Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
Man stelle sich einen Mann vor, der an der Bahre seines Geschäftspartners steht, dem Toten Mullbinden um den Kopf wickelt und dabei zuversichtlich verkündet, die Genesung mache Fortschritte. Wir würden ihn für verwirrt halten und jemanden rufen. In Brüssel, Berlin und Paris nennen wir das Staatskunst.
Das Bild stammt von Yanis Varoufakis, dem griechischen Wirtschaftsprofessor, der 2015 ein paar Monate lang Finanzminister seines Landes war und die Korridore der europäischen Macht von innen gesehen hat. Im Gespräch mit Glenn Diesen sagt er, die atlantische Ordnung sei tot, ihre Leiche liege da und verwese, und die Europäer weigerten sich, sie zu begraben. Er hat recht. Aber das eigentlich Verstörende ist nicht der Tod. Es sind die Pfleger.
Es gab nie eine Wertegemeinschaft
Zuerst muss das Märchen weg. Wir sollen glauben, nach 1945 hätten gebrannte Kinder zueinandergefunden, hier die Demokratie Amerikas, dort das geläuterte Europa, verbunden durch gemeinsame Werte. Varoufakis sagt es trocken: Was die atlantische Welt zusammenhielt, war nie eine gemeinsame Zivilisation, es war ein Tauschgeschäft. Die herrschenden Klassen Europas bekamen amerikanischen Schutz. Dafür ordneten sie sich unter und lieferten ihre Überschüsse ab.
Wer das für überzogen hält, möge sich den Namen ansehen, unter dem die Europäische Union zur Welt kam: Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Kein Friedensprojekt der Völker, sondern ein Zusammenschluss der Schwerindustrie, der Kern eines Kartells der Großkonzerne mit einer Bürokratie obendrauf. Dieses Kartell, sagt Varoufakis, haben nicht wir erfunden, die Amerikaner haben es geschaffen, in denselben Jahren, in denen sie Bretton Woods bauten, also die Währungsordnung mit dem Dollar als Mittelpunkt, und den Marshallplan auflegten, das Aufbauprogramm, das den Europäern Dollar in die Hand gab. Nicht aus Menschenfreundlichkeit, wie er betont, sondern damit sie amerikanische Flugzeuge, Cadillacs und Waschmaschinen kaufen konnten.
Wir wurden also nicht gegründet, wir wurden bestellt. Als Absatzmarkt und, wie sich zeigen sollte, als Kreditgeber.
Der Staubsauger
Das Herzstück des Geschäfts war ein Kreislauf, und er war so schlicht wie genial. Amerika kaufte mehr, als es verkaufte. Das Handelsdefizit wirkte laut Varoufakis wie ein Staubsauger, der die Güter Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Japans und später Chinas einsaugte. Bezahlt wurde mit Dollar, und die Dollar der deutschen Exportkonzerne landeten, wo sie landen sollten: an der Wall Street, unter anderem in amerikanischen Staatsanleihen.
Man muss sich den Satz auf der Zunge zergehen lassen. Mercedes, BASF und Siemens finanzierten mit ihren Exporterlösen die Schulden des amerikanischen Staates, und damit dessen Militär, das uns beschützte. Wir lieferten die Ware, bezahlten mit unserem Geld die Rechnung des Käufers und bedankten uns für den Schutz. „Recycling der Überschüsse“ heißt das im Fachjargon: Der Gewinn des Lieferanten wird als Kredit an den Kunden zurückgeleitet. Ein Lieferant, der seinem Kunden die eigene Ware finanziert, gilt in jedem Handelsregister als Dummkopf. In der Weltpolitik nennt man ihn Bündnispartner.
Damit der Kreislauf lief, mussten die Banken von ihren Fesseln befreit werden. So erklärt Varoufakis den Siegeszug der Deregulierung. Der Neoliberalismus war demnach keine Idee, die sich durchsetzte, sondern eine Betriebsvoraussetzung. Man verkaufte uns einen stabilen Kapitalismus. Er stand auf einem wachsenden Ungleichgewicht, auf Defiziten, die immer weiter stiegen, und auf einer Angst vor der Sowjetunion, die den Rest der Arbeit leistete. Die Nato, erinnert er an den Spruch ihres ersten Generalsekretärs, war dazu da, die Amerikaner drinnen, die Russen draußen und die Deutschen unten zu halten. Das war nie Geheimwissen, es wurde offen gesagt. Wir haben nur nicht zugehört.
Die Kündigung
Und nun kommt der Punkt, den die Trump-Hysteriker nicht begreifen wollen: Das Geschäft ist gekündigt, und zwar von der anderen Seite.
Amerika braucht die europäischen Überschüsse nicht mehr. Varoufakis führt es auf das zurück, was er „Cloud-Kapital“ nennt, die Macht der Plattformkonzerne, die inzwischen von Künstlicher Intelligenz beflügelt wird. Sein Beispiel: Der Onlinehändler Amazon setze in Europa Milliarden um, zahle fast keine Steuern, und die Gewinne rauschten über die Kaimaninseln in die Taschen seines Gründers. Amerika muss Europas Geld nicht mehr umständlich über Anleihen und Bündnisse einsammeln. Es greift direkt zu. Die Renten Europas, die Einkünfte aus Besitz und Monopol, fließen ab, ohne dass dafür noch EU oder Nato nötig wären.
Trump ist darum kein Betriebsunfall, sondern die Kündigungsfrist in Menschengestalt. Er sagt laut, was Biden mit Subventionen, nämlich mit Steuergeld, schon vorgemacht hatte: Wer Amerikas Markt will, soll in Amerika produzieren. Der Unterschied ist die Methode. Wie bereitwillig der Tribut gezahlt wird, zeigt Varoufakis am Beispiel Audi: Der Konzern tritt im amerikanischen Wahlkampf an Trumps Seite auf, kündigt ein Milliardenwerk in den USA an, und zu Hause schließen die Werke. Aus einer Hierarchie, die es immer war, wird Vasallentum ohne Feigenblatt.
Und es ist nicht das erste Mal. 1971, als Nixon den Dollar vom Gold löste, ließ sein Finanzminister die Europäer wissen, der Dollar sei unsere Währung, aber nun euer Problem. 2008 spannte Amerika für die europäischen Banken ein Netz, ließ die Union aber in der Eurokrise fallen. Einmal verlassen ist Pech, zweimal ist Gewohnheit, beim dritten Mal kann man es nur noch Liebe nennen.
Wer verdient am Leichnam?
Warum also die Verbände? Die Standarderklärung ist psychologisch und bequem: Die Führungen seien ratlos, ängstlich, überfordert, Rehe im Scheinwerferlicht. Varoufakis fängt selbst so an und nimmt es sofort zurück. Das sei ein Fehler. Psychologie sei immer nützlich, aber nie nötig. Folgen Sie dem Geld.
Dem Geld folgt man so: Zwischen 2015 und 2022 hat die Europäische Zentralbank nach seiner Rechnung Billionen Euro in Umlauf gebracht, und das Geld ging an die Großkonzerne. Das Vermögen der reichsten Familien Frankreichs habe sich seit Macrons Wahl verdreifacht. Die Beträge sollte man vor dem Zitieren nachschlagen, die Richtung nicht: Das Gelddrucken hat die Besitzenden reicher gemacht, und die Besitzenden haben die Macht. Dieser Stillstand ist kein Versagen, er wirft Rendite ab. Und wer von der Leiche lebt, den stört es nicht, dass sie riecht.
Man sieht es an der Industrie. Volkswagen und Renault haben jahrelang nicht in das Auto der Zukunft investiert und werden von chinesischen und amerikanischen Herstellern überholt. Macht nichts: Man entlässt, stellt die Werke auf Rüstung um, baut Panzer, die nach Varoufakis’ Worten nicht einmal die Ukraine haben will, und Drohnen mit staatlichem Geld. Die Angst vor dem russischen Bären liefert die Begründung, mit der Parlamente Mittel vom Sozialstaat in die Rüstung umlenken, und die Zeitungen und Sender, die diese Angst verbreiten, gehören nicht selten denselben Kreisen. Das ist kein Plan, es ist ein Geschäftsmodell mit Eigendynamik.
Dazu kommt das Heer der Verwalter. Allein aus Griechenland, so Varoufakis, leben mindestens 20.000 Familien direkt von Brüssel. Er nennt die EU ein keynesianisches Beschäftigungsprogramm, also staatlich bezahlte Arbeit für diejenigen, die gut ausgebildet genug sind, es als Karriere zu bezeichnen. Als Professor kennt er das Muster aus der Forschungsförderung: In Brüssel fragt jemand per Rundbrief, wer den Schnabel einer bestimmten Hühnerrasse erforschen wolle, und tausende Forscher entdecken ihr Herz für den Hühnerschnabel. Er nennt es systemische Korruption. Das Ideal sei großartig, Völker, die gemeinsame Probleme gemeinsam lösen, aber was entstehe, sei die Privatisierung öffentlicher Mittel.
Wer von diesem Apparat lebt, schwört auf die Flagge. Er ist kein Zyniker, er ist Beschäftigter. Das macht ihn so zuverlässig.
Das ausgebliebene Ultimatum
Was man hätte tun können, zeigt Varoufakis an Macron, den er schon vor dessen Präsidentschaft kannte. Der Euro, habe Macron ihm gesagt, könne ohne föderales Europa nicht überleben. Man müsse den Deutschen sagen: Wollt ihr die Union behalten, müsst ihr der Föderation zustimmen. Das Entscheidende aber blieb aus. Macron hätte in den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit zu Merkel sagen müssen: Entweder wir einigen uns auf den Weg zu einer Föderation, oder ich führe den Franc wieder ein. Er hat es nie getan. Stattdessen hielt er, so Varoufakis, schwammige Reden über Europa.
Dabei gibt es nach Varoufakis nur zwei Wege: zurück zur nationalen Währung oder vorwärts in die Föderation, also in einen gemeinsamen Bundesstaat mit gemeinsamem Finanzministerium und echtem Parlament. Es gibt keinen dritten. Außer dem, den man gerade geht: stetiger Niedergang, ein Jahrhundert der Demütigung. Der bequemste von allen Wegen, denn man muss nichts entscheiden, nur verwalten.
Zur Wahrheit gehört, dass Berlin das Spiel erschwerte. Die deutsche Führung misstraute der französischen, die den Euro als die Deutsche Mark in anderem Gewand nutzen wollte, Frankreich seinerseits der deutschen Strenge. Es war, so Macron zu Varoufakis, ein Gleichgewicht der gegenseitigen Unzufriedenheit. Und ein Gleichgewicht der Unzufriedenheit ist für Funktionäre ein Segen: Es zwingt zu nichts.
Die Völker als Beute
Wohin das führt, sagt Varoufakis ohne Umschweife. Die Institutionen der Union haben sich seit 2008 gegen die Völker Europas gewandt. Er erinnert an die Sparpolitik, die über Griechen, Portugiesen und Franzosen verhängt wurde, und an die Deutschen: Den unteren vierzig, fünfundvierzig Prozent der deutschen Gesellschaft gehe es heute um dreißig Prozent schlechter als vor zwanzig Jahren, eine Zahl, die man belegen muss, deren Stoßrichtung aber nicht überrascht. Die Arbeiterklasse zahle seit zwei Jahrzehnten, und wer sich wundere, woher die AfD komme, brauche nicht lange zu suchen.
Er geht weiter. Beim Wiederaufbaufonds nach der Pandemie seien deutsche Beschäftigte zur Kasse gebeten worden, um mit gemeinsamen Krediten Geld in Länder zu leiten, wo es in den Händen von Oligarchen lande. Zwischen den Oligarchen Deutschlands, Italiens und Griechenlands, sagt er, gebe es keine Trennlinien, sie seien wie Brüder. Der einzige Konflikt, den sie wirklich austragen, ist der gegen die eigene Bevölkerung.
Und wenn ein Regime die vielen zugunsten der wenigen ausplündert, braucht es einen Feind, der von der Plünderung ablenkt. Hier schlägt Varoufakis eine Brücke, die kaum jemand begehen möchte: Putin habe den Europäern mit dem Einmarsch in die Ukraine, den er für illegal und doch für provoziert hält, einen großen Gefallen getan. Er lieferte den Bären, den Europas Eliten brauchten. Und er erinnert daran, wie dünn die Empörung klingt, wenn dieselben Mächte, die Belgrad bombardierten, um Grenzen zu verschieben, nun jede Grenzverschiebung für undenkbar erklären. Wer die Tür geöffnet hat, darf sich nicht wundern, wer hindurchgeht.
Der Moment, in dem es peinlich wird
Wie eng die Vasallität geworden ist, zeigt Varoufakis an seiner Heimat. Griechenland baut mit einem amerikanischen Energiekonzern und mit Unterstützung Washingtons an einer Pipeline, die amerikanisches Flüssiggas, das ein Vielfaches des russischen kosten soll, per Schiff nach Piräus und von dort durch Bulgarien, Rumänien und Moldau bis in die Ukraine bringt. Ökologisch eine Katastrophe, finanziell nur tragbar, solange der Krieg weitergeht. Ein ganzes politisches System hängt damit am Fortgang des Krieges.
Und dann der Gedanke, der in Brüssel Magenschmerzen auslösen müsste. Was, wenn Trump oder sein Nachfolger sagt: Wir öffnen Nord Stream wieder, gründen mit Russland ein gemeinsames Unternehmen und verkaufen den Europäern das billige Gas, an dem wir mitverdienen? Varoufakis hält das für wahrscheinlich, die Annäherung zwischen Washington und Moskau sei im Gang. Dann stünden die Europäer da als Zuschauer, die man nicht einmal mehr fragt. Schon heute wird niemand mehr gefragt, wie der Krieg zu beenden, zu gewinnen oder zu bezahlen sei. Man fragt sie höchstens, wo sie das Geld hernehmen, und ihre Antwort lautet: aus dem russischen Vermögen, das Belgien nicht herausgeben wird.
Der Verband
Hier sind wir wieder bei der Bahre. Die Union hat eine gemeinsame Währung ohne gemeinsames Finanzministerium. Sie hat ein Parlament, das nach Varoufakis’ Wort kein Parlament ist, weil es als einziges in der Geschichte nicht das Recht hat, Gesetze einzubringen, und alles abnickt, was Rat und Kommission beschließen. An ihrer Spitze steht eine Kommissionspräsidentin, die er „nicht gewählt“ und „völlig durchgeknallt“ nennt, und der er vorwirft, vor den Panzern der israelischen Armee Einpeitscherin gespielt zu haben. Das sind seine Worte, nicht meine. Aber es sind Worte, die man nicht deshalb ignorieren darf, weil sie wehtun.
Es gibt keinen Plan, die Union zu einem Bundesstaat zu machen, und keinen, sie aufzulösen. Es gibt nur den Verband, den immer neuen, den Rettungsschirm, das Sondervermögen, den Wiederaufbaufonds, das Sanktionspaket, die nächste Milliarde. Alles nur Binden, nichts davon trägt zur Wiederbelebung bei. Die Pfleger sind nicht dumm. Sie wissen, dass die Pflege der Leiche der einzige Beruf ist, der noch gut bezahlt wird.
Was folgt daraus? Von denen, die vom Leichnam leben, ist kein Begräbnis zu erwarten. Sie werden den Sarg weder zunageln noch das Haus räumen. Wenn Europa je wieder etwas anderes sein soll als das Hinterland einer fremden Machtprojektion und die Beute der eigenen Oligarchen, dann nur gegen sie und nur von unten, durch Menschen, die sich weigern, weiter zu verbinden, was tot ist.
Bis dahin gilt, was der Mann mit den Mullbinden nicht hören will: Der Patient ist tot. Die Rechnung läuft noch.
+++
Bildquelle: Tomas Ragina / shutterstock
+++
Quelle
Yanis Varoufakis bei Glenn Diesen: Aussöhnung zwischen USA und Russland & Europas Vasallentum, 28.10.2026, https://www.youtube.com/watch?v=78lT1zaUPoQ
+++
Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift" (ISBN 978-3-6967-8733-2), das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:
Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark
oder mit
Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin
Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/
+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.
+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/
+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut