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Trumps "6-Punkte-Programm" verursacht geopolitisches Erdbeben | Von Wolfgang Effenberger

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Ein Standpunkt von Wolfgang Effenberger.

Am 27. August 2025 setzte US-Präsident Donald Trump mit seinem "6-Punkte-Programm" nicht nur die USA, sondern auch die Welt in Erstaunen. Zahlreiche Beobachter bewerten dieses Programm als potenziell „geopolitisches Erdbeben“, (1) da es tiefgreifende Veränderungen der US-Innen- und Außenpolitik vorsieht, die internationalen Einfluss haben könnten. (2) Die jüngsten Pläne Trumps sind eng mit dem Konzept „Project 2025“ sowie Elementen der „Agenda 47“ verknüpft, die in den vergangenen Monaten als Blaupause für seine nächste Amtszeit diskutiert wurden. Sie sehen vor: (3)

Kernpunkte von Trumps "6-Punkte-Programm" 

1.     Starke Machtbündelung in der Exekutive

und den Umbau vieler Regierungsinstitutionen, darunter eine deutliche Schwächung oder gar Auflösung von Ministerien wie Bildung, Handel, FBI und Homeland Security.

2.     America First-Kurs

in der Handelspolitik mit neuen Strafzöllen, wirtschaftlichem Protektionismus und massiven Steuersenkungen für Unternehmen und Spitzenverdiener. (4)

3.     Abbau von Arbeitsrechten

und Lockerung von Mindestlohnschutz, was Auswirkungen auf internationale Märkte und auf Produktionsstandorte haben kann.

4.     Konfrontativer außenpolitischer Kurs mit Elementen des Isolationismus:

Ein Ziel ist, „dumme Kriege“ zu vermeiden, aber zugleich Einfluss durch gezielte Militäraktionen (z.B. jüngst im Iran) und harte Verhandlungen auszuüben. (5)

5.     Veränderung der Position der USA in strategischen Konflikten,

etwa die US-Rolle in der Ukraine und gegenüber Russland, mit der Option, (6) Friedensgespräche auch gegen Widerstände aus Europa wieder aufzunehmen oder Sicherheitsgarantien zu revidieren. (7)

6.     Kultureller und gesellschaftlicher Umbau nach konservativen Werten,

einschließlich Einflussnahme auf Bildungspolitik sowie Einschränkung diversitäts- und gleichstellungsfördernder Maßnahmen. (8)

Fast alle Punkte betreffen die Innenpolitik der USA. Der außenpolitische Erdrutsch ist in den Punkten 4 und 5 versteckt, so dass deren Tragweite (z.B. ein vollständiger Rückzug der USA aus dem Ukraine-Konflikt) nicht sofort erfasst wird.  Während in den USA manche darin sogar eine „zweite Amerikanische Revolution“ sehen, prüfen US-Verbündete wie Japan, Südkorea, Australien und europäische NATO-Mitglieder strategische Alternativen und bereiten sich auf ein „neues transatlantisches Verhältnis“ vor, da sie mit einer Reduzierung des US-Engagements rechnen müssen. (9) Viele Analysten sprechen von einer weltpolitischen Zeitenwende, sollten die Pläne tatsächlich umgesetzt werden. (10) Unsicherheit macht sich bei Europas Regierungen und internationalen Organisationen breit, etwa im Ukraine-Konflikt oder in den transatlantischen Beziehungen. (11)

Trumps 6-Punkte-Programm signalisiert in der Tat weitreichende Veränderungen, die noch gar nicht abgeschätzt werden können. Sowohl der radikale Umbau der US-Regierung wie auch außenpolitische tektonische Verschiebungen der globalen Machtverhältnisse werden die Weltmärkte und internationale Partner mit erhöhter Unsicherheit und Neuausrichtungen reagieren lassen. (12)

Dieser radikale Umbau scheint das zu bestätigen, was Analysten schon lange haben kommen sehen: Die USA haben einen hohen Schuldenstand bei einer mehr oder weniger stagnierenden Wirtschaft (außer Rüstungsindustrie) erreicht, der diesen Umbau notwendig macht und den Rückzug in den Isolationismus nahelegt. (13)

Bedeutung für die US-Innenpolitik

Innenpolitisch sieht Trumps Programm eine restriktive Einwanderungspolitik vor, darunter den Ausbau der Grenzmauer, Massenabschiebungen, die komplette Schließung der Südgrenze und die Streichung von Sozialleistungen für Migranten ohne Papiere. (14)

Einsparungen beim Sozialstaat sollen durch Kürzungen bei Programmen für Migranten und Diversity-Maßnahmen erfolgen, Medikationskosten sollen durch mehr staatliche Kontrolle gesenkt und bestimmte Investments in der Altersvorsorge verboten werden.

Diese Punkte stammen zum Teil aus Trumps offiziellen Dekreten und Reden seit seinem Amtsantritt und spiegeln die Linie von Project 2025 und der sogenannten Agenda 47 wider. (15)

Vorgesehen sind die Umstrukturierung von FBI und Justizministerium, harte Maßnahmen gegen „linke“ Staatsanwälte sowie der Einsatz der Nationalgarde bei hoher Kriminalität in Städten.
Trump plant die Abschaffung des Bildungsministeriums, Eingriffe in die Lehrinhalte, Vermittlung „patriotischer Werte“ in Schulen, das Streichen von Diversitätsprogrammen sowie ein neues Akkreditierungssystem für Hochschulen nach konservativen Kriterien. Maßnahmen wie die Abschaffung von Diversity- und Gleichstellungsprogrammen sowie die Einflussnahme auf Bildungsinhalte werden auf Widerstand von Bildungsverbänden, Gewerkschaften und Teilen der Zivilgesellschaft stoßen und könnten Proteste auslösen, insbesondere wenn sie als Angriff auf Minderheitenrechte gesehen werden.

Eine protektionistische Wirtschafts- und Handelspolitik sieht pauschale Strafzölle auf Importe, ein Buy-American-Prinzip für Bundesbehörden, Restriktionen gegen chinesisches Eigentum und Steuererleichterungen für US-Unternehmen vor.

Insbesondere die verschärfte Einwanderungs- und Grenzpolitik, der erweiterte Einsatz der Nationalgarde und erweiterte Polizeibefugnisse sowie die beabsichtigte kulturelle und gesellschaftliche Umbaupolitik gelten als potenzielle Auslöser für innenpolitische Unruhen, da sie direkt gesellschaftliche Konfliktlinien berühren und – z.B. von mächtiger Hand koordinierte Protestbewegungen herausfordern könnten, wie beispielsweise die weltweiten „Black-Lives-Matter" Demonstrationen (Rockefellerfoundation): (16) Angekündigte Massenabschiebungen, verschärfte Razzien durch Bundesbehörden und radikale Einschränkungen der Rechte für Migranten haben bereits zu Protesten in den betroffenen Stadtvierteln geführt.

Neue Strafzölle auf Importe und protektionistische Maßnahmen seitens der USA könnten das transatlantische Handelsvolumen und verschiedene Wirtschaftsbranchen empfindlich stören.

Bedeutung für die US-Außenpolitik

Durch die außenpolitische Neuausrichtung und Militärpolitik wird aller Voraussicht nach die Finanzierung der Ukrainehilfen beendet (was inzwischen die Mehrheit der US-Bevölkerung begrüßen würde); Friedensverhandlungen mit Russland könnten forciert, die Mission der NATO neu bewertet und das amerikanische Engagement in internationalen Konflikten überdacht werden.

Trumps sechs Maßnahmen könnten die US-Beziehungen zu Europa auf mehreren Ebenen grundlegend verändern, vor allem bei Sicherheit, Handel und politischer Koordination. (17)

In Europa könnten die USA ihre militärische Präsenz deutlich verringern und Sicherheitsgarantien (Artikel 5 des NATO-Vertrags) nur noch gegen direkte Zahlungen oder militärische Investitionen der Europäer gewähren. (18)

Ein Ende der Ukraine-Hilfe und eigenständige Friedensverhandlungen der USA mit Russland werden voraussichtlich die Glaubwürdigkeit des Bündnisses schwächen. (19) Es ist davon auszugehen, dass die transatlantisch (Obama/Biden Connection) verbundenen europäischen Eliten rasch mehr eigene Verantwortung übernehmen wollen, etwa durch höhere Verteidigungsausgaben, neue Rüstungsprojekte und eventuell den Aufbau eigener nuklearer Abschreckung. (20)

Die Amerika-First-Politik könnte neue Konflikte bei der Regulierung von Tech-Unternehmen, Datenschutz und Klimapolitik auslösen und gemeinsame Initiativen wie den EU-US-Technologierat beenden. (21)

So droht den US-Europabeziehungen unter diesen Maßnahmen ein massiver Bruch bei Sicherheit, Wirtschaft und politischer Abstimmung, der Europa zu mehr Eigenständigkeit und neuen strategischen Allianzen zwingen würde. (22)

Die außenpolitische Neuausrichtung und Militärpolitik von Trump, insbesondere das Ende der Ukraine-Hilfen, Friedensverhandlungen mit Russland und eine Neubewertung des NATO-Engagements, könnte die Geopolitik wesentlich verändern und hat bereits deutliche Reaktionen aus Moskau und Peking hervorgerufen. (23)

Die zu erwartenden geopolitischen Veränderungen durch Punkt 5 – die US-Rolle gegenüber Russland mit der Option, (24) Friedensgespräche auch gegen Widerstände aus Europa wieder aufzunehmen oder Sicherheitsgarantien zu revidieren (25) – werden vermutlich zu einer  Abschwächung des westlichen Zusammenhalts im Ukraine-Krieg führen, da die USA weniger direkte militärische Unterstützung leisten und eigene Gespräche mit Russland suchen, was die Position Europas schwächt (26) - eine Position, die seit dem vom Westen orchestrierten Putsch 2013/14 in Kiew ohnehin auf sehr schwachen Füßen steht. Diesen Konflikt hat maßgeblich die EU bzw. Deutschland mitzuverantworten: Das MinskII-Abkommen von 2015 sollte dem Donbass weitgehende Autonomie bringen. Voller Stolz erklärte die ehemalige Kanzlerin am 7. Dezember 2022, 8 Monate nach Beginn der Kampfhandlungen, dass es nie die Absicht gab, diese Abkommen umzusetzen. Es ging ausschließlich darum, der Ukraine Zeit zu geben, sich auf diesen Krieg vorzubereiten.

Da von der EU keinerlei Friedensfühler ausgestreckt werden, birgt die Intiative Trumps die Hoffnung, dass US-Verhandlungen und US-Friedensinitiativen diesen Konflikt beenden könnten.

Russland wird von seinen Forderungen wie die Anerkennung des Donbass oder eine NATO-freie Ukraine nicht ablassen, und so wird, wird es in Europa eine Neuordnung der Sicherheitsarchitektur in geben müssen (27) - die Alternative wäre ein sich lange hinziehender Krieg, der im atomaren Feuer enden könnte.

Reaktionen aus Moskau und Peking

Russland reagiert bislang gelassen und sieht die Maßnahmen als Chancen, auf Augenhöhe mit den USA zu verhandeln; man wertet den diplomatischen Umgang als Erfolg für Putin.

Russische Politiker lehnen Druck und Ultimaten ab, warnten jedoch vor Eskalationen, wenn die USA zu aggressiv vorgehen. Die politische Führung bleibt bei ihren Forderungen und sieht Trumps neuen Kurs als taktische Verschiebung. (28)

Die Verlegung von US-Atom-U-Booten wird als rhetorischer Machtkampf gewertet, jedoch nicht als unmittelbare Kriegsvorbereitung. (29)

China lehnt einseitige US-Sanktionen strikt ab und warnt vor Eskalationen im Zollkrieg. Die chinesische Regierung unterstreicht Dialog und Verhandlungen als einzige Lösung und baut gleichzeitig die Partnerschaft zu Russland weiter aus. (30)

Peking sieht sich durch Trumps Sanktionen zwar unter Druck, zeigt sich aber solidarisch mit Moskau und vermeidet eine direkte Konfrontation mit den USA.

So könnte Trumps außenpolitische Neuausrichtung und Militärpolitik die geostrategische Lage instabil machen, europäische und transatlantische Bündnisse herausfordern und gleichzeitig Russland und China ermutigen, ihre Positionen zu stärken und gemeinsame Gegengewichte zu bilden. Die außenpolitische Neuausrichtung aus Trumps fünftem Punkt, insbesondere die Beendigung der Ukraine-Hilfen, Friedensverhandlungen mit Russland und die Reduzierung des US-Engagements in der NATO, könnte die Geopolitik nachhaltig verändern. Dies könnte eine Schwächung des westlichen Bündnisses bedeuten, Europa mehr Eigenverantwortung aufbürden und zu Verhandlungen führen, die Russlands Forderungen etwa nach Anerkennung des Donbass und einem NATO-Verbot in der Ukraine mehr Gewicht geben. (31)

Sollten sich die USA jedoch auf eine härtere Militärpolitik einigen, wird Moskau vermutlich mit verschiedenen unmittelbaren Gegenschritten reagieren, die sowohl militärische als auch strategische und politische Elemente umfassen: (32)

Insgesamt zielen Moskaus Gegenschritte darauf ab, seine strategische Position zu stärken, den Westen einzuschüchtern und eine bewaffnete Eskalation möglichst unter Kontrolle zu halten, ohne direkt einen großen Krieg mit der NATO zu riskieren.

Bedeutung für die europäischen NATO-Länder und die EU

Eine außenpolitische Neuausrichtung der USA würde die US-Militärpräsenz in Europa voraussichtlich signifikant verringern und die europäische Sicherheitspolitik vor große Herausforderungen stellen. (33)

Die USA könnten ihre heute rund 100.000 Soldatinnen und Soldaten in Europa zurückziehen oder deutlich verringern, um sich stärker dem pazifischen Raum zu widmen. Dies würde die militärische Rückendeckung Europas durch die USA schwächen. (34)

Das wird dazu führen, dass die friedensunfähige, dafür aber umso kriegswilligere europäische Elite nach schnellem Ausbau von Europas Verteidigungsfähigkeiten, mehr Luftverteidigung, Rüstungsproduktion und militärischer Infrastruktur rufen wird. Die ganz Unerschrockenen werden möglicherweise eigene nukleare Abschreckungsmittel entwickeln wollen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius meint es mit der Kriegsertüchtigung Deutschlands ernst. Er will für bis zu 25 Milliarden Euro 1.000 Leopard-2-Panzer und außerdem 2.500 Transportpanzer beschaffen. Der Radpanzer wird bei der Bundeswehr heute schon vor allem als Gruppentransporter eingesetzt, kann bis zu 10 Soldaten befördern. Hergestellt werden sollen die Fahrzeuge von Rheinmetall und der Firma KNDS N.V. (vormals KMW+Nexter Defense Systems N.V). Dieser niederländische Rüstungskonzern mit Sitz in Amsterdam entstand aus einer Fusion von Krauss-Maffei-Wegmann und Nextr und ist je zur Hälfte im Besitz der französischen Agence des participations de l’État und der Wegmann-Gruppe. (35)

Produziert werden die Radpanzer in der ehemaligen Waggonbaufabrik Görlitz. Dort gibt es neben der Endprüfhalle einen Gleisanschluss; von daher geht es über den Güterbahnhof Horka (als Sammelstelle für Kriegstransporte) zur evtl. Anbindung an die NATO Trasse.

Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder fordert: „Deutschland braucht einen Schutzschirm mit Präzisionswaffen. Dazu gehören eine moderne Drohnen-Armee mit 100.000 Drohnen und ein Abwehrschild nach Art des ‚Iron Dome‘ mit 2000 Abfangraketen. Dazu sollten wir mit der Ukraine und Israel kooperieren und deren Erfahrungen nutzen.“ (36)

Mit Sicherheit wird eine außenpolitische Neuausrichtung der USA zu einem tiefgreifenden Wandel der transatlantischen Sicherheitsstruktur führen und Europa vor die Herausforderung stellen, seine militärische und politische Handlungsfähigkeit deutlich zu erhöhen, anstatt Friedenswege zu erkunden.

Europa könnte auf verschiedene Weise unmittelbar in einen US-Russland/China-Konflikt hineingezogen werden, vor allem aufgrund seiner geographischen Lage, engen transatlantischen Beziehungen und politisch-militärischen Verflechtungen. (37)

Eine gleichzeitige Eskalation mit Russland in Europa und China im asiatisch-pazifischen Raum könnte Europa durch Truppenverlegungen und Logistik in die direkte Konfrontation hineinziehen. (38)

Angriffe oder Bedrohungen gegen US-Stützpunkte in Europa könnten Europa unweigerlich in den Brennpunkt eines größeren Konflikts rücken. (39)

Europa ist durch seine geopolitische Lage, die NATO-Mitgliedschaft und enge Bindungen an die USA besonders anfällig, durch verschiedene Eskalationspfade unmittelbar in einen US-Russland/China-Konflikt hineingezogen zu werden.

Gründe für steigende Risiken

Die weitere Eskalation – so die Stationierung der US-Hyperschallwaffen des Typs Dark Eagle 2026 auf dem Gebiet der Bundesrepublik – gekoppelt mit Drohkulissen erhöht die Chancen für Fehlkalkulationen und unbeabsichtigte militärische Einschätzungsfehler, die schnell zu direkter Konfrontation führen können. (40)

Die Konflikte um strategisch wichtige Regionen wie Taiwan (im Fall Chinas) und die Ukraine (im Fall Russlands) bergen immer noch ein hohes Eskalationspotenzial. (41)

Wenn auch im Westen das US-Strategiepapier „Win in a Complex World 2020-2040“ vom September 2014 (Obama/Biden) kaum bekannt ist, in Moskau und in Peking wird es sicherlich wahrgenommen. 

Weitere Sanktionen, Exportkontrollen und technologische Konkurrenz, besonders mit China, werden die Politik der Abschreckung verschärfen und weiter dazu führen, dass nationale Interessen aggressiver als zuvor verteidigt und geopolitische Allianzen vertieft werden.

Um den USA entgegenzuwirken vertiefen Russland und China sichtbar ihre Zusammenarbeit , was zu einer verstärkten Polarisierung und einem antagonistischen Machtblock führen wird, der die Wahrscheinlichkeiten für Zusammenstöße steigen lässt. (42)

Regionen mit konkrete Eskalationsrisiken durch verstärkte Präsenz und Manöver wären die Ostsee, das Schwarze Meer, das Südchinesisches Meer und die Taiwanstraße. (43)

Insgesamt führt eine härtere US-Militärpolitik zu einer dynamischen, schwer kontrollierbaren Eskalationsspirale, bei der das Risiko eines direkten militärischen Zusammenstoßes sowohl mit Russland als auch mit China deutlich ansteigt. (44)

Europa unternimmt aktuell keine eigenständigen Friedensvorstöße im Ukraine-Krieg, da die beteiligten Staaten und Institutionen den Weg zum Frieden nur im Einvernehmen mit der Ukraine sehen und die Beteiligung Kiews als unabdingbar für legitime Verhandlungen betrachten. (45)

Eine europäische Vermittlerrolle scheint momentan ausgeschlossen

Unisono betont die europäische Polit-Elite, dass die Ukraine das Recht hat, über ihr Schicksal zu entscheiden, und jede Friedenslösung nur mit Kiew als gleichberechtigtem Partner erarbeitet werden kann. Friedensverhandlungen ohne Ukraine würden als unzulässig gelten. (46)

Bisher kooperieren die europäischen Regierungen eng mit den USA und der Ukraine, unterstützen militärisch und finanziell die ukrainische Seite und lehnen einseitige Verhandlungen oder Absprachen mit Russland ohne Kiew ab. (47) Viele europäischen Staaten sehen sich in der Pflicht, die territoriale Integrität der Ukraine zu sichern (wie Deutschland im Beistandspakt vom 16. Februar 2023) und fürchten, dass eigenständige Verhandlungsvorschläge ohne die Ukraine den Eindruck von Kapitulation vermitteln könnten. (48)

Die Ukraine als gleichberechtigter Partner?

Ist die Vorgeschichte der Ukraine vergessen? 1954 schob Kremlchef Chruschtschow die Krim eigenmächtig zur Ukraine – was kaum Auswirkungen zeigte, da der Sowjetpass weiterhin gültig blieb. Im Januar 1991 beantragte die Krim die Eigenständigkeit (erfolglos), im Dezember 1991 die Ukraine (mit Erfolg)

Vor dem Putsch 2014 hatte die Ukraine hinsichtlich Korruption und demokratischer Qualität im internationalen Vergleich einen schlechten Rang. Im Corruption Perceptions Index (CPI) von Transparency International aus dem Jahr 2013 belegte die Ukraine Platz 144 (auf einer Stufe mit Ländern wie Kamerun oder Nigeria) von 177 Ländern mit einem sehr niedrigen Wert von 25 von 100, was auf ein hohes Korruptionsniveau hinwies. (49) Das Rechtssystem war ineffizient, Bestechungsgelder und Kriminalität waren weit verbreitet (50), was die Rechtsstaatlichkeit stark beeinträchtigte.

Dazu waren die demokratischen Institutionen schwach ausgeprägt, mit erheblichen Mängeln bei Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung, Pressefreiheit und politischen Rechten. (51)

Wegen dieser Defizite hätten die Ukraine die Anforderungen der EU für einen Beitritt zum damaligen Zeitpunkt bei Weitem nicht erfüllt. Die EU verlangt stabile demokratische Institutionen, effektive Korruptionsbekämpfung und funktionierende Rechtssysteme als Grundvoraussetzungen.

Die Ukraine vor 2014 wurde in Bezug auf Korruption und Demokratie als stark problematisch eingestuft und entsprach nicht den Kriterien für eine EU-Mitgliedschaft – und das soll sich im Krieg gebessert haben?. (52)

Vergessen auch, dass ab 2. Mai 2014 die von der aus dem Putsch hervorgegangene Regierung den Osten der Ukraine zu bekämpfen begann? Laut Zahlen der UN gab es an die 14.000 Opfer, zumeist Zivilisten.

Aktueller Ermittlungsstand zum Maidan Februar 2014 und zu Odessa am 2. Mai 2014

Die Tötungen auf dem Maidan 2014, bei denen Demonstranten erschossen wurden, bleiben politisch hochumstritten und sind ebenfalls nicht vollständig aufgeklärt. Verschiedene Untersuchungen dauern an, aber viele Fragen nach Verantwortlichkeiten und Hintergründen sind offen. (53)

Die politische Situation und der Einfluss verschiedener Milizen und Parteien erschweren eine klare rechtsstaatliche Aufarbeitung.

Bei den Auseinandersetzungen und dem Brand im Gewerkschaftshaus in Odessa starben 48 Menschen, überwiegend die ostukrainische Gewerkschaftsjugend, die sich vor Angriffen von Maidan-Befürwortern schützen wollten. (54)

Ukrainische Strafverfolgungsbehörden leiteten mehrere Verfahren ein, die jedoch durch schlechte Beweissicherung, Verzögerungen und mangelnde Transparenz gekennzeichnet sind.

Es gab Freisprüche wegen Verfahrensfehlern und wegen fehlender oder zerstörter Beweismittel; wichtige Spuren wurden nicht gesichert. Videoaufnahmen wurden teilweise nicht ausgewertet, und zentrale Beweise fehlen im Prozess. (55)

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat die Ukraine wegen mangelhafter Ermittlungen und schwerwiegende Versäumnisse verurteilt. (56)

Weder die Morde auf dem Maidan noch die Ereignisse in Odessa wurden bis heute umfassend und rechtsstaatlich aufgearbeitet. Die Ermittlungen sind geprägt von Verzögerungen, mangelnder Transparenz und politischem Druck, was eine vollständige juristische Klärung verhindert.

Die Morde auf dem Maidan während der Proteste 2013/2014 sowie die Ermordung der Gewerkschaftsjugend im Brand des Hauses der Gewerkschaften in Odessa am 2. Mai 2014 wurden bis heute nicht vollständig rechtsstaatlich aufgearbeitet. (57)

Ex-Kanzler Gerhard Schröder als Vermittler?

Kaum jemand kennt den russischen Präsidenten Wladimir Putin besser als Gerhard Schröder. Da läge es doch nahe, ihn als Vermittler in den Kreml zu schicken. Doch gerade wegen seiner engen Beziehungen zu Russland wird Schröder von vielen europäischen Politikern und Akteuren als parteiisch für Moskau wahrgenommen. (58)

Steht das Recht der Ukraine, über ihr Schicksal selbst zu entscheiden, höher als die Gefahr, dass in der Folge Europa in Trümmern versinkt und vielleicht atomar verglüht?

Ist in Deutschland vergessen, dass es bei den Friedensverhandlungen in Versailles 1919 vollkommen ausgeschlossen war?

Sollen Deutsche jetzt dafür geopfert werden, dass der Ukraine dieses Schicksal erspart bleibt?

Es ist kaum nachvollziehbar, dass in dieser verfahrenen Situation weiter auf unbestimmte Zeit Menschen verheizt werden sollen. Das Risiko einer direkten Konfrontation zwischen den USA und Russland bzw. China steigt jedenfalls durch die außenpolitische Neuausrichtung und härtere Militärpolitik der USA auf mehreren Ebenen erheblich an. (59)

Anmerkungen und Quellen

Wolfgang Effenberger, Jahrgang 1946, erhielt als Pionierhauptmann bei der Bundeswehr tiefere Einblicke in das von den USA vorbereitete "atomare Gefechtsfeld" in Europa. Nach zwölfjähriger Dienstzeit studierte er in München Politikwissenschaft sowie Höheres Lehramt (Bauwesen/Mathematik) und unterrichtete bis 2000 an der Fachschule für Bautechnik. Seitdem publiziert er zur jüngeren deutschen Geschichte und zur US-Geopolitik. Zuletzt erschienen vom ihm „Schwarzbuch EU & NATO“ (2020) sowie "Die unterschätzte Macht" (2022)

1)https://www.zdfheute.de/politik/ausland/project-2025-trump-usa-wahl-100.html

2)https://www.deutschlandfunk.de/trump-project-2025-100.html

3)https://www.zdfheute.de/politik/ausland/project-2025-trump-usa-wahl-100.html

4)https://www.deutschlandfunk.de/trump-project-2025-100.html

5)https://www.freiheit.org/de/nordamerika/die-usa-am-independence-day-eine-bestandsaufnahme

6)https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/reaktionen-zu-us-praesident-trumps-friedensbemuehungen-fuer-die-ukraine

7)https://www.swp-berlin.org/publikation/trumps-rueckkehr-und-europas-aussenpolitische-herausforderungen

8)https://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_47

9)https://www.kas.de/documents/d/europaeische-und-internationale-zusammenarbeit/100-tage-trump-reaktionen-aus-asien

10)https://www.zdfheute.de/politik/ausland/project-2025-trump-usa-wahl-100.html

11)https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/reaktionen-zu-us-praesident-trumps-friedensbemuehungen-fuer-die-ukraine

12)https://www.zdfheute.de/politik/ausland/project-2025-trump-usa-wahl-100.html

13)https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/dekrete-trump-ueberblick-100.html

14)https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/dekrete-trump-ueberblick-100.html

15)https://www.deutschlandfunk.de/trump-project-2025-100.html

16)https://www.antenne.de/nachrichten/welt/trump-will-rolle-der-nationalgarde-ausweiten

17)https://de.euronews.com/2024/12/17/mehr-evolution-als-revolution-so-konnten-sich-die-eu-us-beziehungen-unter-trump-im-tech-be

18)https://www.focus.de/politik/ausland/beitrag-zu-den-transatlantischen-beziehungen_id_260383533.html

19)https://www.swp-berlin.org/publikation/trumps-rueckkehr-und-europas-aussenpolitische-herausforderungen

20)https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/die-us-wahl-und-ihre-folgen-fuer-europa.html

21)https://de.euronews.com/2024/12/17/mehr-evolution-als-revolution-so-konnten-sich-die-eu-us-beziehungen-unter-trump-im-tech-be

22)https://de.euronews.com/2024/12/17/mehr-evolution-als-revolution-so-konnten-sich-die-eu-us-beziehungen-unter-trump-im-tech-be

23)https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-07/russland-sanktionen-reaktion-usa-trump

24)https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/reaktionen-zu-us-praesident-trumps-friedensbemuehungen-fuer-die-ukraine

25)https://www.swp-berlin.org/publikation/trumps-rueckkehr-und-europas-aussenpolitische-herausforderungen

26)https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/trump-ukraine-russland-104.html

27)https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/politik/ukraine-krieg-kreml-trump-news-atom-u-boot-russland-atomkrieg-100.html

28)https://www.dw.com/de/donald-trump-ultimatum-kriegsdrohung-russland-medwedew-ukraine-krieg-angriff-gef%C3%A4ngnis-zoll-v2/a-73445720

29)https://www.deutschlandfunk.de/trump-kuendigt-wegen-aeusserst-provokanten-aeusserungen-verlegung-von-atom-u-booten-an-102.html

30)https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-07/russland-sanktionen-reaktion-usa-trump

31)https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/trump-ukraine-russland-104.html

32)https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/russland-bedrohung-nato-100.html

33)https://www.kas.de/de/europaeische-und-transatlantische-sicherheitspolitik

34)https://www.kas.de/de/europaeische-und-transatlantische-sicherheitspolitik

35)https://www.bild.de/politik/inland/fuer-25-milliarden-euro-pistorius-bereitet-mega-panzer-auftrag-vor-686a2a97a577540eec2127b6

36)Ebda.

37)https://www.derpragmaticus.com/r/szenarien-fuer-den-ukraine-krieg

38)https://www.reddit.com/r/geopolitics/comments/1m3hbp7/nato_must_be_ready_for_2front_conflict_with/?tl=de

39)https://www.derpragmaticus.com/r/szenarien-fuer-den-ukraine-krieg

40)https://www.swp-berlin.org/publications/products/studien/2023S02_USA_China.pdf

41) Ebda.

42)https://www.infosperber.ch/politik/welt/russland-zwischen-china-und-den-usa-die-analyse/

43)https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/krisen/id_100240566/militaerische-eskalation-zwischen-china-und-usa-realistische-moeglichkeit-.html

44)https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/krisen/id_100240566/militaerische-eskalation-zwischen-china-und-usa-realistische-moeglichkeit-.html

45)https://www.zdfheute.de/politik/ausland/ukraine-krieg-russland-treffen-alaska-europa-plan-100.html

46)https://www.dw.com/de/vorschlag-eu-frieden-ukraine-russland-treffen-donald-trump-wladimir-putin-krim-gebietsabtretungen-v2/a-73582324

47)https://www.tagesschau.de/ausland/europa/europa-ukraine-100.html

48)https://www.zdfheute.de/politik/ausland/ukraine-krieg-russland-treffen-alaska-europa-plan-100.html

49)https://ti-ukraine.org/en/research/cpi-2013/

50)https://en.wikipedia.org/wiki/Corruption_in_Ukraine

51)https://en.wikipedia.org/wiki/Corruption_in_Ukraine

52)https://de.statista.com/statistik/daten/studie/593948/umfrage/wahrgenommene-korruption-in-der-ukraine/

53)https://www.dekoder.org/de/article/ukraine-odessa-gewerkschaftshaus-gerichtsurteil

54)https://www.faz.net/aktuell/politik/ukraine/ermittlungen-zu-odessa-2014-egmr-verurteilt-ukraine-110357616.html

55)https://www.dekoder.org/de/article/ukraine-odessa-gewerkschaftshaus-gerichtsurteil

56)https://www.faz.net/aktuell/politik/ukraine/ermittlungen-zu-odessa-2014-egmr-verurteilt-ukraine-110357616.html

57)https://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-europarat-kritisiert-ermittlungen-zu-strassenschlachten-a-1060987.html

58)https://www.dw.com/de/vorschlag-eu-frieden-ukraine-russland-treffen-donald-trump-wladimir-putin-krim-gebietsabtretungen-v2/a-73582324

58)https://de.statista.com/themen/10635/usa-vs-china/

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Präsident Donald Trump spricht bei einem Pressebriefing 

Bildquelle: Joshua Sukoff/ shutterstock


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