Regierung des Zorns | Von Willy Wimmer

Ein Kommentar von Willy Wimmer.

Den Monat Juni 2021 kann man nicht beginnen, ohne sich schmerzvoll an den 22. Juni 1941 zu erinnern. Damit wurde das Schicksal Deutschlands in einer Weise besiegelt, wie es die Siegermächte des Ersten Weltkrieges vorgeplant haben. Versailles 1919 wurde in der klaren Absicht beschlossen, über einen weiteren Krieg unter Beteiligung des gedemütigten Deutschlands das zu vollenden, was 1914 mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges als Schicksal den Mittelmächten, namentlich Deutschland, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich zugedacht worden war. Im Dezember 2019 hatte der russische Präsident Putin in einer schicksalhaften Rede in St. Petersburg auf diese Abfolge von geopolitischer Planung gegen Deutschland ebenso hingewiesen wie gerade ein halbes Jahr später der französische Präsident Macron in der Übernahme der verhängnisvollen Verantwortung Frankreichs für das Schicksal Mitteleuropas über Versailles und vor allem für das Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland und weiten Teilen Europas.

Die Weichen wurden für den zweiten großen und globalen Krieg in Versailles gestellt, wie zahlreiche Aussagen von verantwortlichen Konferenzteilnehmern aus dem Verbund der Siegermächte dokumentieren. Die Stossrichtung gegen die Mittelmächte mit Deutschland, Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich ergab sich schon aus der Bestimmung von „Versailles“ nach der die vorgenannten Staaten die alleinige Verantwortung für den Kriegsausbruch zu übernehmen hatten. Dies, obwohl die alliierte Planung unter britischer und französischer Verantwortung bereits mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 alle Gedanken darauf ausgerichtet haben, dieses eigenständige Staatswesen in Mitteleuropa zielgerichtet zu beseitigen, um auf dem Kontinent nach eigenem Gutdünken ihre eigenen Interessen wieder verfolgen zu können. Auffallend ist, daß die „Kriegsschuldbestimmungen“ von Versailles durch den späteren amerikanischen Außenminister John Foster Dulles in die Bestimmungen eingearbeitet wurden, obwohl die Vereinigten Staaten mit Versailles nichts mehr zu tun haben wollten und Anfang der folgenden zwanziger Jahre ein eigenes Friedensabkommen mit der Weimarer Republik geschlossen haben. Versailles war die erstmalige und endgültige Abkehr des Gedankens, der europäischen Friedensschlüssen seit langer Zeit zugrunde gelegen hatte. Es kamen nicht mehr alle an den Konferenztisch, um eingedeihliches Zusammenleben nach einem Weltenbrand sicher zu stellen. Es wurde diktiert und wie sich herausstellen sollte, nicht zum letzten Male.

Versailles und der Weg in den nächsten Krieg war allerdings auch die endgültige Abkehr vom „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“. Dieses Reich hatte nach dem Dreißigjährigen Krieg mit seinem Völkermord-Charakter gegen die Menschen in den Gebieten dieses Reiches über eine lange Zeit den Frieden und die Sicherheit in Mitteleuropa sicherstellen können, bis es 1806 unter Napoleon sein Ende fand. Das Ergebnis war nicht nur, dass das Haus Habsburg in der Führung dieses Reiches seiner Aufgabe und der erfolgreich wahrgenommenen Verantwortung nicht mehr gerecht werden konnte, Mitteleuropa wurde zunächst auf die Bedürfnisse Frankreichs zu geschneidert, um mit größeren Staaten auf dem Gebiet des ehemaligen Reiches den Interessen des französischen Imperiums zu dienen, um später den Weg in einen erneuten deutschen Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich-Ungarn um die Vormacht auf dem Gebiet des ehemaligen „Heiligen Römischen
Reiches zu ebnen.

Wie wenig die heutige Berliner Regierung in der Verantwortung vor der Geschichte Deutschlands und Mitteleuropas steht, wird darin augenfällig, dass nach der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Ende der begrenzten Souveränität Deutschland und der Charta von Paris aus dem November 1990 nichts unternommen wird, der über die Zeit gültigen Kerngedanken des „Heiligen Römischen Reiches“ in Mitteleuropa gerecht zu werden: zum Frieden und der guten Nachbarschaft zwischen allen Völkern Europas einen substantiellen Beitrag zu leisten. Stattdessen wird im Verbund der NATO und der EU alles unternommen, das zu vollenden, was die Völker der damaligen Sowjetunion mit einem unfassbaren Blutzoll unternommen haben, um den Angriff des Deutschen Reiches auf die damalige Sowjetunion nicht nur abzuwehren sondern und das mit der Konsequenz der Zerstörung, in das Land des Aggressors zu tragen. Müsste nicht alleine die Dimension des damaligen Krieges für die deutsche Politik Anlass genug sein, einen unumstößlichen Beitrag zum Frieden in Europa zu leisten?

Versailles war die ausgelegte Lunte, aber die Konsequenz dieser Planung sollte man wenige Jahre später sehen. Die junge Weimarer Republik war willens, mit  der damaligen Sowjetunion Schlussfolgerungen aus dem verheerenden Ersten Weltkrieg zu ziehen. Das wurde in Zusammenhang mit dem Rapallo-Vertrag 1922 gerade in der Person des damaligen Reichsaußenministers Walter Rathenau deutlich. Fast zeitgleich zu seiner Ermordung wurde durch den amerikanischen Militärattaché in Berlin in München Adolf Hitler durch beachtliche Finanzspritzen vor dem Absturz seiner nationalsozialistischen Formation bewahrt und über eine klar antisowjetische und antisemitische Stoßrichtung klar gemacht, wohin die Reise mit Deutschland gehen sollte. In unserem gemeinsamen Buch: „Und immer Wieder Versailles“ haben 2019 Herr Professor Dr. Alexander Sosnowski und ich die Konsequenzen diese Tuns aufgezeigt.

Und doch besteht bis heute der Eindruck, dass wir nicht über das Wissen verfügen, dass uns ein möglichst objektives und noch vorstellbares Urteil über das Jahrhundert des Verhängnisses ermöglicht. Man hat in Deutschland und in weiten Teilen der Welt den Eindruck, dass historisches Wissen konsequent unter dem Tisch gehalten wird, um die als Ergebnis von Zwei Weltkriegen erzielte Weltordnung so lange es geht aufrecht zu halten. Ein Beispiel dafür, wie die Regierungen des Westens mit dem Informationsanspruch der eigenen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger umgehen, hat in seiner Amtszeit der amerikanische Präsident Trump geliefert. Er wollte alle Dokumente zum Kennedy-Mord nach seiner eigenen Ankündigung veröffentlichen lassen.

Er hat sich verhalten, wie alle anderen auch, indem er zentrale Seiten der Dokumente weiter unter Verschluss halten ließ. Mit dem Kennedy Mord und dem Verschweigen der Umstände wurde durch die CIA eine „Pest in der Demokratie“ geschaffen, um über sogenannte “Verschwörungstheorien“ die Menschen davon abzuhalten, durch eigene Überlegungen die durch den Staat bewusst verursachten Lücken zu schließen. Der deutsche Publizist Wolfgang Effenberger hat wieder und wieder darauf hingewiesen, welche Konsequenz sich daraus für den Frieden in Europa und der Welt ergibt, dass die britische Regierung eine Unzahl von Dokumenten – ab dem Krim-Krieg 1856 auch für die Zukunft unter Verschluss hält. Damit werden bewusst die Zündschnüre für künftige Kriege trocken gehalten. Der russische Präsident Putin hat wieder und wieder darauf aufmerksam gemacht, dass er willens ist, die Archive seines Landes zu öffnen und andere Staaten ebenfalls dazu aufgefordert. Eine derartige Überlegung kann nur bedeuten, dass die bislang nicht veröffentlichten Bestände der Akten geeignet sein können, ein völlig anderes Bild der Welt seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu zeichnen, als es die derzeit im

Westen gültige Sicht zulässt. Bei meinem letzten Gespräch vor einigen Jahren mit dem herausragenden Diplomaten Valentin Falin in Moskau anlässlich einer Konferenz des Sinowjev-Institutes eröffnete Walentin Falin das Gespräch mit der Feststellung, nach der „die Geschichte der letzten zweihundert Jahre eine einzige, angelsächsische Lüge“ sein würde, um dann auch zur Nachkriegszeit jene Themen anzusprechen, die ich die Ehre hatte, in stunden-und tagelangen Gesprächen mit dem ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt in seinem Büro im Hamburger Zeit-Hauptquartier behandeln zu können. Wie man so schön sagt, passte kein Blatt zwischen die Darstellungen beider Herren. Dem Frieden auf der Welt wäre in einem unglaublichen Maße gedient, wenn die Öffnung der Archive eine Konsequenz des Treffens der beiden Präsidenten Putin und Biden in Genf am 16. Juni 2021 sein könnte. Aber vielleicht hat Henry Kissinger, der einen ausgezeichneten Zugang zum russischen Präsidenten hat, seinen Präsidenten Joe Biden über den Zustand der Welt vor dem Genfer Treffen in Kenntnis gesetzt? Wer, außer Henry Kissinger, begreift den heutigen Zustand der Welt und die Wirkmächtigkeit der Geschichte, wie er es tut?

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Redaktionelle Anmerkung:

Im Audio-Beitrag wurde der “Locarno-Pakt” erwähnt, gemeint war aber der im Textbeitrag korrigierte “Rapallo-Vertrag”.

Zudem wurde der Abschnitt “Dieses Reich hatte nach dem Dreißigjährigen Krieg mit seinem Völkermord-Charakter gegen die Menschen in den Gebieten dieses Reiches über eine lange Zeit den Frieden und die Sicherheit in Mitteleuropa sicherstellen können, bis es 1803 unter Napoleon sein Ende fand.” auf die Jahreszahl 1806 korrigiert.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: frank_peters / shutterstock

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