Artikel

Islamabad als Drehkreuz – Warum die neue Nahost-Ordnung keine Fußnote mehr ist | Von Dirk Ellerbrock

Islamabad als Drehkreuz – Warum die neue Nahost-Ordnung keine Fußnote mehr ist | Von Dirk Ellerbrock

Als Pakistan 2015 die Beteiligung an der saudi-arabisch geführten Koalition im Jemen ablehnte, wurde offenkundig, wo die Grenzen defensiver Partnerschaften im Schatten einer unipolaren, US-dominierten Weltordnung lagen. Heute steht der Nahe Osten vor einer ähnlich gravierenden Zäsur: Das Zusammenspiel aus veränderten globalen Rahmenbedingungen, der nuklearen Abschreckung und neuen Beistandsformaten wirft die Frage auf, ob defensive Sicherheitsgarantien diesmal halten – oder erneut zur diplomatischen Fußnote verkommen.

Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.

Ein Blick auf die aktuellen Geschehnisse und Expertenanalysen zeigt, dass wesentliche Faktoren dafür sprechen, dass sich die Statik der Region strukturell und nachhaltig verschoben hat.

  1. Das Ende der Unipolarität: Der Schutzschirm der Großmächte

Sowohl 1950 als auch 2015 operierte die Diplomatie in einem System, in dem die USA als unangefochtener Garant für Sicherheit am Golf auftraten, während regionale Partner von Washingtons Eskalationsbereitschaft abhingen.

Die heutige Realität ist von einer manifesten Multipolarität geprägt. Wie geopolitische Beobachter wie Pravin Sawhney betonen, wird der Iran heute von zwei Großmächten – China und Russland – nachhaltig gestützt. Diese Mächte haben ein strategisches Interesse daran, eine unkontrollierte Hegemonie der USA abzuwenden. Ein US-Präsident, der heute begrenzte Militärschläge anordnet, stößt schnell an die Grenzen der Abschreckung:

  • Begrenzte Wirksamkeit: Punktuelle Angriffe schaffen keine Abschreckung gegenüber einem Akteur, der sein Handeln als existenziellen Überlebenskampf begreift.
  • Material- und Kapazitätsgrenzen: Die USA stehen vor gravierenden Nachschubengpässen bei hochmodernen Abfangraketen (wie Patriot, THAAD oder SM-6), während die wirtschaftlichen Kriegskosten die eigene Handlungsfähigkeit belasten.
  • Gefährdung des Petrodollars: Großflächige Angriffe auf die iranische Energieinfrastruktur bergen das Risiko unmittelbarer Vergeltung gegen die kritische Infrastruktur und Entsalzungsanlagen der GCC-Staaten. Damit stünde das Fundament des US-amerikanischen Petrodollars selbst auf dem Spiel.
  1. Von der „Kollektiven Verteidigung“ zur „Kollektiven Sicherheit“

Der entscheidende Denkfehler früherer Dekaden lag in der Annahme, Bündnisse müssten als exklusive, militärisch vergemeinschaftete Schutzschilde („Kollektive Verteidigung" nach NATO-Art) konzipiert sein, die andere Akteure automatisch als Bedrohung definieren. Die gegenwärtige Entwicklung bewegt sich hingegen auf ein Modell kollektiver Sicherheit zu.

  • Islamabad als diplomatisch-militärisches Drehkreuz: Das bilaterale Abkommen zwischen Pakistan und Saudi-Arabien sowie Initiativen wie das Islamabad Memorandum of Understanding zielen nicht darauf ab, Pakistan als Militärmacht in Nahost-Kriege hineinzuziehen. Stattdessen nutzt Islamabad seine Sonderrolle – als atomar bewaffneter muslimischer Staat mit guten Beziehungen zu Washington, Peking, Moskau und Riad – zur Konsolidierung eines eigenständigen regionalen Sicherheitsrahmens.
  • Einbindung statt Isolation des Iran: Ein tragfähiger Frieden erfordert die Einbindung Teherans. Die von Akteuren wie Außenminister Abbas Araghchi skizzierte Nachkriegsordnung sieht vor, den bisherigen US-Sicherheitsrahmen Schritt für Schritt durch eine regionale, islamisch geprägte Architektur zu ersetzen, die externe Einmischung minimiert.
  1. Der nukleare Schatten und das Dilemma der Diplomatie

Sowohl die iranische Führung als auch Akteure in Riad erkennen zunehmend, dass der militärische Druck der USA nicht mehr die gewohnte Hebelwirkung entfaltet. Der Iran behält die strategische Kontrolle über Schlüsselstrecken wie die Straße von Hormus. Er fordert nicht nur die Beseitigung der Seeblockaden und die Freigabe eingefrorenen Vermögens, sondern strebt langfristig den Abzug der US-Truppen aus der unmittelbaren Nachbarschaft an.

Gleichzeitig dient die militärische und diplomatische Vermittlung Pakistans (unter Führung der Armee und der Führungsebene in Islamabad) als entscheidender Puffer. Islamabad fungiert als Brücke zwischen den verfeindeten Parteien und stellt sicher, dass Verhandlungen nicht im Vakuum stattfinden, sondern von Großmächten wie China und Russland im Hintergrund begleitet werden.

  1. Das Janusgesicht der Zäsur: Zwischen kollektiver Sicherheit und neuer Unberechenbarkeit

Die Entstehung dieser neuen Regionalarchitektur offenbart jedoch eine tiefe Ambiguität. Das Ende der unipolaren US-Hegemonie führt nicht automatisch in ein friedliches Gleichgewicht, sondern stößt das Tor zu einer unübersichtlichen, hochgradig fragilen Phase auf.

Für die Golfmonarchien bedeutet dieser Wandel den Übergang von einer Abhängigkeit in die nächste Unwägbarkeit: Sie müssen zwischen einer unberechenbar gewordenen Schutzmacht in Washington und einem gestärkten, von Großmächten gedeckten Rivalen in Teheran manövrieren. Bündnisse mit Akteuren wie Pakistan bieten zwar diplomatisches Gewicht und den Schatten nuklearer Abschreckung, schaffen aber gleichzeitig neue Reibungsflächen und strategische Zielkonflikte.

Die eigentliche Dramatik dieser Zäsur liegt somit nicht nur in der Frage, ob Sicherheitsversprechen diesmal halten, sondern ob die neu entstehenden Bündnisstrukturen die Region stabilisieren – oder vielmehr den Nährboden für die unberechenbaren Konflikte der nächsten Dekade legen.

Fazit: Keine bloße Fußnote – aber ein Bündnis auf schwankendem Boden

Anders als 1950 oder 2015 sind die heutigen Sicherheits- und Vermittlungsversprechen keine flüchtigen Erklärungen mehr, die im ersten Sturm der Geopolitik verwehen. Die tiefgreifenden Verschiebungen – das Ende des US-Machtmonopols, die strategische Rückendeckung Irans durch China und Russland sowie die pragmatische Neuorientierung der Golfstaaten – haben eine neue Realität geschaffen.

Doch die Zäsur ist ein zweischneidiges Schwert:

  1. Systemischer Wandel statt historischer Wiederholung: Die multipolare Überbauung und die Einbindung einer nuklearen Regionalmacht wie Pakistan verhindern, dass Bündniszusagen schlicht ignoriert werden können.
  2. Fragilität statt Stabilität: An die Stelle der unipolaren Disziplinierung durch Washington tritt kein verlässlicher Frieden, sondern ein prekäres Geflecht aus Absicherungsstrategien, gegenseitigem Misstrauen und doppelter Erpressbarkeit.

Die entscheidende Frage für die Zukunft lautet daher nicht mehr, ob die Akteure ihre Versprechen schlicht vergessen werden. Sie lautet, ob das neu entstehende Sicherheitsnetz stark genug ist, um den enormen Spannungen standzuhalten – oder ob es im Ernstfall als Beschleuniger für noch komplexere, unberechenbarere Großmachtkonflikte wirkt.

+++

Bildquelle: Claudio Borquez Arias / shutterstock

+++

Primärquelle (Analyse & Zitate)

Quelle: Transkript des Video-Podcasts „Transition Protocol“ (Folge Ende Juli 2026).

Gast / Experte: Pravin Sawhney (Geopolitik-Experte und Asien-Spezialist).

Kerninhalte & Referenzen:

  • Multipolarität & US-Engpässe: Analyse der Unterstützung Irans durch China und Russland sowie der physischen und finanziellen Grenzen der US-Militärmacht (z. B. Knappheit bei Patriot-, THAAD- und SM-6-Abfangraketen, Anstieg der Verteidigungsausgaben über 100 Mrd. USD für den Nahost-Konflikt).
  • Petrodollar & Geostrategie: Bedeutung der Straße von Hormus zur Stabilisierung der US-Währung und Vermeidung einer Wirtschaftskrise.
  • Islamabad Memorandum of Understanding (17. Juni 2026): Verhandelt unter Vermittlung des pakistanischen Premierministers Shehbaz Sharif zwischen US-Präsident Donald Trump und der iranischen Führung. Festlegung von Deeskalations- und Abzugsbedingungen (u. a. Fristen für Truppenabzüge in den Artikeln 1, 4, 5, 10 und 11).
  • Die Rolle Pakistans: Vermittlung durch Feldmarschall Asim Munir als Kommunikationskanal zwischen Donald Trump, dem iranischen Revolutionsführer sowie Peking und Moskau.

Historische & Vertragliche Quellen (Referenzrahmen 2015 & 1982)

Resolution des pakistanischen Parlaments (10. April 2015):

  • Inhalt: Einstimmiger Beschluss zur strikten Neutralität im Jemen-Krieg und Ablehnung des saudi-arabischen Ersuchens nach Bodentruppen und Kampfjets. Festlegung, dass Militärhilfe auf die Verteidigung des saudi-arabischen Territoriums und der heiligen Stätten beschränkt bleibt.
  • Publizierte Belege: Al Jazeera English („Pakistan parliament backs neutrality in Yemen conflict“), Dawn News Pakistan („Parliament calls for neutrality in Yemen conflict“).

Bilateral Security Cooperation Agreement (1982):

  • Inhalt: Bilaterales Abkommen zwischen Islamabad und Riad über die Stationierung pakistanischer Berater- und Ausbildungstruppen in Saudi-Arabien ohne automatische Beistandspflicht für Auslandseinsätze.

Strategisches Abkommen / Beistandspakt (September 2025):

  • Inhalt: Abkommen zwischen Kronprinz Mohammed bin Salman und Premierminister Shehbaz Sharif über erweiterte gegenseitige Sicherheitsgarantien.

Ergänzende Berichte & Institutionelle Referenzen

National Defense Authorization Act (NDAA 2027) & Pentagon-Budget:

  • Bezieht sich auf die Anträge des Pentagon unter US-Verteidigungsminister Pete Hegseth zur beschleunigten Beschaffung von Munition sowie Diskussionen zur engeren operativen Verzahnung zwischen CENTCOM und der IDF.

Kord-Initiative (Plattform für Kollektive Sicherheit):

  • Formeller/Informeller Sicherheitsdialog und diplomatischer Rahmen zwischen Pakistan, Ägypten, der Türkei und Saudi-Arabien zur Koordination regionaler Stabilität ohne militärischen Bündniszwang.

+++
Ihnen gefällt unser Programm? Machen wir uns gemeinsam im Rahmen einer "digitalen finanziellen Selbstverteidigung" unabhängig vom Bankensystem und unterstützen Sie uns bitte mit der:

Spenden-Kryptowährung „Nackte Mark“: https://apolut.net/unterstuetzen/#nacktemark

oder mit

Bitcoin: https://apolut.net/unterstuetzen#bitcoin

Informationen zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/

+++
Bitte empfehlen Sie uns weiter und teilen Sie gerne unsere Inhalte in den Sozialen Medien. Sie haben hiermit unser Einverständnis, unsere Beiträge in Ihren eigenen Kanälen auf Social-Media- und Video-Plattformen zu teilen bzw. hochzuladen und zu veröffentlichen.

+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/

+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut

Dirk Ellerbrock pakistan Jemen naher osten Weltordnung Großmächte Saudi-Arabien Petrodollar


Artikel vorlesen MP3 Download
0:00
0:00