Kampf um die Arktis: Geostrategische Konkurrenz in Russlands und Chinas Norden
Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Effenberger.
Geopolitische Machtspiele um die Arktis
Im Oktober 1987 begann der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow eine Reihe von Maßnahmen mit dem Ziel einzuleiten, die militärischen Aktivitäten in der Arktis zu verringern. Diese Maßnahmen gingen als "Murmansk-Initiative" in die Geschichte ein. Es sollten eine atomwaffenfreie Zone geschaffen, die Marineaktivitäten beschränkt und die Förderung grenzüberschreitender Kooperation bei nichtmilitärischen Fragen – darunter Ressourcenentwicklung, Angelegenheiten indigener Völker, Umweltschutz und Seetransport – gestärkt werden.
Im Rahmen der "Murmansk-Initiative" rief Michail Gorbatschow gegen Ende des Kalten Krieges dazu auf, die Arktis in eine "Zone des Friedens" zu verwandeln. (1)
Militärische Sicherheitsbedenken waren seit den späten 1980er Jahren weitgehend aus der Arktispolitik verschwunden. 1996 entstand mit der Ottawa-Erklärung der "Arktische Rat" als hochrangiges Forum zur Diskussion regionaler Fragen. Unterzeichner der Deklaration waren acht Staaten mit Souveränität über arktisches Territorium: Dänemark, Finnland, Island, Kanada, Norwegen, Russland, Schweden und die USA. Dabei wurden Angelegenheiten militärischer Sicherheit vom Mandat des Rates explizit ausgeschlossen; er sollte sich vielmehr auf Fragen von Umweltschutz und nachhaltiger Entwicklung konzentrieren.
Als russischer Beitrag zum vierten Internationalen Polarjahr platzierte 2007 das Tauchboot MIR 1 am Nordpol demonstrativ die russische Flagge auf dem Meeresboden. Dies wurde vom Westen als aggressive Geste wahrgenommen. 2008 verfasste der Kreml als "eine führende arktische Macht" ein erstes umfassendes Dokument zu den Zielen und strategischen Prioritäten in der Arktis-Region für den Zeitraum 2008–2020.
Der US-Griff auf die Arktis begann lange vor Trump
Als eine seiner letzten Amtshandlungen erließ George W. Bush am 9. Januar 2009 die "National Security Presidential Directive 66" (PD 66), in der er die USA als "Arktische Nation" bezeichnete. In PD 66, die nach 60 Tagen Gesetzeskraft erhielt, wird unmissverständlich betont, dass die USA große und fundamentale nationale Sicherheitsinteressen in der Arktis haben:
„Die Vereinigten Staaten sind ein arktischer Staat mit vielfältigen und zwingenden Interessen in dieser Region. Diese Richtlinie berücksichtigt mehrere Entwicklungen, darunter unter anderem:
1. Veränderte nationale Politiken in Bezug auf innere Sicherheit und Verteidigung;
2. Die Auswirkungen des Klimawandels und der zunehmenden menschlichen Aktivität in der Arktisregion;
3. Die Gründung und laufende Arbeit des Arktischen Rates; und
4. Ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die Arktisregion sowohl fragil als auch reich an Ressourcen ist“ (2)
Im Abschnitt "Implementierung" wird dabei u.a. anvisiert, „eine souveräne US-Seepräsenz in die Arktis zu projizieren, um zentrale US-Interessen zu fördern“. (3) Folgerichtig wurde nun auch in der EU erkannt, dass auch die europäischen “Sicherheitsinteressen“ durch die erhöhte Zugänglichkeit der enormen Kohlenwasserstoffressourcen in der Arktis berührt würden. Den ersten Schritt für eine europäische arktische Geostrategie war eine Ende 2008 veröffentlichte Mitteilung der EU-Kommission. Dort werden die EU-Interessen an der Region offen beschrieben:
„Die Ressourcen der Arktis könnten dazu beitragen, die Energieversorgungssicherheit und die allgemeine Rohstoffversorgungssicherheit in der EU zu verbessern." (4)
Die strategische Bedeutung der PD 66 ist daran zu erkennen, dass sich nur 4 Wochen später die NATO-Führung in Brüssel traf, um den "New Battleground Arctis" zu beraten.
Bereits am 5. Juni 2009 begann im nördlichen Teil des damals noch bündnisfreien Schweden (5) die Aufstellung einer Übungstruppe aus Deutschland, Finnland, dem Vereinigten Königreich, Italien, Norwegen, Polen, Portugal, Schweden, der Türkei und den Vereinigten Staaten. Zeitgleich erreichte der britische Flugzeugträger HMS Illustrius mit 1.000 Soldaten an Bord die nördlichen Gewässer der Bottnischen Bucht, und am 8. Juni 2009 begann im hohen Norden der finnisch-schwedischen Gewässer die bis dahin größte Luftwaffenübung (6) – nur fünf Flugminuten von St. Petersburg entfernt. Diese große Flugübung im Verbund mit anderen Nationen sei für die NATO Response Force (7) eine einzigartige Gelegenheit, die schnelle Eingreiftruppe der NATO zu trainieren, so der Pressesprecher des NATO-Air-Headquarters Andreas Faas. (8)
Die deutschen Tornados sollten im Rahmen der Übung bodengebundene Luftabwehr, also Radarsysteme, und Luftfahrzeuge mit Raketen bekämpfen, ein Stratotanker der US-Air-Force sowie polnische F-16 landeten auf dem nordschwedischen Luftwaffenstützpunkt in Luleå. Für die insgesamt 50 Militärflugzeuge standen weitere Basen in Norwegen und Finnland zur Verfügung.
Von deutschen Medien kaum erwähnt, endete am 18. Juni 2009 in der nordschwedischen Provinz Norrbotten die Militärübung LOYAL ARROW 2009 (LAW 09). Befehl und Kontrolle dieser NATO-Übung unterstanden dem alliierten Luftwaffenhauptquartier (9) im deutschen Ramstein. Hintergrund dieses Manövers und einer anschließenden US-Operation waren vor allem die durch den Klimawandel leichter zugänglichen Ölreserven im Hohen Norden.
Diese nordschwedische Manöverregion spiegelt die wachsende strategische Wichtigkeit der Arktis wider, die, „wie man schätzt, ein Viertel der Ölvorräte der Erde“ (10) enthält. Somit muss das Manöver als Training von Einsätzen in einem potentiellen Krisengebiet angesehen werden. Für die Menschen in der nördlichsten schwedischen Provinz ist der Kalte Krieg noch nicht vergessen. Russland ist nahe und ein Kampf um die Erschließung der Bodenschätze nicht auszuschließen. Darum ging es auch im Drehbuch der Luftwaffenübung:
Nach dem fiktiven Szenario sollte die NATO dem rohstoffreichen “Bothnia“ helfen, der Bedrohung durch den mächtigen Nachbarn “Lapistan“ entgegenzutreten. Das ließ die Ureinwohner von Nordschweden, die Sami, gegen die NATO protestieren. Sie wollten weder als feindliche Nation genannt werden, noch durch den erfundenen Namen “Lapistan“ an die abwertende Bezeichnung "Lappen" erinnert werden.
US-Operation Northern Edge 2009
Während das NATO-Manöver in Nordschweden in die letzte Phase eintrat, begannen die Vereinigten Staaten am anderen Ende der Arktis ihre Operation Northern Edge 2009. Vom 15. bis 26. Juni wurden von Alaska aus mehr als 200 Flugzeuge, einschließlich B-52, F-16 und Blackhawk-Hubschrauber eingesetzt. Außerhalb des Golfs von Alaska operierte der nuklearangetriebene Superflugzeugträger USS John C. Stennis mit seinen 70 Kampfflugzeugen und einer Crew von über 5.000 Seeleuten. (11)
Mit zunehmendem Klimawandel wird die Nordwestpassage schiffbar
Der Seeweg zwischen Grönland und den kanadischen arktischen Inseln ist die kürzeste Schifffahrtsroute zwischen Atlantik und Pazifik. Die Kontrolle der Nordwestpassage wäre ein enormer strategischer Vorteil und ein potenzieller Konfliktherd zwischen Kanada und Russland. Die Unfähigkeit Kanadas und Dänemarks, ihr arktisches Territorium in einem solchen Konflikt zu verteidigen, ist der Grund für die von Trump vorgeschlagenen Annexionen. (12) Trumps Arktis- und Grönlandpolitik verfolgt primär machtpolitische, militärstrategische und rohstoffpolitische Interessen, die sich in den größeren Wettbewerb der USA mit Russland und China um die Arktis einfügen. Sein wiederholt geäußerte Absicht der „Kontrolle“ oder sogar des Erwerbs Grönlands zielt darauf, diese Interessen dauerhaft und exklusiv abzusichern. (13)
Die Sicherheitsansprüche Amerikas wurden im Januar 2025 auf dem Treffen der kanadischen Ministerpräsidenten diskutiert, bei dem der Regierungschef und erste Minister der kanadischen Provinz Alberta eine gemeinsame kanadisch-amerikanische Basis vorschlug.
In der PD 66 ist unter Abschnitt B "Nationale Sicherheit und Sicherheitsinteressen in der Arktis" festgehalten:
„… die nördliche Seeroute umfasst Meerengen, die für die internationale Schifffahrt genutzt werden. Für die Durchfahrt durch diese Meerengen gilt das Regime der Transitpassage. Die Wahrung der Rechte und Pflichten in Bezug auf Schifffahrt und Überflug in der Arktisregion unterstützt unsere Fähigkeit, diese Rechte weltweit auszuüben, auch durch strategische Meerengen“. (14)
Kontinuität der strategischen Logik
Trumps Arktis‑ und Grönland‑Interesse liegt voll auf dieser von Bush in der "National Security Presidential Directive 66" (PD66) 2009 gezogenen Linie:
Beide sehen die Arktis als Raum wachsender militärischer und ökonomischer Konkurrenz (v.a. mit Russland und später China). Die Kontrolle grönländischer Gewässer stärkt die US‑Position gegenüber Russland und China in der Arktisordnung und beim Schutz neuer Handelsrouten, für den die USA Präsenz, Infrastruktur und Rechtsansprüche ausbauen müssen. (15)
Wo Bush vor allem strategische Ziele und Instrumente (Seemacht, Rechtsposition, Kooperation der Arktisanrainer) formuliert, übersetzt Trump dieselbe Grundlogik in spektakuläre Schritte wie die Aufwertung Grönlands in der US‑Kommandostruktur, zusätzliche Investitionspläne und die offen diskutierte Idee eines Erwerbs. (16)
PD 66 legt fest, dass die USA in der Arktis nationale Sicherheits‑, Wirtschafts‑ und Umweltinteressen verfolgen und eine „aktive und einflussreiche nationale Präsenz“ im hohen Norden aufbauen müssen. (17)
Die Direktive von George W. Bush vom Januar 2009 markiert den strategischen Rahmen, innerhalb dessen Trumps Grönland‑Pläne überhaupt sinnvoll verstanden werden können. Bush definiert darin die USA ausdrücklich als arktische Nation und verankert Arktis‑Sicherheit, Ressourcenzugang und Seeherrschaft als nationale Interessen – Trump knüpft daran an, radikalisiert aber die Mittel (Kauf/„Kontrolle“ Grönlands) und die Rhetorik. (18)
Im März 2020 folgte der 15‑Jahres-Plan Moskaus "Über die Grundlagen der Staatspolitik der Russischen Föderation in der Arktis für die Zeit bis 2035" von März 2020. Darin geht es um die sozio-ökonomische Entwicklung Russlands mittels arktischer Ressourcen. Dazu sollen wissenschaftliche und ingenieurtechnische Lösungen erarbeitet werden, mit denen sich klimawandelbedingte Schäden an der Infrastruktur in der russischen Arktis verhindern lassen. (19)
US-Präsident Barack Obama definierte die Ziele der amerikanischen Arktispolitik im Mai 2013. Sein Strategiepapier zielte auf den Ausbau der arktischen Infrastruktur und die Stärkung der internationalen Zusammenarbeit in der Region. Der hohe Norden sollte eine "konfliktfreie Zone" bleiben, wobei dem "Arktischen Rat" eine wichtige Rolle zugedacht war.
Durch das Schmelzen des "ewigen Eises" vergrößern sich Russland nördliche Außengrenzen.
Präsident Wladimir Putin betonte mehrfach, dass Russland nicht nur der größte Arktisstaat sei, sondern dass auch fast ein Drittel seines Territoriums im Polargebiet liege. Insofern sei Russland der wichtigste Akteur in der Region und die Ausweitung seiner militärischen Aktivitäten dort eine legitime Maßnahme, um nationale Interessen und kritische Infrastruktur zu schützen. Vor allem sind die russischen Einrichtungen zur Förderung und zum Transport von Öl und Gas potentielle Angriffsziele, die es zu verteidigen gilt. Außerdem soll die Nördliche Seeroute als wichtige nationale Wasserstraße den Zugang der eigenen Flotte zu Atlantik und Pazifik gewährleisten.
2013 erhielt die "polare Großmacht" (Xi) China einen Beobachterstatus im "Arktischen Rat" und betreibt seitdem eine ambitionierte Politik im hohen Norden. Im Rahmen der chinesischen "Belt and Road Initiative" (BRI) gilt das Nordpolarmeer – nach dem Landkorridor durch Zentralasien und der maritimen Seidenstraße durch das europäische Mittelmeer – als dritter wichtiger Korridor. Es geht Peking darum, Transportwege zu diversifizieren und über eine Ausweichroute zum ägyptischen Suezkanal zu verfügen.
Werden Rohstoffe und Waren über den Nahen Osten von und nach China verschifft, müssen sie zwischen dem Indischen Ozean und dem Roten Meer die Straße von Bab al-Mandab passieren. Anschließend durchqueren sie den Suezkanal, um ins Mittelmeer zu gelangen. Diese Route ist von großer strategischer Bedeutung für Chinas Handel und Energieversorgung.
Da im Südchinesischen Meer die von den USA beherrschte "Straße von Malakka" im Konfliktfall blockiert werden kann, kommt einer Nordpassage große Bedeutung zu. US-Außenminister Michael Pompeo (2018 bis 2021), vorher "Direktor der Central Intelligence Agency" (CIA) befürchtet, dass es auch in der Arktis zu Militarisierung und Territorialstreitigkeiten kommen könnte.
Das chinesische "Nationale Sicherheitsgesetz" von 2015 gewährleistet die Sicherheit chinesischer Aktivitäten in den Polarregionen (Artikel 32).
Militärische und sicherheitspolitische Dimension der Arktis-Region
Für das US‑Frühwarn- und Raketenabwehrsystem ist Grönland zentral, da die kürzeste Route russischer Interkontinentalraketen über den Pol und damit über Grönland verläuft (das gilt ebenso für Russland). (20)
Die Pituffik Space Base (ehemals Thule Air Base) fungiert als vorgeschobener Außenposten der US‑Luft- und Raumverteidigung und als Knotenpunkt zur Überwachung russischer Raketenstarts und U‑Boot‑Bewegungen. (21)
Pituffik verfügt über einen einsatzfähigen Flugplatz und den nördlichsten Tiefwasserhafen der USA, was den Einsatz von Luft- und Seestreitkräften in der Arktis und im hohen Nordatlantik erleichtert. (22)
Grönland dient als Plattform für Luftbetankung, Aufklärungsflüge, Satellitenkommunikation und ggf. Stationierung zusätzlicher Kräfte, ohne US‑Verbände weit im russischen oder chinesischen unmittelbaren Vorfeld exponieren zu müssen. (23)
Mit der Eisschmelze gewinnen arktische Routen wie Nordwestpassage und transpolare Seewege an Bedeutung; Grönland liegt an diesen Achsen und ermöglicht deren Überwachung sowie den Schutz westlicher Handels- und Versorgungswege. (24)
Die Region beherbergt kritische Unterwasserkabel und potenzielle Energie- und Rohstoffprojekte; grönländische Radar-, Sensor- und Seestreitkräfte unterstützen den Schutz dieser Infrastruktur gegen Sabotage und hybride Bedrohungen. (25)
Trump begründet sein Begehren explizit mit "nationaler Sicherheit" und stellt Grönland als unverzichtbar für die Verteidigung des amerikanischen Festlands dar, bis hin zur Andeutung, notfalls Gewalt in Betracht zu ziehen. (26)
Grönland liegt am Übergang vom Arktischen Ozean zum Nordatlantik und im Umfeld des GIUK‑Gap (Greenland–Iceland–UK), eines klassischen Engpasses für U‑Boot‑ und Flottenbewegungen zwischen Nordatlantik und Nordmeer. (27)
Mit dem Abschmelzen des Eises werden nördliche Schifffahrtsrouten wirtschaftlich attraktiver; die Kontrolle grönländischer Gewässer stärkt die US‑Position gegenüber Russland und China in der Arktisordnung und beim Schutz neuer Handelsrouten. (28)
Neben den ins Augen stechenden strategischen Vorteilen verfügt Grönland über bedeutende unerschlossene Vorkommen an Erdöl, Gas, Uran, seltenen Erden und anderen kritischen Mineralien, die für Hochtechnologie, Rüstung und Energiewende zentral sind. (29)
In Analysen wird Trumps Interesse mit der Chance verbunden, amerikanischen Unternehmen bevorzugten Zugang zu diesen Ressourcen zu verschaffen und gleichzeitig Chinas Dominanz bei seltenen Erden zurückzudrängen. (30)
Grönlands Potenzial als alternativer Lieferant kritischer Rohstoffe passt in Trumps wirtschaftsnationalistische Agenda, Wertschöpfungsketten von China weg in den US‑Einflussbereich zu verlagern. (31)
Mit der harten Rhetorik gegenüber Dänemark und der Bereitschaft, auch den Erwerb gegen den Willen Kopenhagens zu thematisieren, offenbart Trump, dass er traditionelle Verbündete wie Geschäfts- oder Machtpartner nicht als gleichberechtigte Partner, sondern als Vasallen betrachtet. (32)
Trumps Grönland‑Politik soll die US‑Dominanz in der Arktis gegenüber Russland und China sichern, indem militärische Schlüsselpositionen, neue Handelsrouten und strategische Rohstoffe unter möglichst exklusive US‑Kontrolle kommen. (33)
Grönlands Einbindung in NATO‑Strukturen und die Blockierung chinesischer Investitionen in strategische Rohstoffprojekte werden dabei als Hebel gesehen, westliche bzw. US‑Dominanz im hohen Norden langfristig zu verfestigen. (34)
Grönland verschafft den USA einen herausragenden Vorposten für Raketenfrühwarnung, Raumlagebild und Kontrolle des Nordatlantiks inklusive GIUK‑Gap, also der zentralen maritimen Nachschubrouten zwischen Nordamerika und Europa. Zugleich eignet sich die Insel als Plattform, um russische U‑Boote, Luft- und Seestreitkräfte sowie zukünftige arktische Schifffahrtsrouten zu überwachen und im Krisenfall zu sperren. (35)
Kontrolle des GIUK‑Gap und U‑Boot‑Abwehr
Grönland bildet die nördliche Flanke des GIUK‑Gap (Greenland–Iceland–UK), eines klassischen maritimen Engpasses, über den russische U‑Boote und Überwasserschiffe aus der Barentssee in den Atlantik auslaufen müssen. (36)
Militärische Infrastruktur und Sensorik auf Grönland unterstützen U‑Boot‑Jagd (ASW), See- und Luftlagebild im Nordatlantik, um im Konfliktfall Nachschub- und Verstärkungslinien zwischen USA und Europa zu schützen. (37)
Durch die Verlagerung der Zuständigkeit für Grönland zu US Northern Command wird die Insel explizit als Teil der tiefengestaffelten Verteidigung des amerikanischen Homeland betrachtet. (38)
In dieser Logik fungiert Grönland als vorgeschobene „Frühwarn- und Pufferzone“ vor Nordamerika, in der gegnerische Angriffe früh erkannt und maritime sowie luftgestützte Bedrohungen möglichst weit draußen abgefangen werden sollen. (39)
Kontinuität der strategischen Logik
Trumps Arktis‑ und Grönland‑Interesse liegt voll auf dieser von Bush gezogenen Linie: beide sehen die Arktis als Raum wachsender militärischer und ökonomischer Konkurrenz (v.a. mit Russland und später China), in dem die USA Präsenz, Infrastruktur und Rechtsansprüche ausbauen müssen. (40)
Wo Bush vor allem strategische Ziele und Instrumente (Seemacht, Rechtsposition, Kooperation der Arktisanrainer) formuliert, übersetzt Trump dieselbe Grundlogik in spektakuläre Schritte wie die Aufwertung Grönlands in der US‑Kommandostruktur, zusätzliche Investitionspläne und die offen diskutierte Idee eines Erwerbs. (41)
Schon Bushs Direktive hebt die Bedeutung von Seewegen, Offshore‑Ressourcen und militärischer Präsenz im Arktikraum hervor – Grönland ist hierfür der geographisch zentrale US‑Brückenkopf (Frühwarnsysteme, Projektion von Seemacht, Zugang zum Nordatlantik und Arktischen Ozean). (42)
Trumps Grönland‑Pläne sind daher weniger eine „Laune“, sondern die zugespitzte Form eines bereits 2009 festgeschriebenen Trends: die USA definieren die Arktis – mit Grönland im Zentrum – als Teil ihres erweiterten nationalen Raums, den sie politisch, rechtlich und ggf. territorial stärker unter eigene Kontrolle bringen wollen. (43)
Ende der 2000er begannen deutsche Thinktanks und parteinahe Stiftungen, Arktisfragen stärker sicherheitspolitisch zu rahmen – im Fahrwasser von Bushs Arktis‑Direktive 2009, wachsendem Interesse an Rohstoffen und sich abzeichnenden Großmachtrivalitäten in der Region.
Seit Beginn des russisch-ukrainischen Konflikts 2014 war Russland nicht an den jährlichen Treffen des "Runden Tischs" der arktischen Sicherheitskräfte (Arctic Security Forces Roundtable, ASFR) beteiligt, und der Stab der arktischen Verteidigungschefs (Arctic Chiefs of Defence Staff, ACDS) hat seit 2013 nicht mehr getagt. (44)
Kampf um die Arktis? Expertentagung der Hanns-Seidel-Stiftung (CSU)
11 Monate nach der Präsidentendirektive von George W. Bush und 5 Monate nach den Großmanövern im Hohen Norden fand am 10. Dezember 2009 in der "Hanns-Seidel Stiftung – Akademie für Politik und Zeitgeschehen" in Wildbad Kreuth die Expertentagung "Kampf um die Arktis" unter der Leitung des versierten Bernd Rill statt.
Im Plenum saß die Regierungsberaterin und Analystin der deutschen wie der transatlantischen Außen- und Sicherheitspolitik Frau Prof. Dr. Haftendorn und der ehemalige Brigadegeneral Dr. Freiherr von Oer. Der promovierte Physiker von Oer war Leiter von Operations Research (OR) der Bundeswehr, eine Dienststelle, die den Einsatz quantitativer Modelle und Methoden zur Entscheidungsunterstützung unter Anwendung von Angewandter Mathematik, Wirtschaftswissenschaften und Informatik entwickelt. Auch der Verfasser dieses Artikels war eingeladen.
Auf dem Podium neben Bernd Rill der umtriebige, damals 41-jährige Carlo Masala, Professor für "Internationale Politik" an der Universität der Bundeswehr München sowie zwei Professoren des Alfred-Wegener-Instituts, das sich auf die Erforschung der Polargebiete und der sie umgebenden Meere spezialisiert hat. Gleich zu Beginn der Veranstaltung hinterfragte der Physiker von Oer die Aussagen der Vertreter des Wegener-Instituts hinsichtlich der Forschungsergebnisse, was jedoch unbeantwortet blieb.
Es wurde allgemein besonders betont, dass sich unter der Arktis keine nennenswerten Ressourcen befänden.
Daraufhin meldete sich Wolfgang Effenberger mit dem Hinweis, dass zumindest eine einflussreiche Persönlichkeit die weltgrößten Ressourcen unter dem arktischen Eis vermutet, was vom Podium und vom Plenum mit großem Gelächter quittiert wurde. Wolfgang Effenberger klärte dann auf, dass es sich bei dieser Persönlichkeit um den US-Präsidenten George W. Bush handele, der diese Aussage sogar als Präsidentendirektive 66 am 9. Januar in Kraft gesetzt habe. Auch wenn es dort wirklich keine Ressourcen gäbe, dann hätte die Direktive doch maßgeblichen Einfluss auf die geplanten US-Stützpunkte und die gesamte Sicherheitsarchitektur der Arktis.
Wolfgang Effenberger bot Herrn Masala den Ausdruck der PD 66 sowie die aktualisierten US-Marine-Strategie-Papiere zum Kopieren und zur anschließenden Verteilung an die Teilnehmer an, was dieser mit einem amüsierten Lächeln ablehnte, da es sich doch nur um Papier handeln würde. Dieses hochmütige Verhalten einem 22 Jahre älteren ehemaligen Offizier mit Einblick in das geplante atomare Gefechtsfeld in Europa gegenüber war befremdlich, wurde jedoch vom Plenum – bis auf Herrn von Oer – hingenommen.
Süddeutsche Zeitung 2009: Es wird keinen Kampf um die Arktis geben
Am 13. Dezember 2009 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Bericht über die Tagung in Wildbad Kreuth, der mit der Zusammenfassung endete, dass es keinen Kampf um die Arktis geben werde.
Inzwischen hat nach Hillary Clinton und Barack Obama Donald Trump den amerikanischen Anspruch auf die Arktis angemeldet, und da sicher nicht deshalb, weil man dort Eisbären jagen möchte.
Durch die Klimaerwärmung werden die dort vermuteten Ressourcen mehr und mehr zugänglich, und der 2009 noch belächelte „Kampf um die Arktis“ beginnt. Vielleicht haben die vielfältigen Geo-Engineering-Operationen auch das Ziel, das arktische Eis zum Schmelzen zu bringen und sich die Ressourcen darunter zu sichern? Auf jeden Fall sollten Amerikas „Sicherheitsinteressen“ in Grönland und darüber hinaus endlich ernst genommen werden.
Sicherheitsexperte Carlo Masala: von keiner Talkshow wegzudenken
Mit "Nachgefragt"-Moderatorin Frau Hauptmann Beate Schöne sprach Sicherheitsexperte Carlo Masala über die sicherheitspolitische Lage nach der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025. Das YouTube-Format "Nachgefragt" wurde nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 gestartet. Zunächst drehte sich "Nachgefragt" ausschließlich um die mit dem Krieg in der Ukraine verbundenen Fragen, nach den islamistischen Terrorattacken auf Israel im Oktober 2023 wurde das Format erweitert. Aktuell werden Informationen zu „Krise, Krieg und Konflikte“ vermittelt.
Im Gespräch mit Beate Schöne warnte Masala vor fundamentalen Herausforderungen:
„Wir haben transatlantische Beziehungen, die sich jetzt unter dieser Trump-Administration möglicherweise nachhaltig verändern. Wir haben einen Gegner Russland, der die europäische Sicherheitsordnung militärisch bedroht, und wir haben dann, weit weg in Asien, mit China einen Akteur, der die internationale Ordnung auf den Kopf stellen will.“ (45)
Für Masala ist die Bundeswehr ein wichtiges Instrument, um Deutschland außen- und sicherheitspolitisch zu positionieren. Diese sei aber unterfinanziert und personell nicht gut ausgestattet. Aber eine nachhaltige Finanzierung der Streitkräfte koste viel Geld, und auch die Unterstützung der Ukraine sei teuer. Eine Erhöhung des Verteidigungshaushalts sei nötig, aber nicht ausreichend. Masala nannte unter anderem die Einführung eines zusätzlichen Solidaritätszuschlags für Verteidigung und ein Aussetzen der Schuldenbremse als Lösungsansätze.
„Ich glaube, wir müssen alle Instrumente nutzen, um diesen enormen Finanzbedarf, der auf uns zukommt, auch decken zu können.“
Dazu müsse sich auch die Einstellung der Bevölkerung zu sicherheits- und außenpolitischen Themen ändern, sagt Masala. Die politische Führung müsse den Deutschen erklären, warum es wichtig sei, sich außen- und sicherheitspolitisch neu auf- und einzustellen sowie die Bundeswehr nachhaltig zu finanzieren und auszustatten. Der Sicherheitsexperte betont:
„Wenn die Bevölkerung nicht mitgeht, dann wird es schwierig.“ (46)
Eine desinformierte Bevölkerung kann zwar mittels Propaganda in einen Krieg hineinmanipuliert werden – Sollten jedoch den Menschen hierzulande die strategischen Hintergründe bewusst werden, können und sollten sie nicht mitgehen! Dann wird es zwar für die Kriegsfraktion schwierig, aber der Frieden hätte eine Chance.
Anmerkungen und Quellen
Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm: „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020) sowie "Die unterschätzte Macht" (2022)
1) https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A50/
2) https://irp.fas.org/offdocs/nspd/nspd-66.htm, nicht mehr zugänglich, Dokument ist von Wolfgang Effenberger archiviert
3) https://irp.fas.org/offdocs/nspd/nspd-66.htm, nicht mehr zugänglich, Dokument ist von Wolfgang Effenberger archiviert
4) Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat: Die Europäische Union und die Arktis, KOM (2008) 763 endgültig, Brüssel, 20.11.2008, S. 7.
5) Allied Air Component Command HQ Ramstein, April 9, 2009
6) Barents Observer, June 8, 2009
7) Die NATO Response Force (NRF) ist eine Eingreiftruppe der NATO, die in zeitlich hoher Verfügbarkeit durch ihren modularen Aufbau in einem breiten Spektrum möglicher Operationen eingesetzt werden kann
8) Güth, Katja: NATO-Manöver im bündnisfreien Schweden, unter https://www.bing.com/search?pglt=297&q=G%C3%BCth%2C+Katja%3A+NATO-Man%C3%B6ver+im+b%C3%BCndnisfreien+Schweden&cvid=8e6feae099994220ac34023307e1c77b&gs_lcrp=EgRlZGdlKgYIABBFGDkyBggAEEUYOdIBCDEyMjdqMGoxqAIAsAIA&FORM=ANNTA1&adppc=EDGEBRV&PC=EDGEBRV
9) Headquarter (HQ) von Joint Force Air Component (JFAC) in Ramstein
10) Christian Science Monitor, June 11, 2009
11) Fairbanks Daily News-Miner, June 12, 2009
13) https://defence24.com/index-9
14) https://irp.fas.org/offdocs/nspd/nspd-66.htm, nicht mehr zugänglich, Dokument ist von Wolfgang Effenberger archiviert
15) https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A50/
16) https://internationalepolitik.de/de/europa-zeigt-der-arktis-politik-flagge
17) https://www.arctic-report.net/product/usa-untersteichen-ihr-nationales-interesse-an-der-arktis/
18) https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2009/01/20090112-3.html
19) https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A50/
23) https://www.politico.com/news/2025/06/02/pentagon-greenland-northern-command-00381223
24) https://www.belfercenter.org/research-analysis/explainer-geopolitical-significance-greenland
25) https://amandavandyke.substack.com/p/why-the-giuk-gap-matters-a-strategic
26) https://www.cnn.com/2026/01/07/politics/us-greenland-trump-denmark-history-hnk
27) https://defence24.com/index-9
29) https://www.thearcticinstitute.org/trump-greenland-logic-chaos/
30) https://rsdi.ae/en/publications/arctic-crosscurrents-greenland-in-the-era-of-strategic-realignment
31) https://www.thearcticinstitute.org/trump-greenland-logic-chaos/
32) https://www.bbc.com/news/articles/c74x4m71pmjo
33) https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/BRIE/2025/769527/EPRS_BRI(2025)769527_EN.pdf
35) https://www.belfercenter.org/research-analysis/explainer-geopolitical-significance-greenland
36) https://en.wikipedia.org/wiki/GIUK_gap
38) https://breakingdefense.com/2025/06/trump-shifts-greenland-from-eucom-to-northcoms-responsibility/
39) https://www.politico.com/news/2025/06/02/pentagon-greenland-northern-command-00381223
40) https://www.swp-berlin.org/10.18449/2020A50/
41) https://internationalepolitik.de/de/europa-zeigt-der-arktis-politik-flagge
42) https://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2009/01/20090112-3.html
43) https://www.imi-online.de/2009/04/20/streit-um-bodenschae/
44) Andere bestehende regionale Plattformen, an denen Russland weiterhin teilnimmt, nämlich der "Arktische Rat", der "Euro-Arktische Barents-Rat" (Barents Euro-Arctic Council, BEAC) und das "Arktische Küstenwachenforum" (Arctic Coast Guard Forum, ACGF), befassen sich nicht mit Fragen harter Sicherheit
45) https://www.bundeswehr.de/de/aktuelles/meldungen/nachgefragt-masala-sicherheitspolitik-deutschland-europa-5894548; https://www.bundeswehr.de/de/mediathek/nachgefragt-masala-sicherheitspolitik-deutschland-europa-5894562
46) Ebda.
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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung dieses Beitrags.
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Bild: George W. Bush (US-Präsident von 2001–2009)
Bildquelle: Jason and Bonnie Grower / shutterstock
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