Artikel

Die Erweiterung, die keine ist – Wie die EU ihre Rentabilitätskrise exportiert | Von Dirk Ellerbrock

Die Erweiterung, die keine ist – Wie die EU ihre Rentabilitätskrise exportiert | Von Dirk Ellerbrock

Ein Kommentar von Dirk Ellerbrock.

Es gibt Momente, in denen der Zufall der Terminplanung mehr verrät als jede Pressekonferenz. Sechs Westbalkanstaaten warten seit Jahren auf Fortschritt in ihren EU-Beitrittsverhandlungen. Plötzlich, im Herbst 2026, drängen Friedrich Merz und Emmanuel Macron aufs Tempo. Gleichzeitig rücken Armenien und Moldau stärker in den Fokus. Die offizielle Erzählung lautet: europäische Integration, geteilte Werte, Annäherung. Der Journalist Patrik Baab hat kürzlich eine andere Lesart vorgelegt, und sie verdient es, ernst genommen zu werden – nicht weil sie zynisch ist, sondern weil sie erklärt, was die Wertefassade verschweigt.

Baabs Ausgangspunkt ist unspektakulär: Seit Jahren gehört es zur Erweiterungsstrategie der EU, mit den Eliten der Zielländer zu paktieren – in Serbien, Armenien, Moldawien. Paktieren heißt: Man verspricht Kredite und Zugang zum europäischen Finanzraum. Über die notorisch laxen britischen Finanzgesetze der City of London können diese Eliten ihr Geld waschen und in Steuerparadiese verschieben – und werden auf diesem Weg gekauft. Die Kredite selbst kommen nicht ohne Preis: Rentenkürzungen, Privatisierung von Staatsunternehmen und Gesundheitswesen sind die Auflagen, die am Ende die Bevölkerung trägt. Für diese Bevölkerung wiederum gibt es ein anderes Lockmittel: visafreie Reisefreiheit. Armenien und Moldau sind arme Länder, in denen ein erheblicher Teil des Volkseinkommens von Wanderarbeitern im Ausland erwirtschaftet wird – in Moldau lebt die Hälfte der Bevölkerung außerhalb des Landes, in Russland leben mehr Armenier als in Armenien selbst. Wer diesen Menschen visafreien Zugang zum EU-Arbeitsmarkt verspricht, verschafft ihnen Löhne, die zu Hause utopisch wären – und drückt gleichzeitig die Löhne im Zielland. Zwei Bevölkerungen werden gegeneinander ausgespielt, während die Elite des Herkunftslandes bereits verkauft ist. Das ist die Spaltung, mit der jede Legitimations- und Sanktionierungsoperation beginnt: erst wird eine Bevölkerung von ihrer eigenen Führung getrennt, dann wird die Trennung moralisch verbrämt als "Öffnung", "Anbindung", "Wertegemeinschaft".

Doch die eigentliche Frage bleibt: Warum jetzt? Baabs Antwort führt in die Struktur des westlichen Kapitals selbst. In allen EU-Ländern wie auch in den USA ist das Verhältnis von investiertem Kapital zu erzieltem Gewinn seit Jahrzehnten rückläufig – die Fertigung wirft nicht mehr ab, was Investoren erwarten. Das war der eigentliche Grund für die Liberalisierung der Finanzmärkte unter Thatcher und Reagan: Wo die Produktion nicht mehr genug abwarf, sollten die Finanzmärkte selbst zur Profitquelle werden – Geld, das aus Geld mehr Geld macht, ganz ohne den Umweg über reale Güter. Nach der Finanzkrise und schärferer Bankenregulierung verlagerte sich ein Großteil dieser Geschäfte ins unregulierte Schattenbankensystem, wo mit Optionsscheinen und strukturierten Wertpapieren gehebelt wird – man wettet auf künftige Gewinne, bündelt Risiken so, dass niemand mehr durchschaut, was darin steckt. Das Volumen dieser Hebelgeschäfte ist gewaltig: Laut der Bank für Internationale Zusammenarbeit belief sich der Nominalwert ausstehender OTC-Derivate Mitte 2025 auf 846 Billionen US-Dollar – gut das Siebenfache der gesamten globalen Wirtschaftsleistung von rund 115 Billionen US-Dollar. Und selbst dieser Wert ist noch konservativ gerechnet: Der tatsächliche Marktwert dieser Kontrakte macht nur rund zweieinhalb Prozent ihres Nominalwerts aus – der Rest ist reine Wette, papierne Hebelwirkung ohne reale Deckung. Genau darin liegt der Zwang: Für derart gehebelte Positionen braucht es fortlaufend neue Sicherheiten. Länder müssen erschlossen, ihre Staatsvermögen privatisiert, ihre Rohstoffe – Kohle, Stahl, Erz, Öl, Lithium – an westliche Energiekonzerne vertraglich gebunden werden, um als Deckung für die nächste Runde Finanzgeschäfte zu dienen. Und wenn die alten Sicherheiten nicht mehr tragen, braucht es einen neuen Krieg, um die alten Investitionen auf andere Weise rentabel zu machen. Das, so Baab, ist auch ein Grund dafür, dass der Ukrainekrieg auf weitere Konfliktzonen ausgeweitet werden soll – eine davon: Serbien.

Vor diesem Hintergrund liest sich Aleksandar Vučićs auffällige Zurückhaltung nicht als Führungsschwäche, sondern als das, was sie ist: die nüchterne Reaktion eines Mannes, der die möglichen Kriegsfolgen für sein Land genau durchdenkt, während er in einen geopolitischen wie ökonomischen Sog hineingezogen werden soll, der Russland einkreisen und gleichzeitig eine sinkende Kapitalrendite stabilisieren soll – zwei Ziele, die sich in der Praxis kaum trennen lassen. Wer fragt, ob es bei der EU-Erweiterung "ausschließlich um europäische Integration" geht oder auch um geopolitischen Einfluss und Systemrivalität mit Russland, hat die Frage bereits falsch gestellt. Es geht um keins von beidem gesondert. Es geht um eine Kapitalstruktur, die neue Sicherheiten braucht, verpackt in eine moralische Sprache, die diesen Bedarf unsichtbar macht. Die Erweiterung ist keine Erweiterung der Werte. Sie ist die Ausweitung einer Bilanz.

+++

Bildquelle: Azulblue / shutterstock

+++

Quellen:

  1. Patrik Baab: Interview/Kommentar zur EU-Erweiterung (Westbalkan, Armenien, Moldau), YouTube, https://www.youtube.com/watch?v=VEudIEf_ZLQ
  2. Bank für Internationale Zusammenarbeit (BIZ): "OTC derivatives statistics at end-June 2025", 08.12.2025, https://www.bis.org/publ/otc_hy2512.htm
  3. IWF/IMF: World Economic Outlook, globale nominale Wirtschaftsleistung 2025 (~115 Billionen US-Dollar)

+++

Dirk Ellerbrock, Jahrgang 1946, ist Diplom-Sozialwissenschaftler. Nach Studien der Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie arbeitete er viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich mystischen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen-Buddhismus, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Unterweisungen Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung". 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:

Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark

oder mit

Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin

Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/

+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.

+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/

+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut

Dirk Ellerbrock Friedrich Merz Emmanuel Macron Moldau Armenien Patrik Baab serbien EU-Erweiterung Schattenbanken


Artikel vorlesen MP3 Download
0:00
0:00