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Warum Washington die Atomoption (noch) nicht zieht | Von Dirk Ellerbrock

Warum Washington die Atomoption (noch) nicht zieht | Von Dirk Ellerbrock

Die Bremse und der Wagen

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

"Wir werden Oman bombardieren." "Iran muss die weiße Flagge hissen." Am Ende einer Woche, in der Donald Trump im Fox-Interview mit der Zerstörung eines Landes drohte, das nicht einmal Kriegspartei ist, postete die republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, im Weißen Haus werde über den Einsatz von Atomwaffen gesprochen. Kein Gerücht aus zweiter Hand, sondern eine Behauptung aus dem eigenen Lager. Die Frage, die sich daraus ergibt, ist nicht, ob das stimmt. Sie lautet: Was hält einen Präsidenten in diesem Moment eigentlich noch zurück – und wie lange noch?

Drei unabhängige Beobachter aus drei verschiedenen Milieus haben in den vergangenen Tagen versucht, genau das zu beantworten. Bemerkenswert ist nicht, dass sie zum selben vorläufigen Schluss kommen – nicht jetzt, noch nicht –, sondern wie unterschiedlich sie ihn begründen. Alastair Crooke, der ehemalige britische Diplomat, verweist auf institutionelle Blockaden: Das Militär habe eine solche Order schon einmal für einen Kriegsverbrechenstatbestand erklärt, ein Kabinett müsse mitziehen, das sei kein Alleingang.

Scott Ritter, der frühere UN-Waffeninspekteur, zieht die Schwelle schärfer: Die Vereinigten Staaten setzen Atomwaffen ein, wenn sie einer existenziellen Niederlage gegenüberstehen – aktuell erleiden sie eine politische Blamage, das sei ein kategorialer Unterschied.

Und aus einem dritten, pro-pakistanischen Analystenmilieu kommt die konkreteste Version: Trump habe seinen Generalstabschef offen gefragt, ob er die nukleare Option nutzen dürfe – wie ein Kind, das um Erlaubnis fragt, ob es mit einem gefährlichen Spielzeug spielen darf –, und sei abgewiesen worden.
Drei Vokabulare, ein gemeinsamer Befund: Es gibt noch Bremsen im System. Sie halten. Vorerst. Was diese drei Einschätzungen eint, ist interessanter als jede von ihnen einzeln: Sie beschreiben eine Ordnung, in der die individuelle Reizbarkeit eines Präsidenten überhaupt zur Titelgeschichte werden kann.

In einer funktionierenden Gewaltenteilung wäre die Frage, wie ein Mann auf eine Kränkung reagiert, eine Fußnote. Sie wird zur Existenzfrage, weil die Bremsen selbst zur Disposition stehen – dieselbe Erosion von Kontrollmechanismen, die sich in Washington im Verhältnis von Präsident zu Generalstab zeigt, in Berlin an der Geheimdienstreform, in Brüssel an einer Sanktionsarchitektur ohne parlamentarische Rückbindung. Der "Personenkult", den selbst ein Scott Ritter diagnostiziert, ist kein psychologisches Phänomen, sondern das Resultat einer Entscheidungsstruktur, die zusehends auf einen einzigen Punkt zuläuft, weil die Redundanzen drumherum planmäßig abgebaut wurden.

Und diese Erosion hat eine Ursache, die sich nicht in einer Einzelperson, sondern in einer Bilanz finden lässt. Der "wirtschaftliche D-Day" gegen Iran, die angedrohten tausendprozentigen Sekundärsanktionen gegen jeden Käufer iranischen Öls – ausgerechnet in der Woche, in der Washington für Xi Jinpings Staatsbesuch den roten Teppich vorbereitet –, ein Anleihemarkt, dessen steigende Zinsen die KI-Spekulationsblase zu gefährden drohen, während gleichzeitig ein Krieg im Nahen Osten offengehalten wird: Das sind keine Ausdrucksformen eines Charakters. Das sind Interessenkonstellationen.

Man muss nicht wissen, was in einem Präsidenten vorgeht, um zu erklären, warum eine Administration, die den eigenen Anleihemarkt nicht stabilisieren kann, ein außenpolitisches Debakel eher eskaliert als eingesteht. Dazu braucht es keine Ferndiagnose. Dazu braucht es einen Blick auf die Kassenlage.

Die eigentliche Nachricht dieser Woche ist deshalb nicht, dass über eine Atomwaffe gesprochen wurde. Es ist, dass drei voneinander unabhängige Stimmen — ein Realist, ein Ex-Waffeninspekteur, ein Insider-Netzwerk — sich einig sind, dass die Bremse noch hält, aber niemand von ihnen sagt, wie lange noch.

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Bildquelle: Saray Ch / shutterstock

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Quellen

Alastair Crooke im Gespräch, https://www.youtube.com/watch?v=viLFs34lU-

Scott Ritter im Gespräch, https://www.youtube.com/watch?v=umyTEHdy6ik&t=199s

"Transition Protocol"- https://www.youtube.com/watch?v=pnsgvvegsb0&t=3s

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Über den Autor:

Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft und Unternehmensberatung – und lernte damit das System ökonomischer Effizienz von innen kennen. Mitte der 1990er Jahre brach ein radikaler existenzieller Wandel diese Logik auf: Es folgte eine jahrelange, intensive Erforschung mystischer Traditionen – Advaita-Vedanta, (Zen-)Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, ergänzt durch die „Quantenpsychologie" Stephen Wolinskys als Brücke zwischen östlicher Weisheit und westlichem Denken.

Aus dem Suchenden wurde ein Lehrender: Er leitete Meditationsgruppen, begleitete Menschen auf ihrem inneren Weg und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen selbst als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Inzwischen wendet er diese analytische Schärfe auf das Zeitgeschehen an: Er schreibt regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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