnert Fuchs, erreiche der Pentagon-Haushalt im Jahr 2026 mit rund einer Billion Dollar ein absolutes Allzeithoch – und das in einer Zeit, in der die größte Sorge der meisten Amerikaner die Bezahlbarkeit der alltäglichen Lebenshaltungskosten sei. Die Regierung plane zudem für 2027 eine weitere Erhöhung des Pentagon-Budgets um 50 Prozent. Vor diesem Hintergrund werde die Kluft zwischen den Prioritäten der Bevölkerung und denen des Pentagon für eine fortgesetzte Militärpräsenz im Nahen Osten immer offensichtlicher.

Fuchs’ Schlussfolgerung ist unmissverständlich: Die Vereinigten Staaten müssten die Illusion aufgeben, durch eine permanente militärische Präsenz Stabilität und Sicherheit im Nahen Osten erzwingen zu können. Der gescheiterte Iran-Krieg biete die Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Nur ein vollständiger Abzug könne verhindern, dass Amerika erneut und erneut in die Konflikte der Region hineingezogen werde – auf Kosten von Blut, Billionen Dollar und der eigenen Glaubwürdigkeit.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Karte des Nahen und Mittleren Ostens
Bildquelle: Aerial Viewer / shutterstock


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