„Der Gordische Knoten“ oder: „Das Damoklesschwert“

von Bernhard Trautvetter.

Der das Eigene über andere(s) stellende Nationalismus ist einer der Sargnägel am Schicksal der Menschheit, denn:

Im Bericht des Clubs of Rome zur Lage der Menschheit „Die Grenzen des Wachstums“ wird der damalige UNO-Generalsekretär U Thant wie folgt zitiert, und er hat – bis auf (hoffentlich) die Jahresangabe – Recht:

„Ich will die Zustände nicht dramatisieren. Aber nach den Informationen, die mir als Generaldirektor der Vereinten Nationen zugehen, haben nach meiner Schätzung die Mitglieder dieses Gremiums noch etwa ein Jahrzehnt zur Verfügung, (…) das Wettrüsten zu stoppen, den menschlichen Lebensraum zu verbessern, die Bevölkerungsexplosion niedrig zu halten und den notwendigen Impuls zur Entwicklung zu geben. Wenn eine solch weltweite Partnerschaft innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht zustande kommt, so werden (…) die (…) Probleme derartige Ausmaße erreicht haben, dass ihre Bewältigung menschliche Fähigkeiten übersteigt.“ (1)

Die weltweite Kooperation hat sich bereits als möglich erwiesen – einmal bei der Gründung der UNO durch die gegnerischen Systeme der USA und westliche kapitalistische Staaten einerseits und die Sowjetunion auf der anderen Seite. Ein zweiter teilweise erfolgreicher Vorgang war und ist der teilweise erfolgreiche weltweite Kampf gegen die Ausdünnung und den Verlust der Ozonschicht in der Stratosphäre: Dieser Anti-UV-Filter der Erde verhindert, dass harte kurzwellige Strahlen aus dem Kosmos auf die Erdoberfläche treffen und dort lebendige Zellen zerstören. Damals hat die Menschheit das für dieses Problem verantwortliche Treib-, Lösungsmittel- und Kühlmittel-Gas FCKW in einer weltweiten Kooperation weitgehend aus den Abläufen der Ökonomie genommen.

Die Probleme des 21. Jahrhunderts erfordern eine weltweite Kooperation, die die Konkurrenz von „America first“ und von ähnlichen Parolen in vielen anderen Regionen und Staaten zu verhindern droht. Die Menschheit hat dann vielleicht eine Chance, wenn sie daraus „Earth first“ macht. Wer die falschen Fragen stellt, verliert die Sinne für die Antwort. Wer sich auf seinen Vorteil auf Kosten anderer, die dann Nachteile haben, sucht, der verliert im Blick auf Teile den Überblick aufs Ganze. Das kann sich die Menschheit nicht mehr leisten.

Das Zitat des damaligen UNO-Generalsekretärs U Thant ist über fünf Jahrzehnte alt. Zwischen dieser Äußerung und uns heute, liegen demnach nicht nur fünf verlorene Jahrzehnte, sondern, schlimmer noch: Es sind fünf Jahrzehnte, in denen die Bedrohungen für unsere Zukunft wie in einem Hexentanz um das Goldene Kalb – genannt „kurzfristiger Profit für einige wenige Einzelkapitale“ – gesteigert wurden.

Eine Wegmarke auf dem weiteren Weg zum Abgrund war die erste große Friedensdemonstration der 1980er Jahre: Sie wurde mit einem Flyer angekündigt, der mit der Warnung aufmachte: „Die 80er Jahre werden mehr und mehr zum gefährlichsten Jahrzehnt in der Menschheitsgeschichte.“ Wir sind jetzt dem gegenüber ein paar Jahrzehnte weiter.

Mehrere Zukunftsgefährdungen drohen sich gegenseitig aufzuschaukeln. Das kann zu einem Moment führen, in dem es keine Chance mehr gibt, irgend etwas Mittelfristiges zurück in den Bereich der Kontrollierbarkeit zu bringen.

Prima Klima
Endet das Experiment mit dem Lebensraum der Menschheit (wenn es überhaupt noch geht)?

Da ist zum einen die Klimakatastrophe, die einige wie Donald Trump in Abrede stellen. Solange nicht eineindeutig unbestreitbar erhärtet ist, ob diese Zweifler oder die Warnenden Recht haben, solange ist es ein Gebot des Lebens, dass unsere Generation ihr Experiment mit der Erde besser heute als morgen einstellt.

Seit der Veröffentlichung des ersten Berichtes des Clubs of Rome „hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt, hat sich der Konsum mehr als verzehnfacht, haben sich die ökologischen Bedingungen der Welt dramatisch verschlechtert”, so Ernst Ulrich von Weizsäcker von der deutschen Sektion des Club of Rome.(2)

Dennis Meadows, Autor des hier berichteten ersten ökologischen Berichtes an die Menschheit sagte 17 weitgehend verlorene Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in einem Spiegel-Interview: „Außerdem verhält sich die Menschheit wie ein Selbstmörder, und es hat keinen Sinn mehr, mit einem Selbstmörder zu argumentieren, wenn er bereits aus dem Fenster gesprungen ist.“ (3)

Der Verlust an Eis in den Gletscher, Nord- und Süd-Polargebieten verläuft teils um unvorstellbare Tempobeschleunigungen schneller, als es Wissenschaftler noch bis vor Kurzem befürchteten. (4)

Das Problem steigert nicht nur die Aufnahme von Sonnenwärme in ehemaligen Eisgebieten, die nun Wärmestrahlen aufnehmen, statt sie zurückzuspiegeln – was weiße Flächen tun – es gefährdet auch die Wasserversorgung ganzer Großgebiete, etwa des Ganges. (5)

Sozialökonomische Kontrollverluste als Zukunftsgefährdung

In der Phase, in der die Menschheit damit verbundene Zukunftsgefährdungen abwenden muss, ist die Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zwischen der Industrie 2.0 und 4.0 mit dem Internet der Dinge und der Roboterisierung, Automatisierung, Digitalisierung auf dem Weg zu einer Schwelle, die das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital, das seit dem Sieg des Kapitalismus in der Zeit der Industrialisierung untergräbt: Die „Mensch-arme“ Produktion wird die gesellschaftlichen Verhältnisse von der (ökonomischen) Basis her über den Haufen werfen, und das um Welten massiver und schneller als es die Dampfmaschine mit den mittelalterlichen Verhältnissen von Leibeigenen und Baronen/Vogten/Fürsten/Adeligen im zeitlichen Kontext der Erfindung und des dann logischen Verlaufs der französischen Revolution tat. In der Französischen Revolution stellten sich die kapitalbesitzenden Bürger mit dem 3. Stand gegen den Adel.

Nun stehen wir am Ende der Industriegesellschaft infolge der Fusion von maschinell getragener geistiger Arbeit, Kommunikation von Maschinen und weltweiter Vernetzung. Parolen wie „buy British“, „Deutschland den Deutschen“, „America first“ gehen da so krass an den realen Entwicklungen vorbei, dass mir nur Gorbatschows Satz einfällt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Hier heißt das in der Tat, die Menschheit kann vom Planeten Erde abtreten, weil sie sich angesichts der Unübersichtlichkeit der Umwälzungen in der Basis des gesellschaftlichen Lebens in die falsche Richtung verrennt. Hier sind die Ausländer, die uns die Arbeit und die Existenz wegnehmen und gefährden:

„Der Einsatz von Robotern und anderen Technologien wird in den kommenden Jahren Millionen von Arbeitskräften hierzulande überflüssig machen. Das ist das Ergebnis einer Berechnung der Volkswirte der Bank ING-DiBa. Demnach bedroht die sich zunehmend beschleunigende Technologisierung mittel- und langfristig mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze in Deutschland. Von den 30,9 Millionen sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigten, die in der Untersuchung berücksichtigt werden, würden demnach 18 Millionen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten durch Maschinen und Software ersetzt.“ [Die Welt, 02.05.2015]

Zerfall der internationalen Ordnung

Die Münchner Sicherheitskonferenz hat sich des Themas „Zerfall der Internationalen Ordnung“ 2015 angenommen. (6) Es geht dabei u.a. um Nachwirkungen des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der USA und ihrer „Koalition der Willigen“ gegen den Irak, den weiteren Völkerrechtsbruch von meistenteils NATO-Staaten gegen Jugoslawien und Libyen sowie weitere kriegerische Handlungen und Prozesse zwischen Casablanca, Mittelafrika, dem Golf und Osteuropa. Darunter auch die NATO-Osterweiterung, die mitnichten ein demokratisches Nachgeben gegenüber dem Willen der Völker Osteuropas darstellt, sondern mit Lügen über Russlands Aggression und über die der Sowjetunion(7) gegebenen Versprechen in den Verhandlungen über die „Deutsche Vereinigung“ 1990 ein Spiel mit dem Feuer darstellen.

Der Zerfall der internationalen Ordnung vor allem aufgrund der NATO-Politik führt(e) zu vielen internationalen und nationalen Entwicklungen, die die Menschheit von der Lösung der globalen Zukunftsgefährdungen abhält. Dafür haben wir weder national noch international die Zeit.

Kriegsführung im 21. Jahrhundert

Im August 2014 veröffentlichte die Zeitschrift des Bundestages „Das Parlament“ diesen Text zur Entwicklung des Kriegshandwerks unserer Zeit:

„Im Militärbereich ist aktuell eine Revolution im Gange, der sich viele Menschen bislang nicht bewusst sind. Immer mehr Aufgaben werden, wie im zivilen Leben auch, von Computerprogrammen und unbemannten robotischen Systemen übernommen. Immer mehr wird automatisiert erledigt, der Mensch ist nicht mehr Akteur, sondern Überwacher – bestenfalls. In immer mehr Kontexten ist der Soldat oder die Soldatin auf die Zuarbeit von Computerprogrammen angewiesen, die Datenströme aus verschiedensten Sensoren filtern, bewerten und Handlungsoptionen vorschlagen. Bislang wird von Politik und Militär die Illusion aufrechterhalten, der Mensch sei am Ende doch der maßgebliche Entscheider, eine „Vollautonomie“, bei der Computerprogramme über Waffengewalt gegen Menschen entscheiden, sei abzulehnen.

Dieser Beitrag geht der Frage nach, inwieweit der Mensch angesichts der immer stärkeren Automatisierung noch als relevanter Entscheider gelten kann oder ob dieser schleichende Prozess den Menschen nicht schon längst weitgehend entmündigt hat. Es wird die These vertreten, dass selbst wenn der Mensch zumindest bislang noch Einfluss auf die computerisierte Entscheidungsschleife nehmen kann, die zunehmende Verbreitung unbemannter, das heißt robotischer Systeme den Menschen noch weiter aus der Kriegsführung herausdrängt, sofern aktuelle technologische Trends nicht aktiv politisch gestoppt werden. Es ist deshalb keinesfalls zu früh, vielleicht sogar eher schon zu spät, um die zentralen Fragen, wie „entmenschlicht“ die Kriegsführung der Zukunft sein kann und vor allem sein soll, zu diskutieren.“

Verantwortung

Es gibt noch weitere Zukunftsgefährdungen, wie die Wirkung der Technik auf die Kommunikation, die zu anonymisierten, begegnungslosen Begegnungen führt, wie die Cyber-Kriminalität, die auch etwas mit der Frage Krieg und Frieden zu tun hat.

Angesichts von Technologien, deren Anwendung die Existenz der Menschheit zu bedrohen drohen, ist ein System, in dem private betriebswirtschaftliche Motive selbst volks- und menschheits-wirtschaftliche Auswirkungen haben, mit den Über-Lebens-Interessen der Gattung Mensch unvereinbar.

Die Destabilisierung aller uns bekannten Fundamente der Gesellschaft lässt sich kaum mehr nur an den einzelnen Symptomen überwinden. Es braucht eine Vorgehensweise der alternativen Kräfte, die diese Entwicklungen alle im Kontext sieht und sich nicht im Klein-Klein von Ein-Punkt-Bewegungen oder des Nationalismus verliert. So schwer die Überwindung des Kapitalismus ist, dort, wo er uns hin gebracht hat, kommen wir mit ihm nicht hinreichend nachhaltig wieder heraus. Wir müssen die Energiewende, die Abrüstung, Erfüllung gewerkschaftlicher Forderungen zur Sicherung von Arbeitsplätzen bei kürzerer Arbeitszeit und lebbaren Löhnen fordern und das mit einer über den Kapitalismus hinaus reichenden Perspektive verbinden. Das ist so unrealistisch wie unausweichlich. Die Forderung der 68er-Bewegung „Seid realistisch, fordert das Unmögliche!“ verbindet sich mit Vaclav Havels Erkenntnis: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Wenn die alternativen Kräfte auf die Herausforderungen unserer Zeit die entsprechende Antwort in Wort und Tat finden, dann kann es vielleicht einen Notausgang für die Menschheit geben. Dann. Und vielleicht. Das Leben ist uns gegeben, um das Unsere für das Leben auf diesem Planeten zu tun. Nicht nur hier und nicht nur jetzt. Das ist unsere Verantwortung.

Quellen:

1)  U Thant in: Dennis Meadows, Die Grenzen des Wachstums, Stuttgart1972, S. 11

2) http://www.deutschlandfunk.de/appelle-des-20-jahrhunderts-3-die-grenzen-des-wachstums-1972.724.de.html?dram:article_id=418360

3) Spiegel Nr. 29/1989

4) https://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article135429375/Eisschmelze-verlaeuft-viel-komplexer-als-gedacht.html

5) http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-2530-2005-03-15.html

6) https://www.securityconference.de/de/presse/pressemitteilungen/detail/article/der-zerfall-der-internationalen-ordnung-im-fokus-die-51-msc-im-lichte-aktueller-krisen-und-konfli/

7)   Der Krim-Konflikt hat parallele Vorgeschichten, die hier ein doppelzüngiges Spiel der NATO mit den Fakten offenbaren. Nur der Verweis auf die gewaltsame Landnahme Nordzyperns durch den NATO-Staat Türkei legt die Propaganda-Technik der NATO offen. Beleg: https://www.focus.de/politik/ausland/eu-fordert-rueckzug-tuerkisches-militaer-blockiert-erdgaserkundungen-vor-zypern_id_8455991.html

Genauso verhält es sich mit der Ostausdehnung der Nato: http://www.faz.net/aktuell/politik/ost-erweiterung-der-nato-was-versprach-genscher-12902411.html

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