Wer die Uhr kontrolliert
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Am Mittwoch, dem 30. September, lief eine Frist ab. Am 16. August hatte die iranische Führung erklärt, die Vereinigten Staaten hätten 45 Tage, um die Seeblockade gegen das Land zu beenden, andernfalls werde man in die Offensive gehen. Der Sicherheitsrat-Sekretär Mohsen Resai hatte bereits eine frühere Teilfrist am Montag verstreichen lassen, ohne dass etwas geschah. Der Reporter Pepe Escobar beschreibt die Lage als das Zusammenlaufen zweier Uhren: Die iranische Uhr, sagt er, halte heute an oder richte sich neu aus. Die amerikanische dagegen laufe bis zum 3. November, dem Tag der Zwischenwahlen, bei denen der Kongress neu besetzt wird.
Man kann darüber streiten, ob Escobars Innenansichten aus Teheran, Islamabad und Riad zutreffen. Für die Frage, die dieser Text stellt, muss man das nicht entscheiden. Sie lautet: Wer verfügt eigentlich über die Zeit?
Die Frist als Machtinstrument
Eine Frist ist mehr als eine Drohung mit Datum. Wer sie setzt, legt den Takt fest, in dem andere zu reagieren haben. Teheran erklärt nicht einfach, es werde sich wehren, sondern nennt einen Tag, bis zu dem Washington sich entscheiden muss. Damit sitzt der Adressat im Zugzwang, und das gilt unabhängig davon, ob er die Frist ernst nimmt. Nimmt er sie ernst, handelt er unter fremdem Zeitdruck. Nimmt er sie nicht ernst, muss er das durch Schweigen oder Ablehnung vor der Öffentlichkeit rechtfertigen. Nach Escobars Darstellung hat die Regierung Trump die Brücke, die Chinas Präsident Xi ihr im Oval Office gebaut hatte, bereits wenige Tage später ausgeschlagen. Xi hatte geraten, zur Absichtserklärung zurückzukehren, die der Krieg zuvor zerstört hatte, und versprochen, China werde diesen Weg unterstützen. Die Ablehnung kam zwei Tage später und öffentlich. Wer so verfährt, setzt keine Frist, sondern verbraucht die des anderen.
Die Gegenseite hat ihre Antwort auf einen solchen Ablauf angekündigt. Sollte sie Anzeichen für amerikanische Angriffsvorbereitungen erkennen, werde sie vorbeugend handeln, das Kampfgebiet vom Persischen Golf in den Indischen Ozean ausdehnen und jedes Kriegsschiff angreifen, das die Blockade durchsetzt, gleich wo es steht. Das ist die Logik einer Eskalationsleiter, bei der die Stufen angekündigt sind. Die Drohung ist in dem Augenblick am wirksamsten, in dem sie nicht ausgeführt werden muss.
Der Kalender der anderen Seite
Die amerikanische Uhr folgt keiner Kriegslogik, sondern einem Wahlkalender. Der pensionierte Oberst Lawrence Wilkerson, der früher Stabschef des US-Außenministers war, beschreibt das sehr genau. Seit dem Zweiten Weltkrieg habe die Innenpolitik bei Entscheidungen zur nationalen Sicherheit eine oft entscheidende Rolle gespielt, und diese Rolle sei in den USA größer als in jedem anderen Land. Der Blick richte sich „wie ein Laser“ auf die Wahlen, und je nach Ausgang werde dieser Laser anderswo eingesetzt. Für Iran sei das paradoxerweise von Vorteil: Ab der ersten Novemberwoche herrsche zunächst Chaos, und in diesem Chaos gebe es keinen Krieg mehr, von dem man sprechen könne.
Escobar formuliert es für die andere Seite ähnlich. Den Angriff, der als „Überraschung im Oktober“ gedacht war, erwartet er nun als „Nicht-Überraschung im November“, also nach den Wahlen. Beide Quellen, die sich in sonst fast nichts einig sind, setzen denselben Termin. Wichtig ist daran weniger die Prognose als die Struktur. Ein Krieg, der nach Belieben verschoben und wieder aufgenommen werden kann, ist kein Notwehrakt, sondern eine Entscheidung nach Kalenderlage.
Zeit kaufen: Minsk 3
Dieselbe Figur zeigt sich in der Ukraine. Der Brite Alexander Mercouris deutet das kurze Treffen des deutschen Außenministers Wadephul mit Sergej Lawrow am Rande der UN-Generalversammlung als Teil einer abgestimmten Kampagne, die auf ein „Minsk 3“ zielt. Gemeint ist ein Waffenstillstand entlang der bestehenden Frontlinie, der es der Ukraine erlauben würde, sich neu zu bewaffnen. Der Name erinnert an die Minsker Abkommen von 2014/15. Deren Sinn hat Angela Merkel später selbst so beschrieben, dass sie der Ukraine Zeit gegeben hätten, stärker zu werden. Wer das Wort „Waffenstillstand“ hört, sollte also fragen, wem Zeit geschenkt werden soll.
Der Zeitplan, den Mercouris für dieses Vorhaben beschreibt, ist dicht. Der Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation (APEC) findet im November in China statt. Dort werde Putin erscheinen müssen, und man könne versuchen, Selenskyj ungebeten hinzuzuholen. Im Dezember folgt der G20-Gipfel in den USA. Die Reihe von Gipfeln soll eine Begegnung erzwingen, bei der Moskau gerade dann zustimmen soll, wenn es keinen Weg mehr gibt, sich zu entziehen. Das Treffen in New York, bei dem Wadephul nach Mercouris ohne ein Angebot, aber mit neuen Drohungen auftrat, passt in dieses Bild. Es diente weniger der Verständigung als dem Nachweis, man habe es versucht. Auch das ist Zeitgewinn, diesmal gegenüber der eigenen Öffentlichkeit.
Wem die Zeit davonläuft
Zeit ist dabei keine neutrale Größe, die allen gleich zur Verfügung stünde. Sie arbeitet für den, dessen Fähigkeiten wachsen, und gegen den, dessen Mittel endlich sind. In Kiew ist es das Geld: Nach Mercouris hat Selenskyj den erwarteten europäischen Kredit von 90 Milliarden Euro teilweise schon ausgegeben, bevor er geflossen ist, und braucht kurzfristig weitere 27 Milliarden. Deshalb liegen die eingefrorenen russischen Vermögenswerte wieder auf dem Tisch. Belgien, wo sie verwahrt werden, will das Haftungsrisiko nur tragen, wenn alle Mitgliedstaaten dafür bürgen. Der Haushaltskalender in Brüssel und Berlin bestimmt damit, wie lange der Krieg in der bisherigen Form finanzierbar bleibt.
In Washington ist es der Wahltermin, und auf See sind es Material und Geografie. Die amerikanische Flotte steht nach Escobar 800 bis 1000 Kilometer vom Persischen Golf entfernt im Indischen Ozean, und Öl fließe trotzdem von Schiff zu Schiff umgeladen weiter. Iran dagegen baut seit Jahrzehnten Umgehungsnetze auf: sechs Landkorridore nach Pakistan, die Verbindung über Turkmenistan und das Kaspische Meer, Flüge, die China, Russland, die Türkei und mehrere zentralasiatische Staaten trotz Sekundärsanktionen weiter zulassen. Sogar im Irak musste die Regierung nach Drohungen des Widerstands und den Protesten bewaffneter Stammesscheichs in Basra eine Ausnahme für Pilgerflüge nach Nadschaf gewähren. Jeder Tag, an dem die Blockade nicht wirkt, schwächt ihre Glaubwürdigkeit und stärkt die der Umgehung.
Hier trifft der Gedanke auf einen Fehler, den man den Kategorienfehler nennen könnte. Der Westen behandelt Zeit wie einen Vorrat, den er nach Belieben strecken kann, und übersieht, dass sie ein Verbrauchsgut ist, das jeder Seite anders abgeht. Wer mit der Zeit rechnet, als sei sie auf seiner Seite, verwechselt sein Wahlprogramm mit der Lage der Dinge. Russland, das den Westen dabei beobachtet, dass er ein Datum für einen Konflikt setzt, hat dafür die knappe Formel gefunden, nicht Moskau rede vom Krieg, sondern die Europäer mit ihrem Stichjahr 2030.
Schluss
Wer eine Frist setzt, sagt dem anderen, wann er zu handeln hat. Wer sie verstreichen lässt, zeigt, dass er die Stunde selbst wählen will. Beides sind Behauptungen über die eigene Verfügungsmacht, und nur eine davon wird sich als wahr erweisen. Die Antwort auf die Frage, wem die Uhr gehört, steht nicht auf dem Ziffernblatt, sondern in den Vorräten, den Korridoren und den Wahlterminen derer, die sie lesen. Wer auf die Uhr der anderen schaut, hat die eigene schon aus der Hand gegeben.
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Bildquelle: Rawpixel.com / shutterstock
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Quellen
[1] Pepe Escobar im Gespräch mit Nima Alkhorshid, 28.09.2026 (Fristen, Zwei-Uhren-Modell, fünf angekündigte iranische Schritte, Luft- und Seeblockade, Irak/Basra)
[2] Pepe Escobar im Gespräch mit „Mr. Z“, 29.09.2026 (Ablehnung des chinesischen Vorschlags, „November-Nicht-Überraschung“)
[3] Alexander Mercouris/The Duran zum Treffen Wadephul–Lawrow (Minsk 3, APEC-/G20-Kalender, Finanzierungslücke, eingefrorene Vermögenswerte)
[4] Lawrence Wilkerson, Interview vom 30.09.2026 (Innenpolitik als Entscheidungsfaktor, Zwischenwahlen)
[5] Angela Merkel zu den Minsker Abkommen, Interview in Die Zeit, Dezember 2022
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Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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