Vom Fugger-Kapital zur Finanzwelt des Atlantiks
Die City of London: eine beeindruckende Erfolgsgeschichte
Die City of London ist die kleine historische Kernstadt Londons, eine seit der Römerzeit bestehende Handelsstadt mit eigener kommunaler Verfassung; ihre Umwandlung zum führenden Finanzzentrum verdankt sie vor allem der Krise der oberdeutschen Handelshäuser Fugger und Welser im 16. und 17. Jahrhundert, der Verlagerung der europäischen Handels- und Machtachsen zum Atlantik und den Aufbau des englischen Fiskal- und Kriegsstaates, wobei der Dreißigjährige Krieg als Beschleuniger wirkte.
Sie ist nicht gleichzusetzen mit „London“ insgesamt. Aus der mittelalterlichen Bürgergemeinde ging die heutige City of London Corporation hervor. Schon im 12. und frühen 13. Jahrhundert erhielten die Bürger Rechte auf Selbstverwaltung und Bürgermeisterwahl.
Vom 13. Jahrhundert an war Venedig eine führende Handelsmetropole des Mittelmeerraums. Für die oberdeutschen Handelshäuser Fugger und Welser bildete die Stadt einen wesentlichen Zugang zu italienischen, levantinischen und weiteren mediterranen Märkten. (1) Die Welser-Brun-Gesellschaft bestand wahrscheinlich bereits seit 1411; ihre zentrale Handelsachse führte von Venedig über Augsburg nach Frankfurt, ergänzt durch Verbindungen nach Ulm, Nürnberg und zu den Nördlinger Messen.
Fugger, Welser und Venedig arbeiteten nicht über ein einzelnes Zentrum, sondern über Netze aus Faktoreien, Messen, Hafenplätzen und Kreditbeziehungen. Augsburg war für Fugger und Welser die Verwaltungs- und Rechnungszentrale; Venedig war zugleich ein eigenes Handelszentrum, ein Mittelmeerhafen und ein Tor zu den Märkten des östlichen Mittelmeers. (2)
Das Fugger-Netz verband zunächst den oberdeutschen Raum mit Italien. Augsburg war der Sitz der Gesellschaft, Ort der zentralen Buchhaltung und Schaltstelle für Finanzierung, Metallhandel und politische Kreditgeschäfte. Venedig und Nürnberg besaßen bereits zwischen 1472 und 1486 Fugger-Faktoreien; zugleich entstanden erste Finanzverbindungen zur römischen Kurie und zu den Habsburgern. (3)
Die Fugger bauten ihre venezianische Präsenz ab den 1470er Jahren und besonders ab den 1490er Jahren aus. Venedig wurde für sie zu einem wichtigen Umschlag- und Absatzplatz ihres Kupfer- und Silberhandels. Während Venedig selbst seit dem Hochmittelalter als Handelszentrum dominierte, lag die entscheidende Phase der venezianischen Aktivitäten von Fuggern und Welsern vor allem im späten 15. und im 16. Jahrhundert. (4) Die wichtigste frühe Achse verlief über Augsburg – Tirol – Venedig – Rom.
Der Seeweg nach Indien lässt Antwerpen zur Handelsmetropole aufsteigen
Bis zur portugiesischen Entdeckung des Seewegs nach Indien bezogen die Welser indischen Pfeffer noch wesentlich über Venedig. Ab 1505 verlagerte sich das Geschäft abrupt auf die Lissabon-Antwerpen-Achse. Antwerpens Lage an der Schelde bot Zugang zur Nordsee, während die Stadt zugleich über Land- und Flussverbindungen nach England, Frankreich, ins Reich, nach Italien und an die Ostsee verfügte. In Antwerpen verbanden die Fugger den mitteleuropäischen Metallraum mit Lissabon und dem portugiesischen Indienhandel. Kupfer aus Tirol und Oberungarn wurde über Antwerpen nach Lissabon weitergeleitet; portugiesische Händler nutzten es als Ware im Handel mit Afrika und Indien. Rückwärts liefen Gewürze und Kolonialwaren über Antwerpen nach Augsburg, Frankfurt, Leipzig und Nürnberg. (5)
Antwerpen wurde der Hauptverteilungsort für Gewürze in Mitteleuropa; Frankfurt- und Leipziger Messen sowie der Nürnberger Markt verbanden ihn mit den Binnenmärkten. Der frühere venezianische Pfefferimport wurde demgegenüber wirtschaftlich nachrangig.
Venedig blieb eine bedeutende Handels- und Finanzmetropole, verlor jedoch allmählich gegenüber den direkten portugiesischen Seeverbindungen nach Indien und gegenüber Antwerpen als europäischem Umschlagplatz an Bedeutung.
Die Landanbindung führte von Venedig über die Etsch, den Brenner und Tirol nach Augsburg, Nürnberg sowie in die Rhein- und Donauräume. Diese Lage machte Venedig zum natürlichen südlichen Gegenpol der oberdeutschen Handelsgesellschaften. (6)
Für Fugger und Welser bedeutete das keine abrupte Abkehr von Venedig, sondern eine Diversifizierung ihrer Routen:
Venedig blieb wichtig für italienische, levantinische und mediterrane Waren sowie als Zugang zur Kurie und zu italienischen Finanzmärkten.
Antwerpen wurde zum zentralen nordwesteuropäischen Waren-, Kredit- und Informationsplatz.
Lissabon und Sevilla verbanden die oberdeutschen Gesellschaften mit dem portugiesischen Indienhandel und dem spanischen Atlantikraum.
Augsburg blieb die Verwaltungs-, Bilanz- und Kapitalzentrale, von der aus die Faktoreien gesteuert wurden.
Antwerpen war im 16. Jahrhundert für einige Jahrzehnte eines der zentralen Handels- und Finanzzentren Europas. Seine besondere Funktion bestand darin, die neuen atlantischen und asiatischen Seewege mit den Produktions-, Bergbau- und Absatzräumen Mitteleuropas zu verbinden – und diese Warenströme durch Kredit, Wechsel und Kapitalmarkt zu finanzieren. (7)
Antwerpen war also vor allem ein Umschlag-, Verteilungs- und Informationsplatz, nicht bloß ein Hafen. Es war ein Ort, an dem Waren nicht nur weiterverkauft, sondern neu gebündelt, auf Kredit finanziert, versichert und über Wechsel bezahlt wurden. (8)
Die 1531 eröffnete Antwerpener Börse (Beurs) war die erste eigens errichtete Warenbörse Europas. Sie schuf einen festen institutionellen Ort, an dem Händler „aller Nationen und Sprachen“ Geschäfte abschließen konnten; das Vorbild wirkte später auf vergleichbare Einrichtungen in London und Amsterdam.
Ihre wirtschaftliche Funktion reichte über den Warenhandel hinaus:
- Wechsel wurden gehandelt, präsentiert und bezahlt.
- Kaufleute erhielten Handels- und Lieferkredite.
- Versicherungen und Seefrachtfinanzierungen wurden vermittelt.
- Öffentliche Kredite und Staatspapiere fanden Käufer.
Preise, Nachrichten über Ernten, Schiffsankünfte, Kriege und Zahlungsausfälle zirkulierten rasch. Damit wurde Antwerpen ein Kapitalmarkt. Kaiser Karl V. nahm dort, teils über Bankiers wie die Fugger, hohe Kredite auf; die Stadt wurde in das Finanzsystem der Habsburgermonarchie eingebunden.
Für die oberdeutschen Gesellschaften war Antwerpen das nordwesteuropäische Gegenstück zu Venedig. Venedig verknüpfte Augsburg mit dem Mittelmeer und der Levante; Antwerpen verband Augsburg mit dem Atlantik, England, Portugal und indirekt Asien sowie Amerika.
Fugger und Welser unterhielten in Antwerpen Vertreter und Faktoreien. Sie verkauften unter anderem mitteleuropäisches Kupfer und bezogen portugiesische Gewürze sowie andere Fernhandelswaren. Besonders Kupfer war strategisch: Portugal benötigte es im Handel an der westafrikanischen Küste und für die Ausrüstung des Indienhandels. Der Geld- und Warenkreislauf war daher nicht linear, sondern verknüpfte Metalllieferungen, Gewürzimporte, Kredit und Wechselgeschäfte in einem einzigen Netzwerk.
Die Blüte Antwerpens war kurz: ungefähr von 1500 bis in die 1580er Jahre. Dann kamen religiöse Konflikte und der niederländische Aufstand gegen die spanische Herrschaft.
Am 17. August 1585 wurde Antwerpen nach einer etwa vierzehnmonatigen Belagerung durch Truppen Alexander Farneses für die spanische Krone zurückerobert, während Holland und Zeeland im aufständischen Norden blieben. (9)
Nach der Einnahme standen Einwohner und Kaufleute vor der Wahl: Unterwerfung unter Philipp II. und die katholische Ordnung oder Abwanderung. Viele protestantische Kaufleute, Handwerker, Drucker, Unternehmer und Facharbeiter verließen Antwerpen; ein erheblicher Teil zog in Städte der Republik, besonders nach Amsterdam.
Der entscheidende ökonomische Schlag war die Sperrung der Scheldemündung. Die nördlichen Provinzen kontrollierten den Zugang zur Nordsee und blockierten den Flussverkehr nach Antwerpen. Dadurch verlor der Hafen seinen unmittelbaren Seezugang; die Sperre bestand – mit Unterbrechungen und Veränderungen ihrer Wirkung – grundsätzlich bis ins späte 18. Jahrhundert.
Die Einnahme Antwerpens 1585 und die Schließung der Schelde führten also zur Abwanderung von Kaufleuten, Kapital und Know-how. Antwerpen verlor fast die Hälfte seiner Bevölkerung.
Amsterdam übernahm nun die Funktionen des Warenumschlags, der Börse, der Seeversicherung und internationalen Finanzierung auf neuer Grundlage. Antwerpen blieb ein bedeutender Hafen, erreichte aber die frühneuzeitliche Vorrangstellung gegenüber Amsterdam und später London nicht wieder. (10)
1609 stellten Zuwanderer aus den südlichen Niederlanden ungefähr ein Drittel der Amsterdamer Kaufleute; viele waren jüngere Männer mit begrenztem Anfangskapital. (11)
Amsterdam nutzt die Öffnung
Vor dem Aufstand war Amsterdam eher der nördliche Außenhafen eines Handelsraums, dessen übergeordnetes Zentrum Antwerpen war. Erst die Zerschneidung dieses gemeinsamen Wirtschaftsraums erzwang eine Neuordnung: Weil Antwerpen für die Republik nicht mehr nutzbar war, wurde Amsterdam Hauptplatz des holländischen Schiffsverkehrs, Warenhandels und Informationsaustauschs. (12)
Die Bedeutung der Nord- und Ostseeverbindungen sollte nicht unterschätzt werden: Amsterdam verfügte über eine maritime Basis, die es nach 1585 erlaubte, Antwerpens frühere Vermittlungsfunktion mit eigener Schifffahrt und eigenen Handelsorganisationen zu verbinden.
Inzwischen hatte sich London zum zentralen englischen Hafen entwickelt und bündelte Handel, Schifffahrt, Versicherung, Wechselgeschäft und Informationen. Mit der 1565 gegründeten, 1571 königlich eröffneten Royal Exchange entstand ein institutioneller Treffpunkt für Kaufleute, Makler und Kreditgeber. Wichtig: Das Vorbild kam nicht aus dem Nichts, sondern aus Antwerpen – Thomas Gresham kannte die dortige Börse, die als Vorbild für die Royal Exchange diente. (13)
Der Dreißigjährige Krieg als Beschleuniger
Der Krieg von 1618 bis 1648 war für London vor allem indirekt wichtig. Das Heilige Römische Reich wurde verwüstet, politisch zersplittert und wirtschaftlich geschwächt. Dies traf die Räume, in denen oberdeutsche Handelshäuser und die Hanse ihre traditionellen Netze unterhalten hatten. Zugleich verschob sich das Schwergewicht Europas zugunsten der Seemächte Niederlande und England.
London blieb zwar nicht friedlich – England durchlief Bürgerkrieg, Republik und Restauration –, doch die City war nicht den Zerstörungen des Reichs ausgesetzt und blieb als Hafen-, Informations- und Kreditplatz funktionsfähig. Im späten 17. Jahrhundert entfielen etwa drei Viertel des Werts des englischen Überseehandels auf London.
Der entscheidende Unterschied war politisch-finanziell: England lernte, Kriege nicht bloß durch dynastische Privatkredite zu finanzieren, sondern durch parlamentarisch abgesicherte Steuern, handelbare Staatsschuld und einen liquidierenden Finanzmarkt. Das war belastbarer als die Abhängigkeit der Fugger und Welser von einzelnen, oftmals zahlungsunfähigen Fürstenhäusern.
Die „Financial Revolution“
Nach der Glorious Revolution von 1688 verband sich die City dauerhaft mit dem englischen Staat. Londoner Kaufleute unterstützten den Machtwechsel und finanzierten die anschließenden Kriege; die City stellte zwischen 1689 und 1693 mehr als ein Viertel der auf parlamentarische Steuern gestützten Kredite bereit. (14)
Die Bausteine der neuen Ordnung waren:
- die 1694 gegründete Bank of England;
- eine dauerhaft organisierte und handelbare Staatsschuld;
- Aktiengesellschaften und Wertpapierhandel;
- Versicherungen, insbesondere maritime Risikoabsicherung;
- die Verbindung von Steuereinnahmen, Flotte, Handel, Kolonialexpansion und Kredit.
Die Bank of England war formal eine private Gesellschaft, erfüllte aber früh eine öffentliche Rolle: Sie finanzierte Staat und Wirtschaft und half beim Aufbau eines leistungsfähigen britischen „fiscal-naval state“. Der Anstoß für diese Finanzinnovation kam unmittelbar aus dem Bedarf, als Frankreich September 1688 ins Reich einmarschierte und in die Geschichte als den Neunjährigen Krieg (1688 bis 1697) einging – im deutschen Kontext meist Pfälzischer Erbfolgekrieg bzw. Krieg der Augsburger Liga genannt. (15)
Damit entstand der strukturelle Vorsprung Londons: Nicht ein einzelnes Familienhaus dominierte, sondern ein Markt aus Staat, Zentralbank, Kaufleuten, Versicherern, Börse und globalem Handelsnetz. Im 19. Jahrhundert wurde diese Architektur zum finanziellen Nervensystem des britischen Empire.
Vom süddeutschen zum atlantischen Kapitalismus
Fugger und Welser standen für ein älteres, oberdeutsch-italienisch-habsburgisches Modell: Fernhandel, Montanwirtschaft, Wechselgeschäft und die Kreditierung von Dynastien. Ihr Machtzentrum war Augsburg, ihre großen politischen Schuldner waren insbesondere Habsburg und die spanische Krone.
Mitte des 16. Jahrhunderts waren die Welser unter anderem wegen problematischer Kredite – besonders an die französische Krone – gegenüber der englischen und niederländischen Konkurrenz unter Druck geraten und musste schon 4 Jahre vor dem Dreißigjährigen Krieg Konkurs anmelden. (16)
Die Fugger betrieben noch lange Montan- und Finanzgeschäfte; zugleich banden hohe Außenstände bei den Habsburgern, sinkende Margen und die soziale Umorientierung zur grundbesitzenden Aristokratie Kapital. Erst Mitte des 17. Jahrhunderts, nach dem Dreißigjährigen Krieg, stellten sie ihre Geschäfte ein. (17)
Die Hanse war bereits vor 1618 durch die Verlagerung des Welthandels, die Konkurrenz der Niederlande und Englands sowie Kriege im Ostsee- und Nordseeraum geschwächt. Der Dreißigjährige Krieg traf die verbliebenen norddeutschen Handelsstädte dann als zusätzlicher, vielfach entscheidender Schlag; 1669 tagte der letzte Hansetag. (18)
Die zentrale Bewegung lautet daher: Kapital und Handelsmacht wanderten nicht mechanisch von Augsburg oder Lübeck nach London. Zunächst gewann Antwerpen, danach Amsterdam; erst die englisch-britische See-, Kolonial- und Staatsmacht machte London zum überragenden Zentrum. (19)
Das britische Freibeuterwesen als privatisierte Vorform maritimer Machtpolitik.
Francis Drake erhielt 1572 von Elisabeth I. einen Kaperauftrag gegen spanische Besitzungen und Schiffe; er stand damit in einer Grauzone zwischen offiziell legitimierter Kaperfahrt und einer Politik, die London gegenüber Madrid bewusst bestreitbar hielt. Für John Hawkins sind seine frühen, mit dem atlantischen Sklavenhandel verbundenen Fahrten der 1560er Jahre nicht einfach mit einem individuellen Kaperbrief gleichzusetzen. Dokumentiert ist jedoch, dass Hawkins 1585 gemeinsam mit anderen Plymouther Akteuren eine letter of reprisal für die Elizabeth of Plymouth erwirkte, die zur Aufbringung spanischer Schiffe und Güter ermächtigte. (20)
Das britische Freibeuterwesen war die privatisierte Vorform maritimer Machtpolitik. Die Krone erteilte den Kaperbrief und definierte den Feind; die City stellte Kapital, Kredit, Schiffe, Handelskontakte und zunehmend Instrumente der Risikoabsicherung bereit. Beute wurde nicht nur auf See gemacht, sondern in London finanziert, juristisch als Prise verwertet, versichert und in Handelsware verwandelt. So verbanden sich militärische Gewalt, Staatsauftrag und privates Gewinninteresse zu einer Struktur, aus der die kapitalstarken Handelskompanien des Empire hervorgingen. (21)
Von Neu-Amsterdam zu New York
1625 ließ die Niederländische Westindien-Kompanie am südlichen Ende Manhattans Fort Amsterdam anlegen; die dauerhafte Besiedlung und Konzentration der Kolonisten erfolgte vor allem unter Generaldirektor Peter Minuit 1626. (22)
Nach der englischen Eroberung der Kolonie 1664 wurde die Siedlung in New York umbenannt. Entlang der 1653 errichteten Palisade am Nordrand des niederländischen Nieuw Amsterdam auf Manhattan – die frühere Grenz- und Befestigungslinie – entwickelte sich die „Wall Street“. An der East River-Seite von Lower Manhattan konzentrierten sich dann Kaufleute, Reeder, Versicherer, Makler und Kreditgeber.
Die Anfänge der Wall Street lagen in der niederländischen Handelskolonie Nieuw Amsterdam, doch ihre finanzielle Prägung erhielt sie im britisch-atlantischen Raum. Nach 1664 war New York in die Handels-, Kredit- und Versicherungsnetze der City of London eingebunden. Die City lieferte das Vorbild einer auf Staatskredit, Wechselhandel, Seeversicherung und Kaufmannsnetzwerken beruhenden Finanzordnung.
Fort Amsterdam, nach 1664 unter britischer Herrschaft mehrfach umbenannt und zuletzt Fort George genannt, wurde nach der amerikanischen Unabhängigkeit 1790 geschleift. Sein Material diente teilweise zur Landgewinnung an der Battery; auf seinem Standort am Bowling Green steht heute das Alexander Hamilton U.S. Custom House (23).
Den institutionellen Durchbruch brachte jedoch erst Alexander Hamilton: Die Konsolidierung der amerikanischen Staatsschulden und die Gründung der Bank of the United States schufen handelbare Wertpapiere. Das Buttonwood Agreement von 1792 gab diesem Markt an der Wall Street seine organisierte Form.
Die Rolle des atlantische Sklavenhandel
Der Sklavenhandel prägte den Londoner Finanzmarkt entscheidend – nicht als Randgeschäft, sondern als ein Feld, an dem zentrale Finanztechniken und -netzwerke ausgebildet, kapitalisiert und politisch abgesichert wurden. Daneben sorgten Staatskredite, Seekriege, Empire, Handel mit Asien und Europa sowie spätere Industrialisierung für den Aufstieg der City.
Neben dem Handel mit versklavten Menschen wurde vor allem auch mit der Plantagenökonomie und der Produktverarbeitung beziehungsweise dem Handel verdient – vor allem Zucker, Kaffee, Tabak und Baumwolle.
Sklaventransporte brauchten Vorausfinanzierung für Schiffe, Besatzung, Waren zum Tausch an der westafrikanischen Küste und die Überfahrt.
Plantagen brauchten laufend Kredit, etwa für Land, Maschinen, Transport, Versorgung und den Ankauf versklavter Menschen.
Kolonialwaren wurden häufig Monate oder Jahre vor der endgültigen Zahlung vorfinanziert und über London verkauft, versichert und weiterverteilt.
So entstand ein Kreditkreislauf: Londoner Kaufleute gewährten karibischen Plantagenbesitzern Vorschüsse; Plantagen und versklavte Menschen dienten als Sicherheiten; die späteren Zucker- oder Kaffeeerträge sollten Zins und Schuld tilgen. Londoner „West India merchants“ wurden damit zugleich Händler, Kommissionäre, Kreditgeber und teilweise sogar faktische Bankiers der Plantagenbesitzer. (24)
Die City machte aus einem extrem gewaltätigen und unsicheren Handel ein kalkulierbares Anlage- und Kreditgeschäft: Risiken von Sturm, Kaperung, Krankheit, Aufstand und Tod wurden gegen Prämien auf Versicherer verteilt.
Lloyd’s of London entwickelte sich zum zentralen Markt dieser Versicherung. Es versicherte Schiffe, ihre Ladung und Fahrten im Sklavenhandel, aber auch die Schiffe des Westindienhandels, die mit von Versklavten erzeugten Produkten nach Großbritannien zurückkehrten. Lloyd’s räumt heute ein, dass es vom Handel mit versklavten Menschen und den von ihnen produzierten Waren erheblich profitierte. (25)
Für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts wird geschätzt, dass sklavenwirtschaftsbezogene Geschäfte etwa ein Drittel bis 40 Prozent der Prämieneinnahmen im britischen Seeversicherungsgeschäft ausmachten. Die unmittelbare Versicherung von Sklavenfahrten selbst lag bei geschätzten 5 bis 10 Prozent; finanziell noch gewichtiger war die Versicherung der breiteren Westindien- und Kolonialwarenlogistik. (26)
Nicht allein der Menschenhandel, sondern die dauerhafte Warenkette aus Zwangsarbeit, Schifffahrt, Import und Weiterverkauf schuf eine breite, wiederkehrende Nachfrage nach Finanzdienstleistungen.
Westindien-Kaufleute waren nicht bloß Kunden der Bank of England, sondern saßen auch in ihren Führungsgremien. Ihr Anteil unter den Direktoren stieg nach einer aktuellen Untersuchung von 4 Prozent im Jahr 1760 auf 30 Prozent 1799. (27)
Die Bank of England betont zu Recht eine wichtige Einschränkung: Als Institution war sie nicht selbst unmittelbar Betreiberin des Sklavenhandels. Wohl aber bestanden personelle und geschäftliche Verbindungen; einzelne Gouverneure und Direktoren waren Sklavenhändler, Plantagenbesitzer oder mit derartigen Geschäften verflochten.
Das verweist auf einen zentralen Mechanismus: Die Sklavenökonomie stellte nicht einfach einen separaten „Kolonialsektor“ dar. Sie war in die Kreditwürdigkeit, die sozialen Netzwerke und die politische Repräsentation der Londoner Finanz- und Kaufmannselite eingewoben.
Die Abschaffung der Sklaverei im britischen Empire 1833/34 bedeutete keineswegs, dass der Staat die Versklavten entschädigte. Er entschädigte die Eigentümer für den Verlust dessen, was das Recht damals als ihr Eigentum behandelte – insgesamt 20 Millionen Pfund. Für die damalige staatliche Finanzordnung war dies eine enorme Summe.
Die Bank of England administrierte die Auszahlung. In ihren Archiven wurden 13.500 einzelne Transaktionen zu 3,4 Millionen Pfund dokumentiert, die in Form staatlicher Wertpapiere ausgezahlt wurden. Damit wurden Forderungen abgelöst, Gelder transferiert, Anleihen gehandelt und privates Vermögen neu angelegt – häufig über Londoner Banken, Anwälte, Kaufleute und Treuhänder. (28)
Die Sklavenhalter erhielten somit liquides oder handelbares Kapital, während die ehemals Versklavten weder Entschädigung noch Land noch einen vergleichbaren wirtschaftlichen Start erhielten.
Nach Berechnungen des Forschungsprojekts Legacies of British Slave-ownership am University College London (UCL) entsprachen die vom britischen Staat 1833/34 an ehemalige Sklavenhalter ausgezahlten 20 Millionen Pfund ungefähr 17 Milliarden Pfund heutiger Kaufkraft. Die Befreiten selbst erhielten keine Entschädigung. (29)
Der Sklavenhandel finanzierte nicht „die City“ im Sinne einer einzigen Kapitalquelle. Aber die Plantagen- und Sklavenökonomie war ein kapital-, kredit- und versicherungsintensiver Bestandteil jener atlantischen Handelswelt, aus der die City ihre globale Rolle entwickelte.
Ihr Beitrag bestand besonders in fünf Dingen:
- Ausbau von Seeversicherung und Risikopooling.
- Entwicklung langfristiger Handels- und Plantagenkredite.
- Konzentration von Zahlungs-, Informations- und Warenhandelsnetzen in London.
- Vermögensbildung und politischer Aufstieg einer westindischen Kaufmanns- und Gläubigerelite.
- Überführung von Sklavenhaltervermögen in moderne, nach 1834 handelbare Finanz- und Anlageformen.
Die entscheidende moralische und ökonomische Tatsache bleibt: Der Londoner Finanzmarkt half, Menschen in buchhalterisch bewertete Sicherheiten, versicherbare Risiken und künftige Zahlungsströme zu verwandeln. Gerade diese Umwandlung von Gewalt in Kredit, Vertrag und Prämie machte die Sklavenökonomie für weit entfernte Investoren und Institutionen skalierbar.
Von London zu Wall Street
Nach dem Unabhängigkeitskrieg blieb die City of London zunächst der maßgebliche internationale Kapitalmarkt, während Wall Street zum Finanzplatz der expandierenden Union aufstieg. Hamiltons Schuldensystem machte amerikanische Staatsanleihen im atlantischen Raum handelbar; ab den 1820er und besonders den 1840er Jahren folgten Anleihen der Einzelstaaten und Eisenbahngesellschaften. Londoner Banken und Anleger lieferten Kredit, Emissionskraft und internationales Vertrauen. New York verband diese Kapitalströme mit Baumwollhandel, Bankwesen und dem wachsenden Wertpapiermarkt. Vor dem Bürgerkrieg war Wall Street daher nicht der Nachfolger der City, sondern ihr amerikanischer Partner, Empfänger und zunehmend eigenständiger Konkurrent. (30)
Der US-Bürgerkrieg (1861-1865) war ein Konflikt zweier Kapitalformen
Während die Union vergleichsweise schnell mobiles und liquides Kapital – Banken, Wertpapiere, Handels- und Industriekredite – über Steuern, Staatsanleihen und Rüstungsproduktion in militärische Macht übersetzen, besaßen die Konföderation zwar erhebliche Vermögen, doch sie lagen überwiegend gebunden in Boden, Plantagen und versklavten Menschen – also weitgehend immobil. Baumwolle war nur unter den Bedingungen offener Seewege und internationaler Kreditbeziehungen in Geld zu verwandeln. Mit der Blockade, dem Verlust territorialer Kontrolle und der Emanzipation zerfiel deshalb nicht nur die Arbeitsordnung des Südens, sondern auch die Kapitalbasis seiner Kriegsführung. (31)
Der Sieg des Nordens über den Süden bedeutete nicht nur dessen militärische Niederlage. Die Blockade- und Zermürbungslogik des Anaconda-Plans (32), ergänzt durch Shermans Krieg gegen Verkehrswege, Vorräte und wirtschaftliche Ressourcen, hatte die Grundlage des Plantagen- und Sklavenkapitals bereits im Krieg zerschlagen. Nach 1865 folgte eine zeitweilige politische Entmachtung: Der Kongress verweigerte den ehemaligen Konföderierten zunächst die Rückkehr in die Bundesvertretung. Der Civil Rights Act von 1866 schloss dabei nicht „die Südstaatler“ aus, sondern begründete vielmehr Staatsbürgerschaft und gleiche zivilrechtliche Ansprüche unabhängig von Rasse oder früherem Status als Versklavte. Die formelle Beschränkung ehemaliger konföderierter Amtsträger kam vor allem mit Abschnitt 3 des Vierzehnten Zusatzartikels von 1866, ratifiziert 1868: Wer zuvor einen Eid auf die Verfassung geleistet und dann an Aufstand oder Rebellion teilgenommen hatte, durfte grundsätzlich kein Bundes- oder Staatsamt bekleiden. (33)
Die Reconstruction Acts von 1867 stellten die meisten früheren Konföderiertenstaaten – Tennessee ausgenommen – vorübergehend unter Militäraufsicht und machten neue Verfassungen, die Ratifizierung des 14. Zusatzartikels sowie das Wahlrecht schwarzer Männer zur Voraussetzung ihrer Wiederaufnahme in die Union. (34)
Bis 1914 war London der weltweit größte Geld-, Kapital- und Wertpapiermarkt mit einer einzigartigen internationaler Reichweite.
Der Erste Weltkrieg, die Verschiebung industrieller Leistungsfähigkeit in die USA und besonders der Zweite Weltkrieg brachen diese Vorrangstellung: Nach 1945 hatte New York London als wichtigstes Finanzzentrum abgelöst. (35)
Heute besteht daher kein simples Verhältnis von „Wall Street beherrscht die City“ oder umgekehrt, sondern eine arbeitsteilige Konkurrenz- und Symbiosebeziehung.
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Anmerkungen und Quellen
Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm: „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020), "Die unterschätzte Macht" (2022), "Vom Krieg zur Weltordnung" (2026).
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1) https://rosa.uniroma1.it/rosa02/
3) https://www.fugger.de/en/history/the-most-important-firm-of-its-time
4) https://resources.warburg.sas.ac.uk/pdf/hnh375b2478888v2.pdf
6) https://www.nber.org/system/files/working_papers/w18288/w18288.pdf
7) https://books.openedition.org/epure/2774
8) https://books.openedition.org/epure/2774
9) https://www.britannica.com/event/Fall-of-Antwerp
10) https://books.openedition.org/epure/2774
11) https://brill.com/view/journals/rdj/1/1/article-p13_13.xml?language=en
13) https://en.wikipedia.org/wiki/Royal_Exchange,_London
15) https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/ehr.13191
16) https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Welser,_Familie
17) https://academic.oup.com/ahr/article-abstract/118/2/604/45887
18) https://research.chalmers.se/publication/528778/file/528778_Fulltext.pdf
20) https://www.britannica.com/biography/Francis-Drake
21) https://academic.oup.com/book/41488/chapter/352894317?guestAccessKey=
22) https://www.nyc.gov/assets/records/pdf/featured-collections/new-amsterdam-records.pdf
23) https://museum.dmna.ny.gov/forts/amsterdam
25) https://www.lloyds.com/about-lloyds/history/the-trans-atlantic-slave-trade
28) https://www.bankofengland.co.uk/working-paper/2022/the-collection-of-slavery-compensation-1835-43
29) https://www.ucl.ac.uk/made-at-ucl/stories/legacies-british-slavery
30) https://academic.oup.com/book/5233/chapter-abstract/147915094?redirectedFrom=fulltext
31) https://www.nps.gov/articles/industry-and-economy-during-the-civil-war.htm
32) bezeichnet ursprünglich General Winfield Scotts Strategie der Seeblockade und der Kontrolle des Mississippi während des Krieges
33) https://www.senate.gov/about/origins-foundations/senate-and-constitution/14th-amendment.htm
35) https://academic.oup.com/book/4072/chapter/145755410?rskey=ZL58NT&result=4
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: Luftbild der City of London
Bildquelle: NorthSky Films / shutterstock
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