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Warum Imperien keine Verschwörer brauchen | Von Dirk Ellerbrock

Warum Imperien keine Verschwörer brauchen | Von Dirk Ellerbrock

Kredit, Kanonen, Konsens – und was Alex Krainer daran verfehlt

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Pascal Lottaz stellt im Gespräch mit Alex Krainer eine Frage, die man leicht überhört, obwohl an ihr alles hängt: Ist das, was Krainer beschreibt, Systemlogik, oder manipulieren Banker die globale Struktur zu ihrem eigenen Vorteil? Krainer antwortet ohne Zögern: „sehr bewusst gewollt“. Wenige Minuten später erklärt er allerdings, ein Konzern wie Shell könne Öl einfach auf fairer Basis kaufen, ohne ein Land politisch zu kontrollieren. Wäre das so, ginge es auch ohne Kontrolle.

Dass es sie trotzdem gibt, hätte dann nur einen Grund: Jemand hat sie so beschlossen. Man müsste also nach den Beschließenden fragen, und damit wäre man bei der Verschwörung, die Krainer ja auch beschreibt. Seine eigene Erklärung, wie Kredit, Sicherheiten und Gewinntransfer ineinandergreifen, zeigt jedoch das Gegenteil: Hier muss niemand etwas beschließen, die Kontrolle ergibt sich aus der Sache selbst. Krainer pendelt zwischen zwei Erklärungen, ohne den Widerspruch zu bemerken. Er lohnt die genauere Betrachtung, denn in ihm liegt die eigentliche Antwort.

Kredit

Beginnen wir bei Krainers stärkstem Argument. Ein Ölkonzern will in einem Land wie Nigeria Förderanlagen, Häfen und Pipelines bauen, was Milliarden kostet, bevor das erste Barrel fließt. Das Geld leiht er sich bei einer Bank. Diese hebt es nicht von einem Sparkonto ab, sondern schreibt es dem Konzern auf dem Konto gut. In ihrer Bilanz, der Gegenüberstellung von Vermögen und Schulden, erscheint dafür eine Forderung gegen den Konzern. Ökonomen nennen das Giralgeldschöpfung. Mit der Auszahlung wächst die Bilanz der Bank, und über die Laufzeit fließen Zins und Tilgung zurück, im Idealfall ein Mehrfaches der ursprünglichen Summe. Ob, wie Krainer behauptet, am Ende das Zehnfache gezahlt wird, mag man bezweifeln. Die Richtung stimmt: Der Kredit verwandelt künftige Erträge aus fremdem Boden in einen gegenwärtigen Vermögenswert der Bank.

Dieser Vermögenswert ist aber nur so viel wert, wie sich der Anspruch durchsetzen lässt. Die Bank besitzt das Öl nicht, sie besitzt eine Forderung, die an Verträge gebunden ist: an die Förderrechte, die eine Regierung dem Konzern verbrieft hat, und an die Rechtsordnung, die diese Verträge schützt. Pascals Einwand, Shell könne ein Ölfeld doch gar nicht beleihen, das es nicht besitzt, trifft genau diesen Punkt. Krainers Antwort bleibt unscharf, aber sie führt zum Wesentlichen: Der Anspruch steht und fällt damit, dass die Regierung vor Ort zuverlässig mitspielt.

Hier liegt auch die Antwort auf Krainers Schweiz-Beispiel. Die Schweiz unterhält keine Militärstützpunkte und trinkt trotzdem Kaffee. Aber sie handelt in einer Ordnung, deren Zahlungsströme, Banken und Rechtsansprüche andere absichern, und ihre Großbanken sind selbst Teil dieser Ordnung, wie Pascal einwirft. Wer den Schutz nicht bezahlt, bekommt ihn trotzdem.

Kanonen

Ein Anspruch dieser Größe braucht jemanden, der für ihn einsteht. Das kann nur ein Staat leisten, denn nur ein Staat verfügt über Armee, Geheimdienst, Gerichte, Flottenstützpunkte und die Fähigkeit, Sanktionen zu verhängen. Ich nenne ihn die Garantiemacht: den Staat, der dafür einsteht, dass der Anspruch notfalls mit Gewalt eingetrieben werden kann.

Krainer sagt dazu einen Satz, der mehr hergibt als seine gesamte Verschwörungserzählung: Der imperialen Oligarchie, also dem um die Bankinteressen organisierten Kreis aus Finanzhäusern, Konzernen und Staatsapparaten, sei es gleichgültig, ob Holland, Großbritannien, die Vereinigten Staaten oder China ihre Garantiemacht sei, solange diese über Militär, Geheimdienst und Wohlstand verfüge.

Das ist eine strukturelle Aussage. Das Imperium ist demnach nicht an eine Nation gebunden, sondern an eine Funktion: Wer gerade die Mittel besitzt, dem Anspruch Geltung zu verschaffen, wird zu seiner Garantiemacht. Die Niederlande, Großbritannien und die USA sind dann keine Stationen eines einzigen britischen Plans, sondern aufeinanderfolgende Träger derselben Logik. Daraus erklärt sich auch, warum das Kapital die Garantiemacht wechseln kann, ohne seine Grundstruktur zu ändern, und warum der Streit zwischen Washington und London kein Streit um Prinzipien sein muss. Er kann ein Streit darum sein, wer die Garantie bezahlt und wer die Rente einstreicht.

Konsens

Gewalt ist die teuerste Form der Durchsetzung. Wer einen Anspruch dauerhaft sichern will, braucht billigere Mittel, und das billigste ist, dass die Betroffenen ihn für berechtigt halten. Darum trägt das Imperium in jeder Epoche ein anderes Gewand: zuerst die zivilisatorische Mission, die „Bürde des weißen Mannes“, dann Entwicklung, heute Freiheit und Demokratie. Krainer nennt sie die jeweils akzeptable Form des Geschäftsmodells, und das trifft den Kern. Die Legitimation ist kein Beiwerk der Herrschaft, sondern ihre kostengünstigste Variante.

Darum ist es folgerichtig, dass die Konsensproduktion so viel Aufwand erfordert. Krainer beschreibt, wie in Europa der Eindruck erzeugt werden soll, alle seien sich über die russische Bedrohung einig, und wie dem die Welle der Gegenstimmen („Russland ist nicht mein Feind“) entgegensteht. Die Einzelheiten seiner Umfragezahlen sind anekdotisch und sollten belegt werden, bevor man sie verwendet. Aber die Beobachtung selbst ist stimmig: Wo Zustimmung gebraucht wird, wird sie organisiert, und wo sie nicht trägt, merkt man den Aufwand.

Die Kette

Setzt man die drei Glieder zusammen, entsteht eine Kette aus Anspruch, Garantie und Legitimation. Jedes Glied löst ein Problem, das die anderen offenlassen: Der Kredit schafft den Anspruch, die Garantiemacht sichert ihn, die Zustimmung senkt die Kosten der Sicherung. Und jedes Glied folgt seinem eigenen Zwang. Die Bank muss ihre Bilanz verlängern, weil Wachstum ihr Geschäftsmodell ist. Der Staat muss seine Schulden bedienen und seine Stellung halten. Die Meinungsproduktion muss einen Rahmen setzen, der beides trägt. Niemand muss sich dazu verabreden. Dass sich aus dem Zusammenwirken ein Gesamtverhalten ergibt, das aussieht wie Regie, ist die Wirkung der Struktur, nicht ihr Ursprung.

In diesem Bild sind die City of London und die Wall Street Knoten, in denen sich die Logik bündelt: Hier laufen die Ansprüche zusammen, hier sitzt das Wissen darüber, wo sie liegen, und hier wird entschieden, welcher Anspruch gesichert wird. Sie sind aber keine Regisseure. Ersetzt man die Personen, bleibt die Logik bestehen. Das ist die Probe, die jede strukturelle Erklärung bestehen muss.

Was daraus folgt

Der Fall Matteï. Enrico Matteï, der Chef des italienischen Staatskonzerns ENI, schloss in den 1950er- und 60er-Jahren Verträge mit Libyen, Ägypten und der Sowjetunion, die den großen westlichen Ölkonzernen, den „Sieben Schwestern“, die Preise verdarben, und baute Italiens Energiewirtschaft auf eigener Kreditgrundlage aus. Sein Flugzeug stürzte 1962 ab; die Umstände sind bis heute Gegenstand von Untersuchungen und Spekulationen. Krainer erzählt es als Kriminalfall mit einem CIA-Stationschef, der binnen Stunden einen Bericht schreibt und verschwindet. Diese Einzelheiten sind unbelegt. Strukturell aber ist der Fall lehrreich, auch ohne den Mord zu beweisen: Wer Energie außerhalb der Kredit- und Sicherheitenkette erschließt, entzieht dem Anspruch seine Grundlage. Dass darauf der Zugriff der Garantiemacht folgt, sei es als Druck, Sanktion, Putsch oder Schlimmeres, ist dann nur noch eine Frage der Mittel, nicht des Prinzips.

Zwang wächst, wo Zustimmung schwindet. Wenn die Legitimation nachlässt, steigen die Kosten der Durchsetzung, und die Mittel verlagern sich von der Überzeugung zum Embargo, zur Vermögenssperre, zur Exportkontrolle und schließlich zum Krieg. Das Arsenal imperialer Machteskalation wächst nicht aus Bosheit, sondern aus Zustimmungsverlust. Je weniger Menschen glauben, desto mehr muss verboten, gesperrt und bestraft werden.

Der Streit zwischen Trump und London. Krainer deutet die jüngsten Verschiebungen als Aufstand einer amerikanischen Republik gegen die britische Oligarchie. Strukturell wäre es nüchterner, von einem Streit darum zu sprechen, welche Fraktion des amerikanischen Kapitals die Garantiemacht auf welche Weise nutzt. Krainer sagt außerdem selbst, er wisse nicht, wer „diese Leute“ im Pentagon seien. Eine Erklärung, die auf unbekannte Gesinnungsträger angewiesen ist, ist keine. Interessen lassen sich benennen, Gesinnungen nur vermuten.

Das Ende der Erzählung. Am Schluss des Gesprächs kippt Krainer in ein anderes Register: Chips unter der Haut, Insekten statt Fleisch, Menschen als „manipulierbare Tiere“, schließlich die Sorge, man wolle die Menschheit auf acht Millionen verkleinern. Das Material stammt aus Zitaten und Schlagworten, die Yuval Harari oder dem „Great Reset“ zugeschrieben werden, und es ersetzt die Analyse durch Furcht. Strukturell gedacht liegt die Frage woanders: Was geschieht mit einer Verwertungslogik, die auf menschliche Arbeit angewiesen ist, wenn Arbeit überflüssig wird? Das ist eine reale, offene und ernste Frage, aber sie braucht keine Absicht, jemanden loszuwerden. Sie braucht nur die Beobachtung, dass ein System, das Menschen als Arbeitskraft braucht, sie als Überschuss behandelt, sobald es sie nicht mehr braucht.

Warum der Plan so verlockend ist

Krainers Verschwörungsfigur erklärt sich in dieser Lesart selbst: Sie ist die Reaktion auf die Zustimmungskrise, die er beschreibt. Wo die Legitimation nicht mehr trägt und die Struktur sich nicht mehr verbergen lässt, braucht es Täter, an denen man sich abarbeiten kann. Der Plan entlastet, denn wo jemand etwas will, kann man ihn bekämpfen, enttarnen, stürzen. Die Struktur entlastet nicht. Sie verlangt, dass man den Anspruch selbst anfasst: Kredit, Eigentum, Garantiemacht.

Das ist die unbequemere und die stärkere Fassung von Krainers eigener These. Nicht eine Clique beherrscht das System, sondern die Notwendigkeit, einen Anspruch durchzusetzen, bringt jedes Mal die Cliquen hervor, die es braucht. Und solange man Cliquen jagt, bleibt die Notwendigkeit unberührt.

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Bildquelle: Only_NewPhoto / shutterstock

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Quellen

Alex Krainer im Gespräch mit Pascal Lottaz, Neutrality Studies, YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=wgrd7f4nPZg.

Die Erläuterungen zur Giralgeldschöpfung, zur Bilanzlogik der Banken und zum Fall Matteï sind Hintergrundwissen des Autors und werden in diesem Text nicht einzeln belegt.

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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.

Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand sein noch unveröffentlichtes zweites Buch, „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift", das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet.

Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock


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