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Ceuta: Die Sprache der Festung und der Preis der Erpressung | Von Dirk Ellerbrock

Ceuta: Die Sprache der Festung und der Preis der Erpressung | Von Dirk Ellerbrock

Wenn ein Regierungschef das Sterben von Menschen als "Angriff auf die territoriale Integrität" bezeichnet, hat er nicht nur ein Wort gewählt. Er hat eine Weltordnung verteidigt.

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Was geschah

Seit Donnerstag versuchten nach spanischen Angaben rund 50.000 bis 60.000 Menschen, von Marokko aus die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta zu erreichen – viele schwimmend, an den Absperrungen im Meer vorbei. Innerhalb von 24 Stunden zog die Guardia Civil mindestens 38 Leichen aus dem Wasser, womit die Zahl der seit Jahresbeginn vor Ceuta Ertrunkenen auf über 40 stieg – so viele wie seit der Tragödie von Tarajal 2014 nicht mehr. Unter den Fliehenden waren überwiegend junge Erwachsene, aber auch Familien mit Babys, alte Menschen und Personen mit eingeschränkter Mobilität, die sich zuvor Schwimmreifen kauften, bevor sie ins Wasser gingen.

Ministerpräsident Pedro Sánchez reiste nach Ceuta und sprach von einem "Angriff auf die territoriale Integrität" Spaniens. Er erklärte, eine bestimmte Auslegung eines Gerichtsurteils habe sich "wie ein Lauffeuer über die Netzwerke von Menschenhändlerorganisationen verbreitet" und den Ansturm ausgelöst.

Hintergrund ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs von Anfang Juli, wonach über das Meer eintreffende Migranten nicht mehr ohne ordnungsgemäßes Verfahren sofort zurückgeschickt werden dürfen.

Die Täter-Opfer-Umkehr als Regierungssprache

Bemerkenswert ist nicht das Urteil, sondern die Reaktion darauf. Ein Gericht stellt fest, dass Ertrinkende ein Recht auf ein Verfahren haben, bevor man sie zurückschickt – ein minimaler rechtsstaatlicher Standard. Die politische Antwort darauf ist, dieses Recht als Sicherheitsrisiko zu behandeln. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte postwendend, Spanien müsse "die Situation in Ceuta schnellstmöglich wieder in den Griff bekommen", während EVP-Fraktionschef Manfred Weber dem Urteil unterstellte, es habe einen "Pull-Faktor" geschaffen, und von einer "Zulassung von Illegalen" sprach, die "Summen von 1,5 bis 2 Millionen Menschen" beträfe.

Das ist das moralische Betriebssystem der europäischen Migrationspolitik in Reinform: Spaltung (Rechtssicherheit für Ertrinkende gegen "Sicherheit" des Staates), Bewertung ("Illegale", "Ansturm", "Angriff"), Legitimation (die Schleusermafia als Sündenbock, nicht die tödliche Grenze selbst) und Sanktionierung (beschleunigte Rückführungen). Selbst die Gewerkschaft der Guardia Civil bediente sich martialischer Rhetorik und warf Marokko "hybride Kriegsführung" vor – als handle es sich um einen militärischen Akt und nicht um Menschen auf der Flucht.

Migration als geopolitischer Hebel

Hier beginnt der eigentlich interessante Teil, den die Empörungsrhetorik verdeckt: Marokko hat Migration in der Vergangenheit wiederholt als Druckmittel eingesetzt – und tut es womöglich wieder. Nach den Massenanstürmen auf Ceuta und Melilla 2005 setzte sich Spanien innerhalb der EU für Programme ein, die Marokkos Interessen stärker berücksichtigten. Der Mechanismus wiederholte sich 2017, als ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs die Anwendung von EU-Handelsvorteilen auf die besetzte Westsahara infrage stellte: Der damalige marokkanische Landwirtschaftsminister und heutige Regierungschef Aziz Akhannouch warnte offen, Behinderungen des Abkommens könnten zur "Wiederaufnahme der Migrationsströme" führen.

Die Drohung ist also kein Geheimnis, sondern etablierte Praxis: Wer Marokkos Interessen an der Westsahara – Phosphat, Fischereirechte, Agrarexporte – infrage stellt, riskiert offene Grenzen. Bezeichnend ist auch der Zeitpunkt: Der Ansturm fiel mit einem Besuch des spanischen Regierungschefs in Algerien zusammen – jenem Land, mit dem Marokko 2021 wegen der Westsahara-Frage die diplomatischen Beziehungen abbrach. Wer sich an das Jahr 2021 erinnert, kennt das Muster: Damals öffnete Marokko nach der Aufnahme eines Polisario-Führers in einem spanischen Krankenhaus für Tage die Grenze bei Ceuta – Zehntausende kamen, bis Madrid einlenkte.

Wer zahlt den Preis

Das Perfide an diesem System ist seine Arbeitsteilung. Marokko instrumentalisiert Menschen als Verhandlungsmasse. Die EU beantwortet das nicht mit einer Neubewertung ihrer postkolonialen Rohstoff- und Handelsabhängigkeiten, sondern mit noch mehr Grenzschutz, noch schnelleren Abschiebungen, noch härterer Sprache. Beide Seiten einigen sich stillschweigend darauf, dass die Fliehenden selbst nicht die Partei sind, deren Interessen zählen – sie sind das Material, an dem zwei Staaten ihre jeweiligen Interessenkonflikte austragen.

Sánchez' Satz von der "territorialen Integrität" markiert also keinen Ausnahmezustand, sondern den Normalzustand eines Systems, das Grenzsicherung über Menschenleben stellt und das genau dann am lautesten von "Angriffen" spricht, wenn die eigene Verwundbarkeit – wirtschaftlich, diplomatisch, migrationspolitisch – gegenüber einem strategisch überlegenen Nachbarn sichtbar wird. Die Toten von Ceuta sind kein Kollateralschaden dieses Spiels. Sie sind sein vorhersehbares, wiederkehrendes Ergebnis.

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Bildquelle: AustralianCamera / shutterstock

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Quellen:

ZDFheute, Liveblog "Migranten in Ceuta: 25.000 wieder in Marokko", 31.07.2026 – https://www.zdfheute.de/politik/spanien-ceuta-migranten-100.html

ZDFheute, "Migrantenandrang in Ceuta: Was sind mögliche Gründe?", 31.07.2026 – https://www.zdfheute.de/politik/ausland/ceuta-migranten-faq-100.html

ORF, "Zehntausende Migranten in Ceuta: Mehrere Auslöser für Ansturm", 31.07.2026 – https://orf.at/stories/3437816/

Euronews (deutsch), "Etwa 60.000 Migranten stürmen Spaniens Exklave Ceuta: Mindestens 38 Tote", 31.07.2026 – https://de.euronews.com/my-europe/2026/07/31/migration-ceuta-tote-marroko-flucht

Nau.ch, "Deshalb kommt es jetzt zum Ansturm auf Ceuta" – https://www.nau.ch/news/europa/deshalb-kommt-es-jetzt-zum-ansturm-auf-ceuta-67153616

Tichys Einblick, "Marokkos Machtdemonstration: Die Hand an der Invasionsschleuse", 31.07.2026 – https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/aus-aller-welt/ceuta-marokko-schleuse-europa/


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