Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Am 25. Oktober entscheidet sich in Brasilien, ob Luiz Inácio Lula da Silva ein viertes Mal Präsident wird oder ob Flávio Bolsonaro, der Sohn des verurteilten Ex-Präsidenten, die Macht übernimmt. Im ersten Wahlgang lag Flávio Bolsonaro mit rund 47 Prozent der gültigen Stimmen knapp vor Lula mit rund 45 Prozent. Fast alle Umfragen hatten Lula vorn gesehen. Das überrascht, denn die Bilanz seiner Regierung ist, gemessen an den Maßstäben, die man von einer Linksregierung erwartet, kaum zu übertreffen. Der US-Ökonom Mark Weisbrot vom Center for Economic and Policy Research in Washington, der in einem Gespräch mit Pascal Lottaz (Neutrality Studies) die Wahl einordnete, nennt für Lulas dritte Amtszeit einen Rückgang der Armut um 27 Prozent und der extremen Armut um 40 Prozent, steigende Reallöhne und eine Arbeitslosigkeit auf Rekordtief. Wer das hört und dann auf die Umfragen blickt, steht vor einem Rätsel. Es löst sich auf, wenn man nicht auf den Mann blickt, sondern auf die Lage, in der er regieren muss. Sie gleicht einer Zange mit vier Backen: dem Zins, dem Parlament, der Justiz und dem Dollar.
Die erste Backe: Der Zins als Gegenregierung
Beginnen wir mit dem Geld. Der Leitzins der brasilianischen Zentralbank, Selic genannt, liegt seit Jahren auf einem Niveau, das in der Welt kaum Vergleiche kennt. Im Frühjahr 2026 wurde er nach der letzten mir vorliegenden Meldung von 15 auf 14,75 Prozent gesenkt, ein zaghafter Schritt. Setzt man dem eine Teuerung von etwa vier Prozent gegenüber, wie Weisbrot sie nennt, ergibt sich ein Realzins von gut zehn Prozentpunkten. Das heißt, wer in Brasilien Geld verleiht, verdient, bevor er irgendetwas leistet, mehr als zehn Prozent im Jahr über der Teuerung. Wer sich Geld leiht, zahlt es.
Und die Brasilianer leihen sich Geld. Nach Angaben der Handelskammer CNC sind über 80 Prozent der Haushalte verschuldet, fast 30 Prozent sind im Zahlungsverzug. Die Zentralbank selbst verzeichnete im Februar 2026 mit 49,9 Prozent den höchsten Verschuldungswert seit Beginn der Erhebung 2005. Weisbrot spricht davon, dass die Haushalte mit niedrigem Einkommen im Schnitt rund hundert Prozent Zinsen auf ihre Schulden zahlen. Auch wenn man diese Zahl vorsichtig behandeln sollte, die Richtung ist eindeutig. Die Sozialprogramme des Staates erhöhen das Einkommen, die Banken holen sich einen großen Teil davon über den Schuldendienst zurück. Das Ergebnis ist eine paradoxe Wahrnehmung: Die Statistik meldet Besserung, der Haushalt spürt sie nicht. Eine Analyse von Dialogo Político fasst das so zusammen, dass Lebenshaltungskosten und Verschuldung die Stimmung stärker prägen als jede makroökonomische Kennzahl.
Entscheidend ist, wer diesen Zins festlegt und wem er Rechenschaft schuldet. 2021 verabschiedete der Kongress das Gesetz über die Autonomie der Zentralbank (Lei Complementar 179), unterzeichnet unter Präsident Jair Bolsonaro. Es gibt dem Präsidenten der Bank und den Direktoren feste, zeitlich versetzte Mandate, der Präsident der Republik kann sie nicht mehr entlassen, und als Grundziel gilt die Preisstabilität. Beschäftigung und Wachstum sind nachrangig, solange das Ziel nicht gefährdet ist. Unter Ökonomen gilt das weithin als Fortschritt. Weisbrot sieht es anders, und das mit gutem Grund: Eine Zentralbank, die niemandem Rechenschaft über Löhne und Arbeitsplätze schuldet, wird sie nicht in den Mittelpunkt stellen. Das Gesetz entfaltet damit seine Wirkung erst unter der Regierung, die es nicht gemacht hat. Lula nannte es zu Beginn seiner Amtszeit Unsinn und den Zins eine Schande. Er hat es nicht angetastet. Schon das zeigt, wie eng der Spielraum ist: Eine Regierung, die gegen die Zentralbank antritt, riskiert den Zorn der Finanzmärkte, einen Kursverfall des Real und damit genau die Teuerung, die sie bekämpfen will.
Die zweite Backe: Das Parlament als Markt der Loyalität
Wer glaubt, ein Wahlsieg bedeute die Macht zu regieren, sollte auf die Zusammensetzung des brasilianischen Kongresses blicken. Dort gibt es keine Regierungspartei im europäischen Sinn, sondern ein Gefüge aus Dutzenden Parteien, in dem ein Block den Ausschlag gibt: der Centrão, wörtlich „das große Zentrum“. Der Name stammt aus der Verfassunggebenden Versammlung von 1987/88, als sich überwiegend konservative und gemäßigte Abgeordnete über die Parteigrenzen hinweg zusammenschlossen, um die Geschäftsordnung zu ihren Gunsten zu ändern. Seither ist der Centrão ein beweglicher Verbund pragmatischer Parteien, die weniger durch eine Ideologie als durch Ämter, Einfluss und Zugriff auf Haushaltsmittel zusammengehalten werden. Die Abgeordneten können im Haushalt Mittel für ihre Wahlkreise festlegen, die so genannten emendas. Wer Mehrheiten will, bezahlt mit diesen Mitteln und mit Posten.
Nach Angaben von Congresso em Foco hält der Centrão in der Abgeordnetenkammer 257 der 513 Sitze, genau die absolute Mehrheit. Die rechte Partei der Bolsonaros, die PL, ist mit 121 Sitzen die größte Einzelpartei und wird auch im Senat mit 28 von 81 Sitzen zum stärksten Block. Zugleich schrumpft der Centrão nach Berechnungen von Dialogo Político von 226 auf 207 Sitze. Der Befund: Kein Lager hat allein eine Mehrheit, jedes braucht den Centrão, und der ist bei einem Rechtsrutsch des Parlaments noch teurer geworden. Wer am 25. Oktober gewinnt, muss mit diesem Block verhandeln. Für Flávio Bolsonaro wäre das Regieren leichter, aber auch er kommt ohne den Centrão nicht aus. Für Lula bedeutet es, mit einem Parlament zu regieren, das deutlich konservativer ist als er selbst. Das ist eine Form von Repression, die niemand befehlen muss, weil sie in den Verhältnissen selbst liegt: Die Mehrheitsbildung kostet Zugeständnisse, und diese Zugeständnisse gehen auf Kosten dessen, wofür man gewählt wurde.
Die dritte Backe: Die Justiz als Machtapparat
Die dritte Backe ist die heikelste, weil hier die Gefahr groß ist, zu vereinfachen. Beginnen wir mit dem, was unbestritten ist. 2016 wurde Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff in einem Amtsenthebungsverfahren abgesetzt. 2018 wurde Lula selbst in den Lava-Jato-Verfahren (Operation „Autowäsche“, einer Korruptionsermittlung um Petrobras) verurteilt und kam ins Gefängnis. Er saß 580 Tage und durfte bei der Wahl 2018 nicht antreten, obwohl er den Umfragen zufolge klar vorn lag; Weisbrot nennt einen Vorsprung von rund zwanzig Prozentpunkten. Gewonnen hat Jair Bolsonaro, und der Richter, der Lula verurteilt hatte, Sergio Moro, wurde sein Justizminister. 2019 veröffentlichte das Portal The Intercept Brasil Nachrichten, die enge Absprachen zwischen Richter und Staatsanwaltschaft nahelegen. 2021 hob der Oberste Gerichtshof die Urteile auf, weil das Gericht in Curitiba nicht zuständig gewesen sei, und Lula konnte 2022 wieder antreten. Wenn man diese Abfolge liest, fällt es schwer, die Justiz als neutralen Schiedsrichter zu sehen. Sie war in diesem Fall ein Instrument, das einen politischen Akteur aus dem Wahlkampf nahm und damit das Kräfteverhältnis veränderte. Auch Weisbrot räumt das ein.
Nun die Gegenseite. Jair Bolsonaro wurde zu 27 Jahren Haft verurteilt, weil er nach der Niederlage 2022 einen Putsch plante. Auf der Linken gilt das als Gerechtigkeit, auf der Rechten als politische Verfolgung. Pascal Lottaz bot Weisbrot die Parallele zu Lula, Trump und Rumänien an, und Weisbrot lehnte sie ab: Die Beweise lägen vor, er sehe keine politische Justiz. Das ist als Aussage über den Einzelfall womöglich richtig, aber es ist keine strukturelle Antwort. Wer sich auf die Frage zurückzieht, ob die Beweislage stimmt, übersieht die zweite, wichtigere Frage: Welche Institution besitzt die Macht, darüber zu entscheiden, wer kandidieren darf, und wessen Interessen dient das jeweils? Dass derselbe Apparat einmal die Linke und einmal die Rechte trifft, macht ihn nicht neutral, sondern zeigt, dass er ein eigener Machtfaktor ist. Genau darum wird die Justiz zur Konfliktlinie der kommenden Legislaturperiode. Der Senat bestätigt die Richter des Obersten Gerichtshofs und ist für Verfahren gegen sie zuständig. Die PL, die dort zur stärksten Kraft wird, will die Richter enger begrenzen, die Arbeiterpartei verteidigt das Gericht als Garanten der Demokratie. Für Lula ist die Justiz damit Schutz und Gefahr zugleich: Sie hat ihn schon einmal aus dem Rennen genommen, und sie ist heute das Bollwerk gegen die, die ihn verhindern wollten.
Die vierte Backe: Der Dollar und der Hegemon
Von außen kommt die vierte Backe der Zange. Die Vereinigten Staaten haben Brasilien zweimal mit Zöllen belegt. 2025 waren es 50 Prozent, mit der Begründung, man wolle die „Hexenjagd“ gegen Jair Bolsonaro beenden. Der Oberste Gerichtshof der USA kippte diese Zölle im Februar 2026. Seit dem 22. Juli 2026 gilt ein neuer Zoll von 25 Prozent auf die meisten brasilianischen Exporte, diesmal gestützt auf Section 301 des Handelsgesetzes von 1974, das Zölle gegen „unfaire Handelspraktiken“ erlaubt. Als Gründe nennt die Handelsbehörde das brasilianische Sofortzahlungssystem Pix, Zölle auf Ethanol, die Abholzung und Brasiliens Weigerung, die Inhaltsmoderation für US-Plattformen zu ändern. Kaffee, Rindfleisch und Orangensaft sind ausgenommen. Pix ist hier der aufschlussreichste Punkt: Ein staatlich betriebenes, gebührenfreies Zahlungssystem ist für amerikanische Kreditkartenunternehmen eine Konkurrenz, und eine Regierung, die es verteidigt, stellt sich in den Weg von Interessen, die Washington als eigene betrachtet. Außenminister Mauro Vieira berichtet, die US-Unterhändler hätten die „vollständige, uneingeschränkte und exklusive“ Öffnung ganzer Sektoren verlangt. Außenminister Marco Rubio warf Lula vor, sein „Ego“ über ein Abkommen zu stellen.
Bemerkenswert ist die Rolle Flávio Bolsonaros. Er reiste im Mai nach Washington und traf Trump und Rubio. Am 7. Juli beantragte er bei der Handelsbehörde, den neuen Zoll um 180 Tage zu verschieben, weil er sonst Lula „genau den politischen Sieg“ liefere, den dieser suche. Die Umfrage von Genial/Quaest zeigt, wie das ankam: 51 Prozent der Brasilianer glauben, er habe den amerikanischen Druck ermutigt, nur 30 Prozent folgen seiner Darstellung. 42 Prozent sagen, die Zölle machten sie eher zu Lula-Wählern, 27 Prozent eher zu Flávio-Wählern. Das ist die zweite Lehre: Der Zwang des Hegemons erzeugt nicht automatisch Gehorsam, er kann auch eine nationale Gegenreaktion hervorrufen. Man sollte diesen Zwang deshalb als Gewichtsverlagerung verstehen und nicht als Automaten, der Ergebnisse liefert.
Weisbrots größeres Argument reicht weiter. Die Dominanz des Dollars im internationalen Finanzsystem verleiht den USA das Mittel, Länder zu disziplinieren: Sie können Devisenzuflüsse kappen und den Zugang zu Krediten sperren, und dann kann eine Wirtschaft, wie Venezuela zeigt, zusammenbrechen. Dass man darüber hinaus Wahlen beeinflusst, braucht es gar nicht: Schon die glaubwürdige Drohung genügt, wie Trumps Warnungen an Honduras und Kolumbien vor knappen Wahlen zeigten. Der Kontrast zu Argentinien ist lehrreich. Dort organisierten die USA an einem Tag Kredite und Währungshilfen über rund 42 Milliarden Dollar, um die Regierung von Javier Milei zu stützen, und Argentinien stimmt in den Vereinten Nationen entsprechend ab. Wo ein Verbündeter regiert, fließt Geld, wo ein Eigensinniger regiert, fließen Zölle. Rubio, den Weisbrot als Brücke zum Sicherheitsapparat beschreibt, will mit einem loyalen Brasilien die politischen Handlungsmöglichkeiten der gesamten Hemisphäre einengen. Dabei hat Trump selbst nach Weisbrot eher die Beute im Blick, Rubio die Macht. Beide Logiken führen für Brasilien zum selben Ergebnis.
Wie die Backen zusammenwirken
Man könnte nun nach dem Drahtzieher fragen. Das wäre ein Fehler, denn die Wirkung der Zange liegt gerade darin, dass es keinen braucht. Der Zins schwächt die Zustimmung zur Regierung, und eine schwächere Regierung ist im Parlament teurer zu stützen. Der Zoll belastet die Wirtschaft und damit die Haushaltslage, aber die Zentralbank darf nicht lockern, weil sie dem Preisziel verpflichtet ist. Die Justiz hat gezeigt, dass sie bei Bedarf das Spielfeld verändern kann, und sie kann es künftig im Streit mit einem rechten Senat tun. Jeder Akteur handelt innerhalb seiner Rolle: die Zentralbank im Dienst der Preisstabilität, der Abgeordnete im Dienst seiner Wiederwahl, der Richter im Dienst des Gesetzes, Washington im Dienst seiner Interessen. Das ist, was ich Positionsnotwendigkeit nennen würde. Die Repression gegen Lula ist keine Handlung, sondern ein Zustand, und deshalb ist sie so schwer zu fassen.
Zur Redlichkeit gehört, was die These nicht erklärt. Dass Lula nach dreizehn Jahren an der Spitze vieler Wähler als Teil des Establishments gilt, lässt sich nicht allein durch äußeren Druck erklären. Dass in Chile, Kolumbien, Honduras und Peru zuletzt Rechte gewonnen haben, spricht für eine regionale Strömung, die Washington nutzen, aber nicht allein erzeugen kann. Und Weisbrots Zuversicht, Lateinamerika sei „keine rechte Region“ und der Rechtsruck werde nicht halten, ist eine Erwartung ohne Mechanismus. Nach Dialogo Político hat seit 1989 kein Zweitplatzierter der ersten Runde die Stichwahl gewonnen, und die Stimmen der ausgeschiedenen Kandidaten kommen eher aus der Mitte und von rechts. Mit rund 21 Prozent Nichtwählern trotz Wahlpflicht und der Datafolha-Messung von 46 Prozent Ablehnung gegen Lula und 43 Prozent gegen Flávio ist der Ausgang offen, mit leichtem Nachteil für Lula.
Ausblick
Am 25. Oktober entscheidet sich damit weniger, welche Politik Brasilien bekommt, als wie viel Verhandlungsmacht der nächste Präsident hat. Gewinnt Lula, regiert er in der Zange weiter, vielleicht mit etwas mehr Rückhalt im Volk, weil der Druck von außen ihm genutzt hat. Gewinnt Flávio, sind die Backen verbündet, und die Zange richtet sich nicht mehr gegen den Präsidenten, sondern gegen das, wofür Lula stand. Die eigentliche Frage ist die nach der Souveränität über Geld und Kredit, nach Zahlungssystemen wie Pix, nach Handel jenseits des Dollars und nach der Rolle, die die BRICS dabei spielen können. Wer sie ernst nimmt, sieht in der Wahl nicht ein Duell zweier Männer, sondern eine Abstimmung über den Spielraum eines Landes.
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Bildquelle: casa.da.photo / shutterstock
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Quellen:
- Congresso em Foco, Centrão
- Dialogo Político, Rechtsruck
- Responsible Statecraft, Zölle
- MercoPress, Flávio und USTR
- Aos Fatos, BC-Autonomie
- Gazeta do Povo, Verschuldung
- CNC via Mercado & Consumo, Verschuldung
- Brasil de Fato, Datafolha
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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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