Gedankenknoten – Ethik | Von Bernd Lukoschik

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Gedankenknoten sind kleine Texte, die philosophische Probleme erörtern, Fragestellungen aufwerfen und den Leser ins Grübeln bringen. Vom Altertum bis zur Moderne werden Begriffe besprochen, die zum Hinterfragen anregen und das philosophische Problematisieren schulen.

Das Thema heute: Ethik

Die Freiheit als Freiheit zur guten Tat

Die Frage, wann eine menschliche Tat eine freie Handlung ist, also aus einem freien Willen heraus geschieht, ist ein uraltes Problem, ein Problem, an dem die Möglichkeit der Moral hängt.

Diejenigen, die die Willensfreiheit für vereinbar mit Determiniertheit halten, sehen eine Entscheidung dann als freie, wenn der Wille durch keine äußere und innere Beschränkung wie psychische Defekte davon abgehalten wird, dem eigenen Naturell oder Charakter zu folgen. In diesem Fall wäre die Handlung determiniert durch das Wesen des Handelnden und zugleich als frei zu bezeichnen, da sie eben nicht fremdbestimmt, also von außen bestimmt wäre. Freiheit wäre Freiheit von Fremdbestimmung und Freiheit zur Realisierung des eigenen Wesens.

Das sieht Kant jedoch nicht so. Auch festgelegt zu sein durch das eigene Naturell, durch eigene Interessen und Neigungen bedeutet ihm Fremdbestimmung und damit ein unfreies Tun. Erst wenn der Wille sich auch von seinem Naturell löst, wird er frei. Welchem Motiv folgt er dann aber?

Kant antwortet darauf: dem Sittengesetz, das der Wille als praktische Vernunft sich selbst gibt. Jetzt erst handelt der Wille selbstbestimmt und tatsächlich frei.

Wirklich frei ist eine Tat also erst dann, wenn sie dem kategorischen Imperativ folgt, in seiner ersten Formulierung: Handle nur nach derjenigen Handlungsregel, die du zugleich als allgemeines Gesetz wollen kannst. In seiner zweiten Formulierung: Handle so, dass du dich und deinen Mitmenschen bei jeder Handlung zugleich als Zweck, nie nur als Mittel gebrauchst (die Selbstzweckformel des kategorischen Imperativs).

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Anastasios71 / shutterstock

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Kommentare (14)

14 Kommentare zu: “Gedankenknoten – Ethik | Von Bernd Lukoschik

  1. Fass sagt:

    Was für ein Geschwurbel, da ich es aber teilweise gelesen habe, die kurze Gegendarstellung…
    Zum ersten Thema mit der Schlußfolgerung : Alles ist beliebig! Nein, alle Wahrheit hat Bezugssysteme. Freiheit in der menschlichen Gesellschaft ist daher völlig unbeeinflußt vom physikalischen Erkenntnisstand Welle/Teilchen.

  2. Fass sagt:

    Frei von Fremdbestimmung leben zu können ist die Freiheit des Kindes, die Bedürfnisse der anderen ebenfalls zu reflektieren (der Mensch ist natürlicherweise ein soziales Wesen) und entsprechend zu entscheiden macht nach Kant erst die Freiheit des Menschen aus. Ein hoher Anspruch, dem man in der Welt des homo konsumens so gut als möglich den Kampf angesagt hat.

    • Wortwahlhelfer sagt:

      Aha, Freiheit ist nach Kant also die Freiheit des Kindes, die Bedürfnisse der anderen zu reflektieren. Da wird die Philosophiegeschichte jetzt vermutlich neu geschrieben werden müssen. Danke, Fass, für diesen lehrreichen Kommentar. Ich freue mich schon auf die zitierten Passagen aus Kants Philosophie.

  3. Wortwahlhelfer sagt:

    15 Sätze zum Thema Freiheit – das würde bei mir nicht einmal für die Einleitung ausreichen. Warum sollte ich mir die Mühe machen, so etwas zu kommentieren? Na gut, vielleicht lernt ja jemand etwas daraus.

    Freiheit ist ein relativer Begriff, denn alle Begriffe sind relativ, weil alles im Universum relativ ist. Von der Relativität von Raum und Zeit wußte Kant noch nichts, für ihn waren Raum und Zeit reine Anschauungen a priori, es waren also Begriffe, die fest standen und nicht weiter in Frage gestellt werden konnten. Kants gesamte Philosophie beruht auf der Vorstellung einer statischen Zeit und einem statischen Raum, sie sind die Prämissen seines Denkens und auf ihnen baut alles andere auf. Kant wußte noch nichts vom Aufbau der Materie, er wußte nichts von Radioaktivität, er kannte nicht die Relativitätstheorie und nicht einmal das elektrodynamische Prinzip war ihm bekannt. Kant war also aus dem Erkenntnisstand der Naturwissenschaften seiner Zeit heraus gar nicht in der Lage, die Begriffe von Raum und Zeit in Frage zu stellen und mußte sie entsprechend den Vorstellungen seiner Zeit zu Voraussetzungen seines Denkens machen.

    Die Vorstellungen von einem statischen Raum und einer statischen Zeit, also die Vorstellung, daß der Raum eine feste Größe hat und die Zeit konstant in eine Richtung fließt, ist seit der Relativitätstheorie jedoch überholt. Der Raum hat also keine feste Größe und auch die Zeit läuft nicht konstant, sondern vielmehr stehen Raum und Zeit in einem Verhältnis zueinander, sie sind also dynamisch und relativ. Dies macht selbstverständlich auch alle Erscheinungen relativ und es macht auch die Begriffe relativ, mit denen wir die Erscheinungen erfassen und mit Wörtern bezeichnen.

    Kant war sich der Relativität der Begriffe durchaus bewußt.

    Zitat Kant: "Jeder dieser Sätze nimmt einen Teil der Sphäre des möglichen Erkenntnisses über das Dasein einer Welt überhaupt ein, alle zusammen die ganze Sphäre. Das Erkenntnis aus einer dieser Sphären wegnehmen, heißt, sie in eine der übrigen setzen, und da gegen sie in eine Sphäre setzen, heißt, sie aus den übrigen wegnehmen. Es ist also in einem disjunktiven Urteile eine gewisse Gemeinschaft der Erkenntnisse, die darin besteht, daß sie sich wechselseitig einander ausschließen, aber dadurch doch im Ganzen die wahre Erkenntnis bestimmen, indem sie zusammengenommen den ganzen Inhalt einer einzigen gegebenen Erkenntnis ausmachen." (KdrV)

    Aber Kant war nicht in der Lage, die notwendigen Konsequenzen aus seinen Erkenntnissen zu ziehen, weil er – wie gesagt – nicht in der Lage war, die Begriffe von Raum und Zeit in Frage zu stellen. Dazu waren weitere rund 200 Jahre naturwissenschaftliche Forschung und die Gedankengänge eines Herrn namens Albert Einstein erforderlich. Obwohl Kants Philosophie umfassend, durch und durch logisch und in nahezu erschlagender Weise gründlich ist, kommt er mit ihr am Ende im Grunde doch zu dem falschen Ergebnis, weil er ausgehend von seinen eigenen Prämissen bemüht ist, zu einer allgemeingültigen Aussage zu gelangen. Daran mußte Kant aber genauso scheitern, wie alle Philosophen vor ihm und wie auch alle Philosophen in Zukunft daran scheitern werden, weil über die Welt keine eindeutigen Aussagen getroffen werden können. Dies hat nichts damit zu tun, daß es keine Wahrheit geben würde und daß sie sich nicht auch erkennen ließe, sondern es liegt einfach in dem Umstand begründet, daß auch die Wahrheit ein relativer Begriff ist, der nicht eindeutig bestimmt werden kann. Wann immer wir bemüht sind, die Erscheinungen der Welt zu begreifen, so sind wir nur dann dazu in er Lage, wenn wir die Erscheinungen zu Begriffen unseres Denkens machen und sie damit zwangsläufig auch zu Zuständen machen. Die Erscheinungen der Welt sind aber keine Zustände, sondern es sind Vorgänge, die weder einen Anfang noch ein Ende haben, und die demzufolge auch nicht eindeutig voneinander abgegrenzt werden können. Die Welt ist eben ein ständiger Fluß ohne Anfang oder Ende.

    Es liegt bereits in der Semantik vom Begriff der Wahrheit begründet, was die Wahrheit für uns Menschen ist, denn im Begriff der Wahrheit steckt das Wort "wahren", also etwas, das beständig ist und erhalten bleibt. Wenn wir uns aber in der Welt umsehen, dann findet sich dort nichts, das erhalten bleibt, weil alles ständig in Bewegung ist und sich ständig verändert und nicht einmal die Atome zu irgendeinem Zeitpunkt (der zudem nie genau bestimmt werden kann) einen festen Zustand haben. Die Frage ist also nicht, welchen Zustand die Welt hat, sondern die Frage ist, wie wir als Menschen bei aller Dynamik des Kosmos überhaupt zu dem Begriff von einem Zustand gelangen?

    Die Antwort auf diese Frage liegt in den Verhältnissen, in denen sich die Erscheinungen der Welt in ihrer Dynamik zueinander befinden, und die im Prinzip immer gleich sind. Der Zustand der Welt ist also nicht in den Erscheinungen oder Dingen, sondern in der Verhältnismäßigkeit gegeben. Weil sich alle Erscheinungen immer in einem bestimmten Verhältnis zueinander bewegen, befinden oder verändern, erkennen wir in der Verhältnismäßigkeit der Erscheinungen auch einen Zustand in der Welt. Es ist also die Verhältnismäßigkeit, die uns zu einem Begriff der Wahrheit führt, und darum ist die Wahrheit auch nur in den Verhältnissen der Welt gegeben, oder anders formuliert, in Wahrheit besteht die Welt nur in ihren Verhältnissen, oder nochmals anders formuliert: Alles ist relativ.

    Wenn nun alles relativ ist, dann bedeutet dies im Umkehrschluß, daß nichts in der Welt absolut ist. Die Welt hat also gar keine Größe, weil der Begriff der Größe selbst relativ ist und erst durch seine Abgrenzung von einer anderen Größe überhaupt einen Sinn erhält. Das Universum ist also genauso endlos groß wie es endlos klein ist, und ob man das Universum als endlos groß oder klein auffaßt, ist allein eine Frage der Relation und damit eine Frage der Betrachtungsweise.

    Was bedeutet dies nun für die Freiheit?
    Hierzu sollte man sich zunächst fragen, was der Begriff der Freiheit überhaupt bedeutet, denn frei zu sein bedeutet nicht, handeln zu können, sondern es bedeutet im eigentlichen Sinn des Wortes Bedeutung 'gelöst' oder 'los' zu sein, es bedeutet, 'ohne' zu sein. Wird also danach gefragt, was absolute Freiheit bedeutet, dann kann dies nur bedeuten, absolut von allem gelöst und absolut ohne zu sein. Absolut frei zu sein, würde also nicht nur bedeuten, frei von jeglichen Beschränkungen, frei von Mühsal, Plagen und Verpflichtungen zu sein, es würde auch bedeuten, überhaupt frei von allen Bedürfnissen zu sein, und in letzter Konsequenz würde es bedeuten, frei von der eigenen Existenz zu sein, also auch frei von allen Bedingungen, von Wahrnehmung und Bewußtsein und frei von Raum und Zeit zu sein. Absolute Freiheit kann also nur in der Freiheit von Allem bestehen, so daß absolute Freiheit auch nur im Nichts bestehen kann, oder anders formuliert, daß absolute Freiheit nicht bestehen kann.

    Wenn wir etwas wollen, dann müssen wir auch etwas haben, das wir wollen können, unser Wollen muß also ein Ziel haben, so daß ein Nichts zu wollen auch nur bedeuten kann, nichts zu wollen. Absolute Freiheit ist etwas, das wir als Menschen gar nicht wollen können, denn absolute Freiheit zu wollen, kann nur bedeuten, nicht zu wollen. Willensfreiheit kann es also gar nicht geben, weil Willensfreiheit nur in der Freiheit von einem Wollen bestehen kann. Darum ist es auch vollkommen sinnlos, wenn in der Philosophie die Frage nach der Willensfreiheit diskutiert wird, ganz einfach deshalb, weil der Wille nicht frei sein kann, aber das wußte auch schon Schopenhauer.

    Die Frage kann allein sein, was der Begriff der Freiheit für uns Menschen überhaupt bedeutet, denn wenn wir uns unter Freiheit etwas Absolutes vorstellen, dann ist jede Diskussion von vornherein müßig und Menschen können keine Freiheit haben. Wie alle anderen Begriff ergibt auch der Begriff der Freiheit erst durch seine Abgrenzung von etwas, das Freiheit nicht ist, überhaupt einen Sinn. Man mag dieses Etwas als Determinismus, Kausalität, Notwendigkeit oder Bedingung bezeichnen, wichtig ist allein, sich klar zu machen, daß der Begriff der Freiheit ohne ein Etwas, von dem eine Freiheit besteht, inhaltslos ist. Es ist sinnlos zu sagen, etwas sei frei, wenn damit nicht auch die Vorstellung verbunden ist, wovon etwas frei sein soll. Freiheit und Notwendigkeit ergeben also erst durch ihren gegenseitigen Ausschluß einen Sinn, und weil sie sich immer gegenseitig ausschließen, sind sie auch immer ineinander enthalten, sie sind also immanent oder inhärent wie beispielsweise die Begriffe von oben und unten, heiß und kalt und dunkel und hell.

    Wenn nun der Begriff der Freiheit erst durch die Abgrenzung vom Begriff der Notwendigkeit einen Sinn ergibt, und auch umgekehrt der Begriff der Notwendigkeit erst durch die Abgrenzung vom Begriff der Freiheit einen Sinn ergibt, dann setzt die Notwendigkeit die Freiheit genauso voraus wie die Freiheit die Notwendigkeit zur Voraussetzung macht. Es ist also gar nicht möglich, zu einem Begriff von Determinismus oder Kausalität zu gelangen, wenn Freiheit nicht vorausgesetzt wird, wie es ebenso wenig möglich ist, zu einem Begriff von Freiheit zu gelangen, wenn nicht auch Kausalität oder Determinismus vorausgesetzt wird. Die Frage, ob wir als Menschen frei sind und ob wir Freiheit haben oder ob wir einfach nur einer Bestimmung folgen, läßt sich damit immer sowohl mit Ja wie auch mit Nein beantworten. Dies mag nach formaler Logik ein Widerspruch sein, weil die formale Logik nur eindeutige Antworten zuläßt, in einer transzendentalen Logik ergeben die Begriffe von Freiheit und Notwendigkeit aber erst einen Sinn, so daß mit der transzendentalen Erkenntnis nicht nur der Widerspruch der Wahrheit anerkannt werden muß, sondern als Schlußfolgerung daraus auch Freiheit und Notwendigkeit immer gleichermaßen vorausgesetzt werden müssen.

    Erst wenn man diesen Umstand erkannt hat, daß nämlich Wahrheit an sich widersprüchlich ist, beginnt man auch, sich nach und nach aus den Widersprüchen der modernen Naturwissenschaften und der neuzeitlichen Philosophie des Westens zu lösen und die eigentliche Wahrheit der Welt zu erkennen. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu und sie geht auch nicht auf Kant zurück, sondern sie findet ihren Ursprung im Dualismus einer Philosophie, die vermutlich bereits 3000 Jahre alt ist und die sich im Taoismus bis heute erhalten hat. Das TAO ist keine Religion, und es ist auch keine Weltauffassung, sondern es ist einfach nur ein Erkenntnisprinzip, das die Grenzen der menschlichen Vernunft markiert – und das Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft lediglich mit den Wörtern der deutschen Sprache und mäßig erfolgreich zu beschreiben versuchte.

    Freiheit ist also ein relativer Begriff, und so sind wir Menschen auch immer relativ frei oder nicht frei, das ist einfach eine Frage der Betrachtungsweise.

    Was bedeutet das für die Moral? Ganz klar, es bedeutet, daß auch Begriffe wie gut und böse, wertvoll und wertlos oder richtig und falsch relativ sind. Maximen können nicht kategorisch sein, weil sich im Leben nichts kategorisch ausschließen läßt, es muß also immer alles grundsätzlich erlaubt sein und nichts kann grundsätzlich verboten sein. Grundsätze werden von Menschen gemacht, aber die Natur folgt Prinzipien, und sie schert sich dabei einen feuchten Kehricht um die Menschheit. Leider ist die westliche Philosophie mehr oder weniger bei Kant stehen geblieben. Dabei ist es im Prinzip ganz einfach, die Wahrheit der Welt zu erkennen, wenn man denn nur dazu bereit ist, sich aus dem kategorischen Denken zu befreien und in der Welt etwas anderes als ein großes Schuhgeschäft zu sehen, in dem alles wohlgeordnet im Regal steht und seinen festen Preis hat. Solange aber die Welt aus ökonomischen Gründen und lauter Furcht vor einem Verlust des Wohlstands an ihrem altertümlichen Rationalismus festhält, solange wird sie auch an den Widersprüchen ihrer Moral scheitern. Das bleibt gar nicht aus.

    • Irwish sagt:

      Klar ist der Freiheitsbegriff relativ, zumindest wenn er nicht näher definiert wird. Bei echten – seriösen – Philosophen und anderen Sachbuch-Autoren werden verwendete Begriffe, die undeutlich, nebelhaft, wenig aussagekräftig und/oder unpräzise sind, immer genau definiert bzw. deklariert; ein solcher Autor schreibt immer frei heraus, wie er einen bestimmten Begriff verstanden haben will, wie er ihn »meint«.

      Daran hält sich Herr Lukoschik nur sehr unzureichend. Wie Sie sehr schön ausführen, liegt dem Freiheitsbegriff im absoluten Sinn eigentlich ein Nonsens zugrunde: von allem losgelöst, ohne Interesse, ohne Ziel, ohne Notwendigkeit usw. So etwas gibt es nicht, es handelt sich um eine reine Kopfgeburt. Kants Definition, daß geistige Freiheit bedeute, den eigenen Willen frei vom eigenen Naturell zu machen, um sodann einzig dem Sittengesetz – der aktuell herrschenden Moral, somit den derzeitigen Regeln des gesellschaftlichen Miteinander – zu folgen, erscheint mir mehr als fragwürdig.

      Wie ich bereits in meinem Beitrag unten dargelegt habe, weist der Moralbegriff je nach Zeit und Ort sehr verschiedene Inhalte auf, die häufig nach Gutdünken der jeweils Herrschenden geändert werden. Moral als Steuerungsinstrument funktioniert deshalb, weil die Untertanen zum Gehorsam erzogen (= abgerichtet) wurden. Wirklich gehorsam ist man nicht, wenn man sich unter Gewaltandrohung scheinbar unterwirft, tatsächlich aber bei seinen eigenen Überzeugungen bleibt. Der wirklich Gehorsame teilt die Überzeugungen seines Herrn, so daß er sich beim Gehorchen gut zu fühlen vermag, als guten Menschen, der das Richtige tut.

      Die geistige Freiheit, die ich meine, bezieht sich auf die innere Autonomie der Menschen, wovon der eine mehr, der andere weniger hat. Innere Autonomie – Maaz spricht hier auch von innerer Demokratie, der Gleichwertigkeit der inneren Impulse – ist das, wonach eigentlich jeder strebt bzw. streben sollte: Die Freiheit, sich anhand der eigenen Beurteilung entscheiden zu können. Das heißt, ich will einen »Zustand« mit mir selbst erreichen bzw. leben, in welchem ich auf meine eigenen Bedürfnisse weitgehend autonom eingehen und reagieren kann. Ich möchte mich z.B. von Menschen, die mir Schmerz zufügen, fernhalten, und anders herum auf Menschen, die mir Freude machen, zugehen können (grob gesagt). Ich möchte meinen Bedürfnissen adäquat folgen dürfen und nicht, wie in unserer Gesellschaft üblich, unerträgliche und unangenehme Menschen und Situationen aushalten müssen, weil ich z.B. mein Einkommen nicht riskieren will. Ich möchte auf meine Gefühle hören dürfen, ohne Angst vor gesellschaftlichen Repressalien (vor den negativen Aspekten der Moral) haben zu müssen. Gefühl stellen die einzige Verbindung zwischen Körper und Geist dar, über die wir verfügen. Gefühle sind die Signale meiner Zellen und Zellverbände, die mir das Leben überhaupt erst ermöglichen.

      In seinem Buch IM ANFANG WAR DAS GEFÜHL (1) beschreibt Antonio Damasio sehr deutlich, wie er die Sache sieht:

      —– Zitat-Anfang —–
      Ohne daß ein einziges Wort gesprochen wird, teilen Gefühle dem Geist unter normalen Umständen in jedem einzelnen Augenblick mit, ob der Lebensprozeß in dem zugehörigen Körper in eine gute oder schlechte Richtung verläuft. Damit stufen die Gefühle den Lebensprozeß auf natürlichem Wege danach ein, ob er dem Wohlbefinden und Gedeihen dienlich ist oder nicht.
      Ein weiterer Grund, warum Gefühlen gelingt, was Ideen nicht schaffen, hat mit dem einzigartigen Wesen der Gefühle zu tun. Gefühle wurden nicht allein vom Gehirn hervorgebracht, sie sind vielmehr das Ergebnis einer partnerschaftlichen Kooperation von Körper und Gehirn, die mittels ungehindert fließender chemischer Moleküle und Nervenbahnen in Wechselbeziehung stehen. Dieses besondere, häufig übersehene Arrangement sorgt dafür, daß Gefühle einen ansonsten vielleicht gleichmäßigen Gedankenstrom stören können. Die Quelle des Gefühls ist das Leben auf dem Drahtseil, das zwischen Gedeihen und Tod balanciert. Deshalb sind Gefühle mentaler Aufruhr, beunruhigend oder prachtvoll, sanft oder intensiv. Sie können uns subtil und eher intellektuell erregen, aber auch heftig und eindringlich, so daß sie unsere volle Aufmerksamkeit verlangen.
      —– Zitat-Ende —–

      Wir heutigen Menschen sind kaum noch fähig zu dem, was Damasio als Homöostase bezeichnet, weil wir zu verkopft sind, und das sind wir, weil uns die Verbindung zu unserer Gefühlswelt bereits in der Kindheit gewissermaßen ausgetrieben wurde:

      —– Zitat-Anfang —–
      Wie können wir die offenkundig vernünftige Idee, daß Gefühle das Motiv der intelligenten kulturellen Lösungen für Probleme waren, die aus der Natur des Menschen erwachsen, mit der Tatsache in Einklang bringen, daß geistlose Bakterien effiziente soziale Verhaltensweisen an den Tag legen, die in Umrissen manche kulturellen Reaktionen der Menschen vorausahnen lassen? Welcher Faden verbindet diese beiden Gruppen biologischer Ausdrucksformen, deren Entstehung durch Milliarden Jahre der Evolution getrennt ist? Nach meiner Überzeugung liegen die Gemeinsamkeiten und der Faden im Prozeß der Homöostase.

      In den Gefühlen offenbart sich für jeden einzelnen Geist der Zustand des Lebens innerhalb des jeweiligen Organismus, ein Zustand, der seinen Ausdruck entlang eines Spektrums vom Positiven bis zum Negativen findet. Mangelnde Homöostase drückt sich im Wesentlichen in Form negativer Gefühle aus, während positive Gefühle ein Anzeichen für ein angemessenes Niveau an Homöostase sind und den Organismus aufgeschlossen für vorteilhafte Möglichkeiten macht. Gefühle und Homöostase stehen zueinander in einem ganz prinzipiellen, widerspruchsfreien Zusammenhang. Gefühle sind bei allen Lebewesen, die mit einem Geist und einem bewußten Blickwinkel ausgestattet sind, das subjektive Erlebnis des Lebenszustandes, das heißt der Homöostase. Wir können uns die Gefühle als mentale Stellvertreter der Homöostase vorstellen.
      —– Zitat-Ende —–

      Mit anderen Worten: eine lebendige Verbindung zu unserer Gefühlswelt ist notwendig, weil wir sonst nicht mitbekommen, ob eine Entscheidung, eine Erfahrung, Begegnung, Nahrung uns gut oder schlecht bekommt. Sind wir, wie die meisten Menschen heute, jedoch kognitiv an den jeweils herrschenden Moralvorstellungen ausgerichtet, nehmen wir die eigenen inneren Impulse nur noch wahr, wenn sie das Marktgeschrei der Gesellschaft übertönen. Die leisen, fast schon geflüsterten Töne, die aus unserem stillen See des Wissens kommen, gehen gewöhnlich im täglichen Trott unter.

      Ein weiteres, in diesem Zusammenhang sehr wichtiges Buch ist von Joachim Bauer: WIE WIR WERDEN, WER WIR SIND – Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. (2)

      Um es kurz zu machen: Bauer beschreibt u.a., wie der Mensch zu einem Selbst gelangt, ob nun autonom oder abhängig. Der Autonomie-Erwerb ist nach Bauer davon abhängig, ob einem Kind von Anfang an erlaubt wird, seine Gefühle adäquat zu äußert. Wird das ständig reglementiert bzw. mit negativen Reaktionen der Mutter beschieden, kann sich kein Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und somit auch nicht in die eigene Urteilsfähigkeit entwickeln. Der Betroffene bleibt ein Leben lang abhängig von Autoritäten, die ihm sagen, was er wann wie und warum wahrzunehmen und zu interpretieren hat.

      (1) http://irwish.de/PDF/Psychologie/Damasio/Damasio_Antonio-Im_Anfang_war_das_Gefuehl.pdf

      (2) http://irwish.de/PDF/Psychologie/Bauer/Bauer_Joachim-Wie_wir_werden_wer_wir_sind.pdf

    • Wortwahlhelfer sagt:

      @Irwish vom 27. April 2022 um 22:52 Uhr
      Na ja, Ihre Mühen in allen Ehren, aber ich glaube, Sie haben nicht ganz verstanden, was ich eigentlich sagen wollte.

      Freiheit ist immer ein relativer Begriff, ohne Ansehen dessen, ob er definiert wird oder nicht, denn alle Begriff sind relativ. Freiheit ist ein sehr abstrakter Begriff, und er bezeichnet im Grunde selbst auch nichts, das irgendwie als Gegenstand erfaßt werden könnte, denn Freiheit ist im Grunde nur die Negation, also die Verneinung von etwas Vorhandenem, und darum ergibt der Begriff der Freiheit auch nur dann einen Sinn, wenn er sich auf etwas mehr oder weniger Konkretes bezieht. Man kann also nicht sagen, etwas oder jemand sei frei, wenn damit nicht auch eine Vorstellung von etwas verbunden ist, von dem etwas oder jemand frei ist. Ich bin heute etwas müde, darum verzichte ich hier auf Beispiele.

      Kants Überlegungen zur Freiheit sind im Prinzip schon richtig, nur macht er es sich auch viel zu einfach, seine Philosophie ist zwar sehr umfassend und sehr gründlich, aber eben auch nicht wirklich konsequent durchdacht. Wenn Kant sagt, daß es eine Freiheit aus Vernunft geben müsse, dann liegt er damit im Prinzip schon richtig, denn wenn es eine Freiheit geben sollte, dann kann sie nur aus Bewußtsein hervorgehen und damit selbstverständlich auch nur aus Vernunft. Kant macht es sich aber viel zu einfach, wenn er annimmt, die Vernunft könne Freiheit begründen, weil er bei seinen Überlegungen den Antrieb vollständig außer Acht läßt. Kant nennt zum Beispiel das Aufstehen von einem Stuhl ohne äußeren Anlaß eine freie Handlung, ohne dabei danach zu fragen, was ihn denn zum Aufstehen veranlaßt haben könnte, Kant erkennt also nicht, daß jeder Handlung eine Motivation zu Grunde liegt. Ähnlich ist es bei seinen Vorstellungen von Kausalität, wenn er zwar einräumt, daß jede Wirkung eine Ursache haben muß und damit zu einer endlosen Kette aus Ursachen und Wirkungen führen muß, gleichzeitig aber die Auffassung vertritt, mit seiner eigenen Entscheidung könne er der selbst der Beginn einer solchen Kette sein (ich habe die entsprechenden Zitate gerade nicht zur Hand, gebe es also nur sinngemäß wieder). Kant kommt also gar nicht auf den Gedanken, daß eine kausale Kette nicht zwangsläufig eine gerade Linie sein muß, sondern daß sie auch im Kreis verlaufen kann und damit gleichermaßen endlich wie auch endlos sein kann, weil die letzte Wirkung in der Kette gleichzeitig wieder die erste Ursache der Kette ist.

      An diesen Denkfehlern werden Kants Vorstellungen von Raum und Zeit deutlich, die er auch an verschiedenen Stellen in seiner Kritik der reinen Vernunft beschreibt. Im Kontext seines Denkens sind seine Schlußfolgerungen richtig, aber seine Vorstellungen von Raum und Zeit sind falsch.

      Ich müßte noch stundenlang schreiben, um Kants Denken zu beschreiben und seine Denkfehler aufzuzeigen. Das würde diesen Beitrag bei Weitem sprengen und ich habe auch nicht genügend Zeit dazu. Ich würde es auch als eine müßige Aufgabe ansehen, eine Philosophie auf der Philosophie eines anderen Philosophen aufzubauen, das würde der Sache kaum zuträglich sein.

      Das eigentliche Problem einer jeden Philosophie ist die Sprache, die immer alles in Begriffe faßt und als Zustand beschreibt. Sprache muß in Begriffe fassen, weil sonst nichts vorhanden ist, das sich mit Wörtern bezeichnen läßt, und etwas in Begriffe zu fassen, heißt, etwas zu begreifen, es in Gedanken zu umschließen, und damit auch immer von etwas anderem abzugrenzen. Sprache begrenzt also die Wahrheit, die Wahrheit der Welt ist aber nicht begrenzt, sondern sie ist allumfassend, und darum kann Sprache auch die Wahrheit nicht vollständig erfassen, sondern sie immer nur punktuell bezeichnen und so ein Bild von ihr zeichnen. Zudem kann Sprache auch nur etwas bezeichnen, das entweder als Gegenstand erscheint oder zumindest in der Vorstellung zu einem Gegenstand gemacht worden ist, Sprache kann also nur etwas beschreiben, das als Vor-stellung existiert, das also in der Vorstellung zu einem Zustand gemacht worden ist. Die Welt ist aber kein Zustand, sondern sie ist ein Fluß. Wie kann es also gelingen, Wörter in einen Fluß zu meißeln?

      Begriffe sind die Werkzeuge unseres Denkens, und weil uns die Welt teilweise als Zustand erscheint und wir die Erscheinungen mit den Begriffen der Sprache ständig als Zustände erfassen und beschreiben, darum glauben wir auch an den Zustand der Welt. Die Welt läßt sich aber nicht begreifen, sie läßt sich nicht allein mit rationalen Mitteln verstehen, sondern sie läßt sich nur erfahren, das ist ein bedeutender Unterschied auch im Denken, denn schließlich ist auch das Denken nur ein Vorgang in der Zeit und damit eine Erfahrung.

      Im Dualismus liegt der Schlüssel zur Wahrheit und damit auch zum wahren Verständnis von der Welt. Das ist keine neue Erkenntnis, denn – wie gesagt – kennt man diesen Umstand bereits seit etwa 3000 Jahren und beschreibt ihn im Taoismus. Das Problem mit dem Taoismus ist nur, daß er für eine Art von Religion gehalten wird, obwohl das TAO durch und durch rational und logisch ist. Es ist eben nur eine andere Art von Logik, die im Prinzip von Yin & Yang zum Ausdruck kommt. Hat man den Dualismus der Welt aber erst einmal als Wahrheit erkannt, oder ist zumindest bereit, ihn anzuerkennen, dann erschließen sich damit faszinierende Welten und tiefe Einblicke in den Ablauf der Zeit.

      Na ja, vielleicht bleibt ja später noch etwas Zeit, das hier fortzusetzen.

      LG

    • Irwish sagt:

      Sie schreiben: »Na ja, Ihre Mühen in allen Ehren, aber ich glaube, Sie haben nicht ganz verstanden, was ich eigentlich sagen wollte.«

      Glauben können Sie selbstverständlich, was Sie wollen. Wenn Sie nicht gesagt resp. geschrieben hatten, was Sie eigentlich mitteilen wollten, ist das sicherlich nicht mein Fehler, wenn ich Sie nicht so verstanden habe, wie Sie das wünschten.

      Sie schreiben weiter: »Freiheit ist immer ein relativer Begriff, ohne Ansehen dessen, ob er definiert wird oder nicht, denn alle Begriff sind relativ.«

      Begriffe sind nichts weiter als Symbole – manche recht einfach wie das Wörtchen »und«, andere dagegen hochkomplex. Letztlich sind Begriffe, Wörter, Sätze, Texte nichts anderes als Markierungen auf unserer inneren Landkarte, unserem Verstand. Die allermeisten Menschen verwechseln jedoch ständig das Symbol mit dem Gegenstand oder der Sache, auf die es verweist. Mit anderen Worten: sie glauben, das Wort, der Begriff, womit wir eine Sache kognitiv erfassen, sei das jeweilige Ding, und operieren in ihrem Verstand dann zwangsläufig auch mit den von diversen Aspekten befreiten Symbolen. Das ist auch soweit in Ordnung, wo es sich um die Lösung oder Erkenntnis von Alltags-Zusammenhängen oder -problemen handelt. Beim ernsthaften Philosophieren dagegen wäre es durchaus angebracht, weiter zu greifen, wohl wissend, daß wir niemals alle Aspekte einer Sache vollständig zu erfassen in der Lage sind: Ich weiß, daß ich nichts weiß.

      Sie versuchten, mir Kants Unzulänglichkeit nahezubringen. Ich muß gestehen, daß mich Kant nie besonders interessiert hat, das ist mir alles viel zu theoretisch, zu allgemein gehalten oder besser gesagt: Viele solche Texte leiden gewissermaßen darunter, daß ihre Autoren versuchen, allgemeingültig und metaorientiert zu schreiben, sozusagen aus einer göttlichen Vogelperspektive; sie wollen den perfekten Text produzieren, der alles berücksichtigt, der jeden Winkel ausleuchtet und damit – angeblich – Ewigkeitsstatus erlangt. Solche Anliegen sind von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Auch wenn man heute noch immer viel von Kant, Marx und anderen »großen« Philosophen hält, empfinde ich ihre Texte meistens als veraltet, auch als äußerst schwierig zu verstehen und nicht zuletzt als viel zu verkopft, um handhabbare Lösungen anbieten zu können.

      Wo es um die Freiheit des Menschen z.B. von Sklaverei, Ausbeutung, Unterdrückung und dergleichen geht, halte ich es daher lieber mit den konkreten Ursachen und Zusammenhängen, die überhaupt erst dazu führen. Insofern liegt es nun an mir, bei Ihnen ein gewisses Unverständnis für meine Sichtweise zu vermuten. Ich befasse mit seit gut 20 Jahren vor allem mit dem, was man Entwicklungspsychologie nennt: Die Bedingungen und Umstände in den ersten Jahren eines Menschen, die ihn prägen und die vor allem die Verbindung zu seiner Gefühlswelt, der ursprünglichen Bewußtheit, beeinträchtigen.

      Ein Widerspruch, auf den ich in Ihrem Text aufmerksam wurde, besteht darin, daß Sie einerseits davon schreiben, daß man die Welt nicht mit sprachlicher Logik erfassen könne, andererseits aber dann doch wieder ein Logiksystem, den Taoismus, anführen, der durch und durch rational und logisch sei und deshalb zur Wahrheit führe.

      Zum einen kann ich nicht erkennen, daß die beiden Begriffe »rational« und »logisch« irgendwelche Werte darstellen oder Bewertungen zulassen, denn jedes einigermaßen ausgereifte System ist in sich logisch, und rational bedeutet lediglich, daß die Ratio ohne Gefühlsbeteiligung zugange ist. »Logik« ist nichts weiter als eine Kategorie, eine Schublade, in die man alles Mögliche hineinsortieren kann.

      Offensichtlich geht es Ihnen um etwas völlig anderes als mir. Mir scheint, Sie wollen rein theoretisch bleiben, wogegen ich es vorziehe, konkrete Zusammenhänge und Hintergründe zu erhellen, mit denen Menschen etwas anfangen können. So möchte ich meinen Mitmenschen gerne mitteilen, daß und wie sie sich selbst versklaven, die Ketten im Kopf pflegen und hegen, wie sie manipuliert werden und wie sie sich dagegen wehren können und viele andere fatale Gegebenheiten, die bislang kaum jemand wissen will, weil es sein Weltbild zu erschüttern droht. Hochkomplexe philosophische Abhandlungen tragen meiner Erfahrung und Einschätzung nach kaum etwas dazu bei, die eigene konkrete Situation begreifen zu können. Texte von Marx, Kant, Schopenhauer und wie sie alle heißen konnten mir noch nie verdeutlichen, daß ich mich nicht manipulieren lasse, wenn ich mich den Manipulationsmedien nicht aussetze (ich habe seit nun bald 36 Jahren weder Fernseher noch Radio). Dagegen konnte mir das Werk von Erich Fromm sehr nachhaltig vermitteln, wie sich der Mensch selbst – über die Dressur seiner Nachkommen – mehr und mehr zum Unmensch macht.

      Zum Abschluß möchte ich Ihnen eine Site empfehlen, die mich seit nun fast schon 30 Jahren begleitet. Ursprünglich hieß sie MAUTHNER-SEITEN und war schon im Netz, als die meisten Leute noch nicht einmal wußten, was das Internet ist: https://www.gleichsatz.de/

      Dort finden Sie eine große Auswahl an philosophischen Texten von nahezu allen bekannten Philosophen und anderen Autoren. Dort können Sie Ihre Theorie von der »Relativität« aller Begriffe weiter vertiefen. Die meisten Menschen gehen von der Objektivität ihrer Wahrnehmung und Beobachtung aus, und so reden uns schreiben sie auch. Der Objektivismus stellt aber nichts weiter dar als den von oben verordneten Zwang, die Dinge so zu sehen und zu interpretieren, wie die jeweils Herrschenden das tun. Alternative Sichtweisen und Interpretationen werden nicht erst seit Corona bestraft, sobald sie eine gewisse Einflußkraft überschreiten.

      Ein anderer wichtiger Aspekt, der kaum irgendwo thematisiert ist, stellt die Abstraktionsleiter dar. Es geht nicht darum, Abstraktion zu verteufeln, denn unser gesamtes Denken beruht darauf. Vielmehr geht es darum zu erkennen, daß wir je nach Interesse an einer Sache bei der Beschreibung selbiger eine ganz bestimmte Abstraktionsstufe wählen – ein Grad von Abstraktion, der unserem Interesse angemessen scheint.

      Lesen Sie dazu Anatol Rapoport:
      https://www.gleichsatz.de/b-u-t/gene/rapo.html

      Zu Kant habe ich bereits Beiträge veröffentlicht:
      https://apolut.net/nazis-aufklaerer-von-roberto-de-lapuente/#comment-237877
      https://apolut.net/metaphysik-und-theologie-des-impfens/#comment-231245

      Auch über Freiheit:
      https://apolut.net/freiheit-ist-sklaverei-von-jens-fischer-rodrian/#comment-240014
      https://apolut.net/die-zeit-der-imperien-ist-vorbei-von-jochen-mitschka/#comment-235310
      https://apolut.net/der-koenigsweg-von-kerstin-chavent/#comment-234711

    • Wortwahlhelfer sagt:

      @Irwish vom 29. April 2022 um 06:09 Uhr

      Ich hatte heute noch keine Zeit, Ihren gesamten Kommentar zu lesen, ich hole es morgen nach. Aber schon so viel dazu:
      Natürlich soll es nicht an Ihnen liegen, wenn Sie meine Sätze nicht verstehen. Dann habe ich mich eben nicht klar genug ausgedrückt.

      Hinsichtlich der Begriffe kann ich aber schon widerspechen. Die Begriffe sind nicht die Wörter. Die Begriffe sind die mehr oder weniger klar umrissenen Vorstellungen, die wir uns von den Erscheinungen der Welt machen. Manche Begriffe sind sehr konkret, andere wieder sind sehr abstrakt. Die Wörter sind nur die Zeichen (-folgen), mit denen wir die Begriffe bezeichnen. Im Prinzip haben Sie das mit den Wörtern, Zeichen und Symbolen schon ganz richtig erfaßt, nur daß Wörter und Zeichen nicht das selbe wie Begriffe sind. Was Begriffe sind, das liegt schon im Wort des Begriffes, Begriffe sind also das, was wir mit unserem Verstand be-greifen. Begriffe können nicht sichtbar gemacht werden (zumindest noch nicht), denn sie befinden sich in unserem Gehirn. Begriffe werden also durch Sprache für andere Menschen überhaupt erst sichtbar.

      Auf den Rest gehe ich dann morgen ein.
      LG

    • Wortwahlhelfer sagt:

      So, nach etwas Schlaf und zwei Tassen Kaffee sehe ich mich jetzt in der Lage, auf Ihren übrigen Kommentar zu antworten.

      Nein, ich möchte nicht „rein theoretisch bleiben“, mir geht es eigentlich und in erster Linie um die Ethik. Die Sache ist nur die, daß man sich nicht gewissenhaft mit Ethik beschäftigen kann, wenn man nicht auch Philosophie betreibt, und wenn man sich mit Philosophie beschäftigt, dann landet man früher oder später ganz 'automatisch' bei der Erkenntnistheorie. Wenn man sich also mit Fragen danach beschäftigt, was im Leben gut oder schlecht, richtig oder falsch, wertvoll oder wertlos ist, wonach wir Menschen streben sollten (wenn überhaupt), was wir vermeiden sollten, wie wir sein oder wie wir uns entwickeln sollten, dann kommt man um die Epistemologie einfach nicht herum. Man muß sich also zunächst fragen welche Möglichkeiten wir als Menschen überhaupt haben, das Leben in der Welt zu beurteilen, bevor man anfängt, irgendwelche Gebote oder Verbote aufzustellen, und da hatte Kant – wie ich finde – in der westlichen Philosophie etwas geleistet, das bis heute von keinem anderen Philosophen erreicht worden ist. Ich habe große Ehrfurcht vor den mentalen Leistungen dieses Mannes, und wenn ich Kant auch kritisiere, so meine ich doch, daß seine Philosophie im westlichen Kulturkreis die beste ist, die man sich zum Ausgangspunkt machen kann. Seit Kant hat es in der westlichen Kultur nichts mehr gegeben, das die Philosophie einen Schritt weiter hätte bringen können, und so ist auch die Ethik im Wesentlichen bis heute bei Kant stehen geblieben. Man muß also bei Kant ansetzen, wenn man die Ethik weiterentwickeln will, wozu man sich auch genauso gründlich mit den Fragen auseinander setzen muß, die Kant erörtert hatte.

      Ethik ist wichtig, nur wie wichtig die Ethik ist, das begreifen die meisten Menschen nicht. In den Medien (und nicht nur dort) werden tagtäglich moralische Fragen erörtert, ohne daß den Menschen bewußt ist, daß es Fragen der Moral sind. Wenn in der heutigen Zeit von Moral die Rede ist, dann denken die meisten Menschen an Anstand, Sittlichkeit, gutes Benehmen und Umgangsformen, aber sie verstehen nicht, daß die Moral sehr viel mehr umfaßt, als eben nur einige altertümliche Tugenden, daß es nämlich bei der Moral um fundamentale Werte geht, die sich auf das gesamte Leben beziehen. Sich über Moral zu unterhalten, das ist beinahe schon verpönt, was nicht zuletzt auf den Umstand zurückzuführen ist, daß die meisten Menschen von Moral entweder eine falsche oder sogar gar keine Vorstellung haben.

      Im Prinzip gilt für die Philosophie das gleiche wie für die Ethik. Die Philosophie gilt in der heutigen Zeit zumindest im westlichen Kulturkreis als eine weitgehend nutzlose Wissenschaft, sie ist ein nett anzusehender Schnörkel, mit dem man sich gerne schmückt und hausieren geht, der aber ansonsten keine Funktion erfüllt. Die Philosophie ist aber sozusagen die Urmutter aller Wissenschaften, und sie ist im weitesten Sinn auch die Urmutter aller Religionen, denn sie stellt nicht nur die Frage nach dem Was und Wie, sondern auch die Frage nach dem Warum. Aus dieser Frage nach dem Warum erwächst die Neugier, die Menschen dazu veranlaßt, zu forschen, zu entdecken und Neues zu entwickeln, und so sind alle unsere technischen Errungenschaften im weitesten Sinn ursprünglich aus der Philosophie hervorgegangen. Philosophie ist nutzlos, wenn sie nicht auch zu Erkenntnissen führt, und Erkenntnisse sind nutzlos, wenn sie nicht zu Handlungen führen. Der Nutzen der Philosophie ergibt sich also aus der Ethik, und die Ethik bestimmt das Handeln von Menschen und damit auch die individuelle Entwicklung von Menschen und die kulturelle Entwicklung der Menschheit.

      Mit der kulturellen Entwicklung der Menschheit hat sich auch die Philosophie immer weiter entwickelt, aber sie ist wie die Menschheit selbst dabei unterschiedliche Wege gegangen. Während im Orient die Philosophie bereits vor etwa 2500 Jahren ihren Höhepunkt erreicht hatte, auf dem sie sich bis heute noch befindet, hatte sich die Philosophie im Okzident in Richtungen verlaufen, in denen sie heute noch herumirrt. In früheren Zeiten mag es von untergeordneter Bedeutung gewesen sein, welche Weltanschauungen vertreten wurden, weil die Kulturen noch nebeneinander her existieren konnten, aber die Menschheit ist gewachsen, sie hat sich über den gesamten Globus verteilt und beginnt nun nach und nach zu einer großen Weltgemeinschaft zusammen zu wachsen. Damit gewinnen auch die kulturellen Unterschiede zunehmend an Bedeutung, denn sie sind die Ursachen für Ausbeutung, Sklaverei und Kriege. Es ist also von erheblicher Bedeutung, welche kulturellen Werte sich durchsetzen, am Ende erhalten bleiben und zum gemeinsamen Maßstab des Handelns gemacht werden. Dies ist der Punkt, an dem die Menschheit sich derzeit befindet. Je mehr die Menschheit wächst, umso mehr wächst sie auch zusammen, und umso mehr vermischen sich auch die Kulturen und verschmelzen miteinander. Das bleibt gar nicht aus und wird sich kaum verhindern lassen. Die entscheidende Frage ist, ob wir als Menschheit dieser natürlichen Entwicklung bewußt entgegen treten wollen und die unterschiedlichen Kulturen, Sitten und Sprachen erhalten wollen, und wenn ja, ob wir sie vollständig erhalten wollen oder nur teilweise. Wie können uns nicht auf alle Sprachen verständigen, denn wir können uns nicht in allen Sprachen unterhalten, das ergibt am Ende einen Mischmasch, aus dem kein Mensch mehr schlau werden kann. Wir können uns auch nicht auf alle Religionen, alle Bräuche und Sitten verständigen, weil die Weltauffassungen einfach viel zu unterschiedlich und an vielen Stellen einfach nicht zu vereinbaren sind. Die Menschheit wird also einen Konsens finden und sich auf einige grundlegende Werte verständigen müssen, und so ist die Frage, welche Werte dies sein sollen.

      Ich möchte das Ganze hier nicht noch weiter ausführen, das würde einfach zu lang werden, deshalb möchte ich es einfach abkürzen und sagen, daß wir als Menschheit eine gemeinsame Weltauffassung brauchen, über die wir uns auch grundsätzlich einig sind. Diese Weltauffassung kann keine Religion sein, denn Religionen sind Hypothesen und auf Hypothesen läßt sich sich nicht bauen. Wir werden die Religionen also überwinden und zu einer Weltauffassung finden müssen, die rational begründbar ist. Diese Weltauffassung kann aber nicht mit den Mitteln einer formalen Logik gefunden und begründet werden, weil die formale Logik nur eindeutige Aussagen zuläßt, und die Wahrheit über die Welt zweideutig und widersprüchlich ist und nur mit einer transzendentalen Logik erfaßt werden kann. Die Weltauffassung der Zukunft muß demnach dualistisch sein, weil dies eben aus logischen Gründen der einzige Weg ist, wie überhaupt zu einer rational begründbaren Weltauffassung gelangt werden kann. Wenn wir als Menschheit aber erst einmal zu dieser gemeinsamen Weltauffassung gefunden haben, dann stehen uns alle Wege offen, und auch erst dann können wir von den Möglichkeiten, die uns das Dasein bietet, wirklich vollständig Gebrauch machen. Mit einfachen Worten: Die Menschheit muß endlich zur Vernunft kommen, und sie muß aufhören, sich wie die Tiere zu benehmen. Unsere Existenz als Mensch ist ein Vorzug im Dasein, denn sie bietet uns die Möglichkeit, zumindest für einen kurzen Augenblick Göttlichkeit zu erreichen. Mehr Göttlichkeit als mit der menschlichen Existenz kann es im Dasein nicht geben, denn Gott ist ein großes schlafendes Wesen, das von sich selbst keine Kenntnis hat und dessen Traum wir nur sind. In uns und unserer Welt verwirklicht sich dieses Wesen, also sind auch nur wir selbst für diese Welt verantwortlich. Solange wir das nicht begreifen, werden wir auch immer nur dumme Kinder bleiben, und wir werden bis ans Ende aller Tage in den weiten des Weltalls nach unseren Eltern und nach Antworten suchen, was einfach nur Zeitverschwendung ist.

      Begriffe sind Werkzeuge des Denkens, und wer mit den Werkzeugen seiner Arbeit nicht richtig umgehen kann, der wird auch mit der Arbeit seines Denkens zu keinen brauchbaren Ergebnissen gelangen. Die Ergebnisse des Denkens sind die Erkenntnisse der Wahrheiten, und so wird auch nur der zur Wahrheit gelangen, der die Begriffe richtig verwenden kann. Sprache ist nicht willkürlich, denn sie ist mit der Menschheit über Millionen Jahre hinweg gewachsen, und so stehen die Begriffe auch in einer festen Beziehung zu den Erscheinungen der Welt. Die Begriffe können also nicht beliebig gewählt und miteinander vertauscht werden, denn damit verlieren die Wörter ihre Bedeutung und die Sprache verliert ihren Sinn. Wenn wir also zur Wahrheit über die Welt gelangen wollen, dann müssen wir die Welt auch richtig begreifen, und allein darum ist es für jeden Philosophen wichtig, zunächst nach den Begriffen zu fragen, bevor mit den Wörtern, die diese Begriffe bezeichnen, Aussagen über die Welt gemacht werden. That's it.

      LG

    • Wortwahlhelfer sagt:

      @Irwish vom 29. April 2022 um 06:09 Uhr

      Ich möchte noch auf einige Punkte Ihres letzten Kommentars eingehen, weil ich glaube das dies zum besseren Verständnis beitragen kann.

      Zitat:
      „Offensichtlich geht es Ihnen um etwas völlig anderes als mir. (…) So möchte ich meinen Mitmenschen gerne mitteilen, daß und wie sie sich selbst versklaven, die Ketten im Kopf pflegen und hegen, wie sie manipuliert werden und wie sie sich dagegen wehren können und viele andere fatale Gegebenheiten, die bislang kaum jemand wissen will, weil es sein Weltbild zu erschüttern droht. “

      Nein, das meine ich nicht, ich glaube, daß unsere Absichten und Ziele im Prinzip die selben sind, denn mir geht es ebenso wie Ihnen um die Freiheit, ich wähle lediglich einen anderen Ansatz als Sie.

      Ich habe mir heute noch einmal in Ruhe durchgelesen, was Sie geschrieben haben (den Links bin ich nur oberflächlich gefolgt, seien Sie mir deswegen bitte nicht böse, aber ich arbeite täglich 12-16 Stunden und kann nicht alles lesen, was mir dargeboten wird).

      Ich glaube, das Problem zwischen Ihnen und mir besteht darin, daß wir uns nicht darin einig sind, worüber wir uns eigentlich unterhalten.

      Schon in Ihrem vorangegangenen Kommentar erwähnten Sie einen Autor namens Joachim Bauer, von dem ich übrigens noch nie gehört habe, mit den Worten: „Der Autonomie-Erwerb ist nach Bauer davon abhängig, ob einem Kind von Anfang an erlaubt wird, seine Gefühle adäquat zu äußern. [sic]“ Das mag für Sie von Bedeutung sein, für mich hingegen ist es vollkommen belanglos, wie ein Autor erklären will, wie ein Mensch zu Autonomie gelangt, weil ich von vornherein nicht erkennen kann, daß Menschen überhaupt so etwas wie Autonomie haben können, denn nach meinem Verständnis von Freiheit besitzen Menschen gar keine Autonomie, oder anders ausgedrückt, sie können nicht autonom handeln. Wir müßten uns also zuerst einmal über den Begriff der Autonomie unterhalten, und klären, was Sie oder ich oder Herr Bauer darunter überhaupt verstehen, bevor wir anfangen können, uns über die Thesen von Herrn Bauer zu unterhalten. Was Herr Bauer mir erklären will, kann nur etwas ganz anderes sein, als das, was ich unter Autonomie verstehe, so daß ich auch nur dann verstehen kann, was mir Herr Bauer erklären will, wenn ich mir seine Prämissen zu Ausgangspunkten meines Denkens mache. Diese Prämissen kann ich mir aber nicht zu Ausgangspunkten meines eigenen Denkens machen, weil ich die Autonomie des Menschen nicht erkennen und folglich auch nicht anerkennen kann, so daß ich nur davon ausgehen kann, daß die Schlußfolgerungen von Herrn Bauer falsch sind. Ich wäre damit zwar in der Lage, Herrn Bauers Gedankengänge nachzuvollziehen und sie im Kontext seines eigenen Denkens als richtig anzuerkennen, aber im Ergebnis würde sich daraus für mich kein Erkenntnisgewinn ergeben, denn wenn schon die Prämissen falsch sind, dann können auch die Schlußfolgerungen nur falsch sein. Es ist aus meiner Sicht also reine Zeitverschwendung, die Ausführungen von Herrn Bauer zu lesen, weil sie von vornherein zu nichts führen können, das für mich selbst von Nutzen wäre.

      Wenn wir uns über Freiheit unterhalten (und ich nehme an, das tun wir hier), dann müssen wir zunächst fragen, was Freiheit überhaupt ist und ob wir Menschen überhaupt so etwas wie Freiheit haben können, und wenn ja, worin sie eigentlich besteht. Eben in dieser Frage besteht bis heute in der Philosophie der große Dissens (auch Kant konnte diese Frage nicht plausibel beantworten), und deshalb hieße es auch, den zweiten Schritt vor dem ersten tun, wenn man Menschen von der Sklaverei befreien und in die Freiheit geleiten wollte, wenn man nicht einmal eine klare Vorstellung davon hat, wohin man sie damit führt.

      Freiheit ist nun einmal ein widersprüchlicher Begriff, das hatte ich im Vorangegangenen bereits zu erläutern versucht, denn ohne einen Gegenstand, auf den sich der Begriff der Freiheit bezieht, also auf eine Bedingung, Notwendigkeit oder eine Kausalität, ergibt der Begriff der Freiheit gar keinen Sinn.

      Der Gedankengang ist im Prinzip ganz einfach. Nach heutigem, naturwissenschaftlichen Verständnis setzen sich alle Vorgänge in der Welt aus Ursachen und Wirkungen zusammen, sie beruhen also auf Kausalität. Ohne Ursache keine Wirkung, keine Wirkung ohne Ursache. Das Prinzip der Kausalität beinhaltet, daß auf eine Ursache eine Wirkung folgen muß, im Prinzip der Kausalität ist also die Vorstellung einer Notwendigkeit enthalten. Wenn man aber die Notwendigkeit zur Voraussetzung für alle Vorgänge in der Welt macht, und den Menschen wie alle anderen Lebewesen selbst als Teil der Welt betrachtet, dann müssen selbstverständlich auch alle Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken, Entscheidungen und Handlungen von Menschen, die aus naturwissenschaftlicher Sicht schließlich nichts anderes als physikalisch-chemisch-biologische Erscheinungen sind, notwendig sein, und wenn sie notwendig sind, dann müssen Menschen auch immer auf eine bestimmte, vorgegebene Art und Weise handeln. Wenn sie aber auf eine bestimme Art und Weise handeln MÜSSEN, dann KÖNNEN sie auch keine Freiheit haben, weil sie dann selbstverständlich auch keine Möglichkeit mehr haben, auf eine andere Art zu handeln. Nach naturwissenschaftlichem Verständnis können Menschen also gar keine Freiheit haben, weil danach eben alles in der Welt auf kausalen Ketten, also auf Ursachen und Wirkungen beruht. Es ist demnach die entscheidende Frage, ob wir Menschen überhaupt so etwas wie Freiheit haben, und ob die Freiheit nicht nur eine Illusion ist, der wir uns hingeben, wenn wir Entscheidungen treffen und handeln. Diese Frage hatte auch Kant vor rund zweihundert Jahren erörtert, nachdem Newton seine Gravitationstheorie aufgestellt hatte und sich das mechanistische Weltbild durchzusetzen begann, und eine befriedigende Antwort hatte er nicht gefunden.

      Die Antwort auf diese Frage – und hier beginnt meine eigene These – kann nur aus der Erkenntnistheorie gewonnen werden, denn weil der Begriff der Notwendigkeit überhaupt erst in der Abgrenzung zum Begriff der Freiheit einen Sinn ergibt, sind wir Menschen auch gar nicht in der Lage, eine auf Notwendigkeit beruhende Kausalität anzunehmen, wenn wir dabei nicht auch immer die Freiheit voraussetzen, denn die Freiheit ist durch die Abgrenzung der Notwendigkeit von ihr schließlich im Begriff der Notwendigkeit immer enthalten. Wir müssen Freiheit also immer voraussetzen, weil wir sonst gar nicht annehmen könnten, daß die Vorgänge in der Welt auf Kausalität und damit auf Notwendigkeit beruhen können. Dies bedeutet gleichzeitig, daß auch die Kausalität der Vorgänge nur eine Annahme ist, die wir niemals beweisen können, und zwar auch dann nicht, wenn die Erfahrung, also die Empirie immer wieder das Gegenteil lehrt. Selbst wenn wir einen Vorgang millionenfach wiederholen und dabei immer wieder zu dem selben Ergebnis gelangen, so bedeutet dies noch lange nicht, daß sich die Vorgänge immer wieder auf die selbe Art und Weise vollziehen MÜSSEN.

      Der Umstand, die Freiheit für den Begriff der Notwendigkeit voraussetzen zu müssen, stellt also unser naturwissenschaftliches Verständnis von der Welt grundlegend in Frage, denn es stellt die Kausalität der Vorgänge in Frage, und an diesem Punkt fängt man dann an, sich über Freiheit wirklich Gedanken zu machen.

      Würde mich freuen, mal wieder von Ihnen zu hören.

  4. Irwish sagt:

    UNTERSCHIED ZWISCHEN ETHIK UND MORAL

    Ethik und Moral bedeuten lediglich in der unfifferenzierten Alltagssprache nahezu dasselbe. In der philosophischen Fachsprache dagegen werden diese beiden Begriffe scharf getrennt:

    Der Moralbegriff bezieht sich auf menschliche Normensysteme, also auf das, was in einer jeweiligen Gesellschaft als normal gilt. Solche Systeme beanspruchen in der Regel absolute Gültigkeit, die sich häufig auch auf andere Gesellschaften bezieht, so daß Menschen, die anderen Normensystemen bzw. Moralen unterliegen, als unnormal wahrgenommen werden, letztlich sogar als irgendwie falsch und entartet.

    Ethik dagegen ist lediglich die Wissenschaft von der Moral, wie im Aufsatz über Ethik auf philoclopedia.de vermerkt ist. Die Ethik beschäftigt sich also »wissenschaftlich« mit Normen- bzw. Moralsystemen. In den entsprechenden Diskussionen geht es darum, diverse Moralen zu analysieren und zu systematisieren, um die Frage beantworten zu können, welches System jeweils dahintersteckt. Zudem untersucht die Ethik Begründungen und Prinzipien von Normensystemen und fragt danach, welcher inhärenten Logik ihre Begriffe und Argumentationen folgen.

    Im Gegensatz zum Moralbegriff, der historisch, geographisch und politisch sehr unterschiedliche Inhalte aufweist, gibt es nur eine Moralwissenschaft, die Ethik, vergleichbar etwa mit den unterschiedlichen Musikrichtungen und der Musikwissenschaft. Daß Mitglieder von Ethik-Kommissionen und -Diskussionsrunden häufig von ihrer eigenen Moral beeinflußt sind, ist selbstredend.

    Der Gedanke der geistigen Freiheit stellt nur einen Aspekt ethischer Diskussionen dar. Da der Mensch quasi ein domestizierter Affe ist – ein auf Gehorsam und Unterwerfung gedrilltes Wesen –, gibt es laut der Definition von Herrn Lukoschnik keine freien Geister: Alle, die in Gesellschaften leben, sind in ihrem Denken und Handeln mehr oder weniger der jeweiligen Moral unterworfen; sind sie es nicht oder zu wenig, werden sie schnell und oft brutal ausgegrenzt. Das beginnt sichtbar schon in der Grundschule, wo z.B. ein Kind mit Brille gehänselt (ein Euphemismus für Mobbing) wird, weil es durch die Brille anders aussieht als die Mehrheit der Schüler.

    Weitere tiefgründige Erkenntnisse findet man in dem bereits erwähnten Aufsatz:

    https://www.philoclopedia.de/was-soll-ich-tun/ethik/ethik-vs-moral/

    • Wortwahlhelfer sagt:

      Whow! Das nenne ich doch mal einen wirklich guten Kommentar. Endlich mal jemand, der weiß, wovon er redet. Dankeschön!

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