Artikel

Das Ende als Bedingung | Von Dirk Ellerbrock

Das Ende als Bedingung | Von Dirk Ellerbrock

Eine Rezension von Dirk Ellerbrock zu Ralf Wipper: "Zeit ohne Ausgang. Warum nichts mehr zu Ende geht"

Wippers zentrale Beobachtung ist, dass unsere Gegenwart zunehmend die Fähigkeit verliert, Dinge abzuschließen. Digitale Speicherung, permanente Verfügbarkeit und die endlose Wiederkehr vergangener Inhalte bringen eine Zeit hervor, die nicht mehr in Richtung Zukunft weist. Was vergangen war, kann jederzeit wieder auftauchen. Abschlüsse werden widerrufbar, und das Neue droht zur Variation des Bekannten zu werden. Der Autor, Jahrgang 1980, hat fast zwanzig Jahre an digitalen Plattformen mitgebaut, an Systemen, die Menschen zum Wiederkommen bringen sollten. Er schreibt also nicht von außen.

Sein Leitbegriff ist der Loop. Er stammt aus dem Spieldesign, der einzigen Branche, die ihn offen ausspricht, samt dem erklärten Ziel: Bindung, Wiederkehr, Verweildauer. Wipper macht daraus eine Denkfigur, die technische und gesellschaftliche Entwicklungen mit individuellen Erfahrungen verbindet. Er zeigt, weshalb permanente Verfügbarkeit nicht automatisch mehr Freiheit bedeutet, sondern Bindungen verstärkt. Wer auf alles zurückgreifen kann, verliert leicht die Fähigkeit, etwas hinter sich zu lassen.

Damit gewinnt das Vergessen eine neue Bedeutung. Es erscheint nicht mehr als Mangel, sondern als Bedingung dafür, dass Vergangenheit vergänglich werden und Gegenwart sich öffnen kann. Von Paul Ricœur stammt die Unterscheidung zweier Arten des Vergessens: die Tilgung der Spuren und das Vergessen als Reserve. Wipper führt sie weiter. Erinnern ist für ihn eine Bergung, kein Abruf, ein Akt, der ein „Woraus“ braucht, und dieses Woraus ist die Reserve. Seine Pointe: Was nie zurücktritt, kann nicht heraufgeholt werden. Was permanent gegenwärtig ist, wird nicht erinnert, sondern nur ertragen.

Ebenso wichtig ist sein Verständnis von Freiheit als Fähigkeit zum Ausstieg. Im Mittelkapitel „Das Spiel“ unterscheidet er mit Huizinga den Falschspieler vom Spielverderber. Der eine bricht die Regeln, der andere steht auf und geht. Daraus folgt Wippers Satz: „Ein Spiel ist nur deshalb ein Spiel, weil man aufhören kann.“ In Anknüpfung an Albert Hirschmans Unterscheidung von Widerspruch und Abwanderung, aber über ihn hinaus, formuliert er ein Kriterium: Ein System ist nicht dadurch legitim, dass es gut ist, sondern dass man es verlassen kann. Ohne Ausgang ist auch das beste illegitim. Ergänzt wird es durch die Einspruchsfähigkeit: Jedes System schließt aus, aber der Betroffene muss es erfahren und widersprechen können. Das ist der Gegenpol zum unmitgeteilten Ausschluss, dem Schattenbann.

Das Kriterium ist ausdrücklich keine Heilslehre. Im Epilog nennt Wipper es „notwendig und nicht hinreichend“. Es rettet niemanden, es ist „kein Versprechen an den Einzelnen“, sondern „eine Forderung an den, der baut“. Wer die Tür offen lässt, hat seinen Teil getan. Ob ich hindurchgehe, ist meine Sache. Damit verlagert sich die Frage von der inneren Verfassung auf die Verantwortung derer, die solche Systeme bauen.

Mit dem Körper gewinnt Wipper schließlich einen Gegenpol zur digitalen Entgrenzung. Der Körper führt die Zeit nicht als abrufbares Archiv, sondern als gelebte Dauer: durch Müdigkeit, Schmerz, Heilung und Alterung. Seine Signale sind kein unfehlbarer Wahrheitsbeweis, Wipper nennt ihn ausdrücklich bestechlich und träge. Aber er führt weiter Buch, während wir ihn belügen. Die Pointe ist die Unlesbarkeit dieses Kontobuchs: Der Körper hat die Sequenz, die wir verlieren, und gibt sie nicht heraus.

Hier liegt die Stärke des Buches: Es führt diese Beobachtungen in einem gemeinsamen Denkbild zusammen und gibt einer diffusen Erfahrung der Gegenwart eine prägnante Sprache. Zugleich unterscheidet es sich auf interessante Weise von den naheliegenden Bezugsgrößen. Byung-Chul Han hat die Zeitkrise als Dyschronie beschrieben, als richtungsloses Schwirren, und damit selbst schon als Krise der Zeitrichtung. Hartmut Rosa fasst sie als Beschleunigung mit ihrer Kehrseite, dem rasenden Stillstand. Der Gegensatz zum Tempo betrifft deshalb vor allem Rosa. Wipper steht Han näher, setzt die Ursache aber anders: nicht das Tempo, sondern der Wegfall des Vergessens.

Im achten Kapitel fragt Wipper, was der Zeitpfeil eigentlich ist, jene Richtung, in der eine Tasse zerbricht und sich nie wieder zusammensetzt. Die Grundgleichungen der Physik kennen keine solche Richtung, sie gelten vorwärts wie rückwärts. Die Richtung entsteht erst im Großen, aus der Statistik: Es gibt unvergleichlich mehr Wege, unordentlich zu sein, als ordentlich, und ein System wandert deshalb fast zwangsläufig von der Ordnung zur Unordnung. Das Maß dafür heißt Entropie. Der Zeitpfeil ist also kein Bauteil der Welt, sondern ein „emergentes“ Phänomen. Er tritt erst auf, wenn genug Teile zusammenkommen, so wie die Welle, die es im einzelnen Wassermolekül nicht gibt.

Daraus zieht Wipper seine wichtigste Folgerung. Der Pfeil, dessen Verlust das Buch beklagt, war nie ein Besitz, sondern immer schon eine Leistung. Körper stellen ihn unter Energieaufwand her, indem sie gegen das Gefälle Ordnung bauen: eine Erinnerung, eine Erzählung, ein Versprechen, ein Leben. Und was hergestellt wird, kann wieder hergestellt werden. Bis hierher, sagt Wipper, würde ihm die Physik nicht widersprechen. Er nennt es den „Fels“.

Dann verlässt er diesen Boden, und er sagt es ausdrücklich. Er greift eine Denklinie der theoretischen Physik auf, in der bei dem Versuch, Quantentheorie und Schwerkraft zu vereinen, die Zeit aus der Grundgleichung des Universums verschwindet. Am radikalsten hat das Julian Barbour in „The End of Time“ ausgearbeitet. Wäre das richtig, wäre die Wirklichkeit im Grunde gleichzeitig, und das Nacheinander wäre nur die Art, wie ein endliches Wesen sich hindurchbewegt. Sein Leitbild dafür ist die Taschenlampe: Ihr Lichtkegel zeigt nicht alles, sondern eines, und dieses Eine wird dadurch wirklich. Das Dunkel ringsum ist keine Störung, sondern Bedingung. Der Feed gleicht dem Deckenlicht, das alles zugleich zeigt und doch lenkt, wohin man sieht.

Daraus entsteht die Unterscheidung zweier Gleichzeitigkeiten. Die „mahlende“ ist die des Feeds, in der alles verfügbar und nichts anwesend ist. Die „tragende“ ist still. Beide fühlen sich zunächst gleich an, die Zeit setzt aus. Das ist gefährlich, denn der Loop wirbt mit dem Vokabular der zweiten („zeitlos, immersiv, im Moment, im Flow“) und liefert die erste.

Diese Lesart halte ich für angreifbar. Sie ist Spekulation auf einem Feld, auf dem die Physiker selbst streiten, und Wipper räumt das ein: Wer nur dem Fels traut, kann an der markierten Stelle aussteigen und verliert nichts vom Rest. Wichtiger ist, dass seine Unterscheidung auch ohne die Physik trägt. Er schlägt drei Proben vor. Die erste fragt, was bleibt, wenn es endet: Die tragende Gleichzeitigkeit entlässt ruhiger und gesammelter, die mahlende leerer und mit dem Impuls, sofort zurückzukehren. Die zweite fragt, wer den Kegel hält: In der Stille richtet niemand den Blick, im Feed ist jede Sekunde vorsortiert, nach einem Kriterium, das nicht das eigene ist. Die dritte, körperliche Probe stammt von Antje Freysoldt, mit der das Buch im abschließenden „Gespräch“ ins Zwiegespräch tritt. Sie fragt, woran ein Körper spürt, in welchem der beiden Zustände er ist. Die Lesart gibt der tragenden Gleichzeitigkeit eine metaphysische Würde. Die Proben brauchen sie nicht.

Schwerer wiegt meine Anfrage an die Fallstudie des zweiten Teils. Wipper nennt sie „der Beleg oder das Ende dieses Buches“: Wenn die Theorie an einem einzelnen Menschen nicht aufgehe, gehe sie nirgends auf. Die autobiografischen Szenen sind eindrücklich und methodisch reflektiert, Szene und spätere Deutung werden sorgfältig getrennt. Doch ein Einzelfall ohne Vergleichsfall kann die Theorie nicht prüfen, nur veranschaulichen. Wipper lässt selbst offen, ob solche Erinnerungsräume typisch sind, und in Kapitel 7 hat er eine Szene gestrichen, weil sie einen Rückschaufehler enthielt. Diese Gefahr bleibt hier bestehen.

Meine wichtigere Frage betrifft die Grenze des Ausstiegsgedankens. Eine Schleife lässt sich verlassen, während die Identifikation fortbesteht, aus der sie entstanden ist, und andernorts eine neue hervorbringt. Diesen Einwand hat Wipper nicht übersehen, er hat ihn in sein Buch geholt. Im „Gespräch“ widerspricht ihm Antje Freysoldt ausdrücklich („Hier folge ich dir nicht“): Ein Kreis halte, weil etwas in einem ihm antworte, und Widerstand brauche dieselbe Verbindung wie Zustimmung. Wipper räumt ein, dieser Satz stehe in keinem seiner Kapitel: „Wer den ganzen Tag gegen den Feed kämpft, ist ihm exakt so fest verbunden wie der, der ihn liebt.“ Er zieht die Grenze selbst. Freysoldt beschreibe, wie ein Mensch innerlich aufhört, gebunden zu sein. Ihn beschäftige dagegen, was äußerlich gebaut sein muss, damit Aufhören überhaupt möglich ist. Ihre Antwort greife bei allem, was über Bindung läuft, etwa bei Streit und Kränkung, aber nicht bei dem, was über Zugang läuft: bei einem Nutzerkonto, das sich nicht dadurch verlassen lässt, dass man ihm nicht mehr antwortet. Der Unterschied sei „keiner der Tiefe, sondern der Zuständigkeit“. Dass er diesen Einwand Freysoldt nie vorgelegt hat, sondern erst Wochen später beim Schreiben formulierte und deshalb ausdrücklich unbeantwortet lässt, gehört zur Redlichkeit des Buches. Meine Frage richtet sich daher nicht gegen eine Lücke, sondern gegen eine bewusste Grenzziehung. Sie lautet: Was geschieht, wenn sich nicht nur die äußeren Bedingungen einer Bindung ändern, sondern auch die Bewusstheit, aus der wir uns selbst und die Wirklichkeit erfahren?

Hier setzt meine eigene Perspektive an. In meiner Auseinandersetzung mit Meditation war der Körper nicht nur der Ort, an dem sich Veränderungen nachträglich ablesen ließen. Er wurde zum Erfahrungsraum, in dem sich eine neue Orientierung erst erschloss. Meditation verstehe ich nicht als Technik zur Erzeugung besonderer Zustände, sondern als Praxis, in der automatische Reaktionen wahrnehmbar werden und ihre selbstverständliche Macht verlieren können. Freysoldts Probe liegt nahe daran: ob jemand einen provozieren kann, ohne dass es funktioniert. Auch intensive spirituelle Erfahrung kann aber zur neuen Bindung werden, sobald das Ich sie festhalten oder als Beweis einer erreichten Stufe besitzen will. Wipper warnt selbst davor: Der Loop werbe mit dem Vokabular der Stille („zeitlos, immersiv, im Moment, im Flow“) und liefere das Gegenteil. Und aus dem Gespräch nimmt er einen dritten Zustand mit, den Rückzug, der von außen wie Ruhe aussieht.

Freiheit wäre dann nicht allein die Fähigkeit, eine Schleife zu verlassen. Sie könnte ebenso darin bestehen, jene Identifikation zu durchschauen, durch die wir uns in ihr gefangen erleben, und dadurch einen anderen Umgang mit Wiederholung, Körperlichkeit und Zeit zu gewinnen. Wippers Analyse der Bedingungen, unter denen ein Ausstieg möglich wird, bleibt davon unberührt und notwendig. Beides ergänzt sich.

Mein Urteil: ein nachdenkliches, formal sorgfältiges Buch. Es trennt in einem Apparat nach jedem Kapitel, was geborgt und was eigen ist, und es benennt seine Schwächen selbst. Es richtet sich an Leser, die verstehen wollen, was digitale Systeme mit der Zeit anrichten, und die bereit sind, einem Autor zu folgen, der Kulturgeschichte, Physik und Selbsterforschung in einem Bild verbindet. Die Grenzen liegen im Einzelfallbeleg und in der Physik-Lesart. Gerade das Kriterium der Abbruch- und Einspruchsfähigkeit trägt aber über das Buch hinaus.

Hier der Link zum Buch: https://bookshop.org/p/books/zeit-ohne-ausgang-warum-nichts-mehr-zu-ende-geht/9988f74a68cb4ebe

+++

Bildquelle: Ralf Wipper


+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:

Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark

oder mit

Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin

Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/

+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.

+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/

+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut

Dirk Ellerbrock Ralf Wipper Digitalisierung Soziale Medien Hartmut Rosa Paul Ricœur


Artikel vorlesen MP3 Download
0:00
0:00