Horror aus Frankreich
“Die Lyrische Beobachtungsstelle” von Paul Clemente.
Bislang galt Romancier Michel Houellebecq als Frankreichs prominentester Dystopist. Vielleicht muss er diesen Thron bald mit einer Politologin teilen. Name der Konkurrentin: Asma Mhalla. Ihr aktuelles Buch der befeuert internationale Debatten. Auch deutschsprachige Medien wie Spiegel oder Welt gruseln ihre Leserschaft mit Mhallas Futurologiee. Die meiste Aufmerksamkeit dabei erfährt ihr Begriffskonstrukt „Neurocamp“- oder auch „Kognitionslager“. Jetzt hat der Beck-Verlag eine Übersetzung des Buches vorgelegt. Titel: „Cyberpunk“.
Okay, dieses Wort ist keinesfalls neu. „Cyberpunk“ steht für ein literarisches Genre, von Kultautoren wie Philipp K. Dick oder William Gibson vor Jahrzehnten kreiert. Mhalla stellt diese Literatur auf den Prüfstand. Ausgangsfrage: Inwieweit sind Dicks und Gibsons Dystopien bereits Realität? Oder zumindest in der Embryonalphase? Eins ist vorab klar: Heutige „Punks“ hantieren nicht mehr in dunklen Hinterzimmern, sind keine Anarcho-Hacker mehr, sondern sitzen an den Schaltern der Macht.
Hatte George Orwell seiner Dystopie ein spekulatives Datum – das Jahr 1984 - verpasst, so bezeichnet Frau Mhalla den 13. Juni 2024 als Geburtstag des Grauens, der Beginn einer monströsen Fusion. An diesem Tag wurde ein Attentat auf Donald Trump verübt. Während der Wahlrede verletzte eine Kugel ihm das rechte Ohr. Von den Leibwächtern zu Boden gezerrt, präsentierte Trump die geballte Faust. Für seine Anhänger ein ikonischer Moment. Wenige Stunden später outet Multimilliardär Elon Musk sich als Unterstützer des Attackierten. Damit wurde sie für Mhalla offiziell: Die Verschmelzung zwischen Big Tech und Big State.
Natürlich weiß die Autorin, dass Geschichte sich niemals wiederholt. Trotzdem möchte sie den Begriff „Faschismus“ für ihr Szenario nicht missen. Dabei differiert der Faschismus anno 2026 gegenüber dem historischen in einem wichtigen Punkt: Die moderne Variante propagiert keine Erlöser-Figuren mehr. Heutige „Führer“ wirken „austauschbar und überdreht“. Stattdessen, so die Autorin, griffen die Technologien hemmungslos in politische Prozesse ein. Deren demokratische Legitimation? Null. Und wie steht es um eine Zähmung? Ebenfalls Fehlanzeige. Die Büchse der Pandora wurde geöffnet und ist laut Mhalla nicht mehr zu schließen. Im Gegenteil: Schon bald werde die KI eine mörderische Beschleunigung vorgeben und alle Erdbewohner überfordern. Dann schlägt die Stunde des Chaos.
Schon vor Jahrzehnten hatte Nick Land den Begriff der „Dunklen Aufklärung“ eingeführt. Mit ihm propagiert der britische Philosoph eine Bejahung des Chaos, kritisiert außerdem die Prinzipien der Gleichheit und Demokratie. Für Land sollen Kapitalismus und Technologie durch Beschleunigung ein Riesen-Chaos stiften, aus dem eine neue, techno-autoritäre Ordnung hervorgehen könne.
Land setzt „den Kapitalismus absolut; Hypertechnologien und Wirtschaft sollen sich ohne moralische oder demokratische Beschränkungen ausbreiten.“ Transnationale Megakonzerne würden die Nationalstaaten ersetzen. Dass diese Konzerne jegliche Solidarität mit Schwachen und Abgestürzten kündigen, ist kaum zu bezweifeln.
Schon jetzt, so Mhalla, dienten die Vereinigten Staaten als politisches Labor für eine derartige Machtübernahme. Sie stellt fest: Einzelne Vertreter der Big Tech-Elite, darunter der Investor und Softwareentwickler Sam Altman, zeigten zwar Wohlwollen,
„doch hinter der Maske und dem Storytelling bleiben die Muster gleich: Die Realität wird externalisiert, die Menschheit in geschlossenen Systemen gefangen.“
Unterstützung findet dieses Vorhaben durch Allgemeine künstliche Intelligenz, nukleare Intelligenz, Kryptowährungen, die man für Iris-Scans erhält, und natürlich den biotechnologischen Kampf um Lebensverlängerung - bishin zur Unsterblichkeit. Mhalla unterteilt die künftige Gesellschaft in zwei Klassen: In jene,
„die die Zukunft programmieren, und jene, die diese Zukunft ertragen müssen.“
Ähnlich wie der Historiker Noah Yuval Harari warnt die französische Politologin vor einer revoltierenden Elite. Die werde bald keine Lust mehr verspüren,
„sich mit der Gemeinschaft zu identifizieren.“
Als Beleg zitiert sie den High Tech-Milliardär Peter Thiel. Der gesteht ungeniert: Die Demokratie sei die Feindin seiner Idee von Freiheit.
„In dieser Welt der zwei Geschwindigkeiten wird die Elite zu einer Kaste. Die anderen – Mittelklasse, Immigranten oder ,Abweichler’– werden zur ,Vierten Welt’.“
Natürlich verfügt die High Tech-Elite bereits über analoge Machtbereiche: Einer davon ist die hondurische Insel Próspera. Dort hausen Libertäre, Transhumanisten und Anhänger von Cyberwährung. Dort wüten sie nach eigenen Regeln, beuten die Einwohner aus. Die Autorin zieht ihr Fazit; Auf Próspera habe sich eine „Monarchie der Verrückten“ etabliert. Mit anderen Worten: Ein globales Zukunftsmodell.
Jede Dystopie ist abhängig von der technischen Entwicklung. Was laut Mhalla noch fehlt: Die direkte Verbindung von Gehirn und Maschine, dem Brain-Computer-Interface, Kürzel: BCI. Und die ist in Arbeit: So implantierte Elon Musks Firma Neuralink mehreren Labor-Affen einen Gehirnchip. Der soll neuronale Signale auffangen und in Computersignale umwandeln. Späterer Download des Geistes auf eine Festplatte? Nicht ausgeschlossen. Angeblicher Nutzen? Um Schwerkranken das Leben zu erleichtern.
Die Politologin warnt: Solch ein Chip gestatte Dauer-Beschallung mit Deep Fake, Propaganda-Müll und Doppeldenken. Zweck: Betäubung durch Überforderung. Das „Aufmerksamkeitsregime“ lenkt das Bewusstsein, entscheidet über wichtig und unwichtig, über richtig und falsch. Es wird in Gedanken und Emotionen einbrechen und Abweichler mit Phantomschmerz bestrafen.
Für diese radikale Gedankenpolizei hat Mhalla einen Begriff geprägt, auf den sich zahlreiche Rezensenten ihres Buches stürzten: Das Gehirn als Umerziehungslager, als „Neurocamp“ der Bio-Macht. Wozu noch Regimekritiker wegsperren? Der Chip kann Dich überall isolieren und foltern:
„Your brain is the new camp“, ein ausbruchssicheres „Kognitionslager“.
So wird jedes Individuum zum wandelnden Umerziehungsareal. Freilich steigert solch brachiale Übergriffigkeit die Zahl an Psychoneurosen. Aber das Wohl psychisch Kranker spielte schon während des Lockdowns keine Rolle.
Dennoch begreift die Autorin ihr Buch als Aufruf zum Widerstand, als Munition für kommende Bewusstseins-Kriege. Es stellt sich die Frage, wie viele Menschen sich an solchen Implantaten stören würden. In einer Gegenwart, wo ein falsches Wort den sozialen Tod herbeiführt, wird mancher über solche Führung glücklich sein. Die Alternative, ein vermehrt analoges Leben ist kaum mehr zumutbar: Zu groß die Leere, die dort lauert. Das sorgt für zunehmend groteske Situationen: Kürzlich besuchte der Autor des vorliegenden Artikels eine öffentliche Herren-Toilette. Dort stand ein junger Mann vor dem Pissoir. Und während er es plätschern ließ, bediente er sein Handy, scrollte, las und tippte. Selbst Radfahrer, die bei roter Ampel schnell ein paar Mails abrufen, wurden damit übertroffen.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Mann ohne Kopf hält schwarzen Ballon
Bildquelle: fran_kie / shutterstock
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