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Weltfinanzkrise in Sicht, was tun? | Von Jochen Mitschka

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Allgemein wächst die Einsicht, dass die derzeitige Politik der wichtigsten Großmächte, allen voran die USA zu einer globalen Finanz- und daraus Wirtschafskrise führen wird. Aber was steckt im Einzelnen dahinter?

 Ein Standpunkt von Jochen Mitschka.

Wenn sich vom 12. bis 18. Oktober die Finanzminister und Notenbanker der Welt zu den Jahrestagungen von IWF und Weltbank in Bangkok versammeln, bringen sie eine lange Sorgenliste mit. Dan Steinbock hat sie in einem Beitrag für Eurasia Review in sechs Kapitel gegliedert: Schulden, Energie, Notfallfinanzierung, KI und Cyberrisiken, Deglobalisierung. Sein Bild von der schlaflosen IWF-Chefin Georgieva, die gegen Windmühlen kämpft, ist eingängig. Bei genauerem Hinsehen fehlt dem Text aber, was ihn zu einer Analyse machen würde: die Frage, wer diese Krisen verursacht hat, wer von ihnen profitiert und evt. wer die Gesetze aufstellt, denen sie folgen werden.

Die Zahlen übertreffen die Warner

Beginnen wir mit den Zahlen. Steinbock nennt für 2026 ein globales Wachstum von 3,1 Prozent. Das war die Prognose vom April, als der IWF sein Wachstum wegen des Kriegs im Nahen Osten von 3,3 auf 3,1 Prozent herunterschraubte. Inzwischen steht auf der Übersichtsseite des IWF ein Wert von 3,0 Prozent. Ein Text, der am 27. September erscheint, arbeitet also mit einem Stand von vor einem halben Jahr, d.h. es wird immer schlimmer. Ähnlich beim Geld für Krisenländer: Von bis zu 50 Milliarden Dollar Nachfrage nach IWF-Notkrediten ist bei Steinbock die Rede. Georgieva hatte im April eine Spanne von 20 bis 50 Milliarden genannt, wobei die untere Grenze gelten sollte, falls die Waffenruhe hält. Außerdem kamen diese Anfragen zusätzlich zu 140 Milliarden Dollar in laufenden Programmen. Warnungen werden durch Fakten überholt.

Auslöser ist der Angriffskrieg der USA

Steinbock schreibt von „Eskalationen im Nahen Osten“, die Ölmärkte erschüttert hätten, als wäre ein Wetterereignis über die Weltwirtschaft gekommen. Tatsächlich handelt es sich um den Angriffs-Krieg, den die USA und Israel am 28. Februar gegen den Iran begonnen haben, und um die anschließende faktische Sperrung der Straße von Hormus. Georgieva selbst beziffert die Folgen: 13 Prozent weniger Öl und 20 Prozent weniger Flüssiggas im täglichen Welthandel. Wer Energieimporteure wie Pakistan, Sri Lanka oder die Philippinen als Opfer beschreibt, sollte auch den Verursacher nennen. Dasselbe gilt für die Zinsen: Steinbock führt das hohe Zinsniveau auf „ungerechtfertigte Konflikte“ und Aufrüstung zurück. Der Fiskalmonitor des IWF vom April sagt, die Schuldenlast wachse vor allem durch die großen Volkswirtschaften und nennt Sozialausgaben, Verteidigung und „strategische Autonomie“ als Treiber. Das US-Defizit liegt laut IWF bei sieben bis acht Prozent der Wirtschaftsleistung, ohne Konsolidierungsplan. Dass in Steinbocks Text die Vereinigten Staaten als Akteur kaum vorkommen, ist seltsamerweise seine größte Auslassung, obwohl er selbst durchaus kritisch auf die Rolle der USA schaut. Aber vermutlich geht Steinbock, der grundsätzlich ein Kritiker imperialer Politik ist, davon aus, dass die Gründe jedem bekannt sind.

Auch beim Thema Sparpolitik ist das der Fall. Er beklagt, dass Austerität die Probleme verschärfe, und lässt Georgieva am Ende als Don Quijote auftreten. Die IWF-Chefin fordert genau das, was er kritisiert: Sie mahnt zum Wiederaufbau der Finanzpolster, und der Fiskalmonitor verlangt „glaubwürdige, gut abgestufte“ Anpassung in allen Ländergruppen. Das eigentliche Argument, dass die Rezepte des Fonds für Länder ohne tiefe Anleihemärkte anders wirken als für die G7, steht nur im Unterton.

Vorwand oder Werkzeug gegen finanzielle Cyberrisiken?

Ein kleiner, aber aufschlussreicher Punkt ist der „Bangkok-Blueprint“. Steinbock stellt ihn als Antwort von IWF und Weltbank auf systemische Cyberrisiken dar. Nach den Angaben des Gastgebers ist er ein von der thailändischen Zentralbank getriebenes Rahmenwerk, das gemeinsam mit IWF und Weltbank gegen digitalen Zahlungsbetrug entwickelt wurde, nach Thailands eigener Darstellung ein Ergebnis für die Bühne des Gipfels. Das ist nützlich, aber ein Betrugsbekämpfungspapier ist keine Antwort auf eine Systemkrise des Weltfinanzsystems.

Was Steinbock gar nicht behandelt, ist die Rolle der Europäischen Union. Sie verdient ein eigenes Kapitel, denn Brüssel sitzt in Bangkok in dreifacher Weise mit am Tisch: als Geldgeber, als Stimmrechtsblock und als Verursacher.

Der Einfluss der EU

Erstens die Schulden. Wenn der IWF von Konsolidierung spricht, gilt das auch für Europa, doch die EU hat für die Aufrüstung ihre eigenen Regeln beiseitegeschoben. Über die nationale Ausweichklausel im Stabilitätspakt dürfen Mitgliedstaaten Verteidigungsausgaben von den Defizitgrenzen ausnehmen, die Kommission rechnet mit bis zu 650 Milliarden Euro zusätzlichem Spielraum. Dazu kommt das Kreditinstrument SAFE mit 150 Milliarden Euro, für das die EU an den Kapitalmärkten Geld aufnimmt. Die Länder des Globalen Südens bekommen von denselben Europäern zu hören, sie müssten ihre Haushalte sanieren, während sich die EU für Panzer und Munition gemeinsam verschuldet. Kritiker sehen darin eine schleichende Normalisierung dauerhafter Kriegsfinanzierung ohne ausreichende parlamentarische Kontrolle. Wer auf dem Kapitalmarkt um dieselben Investoren konkurriert, verteuert Kredite für alle, die kein AAA-Rating haben.

Zweitens die Energie. Die EU hat den Ausstieg aus russischem Gas beschlossen, vollständig für Flüssiggas ab Anfang 2027, für Pipelinegas ab Herbst 2027. In der Praxis kauften die Europäer im ersten Halbjahr 2026 so viel russisches Flüssiggas wie nie zuvor, gerade weil die Hormus-Sperre andere Quellen verschloss. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von den USA, die laut Euronews rund 60 Prozent der EU-LNG-Importe liefern – und Washington beginnt, das auszunutzen: Energieminister Wright drohte, US-Flüssiggas werde „woanders hinfließen“, falls Brüssel seine Methanregeln nicht lockere. Für Energieimporteure in Südasien hat das einen unmittelbaren Preis, denn Europa konkurriert mit ihnen um dieselben knappen Tanker. Als im April Europas Speicher nur zu 28 Prozent gefüllt waren, verschärfte sich der Wettbewerb mit Asien um Flüssiggas. Wer zahlungskräftiger ist, gewinnt.

Wer die finanzielle Macht des IWF kontrolliert

Drittens die Machtverhältnisse im Fonds selbst. Der IWF ist eine Institution, in der Stimmrechte an Wirtschaftskraft und historische Quoten gekoppelt sind. Die EU hält nach einer Berechnung des Atlantic Council rund 25 Prozent der Quoten, deutlich mehr, als ihrem Anteil an der Weltwirtschaft entspräche, und die 16. Quotenüberprüfung brachte keinerlei Umverteilung. Die 17. Überprüfung ist nach Einschätzung des Bretton Woods Project auf Dezember 2027 verschoben, die Europäer seien höchstens zu einem kleinen Zugeständnis bereit. Die Vertreter der G77 (Gruppe der 77) hören seit Jahren dasselbe: Man arbeite an Reformen. Dass Europa zugleich traditionell die Spitze des Fonds besetzt, macht Georgievas Appelle für den Globalen Süden nicht glaubwürdiger. Auch das gehört zu den Gründen, warum die „Systemkrise“ dort anders aussieht als in Brüssel oder Berlin.

Unterm Strich liefert Steinbock eine brauchbare Übersicht über die Themenlage, aber keine Erklärung. Er beschreibt, dass kleine und mittlere Mächte leiden, und lässt offen, wer die Rechnung ausstellt. Die Antwort führt über Washington, das den Krieg begonnen hat und dessen Defizit die Zinsen treibt, und über Brüssel, das Regeln für alle anderen predigt und für sich selbst Ausnahmen schafft. Es scheint, als ob Steinbock der Meinung ist, dass das eigentlich jeder wissen müsste.

Zusammenfassung

Es sieht düster aus, was die Zukunft des Weltfinanzwesens angeht. Angetrieben wird die Krise durch Kriege des Westens und eine ungehemmte Verschuldung, teilweise mitbegründet durch diese Kriege. Und selbst kritische Analysten kommen kaum hinterher mit den Zahlen, welche die Krise beschreiben.

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Dank an die Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

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Bild: Globales Risiko- und Krisenwarnkonzept mit Geschäftshand, das die digitale Weltkarte hält und Warnsignale, globale Bedrohungen und Risikomanagement im internationalen Geschäftsumfeld anzeigt.

Bildquelle: Ksw Photographer / shutterstock


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