Der Mythos der Objektivität | Von Michael Meyen

Journalismus ist ein Amalgam aus Meinungen und wechselseitigen Einflüssen — das ist in Ordnung so; schwierig wird es nur, wenn ein Wahrheitsanspruch dazukommt.

Dieser Tage ist mir Paul Harms wieder eingefallen, einer der Helden meiner frühen Versuche als Pressehistoriker. Das ist kein gutes Zeichen. Paul Harms war eine Nummer im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Mitstreiter von Theodor Wolff beim Berliner Tageblatt, Leitartikler der Leipziger Neuesten Nachrichten, Buchautor. Das ist es aber nicht, was mich zusammenzucken ließ.

Paul Harms war Bismarck-Fan und sah Hitler und seine Partei schon Neujahr 1931 als einzigen Hoffnungsträger (1). Die Gestapo hielt ihn zwar ein paar Jahre später nur für „bedingt zuverlässig“ und hatte nicht vergessen, dass seine Artikel vor 1933 „in nationalsozialistischen Kreisen wiederholt Missfallen hervorgerufen“ hatten (2), in meinem Gedächtnis aber war Paul Harms verloren gegangen. Abgespeichert als Nationalist, Opportunist oder noch schlimmer.

Ich muss vielleicht erst berichten, wie dieser Mann mein Held werden konnte, bevor ich erkläre, was Paul Harms mit dem Thema dieses Textes zu tun hat — mit der journalistischen Berufsideologie der Gegenwart, die die Propaganda-Matrix unsichtbar werden lässt. Solange wir uns erzählen lassen, dass die Redaktionen eine neutrale und autonome Instanz sind, die sich bei der Auswahl und der Aufbereitung der Nachrichten ausschließlich an handwerklichen Kriterien orientiert, solange können wir nicht sehen, dass und wie wir manipuliert werden.

Solange glauben wir möglicherweise tatsächlich, dass die Leitmedien „sagen, was ist“, so Rudolf Augstein. So lange glauben das höchstwahrscheinlich sogar die Journalisten selbst. Objektivität, Unparteilichkeit, Ausgewogenheit: Diese Berufsideologie wurzelt nicht im Journalismus, sondern im Kapitalismus und ist nach 1945 von den US-Amerikanern nach Deutschland gebracht worden. Paul Harms war da schon tot.

Kennengelernt habe ich diesen Mann als Doktorand. Ich wollte damals herausfinden, ob es Sinn macht, in Medien zu investieren, wenn man die Stimmung in einer Stadt und vor allem die Wahlergebnisse verändern will. Leipzig war so ein Fall. Ullstein, dem Pressegiganten in Berlin, Freund der Demokraten, gefiel nicht, was die Leipziger Anfang der 1920er Jahre lasen: die Leipziger Neuesten Nachrichten. Ein Blatt des Kaisers, ein Blatt des Krieges, ein Blatt, das die Republik nicht wirklich mochte. Ullstein hat die kleinen Konkurrenzzeitungen gekauft, zusammengelegt und — ist mit seiner Neuen Leipziger Zeitung krachend gescheitert, obwohl Geld bis zum Ende von Weimar keine Rolle spielte.

Ich habe mich durch Ausgaben gewühlt, die beim Blättern zerfielen, und bin immer wieder bei Artikeln hängengeblieben, die das Kürzel „Hs.“ zierte. Paul Harms. Damals war es noch üblich, dass die Zeitung zu ihrem Publikum sprach und nicht ein Name oder gar ein Gesicht. Das „Hs.“ fiel auf. Die Artikel fielen auf. Die Leipziger Neuesten Nachrichten, okay, aber glänzend geschrieben. So viel Bildung, so viel Stil. Ich habe mich gefreut, wenn ich das Kürzel sah, auch wenn mir der Inhalt längst nicht immer zusagte.

Mein Doktorvater hat mir am Prüfungstag ein Buch von Paul Harms geschenkt. Die Zeitung von heute, erschienen 1927 im Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. Wenn man so will: die Essenz von dreieinhalb Jahrzehnten im Beruf, geschrieben von einem Spitzenjournalisten, gewidmet „den Kollegen vom Bau“ (3). Von Autonomie und Objektivität ist dort keine Rede, im Gegenteil.

„Für den ordnungsliebenden Staatsbürger, der nur lügt, wo sein persönlicher Vorteil es erheischt, mag die Erkenntnis schmerzlich sein, aber es ist so: Nichts als wahr zu sein, ist gar nicht die Aufgabe der Zeitungsnachricht. Sie kann es nicht sein, und sie darf es nicht sein“ (4).

Paul Harms begründet seine Absage an Objektivität, Neutralität und Ausgewogenheit gleich dreifach. Er weiß erstens, wie viele Menschen an einer Meldung oder einem Bericht mitschreiben. Augenzeugen, Reporter, Redakteure. Eine „Zeitungsnachricht“ ist für ihn folglich „ein Ereignis, geschaut durch mehrere, oft sehr verschiedene Temperamente“. Zweitens sind da die Leser, die nicht gelangweilt werden wollen „von trockenem Tatsacheninhalt“ und sich außerdem oft aus politischen Gründen entschieden haben, genau dieses Blatt zu lesen und kein anderes.

Und drittens sieht er die Zeitung als ein Mittel für den „Gedankenaustausch“ und für den „Kampf verschiedener Willensrichtungen“. Die Begriffe sind überholt, natürlich, man versteht aber trotzdem, was uns Paul Harms sagen möchte:

„Ein Organ der öffentlichen Meinung kann daher nicht gedacht werden als eine Einheit, sondern nur als eine Vielheit; jede Willensrichtung, die sich innerhalb der Masse aller Staatsbürger ihre gesonderte Massenschicht erobert hat, bedarf auch eines besonderen Organs“ (5).

In der Weimarer Republik entsprach das der Alltagserfahrung. Allein in Leipzig gab es stets gut ein halbes Dutzend Tageszeitungen, die kein Hehl daraus machten, welcher Partei sie gerade nahestanden. Das änderte sich auch nicht, als Ullstein 1921 vier kleine Titel von Demokraten, Liberalen und Deutschnationalen vereinigte und plötzlich in modernem Zeitungslayout republikanische Politik machte. Keiner der „Kollegen vom Bau“ hätte behauptet, objektiv oder neutral zu sein oder das auch nur zu wollen.

Perfektes Belohnungssystem

Autonomie dagegen — das hätte auch Paul Harms gerne gehabt. Er hatte selbst erlebt, wie die Spitzenbeamten des Kaisers über Geld und Exklusivnachrichten „die deutsche Presse korrumpiert“ und aus dem Journalismus bis auf wenige Ausnahmen Regierungs-PR gemacht hatten. Dieses Belohnungssystem mit seinen „unsichtbaren Rangstufen“ war zwar seit dem Krieg Geschichte, das Problem aber hatte sich nur verlagert. „Das Publikum“, schrieb Harms 1927, sei immer noch „der Betrogene“, weil es nicht wisse, wie sich zum Beispiel „die Vergnügungsindustrie“ wohlwollende Berichte kaufe und was das mit schlecht bezahlten Jobs in der Presse zu tun habe.

„Wie kann das Publikum erwarten, ein unabhängiges Urteil zu erhalten, wenn ganze Schiffsladungen voll Zeitungsmenschen ein paar Wochen lang freigehalten und in schönen Gegenden spazieren gefahren werden?“ (6).

Der Journalismus, den sich Paul Harms wünschte und den er in seinen Leitartikeln lebte, stirbt mit dem Ende der Republik und wird 1945 endgültig beerdigt. Im Westen Deutschlands predigen die neuen Herren nun ein Ideal, das dem Gott des Geldes dient und verschleiert, welchen Einfluss Menschen mit Macht und Besitz auf die Inhalte haben. Kommerzielle Medien streben nach Publikumsmaximierung. Da stört jedes offene Bekenntnis. Ein halbes Dutzend Tageszeitungen in einer einzigen Großstadt: Das ist sowohl für die Anzeigenabteilung ein Albtraum als auch für die Abonnementwerbung.

Das Gerede von Objektivität und Neutralität umarmt nicht nur alle Weltanschauungen, sondern hat einen zweiten, viel größeren Vorteil: Das Publikum merkt nicht, wie es gelenkt wird.

Paul Harms wusste noch, dass es keinen Bericht ohne die Menschen gibt, die ihn verfassen, und folglich keine „wahren“ Nachrichten. Heute verspricht der Journalismus genau diese Quadratur des Kreises und suggeriert uns so, dass genau das das Allerwichtigste ist, was er und seine Einflüsterer in Politik und Behörden auf die Titelseiten setzen oder an den Anfang der Tagesschau. Wir sind doch ‚objektiv‘. Ging also gar nicht anders (7).

Auch die Autonomie, die uns viele von denen weismachen wollen, die in den Redaktionen arbeiten, ist ein Luftschloss. Sicher: Der Anruf aus der Staatskanzlei oder aus irgendeiner anderen Chefetage ist die Ausnahme — allerdings eine, die immer wieder vorkommt und sich in das kollektive Gedächtnis des Berufsstands einschreibt. Man lernt: Wir werden beobachtet und bekommen Stress, wenn wir unangenehm auffallen. Ich habe gerade ein ganzes Buch geschrieben über die Abhängigkeiten des Journalismus von Politik und Wirtschaft und muss das hier nicht wiederholen (8). Stichworte genügen.

Die Aufsicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo die Politik den Journalismus kontrolliert und nicht umgekehrt. Hochgerüstete PR-Abteilungen, die nicht nur mit sendefähigem Material locken, sondern auch mit lukrativen Jobs. Stellenabbau in der Presse, prekäre Jobs im Lokalen, Zeitdruck, Outsourcing. Eine Nähe zu den Entscheidern, die gar nicht mehr weit weg ist von den Zuständen im Kaiserreich. Paul Harms würde schimpfen, und ich müsste ihm Recht geben.

Vielfalt und Transparenz

Die Lösung ist ganz einfach: zurück in die Weimarer Republik, zumindest in Sachen Berufsideologie. Paul Harms hat für das Leipziger Bürgertum geschrieben. Jeder in Leipzig konnte wissen, wo die Leipziger Neuesten Nachrichten stehen, und sich so einen Reim auf das machen, was dort zu lesen war. Qualität im Journalismus steht und fällt mit Transparenz. Offenlegen, wie die Inhalte entstehen und wie sie verbreitet werden. Ins Netz stellen, wenn jemand versucht, die Berichterstattung zu beeinflussen. Und darüber reflektieren, wer hier schreibt oder sendet und wem das am Ende nutzen könnte (9). Fast genauso wichtig wie diese Form der Transparenz ist Vielfalt.

Alle Themen, alle Perspektiven — und zwar da, wo sie alle sehen können. Journalismus muss Öffentlichkeit herstellen. „Organ der öffentlichen Meinung“, hat Paul Harms gesagt und — „Gedankenaustausch“. Die „Wahrheit“, die dieser Journalist der einzelnen Nachricht genauso absprach wie der eigenen Zeitung, diese „Wahrheit“ war seiner Meinung nach bei der „Gesamtheit der deutschen Zeitungen durchaus nicht schlecht aufgehoben“ (10). Wer würde das heute behaupten, obwohl der Journalismus sich selbst und damit uns allen erzählt, dass er autonom sei, unparteilich und objektiv?

 

Quellen und Anmerkungen:

(1) Michael Meyen: Leipzigs bürgerliche Presse in der Weimarer Republik. Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichem Wandel und Presseentwicklung. Leipzig 1996, S. 179, 214
(2) Ebenda, S. 14
(3) Paul Harms: Die Zeitung von heute. Leipzig 1927, S. III
(4) Ebenda, S. 21
(5) Ebenda, S. 9f., 25, 27
(6) Ebenda, S. 108, 110, 112
(7) Vgl. Horst Pöttker: Nachrichten und ihre kommunikative Qualität. In: Publizistik 48. Jg. (2003), S. 414-426
(8) Michael Meyen: Die Propaganda-Matrix. Der Kampf für freie Medien entscheidet über unsere Zukunft. München: Rubikon 2021
(9) Vgl. Alexis von Mirbach, Michael Meyen: Das Elend der Medien. Schlechte Nachrichten für den Journalismus. Köln 2021, S. 353
(10) Paul Harms: Die Zeitung von heute. Leipzig 1927, S. 29

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Dieser Artikel erschien zuerst am 07. August 2021 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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