Wie Israels Lobby die amerikanische Demokratie zum dritten Schauplatz einer Absicherungsstrategie macht, die in Berlin bei den Sicherheitsbehörden und in Lateinamerika bei der Diplomatie begann
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Am 4. August 2026 verkündet der Fernsehsender einer Region, die zu den größten arabisch-amerikanischen Bevölkerungsanteilen der Vereinigten Staaten zählt, ein Ergebnis, das so nicht geplant war: Abdul El-Sayed gewinnt die demokratische Vorwahl zum US-Senat in Michigan, knapp, mit 48,6 zu 47,3 Prozent gegen Haley Stevens. Gegen ihn hatte das American Israel Public Affairs Committee über sein Superpac United Democracy Project rund 30,6 Millionen Dollar ausgegeben – die größte Summe, die die Organisation je in ein einzelnes Rennen investiert hat. Eli Clifton, Journalist und Mitgründer des Quincy Institute, kommentierte den Ausgang gegenüber Responsible Statecraft als "significant setback for AIPAC and Israel's Lobby". Eine Woche zuvor war ein Buch erschienen, das genau diesen Mechanismus im Detail seziert: "Israel's Lobby: America in the Grip of a Foreign Power", verfasst von eben jenem Clifton gemeinsam mit Ian Lustick, emeritiertem Politikwissenschaftler an der University of Pennsylvania und ehemaligem Israel-Palästina-Experten im US-Außenministerium unter Carter. Die Realität lieferte dem Buch, kaum dass es in den Läden lag, seinen ersten öffentlichen Beleg – nicht als Widerlegung seiner These, sondern als deren erste sichtbare Bruchstelle.
Zwei Berichte, ein Muster
Wer die beiden vorangegangenen Teile dieser Reihe gelesen hat, erkennt die Struktur wieder. Im ersten Text ging es darum, wie das Bundeskriminalamt seine operative Kontrolle über die Spionagesoftware Pegasus an ein privates israelisches Unternehmen abgetreten hat, ohne dass parlamentarische Kontrolle diesen Vorgang je wirksam begleitet hätte. (https://apolut.net/geheimdienstreform-die-geliehene-souveranitat/)
Im zweiten Text ging es darum, wie die Abraham- und Isaac-Abkommen diplomatische Anerkennung an ideologisch kompatible Regierungen verkaufen, um die Kosten territorialer Expansion zu senken. (https://apolut.net/naher-osten-die-geliehene-legitimitat-von-dirk-ellerbrock/)
Beide Texte beschrieben Auslagerung: deutsche Sicherheitsbehörden, lateinamerikanische Außenministerien. Dieser dritte Text wechselt die Ebene. Es geht nicht mehr um fremde Regierungen, die sich in eine Abhängigkeit begeben, sondern um das politische System des wichtigsten Verbündeten selbst – jenes Systems, dessen militärische und diplomatische Rückendeckung die beiden anderen Ebenen überhaupt erst trägt.
Eine Lobby wie keine andere
Clifton und Lustick beginnen ihre Analyse mit einer historischen Warnung: George Washington mahnte in seiner Abschiedsrede, dass innenpolitisches Ringen konkurrierender Interessengruppen in Ordnung sei, Parteipolitik aber an der Wasserkante enden solle – denn eine "leidenschaftliche Bindung" zwischen einer Fraktion im Land und einer fremden Macht würde die gesamte amerikanische Außenpolitik verzerren, weil ihr im Inland keine ausgleichende Kraft entgegenstünde. Die Autoren zeigen, warum diese Warnung ausgerechnet bei zwei Themen zutrifft, die in der amerikanischen Außenpolitik traditionell "drei Standardabweichungen vom internationalen Durchschnitt" entfernt liegen: Israel und Kuba. Beides sind Fälle, in denen sich eine kleine, hoch mobilisierte Wählerminderheit gegenüber einer politisch desinteressierten Mehrheit durchsetzen kann – wer sich der Lobby widersetzt, gewinnt in seinem Wahlkreis nichts, wer nachgibt, riskiert nichts. Diese Logik trug die Lobby jahrzehntelang. Was sich mit den Urteilen Citizens United und SpeechNow im Jahr 2010 änderte, war die Finanzierungsbasis selbst: von breiter, ideeller Unterstützung in jüdischen und evangelikalen Gemeinden hin zu einer Konzentration in den Händen einer kleinen Zahl extrem wohlhabender, ideologisch weit rechts stehender Großspender. Diese Verschiebung lässt sich in Zahlen fassen – nach Angaben der Autoren haben seit 2012 einzelne Großspender im niedrigen einstelligen Milliardenbereich in das amerikanische Wahlsystem investiert, mit Israel als durchgängig angegebenem Hauptmotiv ihres politischen Engagements. Die genaue Summe sollte vor Zitat direkt im Buch nachgeschlagen werden, da sie im Ausgangsgespräch nur mündlich genannt wurde; belastbar ist jedenfalls die Größenordnung und der belegte Rekordwert von über 60 Millionen Dollar, die AIPAC laut Recherchen von Responsible Statecraft allein in den demokratischen Vorwahlen des laufenden Zyklus ausgegeben hat.
Der Kollateralschaden im Inland
Was den Ansatz des Buches von älteren Arbeiten wie jener von Mearsheimer und Walt unterscheidet, ist der zweite Fokus: nicht nur, wie amerikanische Außenpolitik im Sinne Israels verzerrt wird, sondern wie derselbe Mechanismus inzwischen amerikanische Freiheiten im Inland selbst beschädigt. Zentrale Figur in diesem Teil ist Miriam Adelson, mit einem geschätzten Vermögen im zweistelligen Milliardenbereich eine der einflussreichsten Einzelspenderinnen der republikanischen Politik und zugleich Präsidentin der Maccabee Task Force, einer 2015 von ihr und ihrem verstorbenen Ehemann Sheldon gegründeten Organisation gegen die Boykottbewegung BDS an amerikanischen Universitäten. Eli Clifton selbst dokumentierte bereits im März 2025 für Responsible Statecraft, wie die Organisation unter Adelsons Führung in die versuchte Abschiebung des Columbia-Doktoranden Mahmoud Khalil verwickelt war – eines von mehreren Fällen, in denen Kritik an israelischer Politik über den Umweg der Einwanderungsbehörden sanktioniert werden sollte.
Die Antisemitismus-Falle
Bemerkenswert an dem Buch ist, wie explizit die beiden Autoren – beide selbst jüdisch – eine Unterscheidung treffen, die in der öffentlichen Debatte regelmäßig verwischt wird: Es sei ein antisemitisches Klischee, Juden pauschal doppelte Loyalität zu unterstellen, und es sei empirisch falsch, dass jüdische Wähler in den USA nach rechts gerückt seien – sie blieben einer der verlässlichsten demokratischen Wählerblöcke des Landes. Die Lobby selbst, so die These, sei einer der Hauptverbreiter genau jenes Klischees, weil sie Israel und "die Juden" bewusst gleichsetze, um jede Kritik an israelischer Politik als Angriff auf eine ganze Bevölkerungsgruppe umzudeuten. Diese Differenzierung ist mehr als eine akademische Feinheit. Sie liefert das methodische Werkzeug, um Kritik an einer politisch-finanziellen Struktur von der Zuschreibung an eine Religion oder Ethnie sauber zu trennen – ein Unterschied, der in der öffentlichen Debatte über dieses Thema notorisch verschwimmt, aber analytisch entscheidend bleibt.
Michigan als dritte Bruchlinie
Damit schließt sich der Rahmen, den dieser Text eröffnet hat. In Deutschland zeigte sich die Grenze der ersten Absicherungsebene darin, dass ein privates Unternehmen selbst gerichtliche Unterlassungsverfügungen ignorierte. In Lateinamerika zeigte sich die Grenze der zweiten Ebene darin, dass sich Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei im Mekka-Pakt zusammenschlossen, ohne auf Israel überhaupt Rücksicht zu nehmen. In den Vereinigten Staaten zeigt sich die Grenze der dritten Ebene darin, dass eine Rekordinvestition von über 30 Millionen Dollar eine demokratische Vorwahl nicht mehr entscheiden konnte. Auf allen drei Ebenen – Sicherheitsbehörden, Diplomatie, Wahlkampffinanzierung – wiederholt sich dasselbe Muster: steigende Kosten bei sinkender Wirksamkeit.
Was die Gegenseite einwenden würde
Verteidiger der amerikanisch-israelischen Beziehung würden argumentieren, Lobbying sei integraler Bestandteil des amerikanischen politischen Systems, jede Interessengruppe dürfe sich organisieren und finanziell engagieren, und der besondere Fokus auf die Israel-Lobby sei selektiv, während andere ausländisch orientierte Lobbys – etwa für Saudi-Arabien oder Taiwan – deutlich weniger öffentliche Kritik erführen. Dieser Einwand ist nicht unberechtigt. Clifton und Lustick begegnen ihm jedoch nicht mit einer neu erfundenen These, sondern mit einem Zitat aus der Gründungszeit der amerikanischen Republik selbst: Washingtons Warnung vor "passionate attachment" zu einer fremden Macht war als allgemeines Prinzip formuliert, nicht als Ausnahmeregel für einen bestimmten Verbündeten. Der Unterschied zu anderen Lobbys liegt, wie die Autoren zeigen, weniger im Prinzip als im Ausmaß: kein anderer außenpolitischer Interessenverband verfügt über eine vergleichbare Kombination aus Wahlkampffinanzierung, organisierter Vorwahlbedrohung und, wie im Fall Khalil, direktem Zugriff auf staatliche Zwangsmittel gegen Kritiker.
Schluss
Die belastbare These dieses dritten Teils lautet, wie schon bei den vorangegangenen: eng, aber ernst. Kein Beleg für eine vollständig gesteuerte amerikanische Außenpolitik, sondern die erstmals in dieser Datentiefe dokumentierte Beschreibung eines spezifischen, jahrzehntealten Finanzierungsmechanismus – und der ersten sichtbaren Risse in seiner Wirksamkeit, die sich, wie diese Trilogie zeigt, nahezu zeitgleich auf drei völlig unterschiedlichen Ebenen abzeichnen: bei deutschen Sicherheitsbehörden, bei lateinamerikanischer Diplomatie und nun, in Michigan, an der Wahlurne selbst.
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Bildquelle: Christopher J. Dean / shutterstock
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Quellenanhang
Dieser Text ist der dritte Teil einer Reihe:
Teil I, "Die geliehene Souveränität" (Auslagerung deutscher Sicherheitsbehörden an die NSO Group/Pegasus) https://apolut.net/geheimdienstreform-die-geliehene-souveranitat/
Teil II, "Die geliehene Legitimität" (Abraham- und Isaac-Abkommen als diplomatische Absicherung der territorialen Expansionspolitik der Netanjahu-Koalition) https://apolut.net/naher-osten-die-geliehene-legitimitat-von-dirk-ellerbrock/
Einstieg – Michigan-Vorwahl
- Responsible Statecraft (05.08.2026): "El-Sayed overcomes $30 million AIPAC spend, wins Michigan primary" – Wahlergebnis (48,6 % zu 47,3 %), UDP-Ausgaben (30,6 Mio. $, Rekordsumme für ein Einzelrennen), wörtliches Zitat Eli Cliftons
- CBS Detroit (Juli 2026): "AIPAC spends nearly $30M on Stevens over Al-Sayed in Michigan Senate primary, its largest single-race investment ever" – Einordnung als größte AIPAC-Einzelinvestition aller Zeiten
- Al Jazeera (02.08.2026): "How much has AIPAC spent against Michigan's Abdul El-Sayed? And why?" – Kontext zur arabisch-amerikanischen Bevölkerung Michigans, Gesamtausgaben aller Gruppen (über 41 Mio. $)
- JNS (Juli 2026): "AIPAC super PAC spent almost $25 million to help Stevens beat El-Sayed in Michigan" – frühere Zwischenstände der Ausgaben
- Bridge Michigan: "Outside spending floods Michigan's US Senate race — most for Haley Stevens" – Vergleichszahlen zu Ausgaben für den republikanischen Gegenkandidaten
Buch und Autoren
- Simon & Schuster, offizielle Verlagsseite: "Israel's Lobby" von Eli Clifton und Ian Lustick – Erscheinungsdatum 11.08.2026, Verlag Atria/One Signal Publishers, Kurzbiografien beider Autoren
- Bookshop.org / Amazon, Verlagsbeschreibung – ergänzende biografische Angaben zu Ian Lustick (State Department unter Carter, UPenn, Gründungspräsident der Association for Israel Studies)
- Trita Parsi, Substack (13.08.2026): "The Most Important Book of 2026: Clifton and Lustick's 'Israel's Lobby'" – Einordnung, Zitat Lustick zur Zielsetzung des Buches
- Josh Ruebner/Mondoweiss (04.08.2026): "Book Review: AIPAC on steroids" – kritische Rezension, Einordnung in die Tradition seit Mearsheimer/Walt (2007)
Mechanismus und Zahlen
- Responsible Statecraft (05.08.2026): Gesamtsumme "über 60 Millionen Dollar" AIPAC-Ausgaben in demokratischen Vorwahlen des laufenden Zyklus, Vergleichswert zum vorigen Zyklus (~40 Mio. $)
- Zur "1,7-Mrd.-Dollar/9-Großspender"-Zahl: nicht unabhängig verifiziert, stammt aus dem Ausgangsgespräch mit Clifton/Lustick selbst – im Text bewusst unpräzise ("niedriger einstelliger Milliardenbereich") und ohne Seitenzahl wiedergegeben, wie gewünscht. Vor Veröffentlichung idealerweise im Buch selbst gegenprüfen, falls eine genauere Formulierung gewünscht ist
Kollateralschaden im Inland – Maccabee Task Force/Adelson
- Eli Clifton/Responsible Statecraft (18.03.2025): "The Israeli-American Trump mega-donor behind speech crackdowns" – Primärquelle zu Adelsons Rolle als Präsidentin der Maccabee Task Force, Verbindung zum Fall Mahmoud Khalil, IRS-Unterlagen zur Gründungsfinanzierung 2015 (2,28 Mio. $)
- Wikipedia: "Maccabee Task Force" – Gründungsgeschichte 2015, Gründer (Sheldon Adelson, Haim Saban, Adam Milstein), Zielsetzung gegen BDS
- Times of Israel (Blogs, Mai 2026): ergänzender Hintergrund zu Adelsons Vermögen und Positionierung
Dirk Ellerbrock ist Dipl.-Sozialwissenschaftler und politischer Kommentator. Weitere Texte von ihm erscheinen auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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