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Wem nützt das Absolute? – Zwischen Metaphysik, Erkenntnis und Macht

Wem nützt das Absolute? – Zwischen Metaphysik, Erkenntnis und Macht

Manchmal lohnt es sich, einen Schlagabtausch nicht nach seinem letzten Wort zu beurteilen, sondern danach, was er über die Struktur des Streits selbst verrät. Genau das ist hier der Fall.
 Ausgangspunkt war ein Essay von Thomas Fiedler mit dem Titel „Die Wirklichkeit zu Ende denken“. Fiedler entfaltete darin eine theistische Position: Die materielle Welt sei bloß relativ und vergänglich, während die eigentliche Bedeutung auf einer absoluten, zeitlosen Ebene liege, die er mit Gott identifiziert. Der Zugang zu dieser Ebene führe über spirituell fortgeschrittene Seelen, die als Lehrer fungieren – eine Hierarchie von Suchenden und Wissenden.


Ich habe darauf mit „Die Falle der Spaltung“ geantwortet. Mein Einwand war dreifach: ein Kategorienfehler beim Schluss von Zeitlosigkeit auf Personalität, ein Spannungsverhältnis zwischen der behaupteten Unbeweisbarkeit des Absoluten und den anschließenden Aussagen über seine Beschaffenheit und – als eigentlicher Kern – eine politische Funktionsanalyse. Die Unterscheidung zwischen einer „höheren“ absoluten und einer „niederen“ relativen Ebene kann Rangordnungen hervorbringen, die reale Abhängigkeits- und Ressourcenstrukturen legitimieren.


Fiedler hat nun mit „Die Plausibilität subjektiver Wirklichkeit“ geantwortet. Sein zentrales methodisches Argument lautet: Man dürfe eine Aussage nicht aus ihrem philosophischen Gebäude herauslösen und mit fremden Grundannahmen bewerten. Eine theistische Aussage mit atheistischen Grundannahmen zu beurteilen, sei daher methodisch verfehlt.

Interne und externe Kritik

Dieser Einwand ist zunächst nicht falsch. Wer ein philosophisches System kritisiert, ohne seine Begriffe und Prämissen verstanden zu haben, wird ihm tatsächlich nicht gerecht. Man muss eine Position zunächst aus sich selbst heraus rekonstruieren können, bevor man sinnvoll beurteilen kann, ob sie in sich konsistent ist.


Damit sind jedoch zwei unterschiedliche Fragen angesprochen, die voneinander getrennt werden müssen.


Die interne Frage lautet: Folgt eine Aussage aus den Prämissen eines bestimmten philosophischen Systems?


Die externe Frage lautet: Warum sollte man diese Prämissen überhaupt akzeptieren?

Für die erste Frage ist Fiedlers methodischer Hinweis berechtigt. Wer die innere Konsistenz eines Systems untersuchen will, muss dessen eigene Voraussetzungen berücksichtigen.
 Daraus folgt aber kein Anspruch auf Geltung gegenüber jemandem, der diese Voraussetzungen nicht teilt. Ein System kann seine eigenen Prämissen verwenden, um innere Widersprüche zu prüfen. Es kann daraus jedoch nicht ohne weiteres die Berechtigung ableiten, dass Außenstehende dieselben Prämissen übernehmen müssen. Die externe Frage nach der Begründung dieser Prämissen bleibt bestehen.


Fiedlers Antwort scheint diese beiden Ebenen teilweise miteinander zu vermischen. Er beantwortet Einwände gegen seine Voraussetzungen, indem er darauf verweist, dass diese Voraussetzungen Teil seines philosophischen Gebäudes seien. Damit ist jedoch noch nicht geklärt, warum ein Außenstehender sie akzeptieren sollte.


Die beiden Fragen sind deshalb nicht identisch: Ist eine Weltanschauung aus ihren eigenen Voraussetzungen heraus konsistent? Und: Sind ihre Voraussetzungen gegenüber jemandem begründbar, der sie nicht bereits teilt?


Beides kann man untersuchen. Das eine ersetzt das andere nicht. 


Bemerkenswert ist zudem, dass Fiedler sein eigenes methodisches Prinzip an anderer Stelle nicht ausschließlich innerhalb des theistischen Systems anwendet. Er argumentiert unter anderem mit Gödels Unvollständigkeitssätzen, mit dem Lehrer-Schüler-Prinzip als allgemeiner Bildungsanalogie und mit einer Krankengeschichte. Diese Argumentationsmittel beanspruchen zumindest teilweise Geltung über den Rahmen seines eigenen philosophischen Systems hinaus.


Das ist selbstverständlich zulässig. Aber dann muss dieselbe Möglichkeit auch dem Kritiker offenstehen. Wenn ein Argument einen weltanschaulich übergreifenden Geltungsanspruch besitzt, kann dieser Geltungsanspruch nicht allein deshalb entfallen, weil das Argument gegen die eigene Position gerichtet wird.

Der eigentliche Kern: nicht Metaphysik, sondern Autorität

Nehmen wir Fiedlers gesamte Metaphysik für einen Moment als gegeben an. Es gibt ein Absolutes. Die materielle Welt ist relativ. Bewusstsein ist fundamentaler als Materie. Es gibt unterschiedlich weit entwickelte Seelen. Und es gibt Menschen mit außergewöhnlicher spiritueller Erkenntnis.


Selbst wenn man all dies akzeptiert, folgt daraus noch nicht, dass ein bestimmter, konkreter Mensch eine solche fortgeschrittene Seele ist. Und noch weniger folgt daraus, dass man der betreffenden Person deshalb vertrauen oder sich ihrer Vermittlung unterordnen sollte.


Genau hier liegt eine entscheidende argumentative Brücke, die Fiedler explizit machen müsste: Wie kommt man von der allgemeinen metaphysischen Behauptung, dass es fortgeschrittene Seelen geben kann, zur konkreten epistemischen Autorität einer bestimmten Person?


Fiedler beschreibt ausdrücklich ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, in dem der Suchende einer spirituell fortgeschrittenen Person zunächst Vertrauen entgegenbringen muss, bevor er den Wahrheitsgehalt des Vermittelten selbst nachvollziehen kann.


Damit entsteht eine sehr konkrete erkenntnistheoretische Frage: Woran erkennt der Suchende, wem er dieses Vertrauen entgegenbringen sollte?


Das ist keine Widerlegung der Metaphysik. Es ist eine Frage danach, wie die Metaphysik erkenntnistheoretisch und sozial anschlussfähig wird.


Eine Lehre, die zwischen unterschiedlich weit entwickelten Bewusstseinsstufen unterscheidet und bestimmten Personen aufgrund höherer Erkenntnis eine besondere Vermittlungsfunktion zuschreibt, enthält zumindest ein strukturelles Potenzial für epistemische Hierarchie. Das bedeutet nicht, dass dieses Potenzial in jedem Einzelfall zu Missbrauch führen muss. Es bedeutet aber, dass die Entstehung und Legitimation von Autorität innerhalb einer solchen Struktur erklärungsbedürftig wird.

Wer erkennt die fortgeschrittene Seele?

Damit stellt sich die entscheidende Anschlussfrage: Wie wird in einer konkreten Gemeinschaft festgestellt, wer eine fortgeschrittene Seele ist?


Nach welchen Kriterien? Wer überprüft diese Kriterien? Kann ein Außenstehender sie unabhängig nachvollziehen? Und kann ein Suchender erkennen, dass eine Person tatsächlich über eine besondere spirituelle Erkenntnis verfügt, ohne diese Erkenntnis selbst bereits besitzen zu müssen?


Wenn als Antwort auf diese Fragen wiederum auf die höhere spirituelle Einsicht der betreffenden Person verwiesen wird, droht ein Zirkularitätsproblem. Die Person gilt als höher entwickelt, weil sie die Wahrheit besser erkennt; und dass sie die Wahrheit besser erkennt, wird wiederum als Beleg für ihre höhere Entwicklung herangezogen.


Das muss nicht zwingend die einzige mögliche Antwort innerhalb von Fiedlers Modell sein. Aber dann müsste ein unabhängiges Kriterium benannt werden, anhand dessen zwischen tatsächlicher spiritueller Erkenntnis und bloß behaupteter spiritueller Erkenntnis unterschieden werden kann.


In Fiedlers Text ist ein solches Kriterium jedenfalls nicht erkennbar.


Das ist der entscheidende Punkt: Selbst wenn die metaphysischen Annahmen wahr wären, müsste daraus noch eine Erkenntnismethode entwickelt werden. Und selbst wenn eine solche Erkenntnismethode existierte, müsste anschließend noch gezeigt werden, wie aus erkannter spiritueller Kompetenz eine legitime soziale Autorität folgt.


Damit ergibt sich eine Kette von Fragen: Metaphysik → Erkenntnis → Autorität → Macht.
 Jeder Übergang dieser Kette benötigt eine eigene Begründung.

Gödel und die fehlenden Zwischenschritte

Fiedler zieht Gödels Unvollständigkeitssätze heran, um auf die Grenzen formaler Logik und damit auf die Begrenztheit rationaler Erkenntnis gegenüber dem Absoluten hinzuweisen.


Gödel zeigt, vereinfacht gesagt, dass hinreichend mächtige, konsistente formale Systeme Aussagen enthalten können, die innerhalb des jeweiligen Systems nicht beweisbar sind, und dass bestimmte Systeme ihre eigene Konsistenz nicht vollständig aus sich selbst heraus beweisen können.


Daraus folgt jedoch weder, dass menschliche Logik als solche unfähig sei, sich metaphysischen Fragen zu nähern, noch dass deshalb eine transzendente Wirklichkeit existiert. Ebenso wenig folgt daraus, dass diese Wirklichkeit Gott ist oder dass bestimmte Menschen einen privilegierten Zugang zu ihr besitzen.


Zwischen Gödels mathematischem Resultat und diesen weitergehenden Schlussfolgerungen liegen mehrere zusätzliche Prämissen.


Aus „Dieses formale System kann bestimmte Wahrheiten nicht innerhalb seiner eigenen Regeln beweisen“ folgt nicht ohne weitere Argumentation: „Es gibt eine transzendente Wirklichkeit.“

Und daraus wiederum nicht: „Diese Wirklichkeit ist Gott.“

Und schon gar nicht: „Bestimmte Menschen besitzen privilegierten Zugang zu ihr.“


Jeder dieser Schritte ist eine eigenständige Behauptung. Gödels Theorem kann daher nicht stellvertretend die gesamte Argumentationskette begründen.


Das Problem ist auch hier weniger, dass Fiedler eine falsche Schlussfolgerung gezogen haben muss. Das Problem ist, dass die entscheidenden Zwischenschritte ausdrücklich gemacht und begründet werden müssten.

Die Krankengeschichte und die Frage nach der Erklärungsebene

Fiedlers Beispiel vom Lungenkrebspatienten soll zeigen, dass die Bezeichnung der Welt als „illusorisch“ nicht zu Mitleidlosigkeit führen muss.


Das Beispiel zeigt tatsächlich etwas Plausibles: Eine metaphysische Deutung und Mitgefühl können miteinander vereinbar sein. Es beantwortet aber nicht die weitergehende Frage, welche Art von Erklärung eine solche metaphysische Deutung beansprucht.


Man kann gleichzeitig sagen, dass eine Krankheit biologische Ursachen hat, dass Rauchen das Erkrankungsrisiko erhöht, dass der Patient Mitgefühl verdient und dass man versuchen sollte, sein Leiden zu lindern.


Wenn Fiedler „spirituelle Unwissenheit“ als tiefere Ursache des Leidens einführt, müsste deshalb geklärt werden, auf welcher Ebene diese Erklärung operiert.
Handelt es sich um eine zusätzliche metaphysische Interpretation neben den kausalen Erklärungen? Oder soll damit eine eigenständige Erklärung konkreter Vorgänge in der Welt geliefert werden?


Im ersten Fall handelt es sich um eine weltanschauliche Interpretation, die mit empirischen Erklärungen koexistieren kann. Im zweiten Fall wären Kriterien erforderlich, anhand derer sich zeigen lässt, welche konkrete Erklärungskraft die Kategorie „spirituelle Unwissenheit“ besitzt und worin sie über bereits vorhandene biologische, psychologische oder soziale Erklärungen hinausgeht.


Das Beispiel des einzelnen Krebspatienten beantwortet diese Frage nicht.


Vor allem aber ist die Situation eines einzelnen Menschen mit einer Erkrankung nicht ohne weiteres mit gesellschaftlich erzeugtem Leid wie Krieg, Hunger oder Umweltzerstörung gleichzusetzen. Dort stellt sich zusätzlich die Frage nach institutionellen, ökonomischen und politischen Ursachen.


Eine metaphysische Erklärung des Leidens darf solche Erklärungsebenen nicht einfach ersetzen, wenn sie zugleich beansprucht, etwas über die konkrete Welt und ihre Ursachen auszusagen.

Die Machtfrage

Damit sind wir wieder beim eigentlichen Ausgangspunkt meiner Kritik.
Es geht nicht darum, religiösen Menschen zu unterstellen, sie seien aufgrund ihrer Religion zwangsläufig machtmissbräuchlich. Ebenso wenig geht es darum, aus jedem Lehrer-Schüler-Verhältnis automatisch eine Sektenstruktur abzuleiten.


Die Frage ist strukturell: Was geschieht, wenn eine metaphysische Theorie bestimmten Menschen einen privilegierten Zugang zu einer höheren Wirklichkeit zuschreibt?


Wer entscheidet, wer zu diesen Menschen gehört? Nach welchen Kriterien? Wer kontrolliert diese Kriterien? Kann ein Außenstehender die behauptete höhere Erkenntnis unabhängig überprüfen?


Und was geschieht, wenn die betreffende Person aus dieser behaupteten Erkenntnis heraus konkrete Anweisungen, moralische Urteile oder Ansprüche auf Vertrauen und Gefolgschaft ableitet?


Das sind keine Fragen, die dadurch verschwinden, dass man die zugrunde liegende Metaphysik als geschlossenes philosophisches System bezeichnet.


Im Gegenteil: Sobald aus einer metaphysischen Hierarchie eine reale soziale Hierarchie entsteht, wird deren Legitimation zu einer empirisch untersuchbaren Angelegenheit.


Dann kann man fragen, welche Autoritätsstrukturen tatsächlich entstehen, wie sie kontrolliert werden, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen, wie Widerspruch behandelt wird und welche Möglichkeiten der Korrektur oder des Austritts bestehen.
 Erst auf dieser Ebene lässt sich sinnvoll untersuchen, ob und unter welchen Bedingungen aus epistemischer Hierarchie soziale oder politische Macht wird.


Die bloße Möglichkeit von Machtmissbrauch beweist dabei noch keinen tatsächlichen Missbrauch. Sie begründet aber eine Prüfpflicht, sobald eine solche Autoritätsstruktur real etabliert wird.

Fazit

Die entscheidende Frage lautet nicht: „Ist Gott individuell?“


Das ist zunächst eine Frage der jeweiligen Metaphysik. Für die hier entscheidende Frage nach Erkenntnis und Macht ist sie jedoch nicht ausschlaggebend.


Entscheidend ist vielmehr: Woran kann jemand, der außerhalb der behaupteten spirituellen Hierarchie steht, erkennen, dass eine bestimmte Person tatsächlich eine fortgeschrittene Seele ist – und nicht lediglich behauptet, eine zu sein?
 Wenn darauf ein nachvollziehbares, von der behaupteten Autorität unabhängiges Kriterium existiert, wird die Debatte interessant.


Wenn ein solches Kriterium dagegen nicht existiert, entsteht ein erkenntnistheoretisches Problem: Die behauptete höhere Erkenntnis kann dann leicht zugleich Voraussetzung und Beleg der eigenen Autorität werden.


Und selbst wenn sich ein unabhängiges Kriterium finden lässt, bleibt die nächste Frage bestehen: Warum soll aus größerer spiritueller Erkenntnis auch das Recht folgen, dass andere Menschen dieser Person vertrauen oder sich von ihr führen lassen?


Damit ist die eigentliche Pointe dieser Debatte nicht die Frage, ob es ein Absolutes gibt.


Es ist die Frage, wie aus einem behaupteten Zugang zum Absoluten menschliche Autorität entsteht – wer diese Autorität legitimiert, wie sie überprüft und begrenzt werden kann und was sie in der wirklichen Welt bewirkt.

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Bildquelle: Rawpixel.com / shutterstock

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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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