Provozierend gesund | Von Gerd Reuther (Podcast)

Das Corona-Geschehen erinnert an ein schon 100 Jahre altes Theaterstück, in dem Dorfbewohner um des Profits willen zu Kranken erklärt werden.

Ein Kommentar vonGerd Reuther.

Hinweis zum Beitrag: Der vorliegende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Hans-Joachim Maaz aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

Das Stück, dessen unfreiwillige Zeugen und Komparsen wir sind, gibt es schon seit 100 Jahren. Damals wurde es nur auf den Brettern aufgeführt, die die Welt bedeuten sollen. Heute ist die ganze Welt dafür zum pandemischen Theater gekürt worden.

Die Rede ist von „Knock oder Der Triumph der Medizin“ des französischen Schriftstellers Jules Romains — eigentlich: Louis Henri Jean Farigoule, 1885 bis 1972 (1). In seiner satirischen Komödie werden alle kerngesunden Bewohner einer alpinen Kleinstadt von einem neuen vorgeblichen Landarzt dazu veranlasst, sich als Patienten wahrzunehmen. Niemand ist wirklich krank, der Landarzt hat kein Arztdiplom und es gibt kein Entrinnen.

Ein gewisser Dr. Knock — bedeutet: „Schlag“ oder „Stoß“ — lässt nach Übernahme der einzigen Arztpraxis den Ausrufer des Ortes verbreiten, dass er jeden Montag kostenlose Sprechstunden hält. Der örtliche Lehrer wird — eingeschüchtert mit drohenden Keimen und anderen gesundheitlichen Gefahren — zum Pressesprecher der neuen Gesundheitsfürsorge. Umgehend sind die Sprechstunden überfüllt. Alle Menschen lassen sich zu kostspieligen Behandlungen animieren. Die Verordnungen sind dabei streng an das verfügbare Jahreseinkommen der Familien Kranker gekoppelt. Die bisher wenig umsatzstarke Apotheke wird zu einer Goldmine.

Obwohl das Stück seit seiner Uraufführung am 15. Dezember 1923 in Frankreich weit über 1.000-mal auf den Theaterprogrammen stand, blieb die internationale Resonanz verhalten. Eine Inszenierung des jungen Orson Welles 1932 in Dublin und eine BBC-Filmproduktion von 1938 änderten daran wenig. 2017 diente es als Vorlage für eine französisch-belgische Filmkomödie, die auch in deutsche Kinos kam. In Deutschland wurde das Stück bis 1997 verschwiegen. Nur der Initiative einer Theater-Arbeitsgemeinschaft mit Schülerinnen und Schülern der Kooperativen Gesamtschule in Rastede ist es zu verdanken, dass eine deutsche Übersetzung erschien.

Der Inhalt war für die deutsche Medizinlobby offenbar zu brisant. Enthält das Stück doch das seit 150 Jahren vom medizinisch-industriellen Komplex angestrebte Ziel, jeden Erdenbürger zum medizinbedürftigen Mängelwesen zu degradieren.

Es gebe gar keine gesunden Menschen, lediglich Exemplare, die von ihrer Krankheit noch nichts wissen. Die Klassifizierung der Menschheit in „Geimpfte“ und „Getestete“ entspricht genau dieser Weltsicht. Die Transhumanisten des „Great Reset“ haben bei der Medizin abgeschrieben!

Bis zu Romains Kopfgeburt hatte noch „niemand (…) gewagt, bis zum äußersten zu gehen und tatsächlich die gesamte Bevölkerung ins Bett zu schicken, nur um herauszufinden, was passiert“ (2). In Romains Gedankenlabor wurde vorexerziert, dass sich die Welt in ein Krankenlager verwandeln lässt. Gleich dem Hochstapler Knock, der als „doktormäßiger Doktor“ eine ganze Dorfbevölkerung ins Bett schickt, realisierte eine Clique von Falschspielern mit der Bestechlichkeit von Politikern, Journalisten und Ärzten 2020 Hausarreste für Milliarden Menschen.

Auf Nachfrage seines Praxisvorgängers räumt Knock ein, dass er sein medizinisches Wissen maßgeblich der Lektüre von Beipackzetteln und pharmazeutischen Zeitungsanzeigen verdankt. Dies genügt aber, um das einzige Touristenhotel des Orts in ein Lazarett zu verwandeln, in dem sich schließlich auch der alte Landarzt als Patient einfindet. Auch die heutigen Strategen des „Great Reset“ sind keine Mediziner und verfügen dennoch Diagnosen und Behandlungsverpflichtungen.

Die Fachkompetenz leitet sich einzig aus der finanziellen Macht und den Profitinteressen ab.

Den niederschwelligen Einstieg in eine angebotsgetriebene Medizin hatte das Deutsche Reich schon am 15. Juni 1883 vorgenommen, als der Deutsche Reichstag die allgemeine Krankenversicherungspflicht für Arbeiter einführte. Es war der Tag, an dem der medizinisch-industrielle Komplex den Schlüssel zu einer Geldtruhe erhielt, die bis heute sprudelnde Einnahmen garantiert. Das Angebot bestimmte den Umfang der Einnahmen unabhängig von der Nachfrage. Unter der Flagge einer sozialen Errungenschaft bot die staatliche Finanzierungsgarantie Profit und Wachstum fernab von Marktgesetzen. Pharmakonzerne und Ärzte waren ihrer „Achillesferse“, Geld von leidenden Kranken einfordern zu müssen, entledigt.

Romains, der sich lebenslang mit totalitären Strukturen beschäftigte, erkannte auch bereits, dass eine medizinische Rundumbetreuung von Menschen eine neue Form der totalen Überwachung darstellt. Dr. Knock bekennt:

„Was ich nicht dulden kann, ist, dass Gesundheit Ausmaße einer Provokation annimmt. (…) Wir verschließen in einigen Fällen die Augen, wir lassen einige Leute im Gefühl scheinbaren Wohlbefindens. Aber wenn sie vor unseren Augen umherstolzieren und uns verhöhnen, werde ich rabiat“ (3).

Einige „Gesunde“ gibt es nur noch, „um eine Art Reserve zu bilden, die hinter den aktiven Patienten bereitsteht“ (4).

Quellen und Anmerkungen:

(1) Romains J: Knock oder Der Triumph der Medizin. Übersetzt von Peter Haffmanns; Philipp Reclam jun., Stuttgart 1997
(2) Ebd.
(3) Ebd.
(4) Ebd.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Dieser Artikel erschien zuerst am 23. Juli 2021 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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Bildquelle: Rapeepat Pornsipak  / shutterstock

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