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Der erschöpfte Leviathan: Zur strukturellen Krise des Westens | Von Dirk Ellerbrock

Der erschöpfte Leviathan: Zur strukturellen Krise des Westens | Von Dirk Ellerbrock

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Die transatlantische Allianz steht heute nicht allein vor Herausforderungen von außen. Sie sieht sich zugleich mit einer tiefgreifenden Krise ihres eigenen politischen und wirtschaftlichen Modells konfrontiert. Was von seinen Verteidigern als schützenswerte Erhaltung der "liberalen, regelbasierten Ordnung" verstanden wird, erweist sich aus kritischer Perspektive zunehmend als Ausdruck innerer, struktureller Widersprüche. Thomas Hobbes' Sinnbild des Leviathan beruhte auf einem klaren Versprechen: Der Staat garantiert Schutz, soziale Ordnung und Wohlstand – im Gegenzug ernten seine Institutionen Loyalität. Wenn dieser Schutzvertrag jedoch bröckelt, gerät das gesamte Gefüge ins Schwanken.

Aus unterschiedlichen theoretischen Blickwinkeln – von der Postdemokratiekritik Colin Crouchs über Sheldon Wolins Analyse des "umgekehrten Totalitarismus" bis hin zu John Mearsheimers Kritik der liberalen Hegemonie – lassen sich dabei mehrere miteinander verbundene Problemlagen erkennen: die Entfremdung zwischen Bürgern und Institutionen, die Verengung des öffentlichen Diskurses, die Konzentration wirtschaftlicher Macht, die Entkopplung der Finanzmärkte von der realen Güterproduktion sowie eine Außenpolitik, deren globale Gestaltungsansprüche zunehmend an materielle und diplomatische Grenzen stoßen.

Die These dieses Essays lautet daher nicht, dass der Westen unmittelbar vor seinem Zusammenbruch steht. Vielmehr stellt sich die Frage, ob seine institutionellen und gesellschaftlichen Strukturen noch über ausreichende Fähigkeiten zur Selbstkorrektur verfügen. Diese Frage ist zunächst eine der politischen Ökonomie und der Institutionen. Sie berührt aber, sekundär, auch eine psychologische Dimension: die Frage, warum Bürger und Eliten notwendige Korrekturen selbst dann verweigern oder sabotieren, wenn deren materielle Grundlage längst erkannt ist.

I. Die Erosion demokratischer Legitimität: Postdemokratie, Diskursverengung und die Grenzen der Selbstkorrektur

Nach außen präsentieren sich die westlichen Demokratien weiterhin als Systeme, die auf Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Bürgerbeteiligung beruhen. Gleichzeitig ist im Inneren eine fortschreitende Entfremdung zwischen Bevölkerung und politischen Entscheidungsträgern zu beobachten.

Der britische Soziologe Colin Crouch hat diese Entwicklung mit dem Begriff der "Postdemokratie" beschrieben. Gemeint ist damit keine formale Abschaffung der Demokratie – Wahlen, Parlamente und Parteien bestehen fort. Doch die tatsächlichen Handlungskorridore verengen sich, wenn wesentliche Entscheidungen zunehmend in technokratische Gremien, Lobbynetzwerke und supranationale Institutionen verlagert werden. Demokratische Verfahren bleiben als Hülle bestehen, während sich die Machtverhältnisse von ihnen entkoppeln.

Eine radikalere Diagnose formulierte der US-Politikwissenschaftler Sheldon Wolin mit seinem Konzept des "umgekehrten Totalitarismus" (Inverted Totalitarianism). Anders als klassische totalitäre Regimes, die auf offener Massenmobilisierung und zentraler Ideologie beruhen, beschreibt Wolin eine Ordnung, die auf Entpolitisierung setzt. Macht verschmilzt mit Konzerninteressen (Corporate Power), während die Bevölkerung durch mediale Dauerbeschallung und das Aufrechterhalten eines permanenten Notstandsbewusstseins passiv gehalten wird.

Diese Mechanik erklärt sich zunächst aus sich selbst: Sie funktioniert, weil sie im materiellen Interesse konzentrierter Macht liegt, nicht weil die Bevölkerung eine bestimmte seelische Disposition mitbringen müsste. Doch die Frage, warum diese Entpolitisierung auf so wenig wirksamen Widerstand trifft, führt an einen Punkt, an dem die Sozialpsychologie eine ergänzende, nachgeordnete Beobachtung beisteuern kann – nicht als Ursache der Postdemokratie, sondern als Erklärung ihrer geringen Angreifbarkeit. Erich Fromm beschrieb mit der "autoritären Persönlichkeit" eine frühkindlich erworbene Disposition, die Sicherheit in Unterwerfung und Klarheit in eindeutigen Feindbildern sucht. Wo eine solche Disposition verbreitet ist, trifft die Entpolitisierung auf weniger Gegenwehr – sie erklärt aber nicht deren Ursache, sondern ihre Verwundbarkeit.

Diese Entpolitisierung geht heute mit einer schleichenden Verengung des öffentlichen Diskurses einher. Wo die sachliche Abwägung ökonomischer oder geopolitischer Alternativen zunehmend durch morallogische Alternativlosigkeit ersetzt wird, verliert die Demokratie ihre wichtigste Stärke: die Fähigkeit zur rationalen Selbstkritik. Auch Wolfgang Streecks Analysen verdeutlichen, dass Regierungen im Spannungsverhältnis zwischen Bürgerinteressen und Marktfordernissen die Märkte bevorzugen – eine institutionelle, interessengeleitete Entscheidung, die keiner psychologischen Zusatzerklärung bedarf, um verständlich zu sein.

II. Der militärisch-finanzielle Komplex: Die Ökonomie der reellen Überdehnung

Die politische Krise ist eng verwoben mit dem ökonomischen Strukturwandel der letzten Jahrzehnte. Die Finanzialisierung der Wirtschaft, die Konzentration von Vermögen und die Verschiebung von der industriellen Wertschöpfung hin zu spekulativen Märkten haben die Machtverhältnisse fundamental verändert.
Der US-Ökonom Michael Hudson zeigt auf, wie die globale Vormachtstellung der Vereinigten Staaten über Jahrzehnte durch die Sonderrolle des Dollars und die Dominanz des US-Finanzsektors abgesichert wurde. Diese Architektur erlaubte es, hohe Handels- und Rüstungsdefizite auf den Rest der Welt abzuwälzen. Der britische Geograf David Harvey ergänzt diesen Befund um das Konzept der "Akkumulation durch Enteignung": Unter neoliberalem Vorzeichen wurden öffentliche Güter privatisiert und Vermögen systematisch nach oben umverteilt, was den Sozialstaat nachhaltig schwächte.

Diese finanzielle Dominanz verdeckt jedoch eine materiell-industrielle Verwundbarkeit. Während der Westen Dienstleistungs- und Finanzsektoren perfektionierte, lagerte er wesentliche Teile der industriellen Basis, der Rohstoffförderung und der physischen Lieferketten aus. In einer Ära wiederkehrender geopolitischer Machtprojektionen erweist sich diese Deindustrialisierung als gravierende Achillesferse.

Militärische Macht erfordert reale Produktionskapazitäten. Die dauerhafte Ausweitung von Rüstungsausgaben erzeugt nicht nur immense Opportunitätskosten – da diese Mittel für Infrastruktur, Bildung und Sozialstaat fehlen –, sondern stößt auch an die physischen Grenzen einer geschrumpften Industriebasis. Wo der wirtschaftliche Ausgleich misslingt, führt äußere Aufrüstung zur inneren Substanzerosion. Ein Leviathan, der seine militärische Stärke nicht aus eigener produktiver Kraft speisen kann, sondern auf finanzielle Kunstgriffe und internationale Verschuldung angewiesen ist, lebt über seine Verhältnisse – und gefährdet langfristig die Stabilität, die er zu sichern vorgibt.

III. Die Illusion der Hegemonie: Geopolitische Überdehnung und die Grenzen selektiver Moral

Diese inneren Spannungen spiegeln sich in einer zunehmend isolierten Außenpolitik wider. Der Politikwissenschaftler John Mearsheimer kritisiert seit Langem die Doktrin der "liberalen Hegemonie". Der Versuch, die Welt nach westlichen Vorstellungen umzugestalten – sei es durch Bündnisausweitungen oder militärische Interventionen –, hat aus realistischer Perspektive Gegenreaktionen anderer Großmächte provoziert und die internationale Ordnung instabiler gemacht. Der französische Historiker Emmanuel Todd interpretiert die geopolitische Überdehnung des Westens ebenfalls als Symptom einer tieferen gesellschaftlichen und moralischen Erschöpfung.

Wie Noam Chomsky regelmäßig aufzeigt, untergräbt die selektive Anwendung des Völkerrechts – die Einforderung von Normen gegenüber Gegnern bei gleichzeitiger Nachsicht gegenüber eigenen Verbündeten – das Fundament der "regelbasierten Ordnung". Diese Doppelmoral ist zunächst und vor allem instrumentell: Sie dient der Absicherung konkreter Bündnis- und Rohstoffinteressen, die in Abschnitt II beschrieben wurden, und bedarf dafür keiner psychologischen Erklärung.

Wo diese Doppelmoral jedoch nicht bloß praktiziert, sondern glaubhaft als "Verteidigung westlicher Werte" empfunden werden soll, tritt ein zweiter, begleitender Mechanismus hinzu: Carl Gustav Jung beschrieb den Schatten als jenen verdrängten Teil der Persönlichkeit, der nach außen projiziert und dort als bedrohlicher Fremder bekämpft wird. Als individualpsychologisches Konzept lässt sich der Begriff nicht unmittelbar auf Staaten übertragen – wohl aber auf die Rhetorik, mit der Interessenpolitik moralisch eingekleidet wird. Die Erzählung vom "Schurkenstaat" oder vom "Kampf für die Demokratie" macht handfeste geopolitische Interessen für die eigene Bevölkerung erst erzählbar und erträglich. Die Projektion erklärt also nicht das Interesse selbst, sondern die Form, in der es sich legitimiert und dadurch schwerer korrigierbar wird.

Hinzu kommt eine doppelte Krise der diplomatischen Glaubwürdigkeit. Dieser Vertrauensverlust trifft heute auf ein verändertes globales Umfeld. Wie der indische Historiker Vijay Prashad darlegt, verweigert sich der Globale Süden zunehmend der Unterordnung unter transatlantische Interessen. Mehr noch: Mit Zusammenschlüssen wie den BRICS+ oder der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) entsteht eine institutionelle Gegenwelt, die alternative Finanzarchitekturen, Handelsrouten und diplomatische Foren bereitstellt. Die Welt wird nicht zwangsläufig geschlossen antiwestlich, aber sie wird multipolarer – und der Einfluss des Westens verliert seine Selbstverständlichkeit.

IV. Die Gegenhypothese: Krise oder Anpassungsfähigkeit?

Eine ernsthafte Analyse darf die existierenden Stärken des transatlantischen Bündnisses jedoch nicht ausblenden. Die Staaten der westlichen Allianz verfügen weiterhin über gewaltige wissenschaftliche, technologische, wirtschaftliche und militärische Ressourcen. Anders als autokratische Systeme besitzen Demokratien theoretisch die institutionellen Voraussetzungen zur Selbsterneuerung: Transparenz, Machtwechsel durch Wahlen und die Einbindung zivilgesellschaftlicher Kräfte.

Geschichte verläuft selten geradlinig, und der Schluss auf einen zwangsläufigen Niedergang wäre verfrüht. Anpassungsprozesse – etwa durch die Re-Industrialisierung strategischer Sektoren, die Wiederaufnahme diplomatischer Dialoge oder eine Erneuerung sozialer Schutzversprechen – sind historisch keineswegs ausgeschlossen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob der Westen unaufhaltsam zerfällt, sondern ob seine Eliten und Institutionen den Willen und die Flexibilität aufbringen, bestehende Fehlentwicklungen rechtzeitig zu korrigieren.

Diese Korrektur ist zuerst eine Frage politischer Ökonomie: der Eindämmung konzentrierter Kapitalmacht, der Re-Industrialisierung, der Anpassung geopolitischer Ansprüche an eine multipolare Welt. Doch selbst dort, wo diese Diagnose längst vorliegt und die notwendigen Schritte bekannt sind, bleibt eine zweite Frage offen: warum Eliten und Bevölkerungen bekannte, an sich mögliche Korrekturen dennoch verzögern oder blockieren. Hier – nicht als Ursache, sondern als Erklärung des Ausbleibens der Korrektur – wird die psychologische Ebene wieder relevant: die Angst vor Kontrollverlust, die Sehnsucht nach eindeutigen Feindbildern, die Schwierigkeit, liebgewonnene Selbstbilder infrage zu stellen. Diese Disposition ersetzt keine wirtschafts- und sicherheitspolitische Reform. Aber sie kann eine an sich mögliche Reform sabotieren, verwässern oder im entscheidenden Moment wieder rückgängig machen.

Fazit: Das Dilemma des erschöpften Leviathan und die Frage nach der inneren Erneuerung

Die Krise der transatlantischen Allianz ist kein oberflächliches Phänomen, das sich durch Regierungswechsel oder die Erhöhung von Militärbudgets lösen ließe. Sie wurzelt in der Gleichzeitigkeit von politischer Entfremdung, wirtschaftlicher Machtkonzentration, physischer Deindustrialisierung und außenpolitischer Überdehnung.

Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig. Ein Leviathan, der im Inneren soziale Sicherheit und Diskursfreiheit einbüßt und nach außen hin auf militärische Abschreckung setzt, ohne über die nötige materielle und diplomatische Basis zu verfügen, verbraucht seine eigenen Reserven. Diese Erschöpfung ist zunächst eine strukturelle – eine Frage von Kapitalflüssen, Industriebasis und geopolitischer Statik, wie die Abschnitte II und III gezeigt haben.

Doch selbst eine zutreffende strukturelle Diagnose führt nicht von selbst zu ihrer Korrektur. Genau hier setzt die psychologische Beobachtung an, als nachgeordnete, aber nicht unwichtige Ergänzung: Eine Politik, die ihre eigenen Interessen und Fehlentwicklungen zwar erkennt, aber aus Angst vor Kontrollverlust oder aus der Sehnsucht nach eindeutigen Feindbildern an alten Mustern festhält, wird die an sich mögliche Korrektur immer wieder verraten. Das ist kein Ersatz für politische Ökonomie – es ist die Erklärung dafür, warum eine bekannte, machbare Korrektur ausbleiben kann.

Der Westen steht vor einer Richtungsentscheidung. Gelingt es den Demokratien nicht, die Macht wirtschaftlicher Eliten einzudämmen, den öffentlichen Debattenraum zu öffnen, soziale Stabilität wiederherzustellen und die eigenen geopolitischen Ansprüche an die Realitäten einer multipolaren Welt anzupassen, wird die Erosion seiner Position fortschreiten.

Diese äußeren Reformen bleiben der primäre Hebel. Doch sie halten sich selbst nur, wenn sie nicht durch Angst, Feindbild-Sehnsucht und die Unfähigkeit zur Selbstkritik immer wieder unterlaufen werden. Die großen Weisheitstraditionen aller Kulturen beschreiben einen Zustand, den sie "Unmittelbarkeit" nennen – eine Wahrnehmung, die nicht spaltet, nicht bewertet, nicht projiziert. Das ist keine esoterische Flucht aus der Politik, sondern deren stille Voraussetzung: Es ist leichter, eine richtige Reform zu beschließen als sie durchzuhalten, wenn die erste Krise das alte Verlangen nach einfachen Feinden und schneller Sicherheit wieder weckt.

Die Philosophie des Taoismus nennt dies Wu Wei – das Handeln ohne den kontrollierenden Eingriff des urteilsgewöhnten Egos. Es ist kein Rückzug aus der Politik, sondern eine praktische Fähigkeit: die Fähigkeit, in einer komplexen, unübersichtlichen Welt nicht reflexhaft nach einfachen Feindbildern zu greifen, sondern angemessen und flexibel zu handeln – auch wenn das bedeutet, liebgewonnene Selbstbilder und Sicherheiten infrage zu stellen.

Der erschöpfte Leviathan ist noch nicht gescheitert. Seine Zukunft entscheidet sich an ökonomischen Kennziffern, militärischen Potenzialen und institutionellen Reformen – primär dort. Aber ob diese Reformen tatsächlich durchgehalten werden, entscheidet sich auch an der Fähigkeit seiner Bürger und Eliten, die eigene Angst und die eigene Projektion zu durchschauen, statt ihnen erneut zu erliegen.

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Bildquelle: Shutterstock AI


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