HIStory: Die Totalitarismus-Theorie im Kalten Krieg

HIStory: Die Totalitarismus-Theorie als Waffe im Kalten Krieg der 1950er Jahre

Heute befassen wir uns in HIStory mit der Totalitarismus-Theorie, die im letzten Jahrhundert so häufig als Waffe im Kalten Krieg geradezu inflationär eingesetzt wurde.

Totalitarismus. Dieser Bannstrahl hat viele menschliche Schicksale in den 1950er und 1960er Jahren besiegelt. Mit dem perfiden Kunstgriff, Hitlers Nazisystem und Kommunismus als zwei Spielarten derselben Versklavung der Menschheit zu deuten, war die Blaupause perfekt für einen brutalen, militanten Antikommunismus in den USA und nachfolgend auch in der Bundesrepublik Deutschland. So schrieb in den frühen 1950er Jahren der US-amerikanische Gewerkschaftler Jay Lovestone, der die internationalen Aktionen seiner Dachgewerkschaft AFL, unterstützt und finanziert vom CIA, anleitete, an seinen Deutschland-Agenten Henry Rutz im Kampf gegen den Totalitarismus: „Die Kommunisten sind Termiten. Sie zu bekämpfen und zu vernichten ist keine negative Aktion, sondern ein positiver Dienst.“ <1> Berufsverbote, gesellschaftliche Ächtung und sogar Zuchthausstrafen waren die Sanktionierung des Einsatzes gegen Deutschlands Wiederbewaffnung. Unter dem Vorwurf des Totalitarismus wurden in den 1950er Jahren über 125.000 Ermittlungsverfahren gegen Friedensaktivisten in Westdeutschland eingeleitet, die immerhin 7.000 zum Teil drakonische Gefängnisstrafen zur Folge hatten. Oskar Neumann und Karl Dickel wurden im August 1954 zu je drei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt, weil sie Unterschriften gegen die deutsche Wiederbewaffnung gesammelt hatten. <2>

Und auch heute noch spielt die Neue Rechte auf dieser Klaviatur. Da wurde in der Berliner taz, dem Talentschuppen der Springerpresse, der Gedanke ventiliert, Bundesbürgern sollte ab dem fünfundsechzigsten Lebensjahr das allgemeine Wahlrecht entzogen werden. Sofort raunt es aus der libertär-neurechten Ecke, dies sei eine Verschwörung der Kommunisten, die sich als Grüne getarnt hätten, und die jetzt die Agenda von Maos Kulturrevolution in Deutschland vollenden würden. Hier artikuliert sich ein neuer Antikommunismus – diesmal allerdings komplett ohne real existierende Kommunisten. Irre. Könnte aber zum Sprengstoff werden, wenn die alten Volksparteien, nunmehr ohne Volk, von der Bildfläche verschwinden und sich mit den Grünen auf der einen Seite und der AfD auf der anderen Seite als einzige verbliebene Partei der Heino-Subkultur neue politische Blöcke unversöhnlich und extrem polarisiert gegenüberstehen würden. In diesem Falle könnte es zu einer Neuauflage des Antikommunismus mit der Totalitarismus-Theorie im Hintergrund kommen. Darum soll uns die alte Tante Totalitarismus erneut beschäftigen.

Die „Theorie“ des Totalitarismus kam nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Falken im Machtapparat der USA ideal zu Pass. Nach dem Tod von Präsident Roosevelt vollzog sich unter Harry Truman die Ausschaltung aller Gefolgsleute von Roosevelt. Zweck war die Fortsetzung des Krieges. Diesmal gegen die Sowjetunion. Nun kann man nicht so einfach zum Krieg gegen ein Land wie die Sowjetunion mobilisieren, wenn man gerade eben mit genau dieser Sowjetunion gemeinsam das Nazireich niedergerungen hat. Es bedarf intensiver Propaganda, die eigene Bevölkerung hundertachtzig Grad gewendet umzuprogrammieren. Die Intellektuellen im eigenen Land muss man dann allerdings mit einer maßgeschneiderten Theorie überzeugen. Zum „Glück“ gab es genug Ex-Kommunisten, die jetzt ohne Arbeit dastanden, und die sich den USA-Propagandisten als Lohnschreiber andienten. Brillante Denker wie Franz Borkenau fabrizierten die gewünschte Theorie vom Totalen Staat: Nazi-Diktatur und Sowjetkommunismus haben sich zwar gegenseitig als Feinde angesehen. Sie sind aber von Struktur und Zielsetzung her absolut identisch. Das kann man zwar auf der Theorie-Ebene schwer belegen. Auf der Propaganda-Ebene geht das aber ganz einfach.

Denn selbstverständlich ergeben sich auf den ersten Blick erstaunliche Übereinstimmungen: da gibt es die absolute Herrschaft durch eine einzige Partei. Karriere kann man nur als Parteimitglied machen. In beiden Systemen gibt es Konzentrationslager. In beiden Universen kam es zu furchtbaren Völkermorden. Und zwar in industriellem Maßstab. Sklavenarbeit im Zeitalter der gehobenen Zivilisation. Sogar die Sprüche, mit denen die KZ-Insassen am Torbogen begrüßt wurden, ähnelten sich bis zum Wortlaut. Der Mensch wurde in diesen KZ- und GULAG-Systemen ausgepresst wie eine Zitrone, bis er nicht mehr konnte und auf der Stelle tot umfiel.

Doch die Unterschiede zwischen dem Nazisystem und dem entfesselten Stalinismus sind beträchtlich. Deutschland war eine entwickelte bürgerliche Gesellschaft mit komplexer Infrastruktur aus Industrie und Finanzwirtschaft. Das Bürgerliche Gesetzbuch wurde im Nazireich nie durch eine andere Verfassung ersetzt. Formal blieb auch das parlamentarische System in Kraft, es wurde nur nicht mehr genutzt. Auch der Polizeiapparat der Weimarer Republik wurde nicht zerschlagen. All die genannten Institutionen bekamen lediglich parallele Strukturen aufgepfropft, die letztlich den Daseinszweck der bürgerlichen Überreste pervertierten. Auch das Privatleben im Nazireich blieb im Großen und Ganzen unangetastet. Die Familie wurde entmachtet durch die Einrichtung der Hitler-Jugend, das ist richtig. Und pompöse Aufmärsche und spezielle Feiertage wie der Tag der Arbeit am 1. Mai erinnerten periodisch wiederkehrend die Menschen draußen im Lande daran, dass sie jetzt im Dritten Reich angekommen waren. Zugleich war Herr Doktor Goebbels klug genug, den Leuten unpolitische Unterhaltung und puren Spaß bis hin zur Klamotte zu bieten und sie nicht mit politischer Indoktrination zu peinigen. Ja, durch die aufrüstungsbedingte Hochkonjunktur konnten sich die Leute sogar Konsumartikel leisten, die in den vorherigen „schlechten Zeiten“ nicht erschwinglich waren. Das änderte sich erst im radikaler werdenden Krieg. Und ab dann kam auch das System der Konzentrationslager und der Holocaustmaschine überhaupt erst richtig in Fahrt.

Demgegenüber war der stalinistische Terror allgegenwärtig. Zumindest im europäischen Teil der Sowjetunion. Extreme Armut tunkte das Land in dunkle Schwermut. Ganze Völker wurden quer durch das Riesenreich geschleift; Familien auseinandergerissen. Ganze Berufsgruppen wie die kulakischen Bauern sind ausgerottet worden. Die Indoktrination lief auf allen Kanälen, ohne Pause. Die gegenseitige Denunziation war total. Zudem steigerte das viel zu wenig bekannte Stachanow-Akkordlohnsystem die Konkurrenz unter den Arbeitern ins Unerträgliche, genauso wie die Abschaffung der Arbeitslosenunterstützung. Eigentlich ein Paradies des Marktradikalismus, allerdings mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass es hier keinen Markt mehr gab. All das führen wir hier nicht an, um den Naziterror reinzuwaschen und dem Antikommunismus neuen Zunder zu liefern. Es geht lediglich darum zu klären, dass man bei derart fundamentalen Unterschieden nicht für beide Systeme denselben Begriff verwenden kann. Äpfel und Birnen bleiben nun einmal Äpfel und Birnen. Punkt.

Es gibt unterschiedlichste Varianten der Totalitarismustheorie. In Deutschland gehörte es früher zum guten Ton, sich diesbezüglich auf Hannah Arendts Spielart zu berufen. Man brauchte nur: „Hannah Arendt“ zu hauchen, und schon legte sich eine respektvolle Stille über die Runde, und weitere Nachfragen nach Konkretisierungen verboten sich von selber. Denn gelesen hat wohl kaum jemand Arendts sperrigen Wälzer „Elemente und Ursprung totaler Herrschaft“ aus dem Jahre 1951. <3> Sonst hätte sich gewiss Widerspruch gegen dessen Inhalt artikuliert. Denn das Werk stellt eine derbe Publikumsbeschimpfung dar. Hannah Arendts Buch atmet nämlich mit jeder Seite den Geist einer elitären Überheblichkeit gegen die einfachen Leute. Den Unmut der Eliten darüber, dass sich immer häufiger und immer lauter die einfachen Leute erfrechen, in allen möglichen gesellschaftlichen Angelegenheiten mitreden zu wollen, durchweht Hannah Arendts Buch. Sie hatte sich immer in elitären Kreisen bewegt. Dem weltberühmten Philosophen Martin Heidegger, der später in der Nazizeit Karriere machen sollte, stand sie ungewöhnlich nahe. Beim ebenfalls elitär eingestellten Star-Philosophen Karl Jaspers genoss sie Familienanschluss. Im Krieg schloss sie sich zionistischen Netzwerken an und fand dort Schutz und Geborgenheit. Im Exil in den USA stieg sie zu einer der führenden Politologen ihrer Zeit auf. In all diesen Zirkeln, vielleicht mit Ausnahme der zionistischen Verbände, herrschte die Überzeugung, dass das Volk von Eliten geführt werden müsse. Der französische Aristokrat Gustave Le Bon, der die Masse als „weibisch wankelmütig“ bezeichnete, und dessen Gedanken Hitler in „Mein Kampf“ ausgiebig übernahm, fungiert hier als Guru. <4>. Genauso auch der spanische Modephilosoph der 1950er Jahre, José Ortega y Gasset, der den Aufstand der Massen beklagte. <5> Gasset meinte, diese Massenmenschen würden frech Lebensräume usurpieren, die eigentlich den Auserwählten Wenigen vorbehalten seien.

Genau auf diese Diskurse bezieht sich Hannah Arendt durchaus zustimmend. Es sei letztlich der „Pöbel“, der nach der totalitären Versklavung verlangt wie ein Hund, der in seinem Maul Herrchen die Peitsche apportiert. Wohl unterscheidet Arendt zwischen Pöbel und Masse. Der Totalitarismus kann aber nur dort gedeihen, wo die Masse auftritt. Und die Masse muss massenhaft genug sein, damit es überhaupt zum Totalitarismus kommen kann, in dem entweder Rassen oder Klassen massenhaft hinweg gemetzelt werden. So konnte der Totalitarismus nur in massenhaften Ländern wie Deutschland oder der Sowjetunion auftreten. In Ministaaten kann er dagegen nicht auftreten, in Ermangelung von „Menschenmaterial“ – meint Arendt.

Und der Totalitarismus kann auch nur dort auftreten, wo die Menschen massenhaft vereinsamt, atomisiert und innerlich entleert sind. Die innere Leere ist also nicht Folge sondern Voraussetzung des Totalitarismus. In Deutschland zum Beispiel waren die Massenmenschen 1933 innerlich bereit für die Hitler-Diktatur:

Totale Herrschaft ist ohne Massenbewegung und ohne Unterstützung durch die von ihr terrorisierten Massen nicht möglich. Hitlers Machtergreifung war legal nach allen Regeln der damaligen Verfassung; er war der Führer der weitaus größten Partei, der nur wenig zu einer absoluten Mehrheit fehlte.“

Die Massen hätten Hitler geradezu ins Amt gedrückt. Frau Arendt hat als Jüdin sicher im Jahre 1933 viel Ekelhaftes erleben müssen, und das kann ich durchaus nachzufühlen. Jedoch hält ihre These dem Faktencheck nicht stand: bei der Wahl im November 1932 hatten die Nazis zwei Millionen Stimmen verloren, und die Kommunisten 800.000 Stimmen hinzugewonnen. Also musste Hitler mit schmutzigen Tricks ins Amt geschubst werden. Der erste Schritt war die so genannte Machtergreifung im Januar 1933, ermöglicht durch eine Koalitionsregierung mit den Deutschnationalen. Dann kam der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933. Danach konnten die konkurrierenden Kommunisten und Sozialdemokraten nicht mehr frei agieren. Am nächsten Wahltermin am 5. März 1933 standen dann in und um die Wahllokale herum bedrohlich aufgestellt SA- und SS-Männer, um deutlich zu machen, wen man zu wählen habe. Und trotz all dieser Manipulationen ist Hitler nicht knapp an der absoluten Mehrheit vorbeigeschlittert, sondern deutlich davor ausgerutscht. Die NSDAP erreichte gerade mal 43% aller Wählerstimmen und musste weiterhin Koalitionen eingehen, um dann scheibchenweise durch kleine Putsche, vollendet mit dem Röhm-Putsch im Jahre 1934, die totale Macht zu erobern. Das deutsche Volk musste währenddessen durch eine paramilitärische Bürgerkriegsarmee der SA mit zirka sechs Millionen Schlägern stillgehalten werden.

Diese offensichtlich ungerechte und durch keine Fakten untermauerte Verurteilung der von Arendt geschmähten Massen bei Hitlers Wahl wird noch mit der Bemerkung garniert: „Daß moderne Massen in dieser Hinsicht nicht anders reagieren [auf bekannte und vorausgesagte Grausamkeiten] als der Pöbel aller Zeiten, haben Demagogen immer gewußt.“

Damit wurden die Opfer zu Tätern deklariert. „Totalitäre Bewegungen sind Massenbewegungen.“ Diese Verurteilung der einfachen Menschen hat den Zeitgeist der Adenauer-Epoche tief geprägt. Das kam ganz unten an und äußerte sich auf diese Weise: „Der Mensch ist nun einmal schlecht.“ Erst der Aufbruch der 68er Generation hat diese Täter-Opfer-Umkehrung kritisch hinterfragt und stattdessen die Position der unteren Schichten eingenommen.

In der Weimarer Demokratie habe sich bereits ein „Zusammenbruch der Klassengesellschaft“ abgezeichnet. Und hier gelangt Frau Arendt zu einer für heutige Verhältnisse bedrohlich klingenden Diagnose der Verfallserscheinungen einer Fassadendemokratie. Wo nämlich die einfachen Menschen zunehmend begreifen, dass sie im repräsentativen Parlamentarismus gar nicht vorkommen und auch gar nicht gemeint sind, wird sich der Zorn der Geprellten auf unberechenbare Weise Luft machen: „Unter solchen Bedingungen einer Massengesellschaft verlieren die demokratischen Institutionen wie die demokratischen Freiheiten ihren Sinn; sie können nicht funktionieren, weil die Mehrheit des Volkes nie in ihnen vertreten ist, und sie werden außerordentlich gefährlich, wenn der nicht vertretene Teil des Volkes, der die wahre Mehrheit stellt, sich dagegen auflehnt, von einer angeblichen Mehrheit regiert zu werden.“

Hier muss eine spezielle innere Einstellung hinzukommen, um den begeisterten Masseneintritt in das totalitäre System zu erleichtern: nämlich ein „radikaler Selbstverlust, diese zynische, oder gelangweilte Gleichgültigkeit, mit der die Massen dem eigenen Tod begegneten oder anderen persönlichen Katastrophen“. Das klingt beklemmend aktuell. Was allerdings in der Analyse von Hannah Arendt überhaupt nicht vorkommt oder sogar definitiv ausgeschlossen wird, ist der massive Anteil, den die Eliten selbst zu der Misere beigetragen haben. Damit meine ich die massive Unterstützung faschistischer Organisationen durch gigantische Geldzuwendungen. Nicht zu vergessen die skrupellose Manipulation der Menschen durch mediale Berieselung. Die enorme Korruption der politischen Eliten. Nein, das ist allerdings überhaupt kein Thema für Hannah Arendt.

Als sie 1950 Deutschland nach Jahren des Exils wieder besucht,<6> ist sie gegenüber dem Leiden der deutschen Durchschnittsbevölkerung absolut unempfänglich. Sie schreibt von apathischen, seltsam emotionslosen Menschen auf der Straße. Die ausgebombten Hungerleider sind für sie bestrafte Täter, keine Opfer. Sie scheinen ihr Leiden wohl redlich verdient zu haben. Und sie sind wohl auch nicht in der Lage, sich im weltweiten geopolitischen Gerangel klar zu positionieren: „Furcht vor einer russischen Aggression führt nicht notwendigerweise zu einer unzweideutigen proamerikanischen Haltung, sondern oftmals zu einer entschiedenen Neutralität, als ob eine Parteinahme in dem Konflikt ebenso absurd wäre wie bei einem Erdbeben.“ <7>

Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ wurde zum führenden Werk der bundesdeutschen Totalitarismustheorie. Neben der Alleinschuld des Volks beziehungsweise der Masse beziehungsweise des Pöbels sollte, wir deuteten es schon an, die Formel: Stalinismus gleich Nazismus ihren nachhaltigen Einfluss auf das politische Denken bis heute ausüben. In letzterem Punkt hätte allerdings spätestens 1966 eine Korrektur vollzogen werden müssen. Denn im Vorwort zur Neuauflage in jenem Jahr stellt Arendt klar, dass die Anwendung des Totalitarismus-Begriffs auf die Sowjetunion sich lediglich auf die Stalin-Jahre 1929 bis 1941 und dann wieder von 1945 bis 1953 bezieht. Während der vier Kriegsjahre hatte Stalin seinen Würgegriff gelockert und versucht, alle Bürger der Sowjetunion für den Großen Vaterländischen Krieg zu motivieren – mit Erfolg, wie wir heute wissen. 1953 verstarb Väterchen Stalin. Unter den Nachfolgern wurde der Terrorapparat abgebaut und man kann dann nicht mehr mit Fug und Recht von einem totalitären System in der Sowjetunion sprechen, nur von einer Tyrannis. Ja, Hannah Arendt sieht sogar im westlichen Wertesystem die Gefahr totalitärer Ambitionen: „…es erleichtert nicht gerade die Lösung der Probleme, weder theoretisch noch praktisch, daß uns die Ära des Kalten Krieges eine offizielle Gegenideologie hinterlassen hat, den Antikommunismus, welcher gleichfalls dazu neigt, einen Anspruch auf Weltherrschaft zu entwickeln.“

Was kümmert das die Propagandamaschine? Die Propagandamaschine zerkleinert, zerkaut und verdaut mit schöner Regelmäßigkeit die Erkenntnisse der herrschenden Wissenschaft und beißt die Krümel mit großem Eifer aus ihrem Zusammenhang. In der öffentlichen Wahrnehmung ist lediglich hängengeblieben: das Volk ist schuld, und Kommunismus und Nazis sind dasselbe. Solche fragmentierten Ideologeme bedürfen keiner Korrektur mehr. Sie tun ihren nützlichen Dienst. Sie bohren sich fleißig immer tiefer ins Hirn. In diesem Nebelschleier können Politiker mit großer moralischer Rechtfertigung jeden als Agenten Moskaus verteufeln, der sich der Vereinnahmung Deutschlands durch die NATO in den Weg stellt. Und von den antikommunistischen Restbeständen in den Köpfen der Menschen draußen im Lande kann man auch dann noch profitieren, wenn der auserkorene Feind schon lange nicht mehr Sowjetunion sondern Russland heißt. Und wenn der amtierende Präsident dieses Russlands sich mühsam durch einen Sumpf von Korruption durchmäandriert, um auf Dauer rechtsstaatliche Verhältnisse und verlässliche Sozialleistungen zu ermöglichen, dann ist das natürlich auch nur eine Ausgeburt niederer Gesinnung, vermutet der Neo-Totalitarismustheoretiker in den Premiumblättern des Mainstreams. Die alte Schablone aus den Tagen des Kalten Krieges ist in den Köpfen immer noch drin und wird gerade mit neuen Inhalten aufgepeppt – Diagnose: Totalitarismus 2.0.

Wir lernen aus der Vergangenheit, wie wir die Zukunft besser machen.

Anmerkungen:

<1> Zitiert nach Julia Angster: Konsenskapitalismus und Sozialdemokratie – Die Westernisierung von SPD und DGB. München 2003. S.113

<2> Helmut Kramer: Die justizielle Verfolgung der westdeutschen Friedensbewegung in der frühen Bundesrepublik. In: Detlef Bald/Wolfram Wette (Hg.): Friedensinitiativen in der Frühzeit des Kalten Krieges 1945-1955. S. 53

<3> Zugrunde liegt eine spätere Ausgabe: Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München/Zürich 1986.

<4> Gustave Le Bon: Die Psychologie der Massen Stuttgart 1982

https://politik.brunner-architekt.ch/wp-content/uploads/le_bon_gustave_psychologie_der_massen_1985.pdf

<5> José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen. München 2012

<6> Dokumentiert im Aufsatz Besuch in Deutschland (1950) in: Zur Zeit. Politische Essays (1943-.1975); München 1989. S.43ff

<7> a.a.O.; S.45

Bildquellen:

https://commons.wikimedia.org/

https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Neuware/isbn=3492210325?

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Kommentare (12)

12 Kommentare zu: “HIStory: Die Totalitarismus-Theorie im Kalten Krieg

  1. zurfall sagt:

    es ist halt so. Von Leuten mit jüdischem Hintergrund wird vieles kritklos übernommen oder gut geheißen wenn es auch geschichtlichen Fakten nicht stand hält. Hauptsache man ist einer Meinung und gehört dann zu den Guten und Braven. Insofern finde ich die zugelassene Kritik in diesem Medium sehr hilfreich und demokratiefördernd.

  2. B-frank sagt:

    Vielen Dank für den durchaus unterhaltsamen Aufsatz Herr Ploppa –
    Schreiben Sie ruhig Ihren Namen davor:
    Ehre wem Ehre gebührt. Ihre hellsichtigen, verständlichen – auch noch persönlich und originell dargebrachten – Analysen schätze ich über die Maßen.
    Selbst Ihr/e gelegentlich mißzuverstehende/r Ironie und Hintersinn werden hier als absolut wertgeschätztes Sahnehäubchen rezipiert.
    Wer grundsätzlich nur den Nennwert buchstabiert, zeigt damit m.E. sein persönliches Vertrauensproblem.
    Freundliche Grüße!

  3. hulli2 sagt:

    Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll … "Väterchen" Stalin? Das ist hoffentlich ironisch gemeint, oder etwa doch nicht? Die 68er eine Massenbewegung? Wer hat sie denn am meisten gehasst so wie heute die "Ungeimpften"?
    Auch heute ist die Masse glücklich und zufrieden, nein, sie hat gar keine andere Chance, als "durchgeimpft" werden zu wollen, ganz wie die Elite es für sie vorgesehen hat. Weil sie den Betrug gar nicht durchschauen kann. Und das ist keine "Schmähung", sondern eben die Verantwortung und das Verbrechen der "Verantwortlichen".

  4. triple-delta sagt:

    Was für ein grausiger Beitrag. Hier wird unter dem Mantel der Aufklärung blinder Antikommunismus verbreitet und als scheinbare Fakten werden doch nur wieder die Göbbelschen Propagandalügen verbreitet. Ich hätte wirklich mehr erwartet.

    • Mutantenstadel sagt:

      Was an dem Spinatwachtelverein im Babylon an der Spree ist denn kein neuer internationaler Kommunismus (national ist es ja nicht) mit seiner Zentralsteuerung und dem herabwürdigen des Individuums, zumindest des hier schon länger sich aufhaltenden?

      Jetzt wird eine Militärpuppe die Impfpflicht einsetzen, durchsetzen. Und demnächst dann eine Parade vor dem roten Rathaus? Alles ist Einheitspartei. Zensur eh gerechtfertigt und Opposition an sich ein Verbrechen.

      Der Zentralrat denkt und lenkt. Abweichler sind des Teufels oder Todes.

      Goschn halten und mitmachen, sonst scheppert es.

      Hört sich doch nach Wladiwostok 1950 an.

    • _Box sagt:

      Ja, klar. Und weil die Superreichen immer reicher, vor Geld und Gütern kaum noch gehen können, schalten und walten können wie einst die Monarchen und die Ausgebeuteten immer ärmer werden, ohnmächtig alles erdulden müssen, nennt man es ja auch Kommunismus und nicht etwa Kapitalismus oder Feudalismus.
      Zumindest eines bestätigt die permanente Wiederholung diesen Unsinns. Keine Propaganda kann saublöd genug sein, um sie nicht doch permanent von den Lakaien des Geldadels wiederholt zu bekommen.

      Was derzeit vorliegt ist eine Extremform des Kapitals. Es heißt Faschismus (in der eugenischen Variante):

      Es waren nicht nur Einzelne, die abscheuliche Menschenversuche zum Beispiel mit Impfstoffen durchgeführt haben, vor allem an Patienten und KZ-Häftlingen. Es waren nicht nur Einzelne, die renommierte Wissenschaftler entlassen haben oder die Entlassung ihrer Kollegen widerspruchslos hinnahmen. Es waren nicht nur Einzelne, die schlechte Wissenschaft gemacht haben und alle moralischen Schranken eingerissen haben. Es war auch nicht nur die Institutsleitung, die das RKI auf die Linie des Regimes brachte.
      (…)
      Fast alle haben mitgemacht oder geschwiegen. Auch eine Reihe technischer Angestellter und Verwaltungsmitarbeiter war schon vor 1933 Parteimitglied geworden, der Forschungsbericht erwähnt auch einen Fall von Denunziation. Für das Übertreten humanistischer Grundsätze, für die Verletzung der Würde und der körperlichen Unversehrtheit gibt es zu keiner Zeit der Welt eine Rechtfertigung, auch wenn die Mehrheit ein solches Verhalten toleriert oder gar fordert.
      (…)
      Es war schlimmer

      Wir müssen uns auch eingestehen: Es war nicht nur „wie überall“, sondern es war schlimmer als an vielen anderen Einrichtungen. Schlimmer, weil das RKI als staatliche Einrichtung eine besondere Nähe zum staatlichen Terrorregime hatte. Schlimmer, weil das RKI in dieser Zeit historisch bedingt enge Verbindungen zu dem damals demokratiefeindlichen Militär hatte. Schlimmer, weil die Nazis die Orientierung des öffentlichen Gesundheitsdienstes auf die Gesundheit der Gesamtbevölkerung für ihre Zwecke missbrauchten.

      https://www.rki.de/DE/Content/Service/Presse/Pressetermine/presse_rki_ns_Stellungnahme.html

      Im Übrigen schreibt Herr Ploppa überhaupt nicht über eine kommunistisch verfasste Gesellschaft, sondern über einen bestimmten Zeitraum in der Sowjetunion und den Diktator Josef Stalin, der wohl mehr Kommunisten über die Klinge springen ließ als Kapitalisten.
      Es ist ein Wortaberglaube wenn man davon ausgeht, daß nur weil etwas eine bestimmte Bezeichnung trägt, auch der faktische Inhalt damit wiedergegeben wird.
      Das sieht man besonders gerade eben in der Pandemie, nur daß es keine Pandemie ist.

    • hulli2 sagt:

      Gab es in der DDR etwa keine Bonzen, die Volvo fahren durften?

    • Fass sagt:

      Nach 30 Jahren Propaganda und Resteverblödung ist genau das übrig: Die Ansicht, daß es das Gleiche ist in einem komfortableren Wagen durch die Gegend gefahren zu werden wie Steuerraub, Lohndumping und Umweltzerstörung für's eigene Kapitalsäckel (Egozentrik)

    • Mutantenstadel sagt:

      Der Volvo war gar nicht das Problem.

  5. vizero 13 sagt:

    Wieder einmal ein sehr guter Beitrag. Dem ist nichts hinzuzufügen. Gut dass Hanna Ahrend und LeBon ein wenig vom hohen Ross geholt wurden. Man sollte sich deren Werke aber wohl trotzdem mal ansehen und mit kritischem Geist lesen.

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