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Die bewirtschaftete Knappheit: Wie Machtblöcke, Engpässe und die Fed den Preis der Krise bestimmen | Von Dirk Ellerbrock

Die bewirtschaftete Knappheit: Wie Machtblöcke, Engpässe und die Fed den Preis der Krise bestimmen | Von Dirk Ellerbrock

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Der Dieselstreit in den Vereinigten Staaten beginnt mit einer scheinbar einfachen Forderung: Landwirte verlangen, dass der Export von Dieselkraftstoff eingeschränkt oder verboten wird. Ihr Argument ist unmittelbar und einleuchtend: Der Kraftstoff wird im Inland benötigt – für Aussaat, Ernte, Transport und schwere Maschinen. Wenn Diesel auf dem Weltmarkt zu höheren Preisen verkauft werden kann, geraten diejenigen unter Druck, die ihn für ihre tägliche Arbeit benötigen.

Die Öl- und Raffineriekonzerne sehen das anders. Für sie ist der Weltmarkt keine Bedrohung, sondern eine Chance. Sie verfügen über etwas, das den Landwirten fehlt: die Kontrolle über einen zentralen Abschnitt der Lieferkette.

Der Ökonom Richard Wolff beschreibt diesen Konflikt als Auseinandersetzung zweier organisierter Interessen. Die Landwirte können politischen Druck erzeugen, Abgeordnete mobilisieren und Öffentlichkeit herstellen. Doch die Öl- und Gasindustrie verfügt über eine wesentlich längere Geschichte organisierter politischer Macht. Als Donald Trump ein mögliches Exportverbot ins Gespräch brachte, reagierten die Raffinerien umgehend mit einer deutlichen Drohung: Sollte der inländische Preis durch ein Exportverbot sinken, würden die Raffinerien ihre Produktion drosseln. Das zusätzliche Angebot, das durch das Verbot im Inland entstehen sollte, würde damit sogleich wieder schrumpfen.

Wenn der Markt nicht misst, sondern gemacht wird

In dieser Reaktion steckt eine bemerkenswerte Umkehrung dessen, was die klassische Ökonomie unter einem Markt versteht. Ein Markt soll Knappheit anzeigen: Ist ein Gut knapp, steigt sein Preis; ist es reichlich vorhanden, fällt er. Was aber geschieht, wenn diejenigen, die das Angebot kontrollieren, auf fallende Preise reagieren, indem sie künstlich weniger produzieren?

In diesem Moment wird Knappheit nicht mehr bloß festgestellt – sie wird bewirtschaftet.

Das ist die unerbittliche Logik eines Oligopols. Es braucht dafür keine geheimen Absprachen am Hintertisch. Es reicht, wenn wenige große Anbieter die gegenseitigen Reaktionen genau kennen. Wenn alle wissen, dass ein niedrigerer Preis mit einer Drosselung der Fördermengen beantwortet wird, stabilisiert sich der Preis auf hohem Niveau, obwohl technisch problemlos mehr produziert werden könnte. Der Markt verschwindet dadurch nicht, aber er funktioniert unter den Bedingungen derjenigen, die das Angebot beherrschen.

Wolff betrachtet dies als Teil einer größeren Entwicklung: dem Zerfall der alten wirtschaftlichen Ordnung und dem Kampf verschiedener kapitalistischer Machtblöcke. Die alte Gegenüberstellung von Freihandel und Wirtschaftsnationalismus greife nicht mehr. Entscheidend sei heute nicht mehr, ob ein Staat grundsätzlich für oder gegen Globalisierung steht, sondern welche Gruppe innerhalb eines Landes welchen Teil der Weltwirtschaft kontrolliert und wie viel politische Macht sie mobilisieren kann.

Die Erfindung der künstlichen Meerenge

Vor diesem Hintergrund verändert sich die Bedeutung von physikalischen und logistischen Engpässen.

Ein klassischer geographischer Engpass ist die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Rohöls transportiert wird. Wer dort Einfluss besitzt, kontrolliert zwar nicht den gesamten Weltmarkt, besitzt aber einen Hebel, mit dem sich geopolitischer Druck unmittelbar in globale wirtschaftliche Kosten übersetzen lässt. In Alternativszenarien – etwa einer Abwicklung von Passagegebühren in Rial über alternative Zahlungssysteme – würde aus einer geographischen Engstelle auch eine finanzielle und währungspolitische Blockade entstehen.

Die US-Raffinerie bildet das inländische Gegenstück dazu. Auch sie ist eine Engstelle – nicht zwischen zwei Küsten, sondern innerhalb der Produktionskette. Rohöl mag vorhanden sein, aber es muss verarbeitet werden. Wenn Raffinerien ankündigen, bei sinkenden Preisen ihre Auslastung zu reduzieren, verwandeln sie die Verarbeitungsstufe in eine künstliche Meerenge. Die Knappheit entsteht dann nicht durch fehlende Rohstoffe, sondern durch gezielte Unterversorgung in der Veredelung.

Kapitalgruppen bündeln ihre Marktmacht über Branchenverbände, Lobbyarbeit und politisches Netzwerk. Sie verhalten sich ähnlich wie Gewerkschaften, verhandeln jedoch nicht über Löhne, sondern gestalten die Regeln des Marktes so, dass ihre Vorrechte erhalten bleiben. Wer an dieser Schnittstelle sitzt, besitzt die Fähigkeit, gestiegene Kosten und Risiken einfach nach unten weiterzureichen. Die Landwirte zahlen höhere Preise für Diesel, Dünger und Transport. Können sie diese nicht an den Handel weitergeben, schrumpft ihre Existenzgrundlage. Die Raffinerie hingegen passt einfach die Produktionsmenge an.

Der dritte Engpass: Die gefangene Notenbank

Während die Konzerne die physische Produktion steuern und geopolitische Konflikte die Rohstoffpreise anheizen, kommt ein dritter Akteur ins Spiel: die US-Notenbank Federal Reserve. Sie verfügt über den wichtigsten Preis der Wirtschaft – den Zins. Doch wie die Finanzanalystin Lena Petrova in ihrer Auswertung der jüngsten Wirtschaftsdaten aufzeigt, sitzt die Fed derzeit in einer geldpolitischen Falle.

Die Makrodaten senden zutiefst widersprüchliche Signale:

  1. Ein schwächelnder Arbeitsmarkt: Im September wurden in den USA lediglich 29.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Zudem korrigierte das U.S. Bureau of Labor Statistics die Beschäftigungszahlen für Juli und August zusammen um 60.000 Stellen nach unten. Die Arbeitslosenquote stieg leicht auf 4,2 %. Die durchschnittlichen Stundenlöhne legten im September nur um 0,1 % zu (3,0 % gegenüber dem Vorjahr) und hielten damit nicht einmal mit der Teuerung Schritt.
  2. Hartnäckiger Inflationsdruck: Der Verbraucherpreisindex (CPI) lag im August bei 3,4 % gegenüber dem Vorjahr (Kern-CPI bei 2,4 %) und damit deutlich über dem 2%-Ziel der Fed. Noch deutlicher schlug das verarbeitende Gewerbe aus: Der ISM-Preisindex für den Sektor sprang im September von 71,1 % auf 77,9 %. Auch im Dienstleistungssektor lag der ISM-Preisindex zum fünften Mal in sechs Monaten über der Marke von 70, während der Beschäftigungsindex dort das zweite Mal in Folge sank.

Damit zeigt sich das klassische Muster einer Stagflation – das Zusammentreffen von schwachem Wachstum, nachlassender Beschäftigung und hoher Inflation.

Für die Federal Reserve entsteht daraus ein Dilemma: Senkt sie die Zinsen, um die schwächelnde Konjunktur und den Arbeitsmarkt zu stützen, riskiert sie, die Inflation durch billigere Kredite erneut anzuheizen. Hält sie die Zinsen hoch, um die Preise zu bekämpfen, droht sie die Wirtschaft vollends in eine Rezession zu drängen. Sogar der stellvertretende Fed-Vorsitzende Philip Jefferson räumte ein, dass dies ein „folgenreicher Moment“ und eine äußerst schwierige Zeit für die Entscheidungsträger sei, nachdem die Teuerung nun schon seit mehr als fünf Jahren über dem Zielwert liegt.

Wenn Geldpolitik am falschen Hebel ansetzt

Hier schließt sich der Kreis zur bewirtschafteten Knappheit: Wenn der Inflationsdruck primär durch gestiegene Energiepreise, geostrategische Konflikte im Nahen Osten, Lieferkettenprobleme, Zölle und die gezielte Produktionssteuerung von Raffinerie-Oligopolen erzeugt wird, ist die Zentralbank weitgehend machtlos.

Ein höherer oder niedrigerer Leitzins wirkt auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage – er produziert jedoch keinen einzigen Liter zusätzlichen Diesel, öffnet keine blockierte Meerenge und baut keine Raffineriekapazitäten auf. Die Notenbank steht vor einem Strukturproblem, das sie mit ihren Instrumenten nicht lösen kann. Ihr Handlungsspielraum wird selbst zu einem verengten Nadelöhr – einer Knappheit an politischen Handlungsmöglichkeiten.

Auch staatliche Maßnahmen wie die Freigabe strategischer Ölreserven durch europäische oder amerikanische Regierungen ändern daran wenig. Entspricht die freigegebene Menge nur dem Bedarf weniger Tage, beruhigt sie den Markt allenfalls kurzfristig. Sie verschiebt das Problem zeitlich, beseitigt aber nicht die strukturelle Engstelle.

Wer zahlt den Preis?

So treffen in der aktuellen Krise drei Formen der Knappheit aufeinander:

  • An der Meerenge herrscht die Knappheit des geographischen und logistischen Zugangs.
  • An der Raffinerie herrscht die Knappheit des verarbeiteten Angebots.
  • Bei der Zentralbank herrscht die Knappheit der steuerungspolitischen Mittel.

Das Ergebnis ist eine ökonomische Dominokette: Geopolitische Spannungen und Angebotseinschränkungen treiben die Energiepreise. Raffinerien bewirtschaften das Angebot, um Margen zu sichern. Die Unternehmen reichen die Kosten entlang der Lieferkette weiter. Die daraus resultierende Inflation bindet der Zentralbank die Hände. Die Politik wiederum versucht, die Belastungen räumlich und sozial zu verlagern.

Am Ende dieser Kette stehen diejenigen, die über keinen dieser Hebel verfügen: die Verbraucher und die Landwirte. Während Ölkonzerne die Produktionsmengen anpassen und Zentralbanken zwischen ihren Zielen gefangen sind, bleibt den Akteuren am Ende der Lieferkette nur eine Rolle.

Sie sind diejenigen, die bezahlen.

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Bildquelle: Anna Kondratiuk-Swiacka / shutterstock

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Quellen

Lena Petrova - Weltgeschehn im Kontext Deutsch

https://www.youtube.com/watch?v=VxGXwfJLxWU&t=2s

·       U.S. Bureau of Labor Statistics (BLS): Arbeitsmarktbericht September (29.000 neu geschaffene Arbeitsplätze; Arbeitslosenquote bei 4,2 %; Abwärtskorrektur der Monate Juli und August um insgesamt 60.000 Stellen; Lohnwachstum +0,1 % m/m bzw. +3,0 % y/y).

·       U.S. Bureau of Labor Statistics (BLS): Verbraucherpreisindex (CPI August bei 3,4 % y/y; Kern-CPI bei 2,4 % y/y) sowie angekündigte Veröffentlichungsdaten für September (CPI am 14. Oktober, PPI am 15. Oktober).

·       ISM Manufacturing Report (September): Preisindex stieg von 71,1 % im August auf 77,9 % im September; Gesamtindex verarbeitendes Gewerbe bei 54,5.

·       ISM Services Report: Preisindex lag zum 5. Mal in 6 Monaten über der Marke von 70; Beschäftigungsindex sank den 2. Monat in Folge.

·       Federal Reserve Board: Rede des stellvertretenden Fed-Vorsitzenden Philip Jefferson vom 1. Oktober über die geldpolitische Lage und das 2%-Inflationsziel.

Prof. Richard D. Wolff - Glenn Diesen Deutsch

https://www.youtube.com/watch?v=mEVFBPbuED4

·       Markt- und Oligopoltheorie: Konzept der „bewirtschafteten Knappheit“ und Steuerung der Produktionsmengen durch Oligopole/Raffinerien.

·       Geopolitik & Infrastruktur: Strukturelle Rolle logistischer und geographischer Nadelöhre (z. B. Straße von Hormus, Währungssysteme).

·       Organisierte Interessen: Parallelen zwischen Gewerkschaftsstrukturen und kapitalstarken Branchenverbänden (militärisch-industrieller, medizinisch-industrieller Komplex, Tech-Branche).

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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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