HIStory: Die Abwicklung der DDR

Der Buchautor und Publizist Hermann Ploppa erläutert in HIStory kurz und sachlich historische Daten und Jahrestage von herausragenden geschichtlichen Ereignissen. Dabei werden in diesem Format Begebenheiten der Gegenwart, die mit einem Blick in die Vergangenheit in ihrer Bedeutung besser einzuordnen sind, künftig alle 14 Tage montags in einen geschichtlichen Kontext gebracht.

 

History heute: Die planvolle Abwicklung und Filetierung der Deutschen Demokratischen Republik

Immer noch glauben viele Menschen, der Zusammenbruch der DDR und die plötzliche Implosion der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) seien das Ergebnis eines Volksaufstandes gewesen.

Tatsächlich kann man sich vor dem Mut und dem Einsatz der ostdeutschen Bürgerrechtler nur verneigen. Dennoch wäre dieser Aufstand genauso blutig niedergeschlagen worden wie dereinst der Aufstand vom 17. Juni 1953. Der Aufstand 1989 ging dagegen glimpflich aus, weil sich in der Zwischenzeit an den Machtverhältnissen sehr viel geändert hatte auf dieser Welt. Die DDR-Schutzmacht Sowjetunion befand sich bereist geraume Zeit in der fortgeschrittenen Auflösung. Die USA war nicht willens, wie in früheren Fällen, der Sowjetunion mit Krediten oder Strukturhilfen wieder auf die Beine zu helfen. Die DDR erlebte angesichts des unübersehbaren Zerfalls einen Massenexodus ihrer Bürger über die Tschechoslowakei und Ungarn. Die Lage war schlicht unhaltbar geworden.

Der Mauerfall am 9. November 1989 wurde zum entscheidenden Dammbruch. Jener Mauerfall ging in die Mythologie der Wiedervereinigung als Missgeschick mit historischen Folgen ein. Der SED-Funktionär Günther Schabowski soll auf die Frage eines Journalisten keine gescheite Antwort gewusst haben. In seiner Verlegenheit habe er eine Order von oben so gedeutet, dass die Grenzen ab sofort für alle DDR-Bürger offen seien. Das war aber letztlich unerheblich, denn für den nächsten Vormittag, so sah es die Politbüro-Anweisung tatsächlich vor, sollten DDR-Bürger frei ausreisen können. Das betraf jedoch nur Auswanderer aus der DDR, die ein Ausreisevisum erworben hatten. Und nun überrannten Menschenmassen ohne jedes Visum die völlig überforderten Grenzpolizisten. Die Visa-losen Ostberliner nutzten die Chance für einen spontanen Ausflug nach Westberlin.

Die deutsche Wiedervereinigung: ein Zusammenspiel von erfolgreichem Bürgerprotest und dummen Zufällen? Das alleine hätte jedoch nicht ausgereicht. Tatsächlich hatte die Führung der Sowjetunion den deutschen Arbeiter- und Bauernstaat schon lange an den Westen verkauft. Es blieb den Sowjets schlicht und ergreifend gar nichts anderes mehr übrig. Denn die UdSSR war bereits Anfang der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts pleite. Den strukturellen Niedergang der Sowjetunion hatte die US-Regierung unter Ronald Reagan gnadenlos beschleunigt. Zum einen war die Sowjetunion nach dem Sturz von Chruschtschow im Jahre 1964 von einer entwickelten Industrienation zu einem Rohstofflieferanten regrediert und war jetzt wie ein Drittweltland zu fast hundert Prozent von den Exporterlösen seiner fossilen Rohstoffe, Erdöl und Erdgas, abhängig.

Ein solches Land kann man mit der erzwungenen Senkung der Rohstoffpreise leicht in den Ruin treiben. Und genau das tat der schlaue CIA-Chef und Mastermind von US-Präsident Ronald Reagan, William Casey (1). Er reiste durch die erdölexportierenden Länder im Orient und überredete die Prinzen in Saudi-Arabien, ihr Erdöl eine ganze Zeit lang zu absoluten Dumpingpreisen auf den Weltmarkt zu schmeißen. Die Sowjetunion musste ihren Ölpreis bis zur absoluten Selbstvernichtung absenken.

Hinzu kam die neue Rüstungsspirale, die die USA einseitig auf den Weg gebracht hatten und worauf die Sowjets jetzt nicht mehr angemessen antworten konnten. 1985 kam endlich mit Gorbatschow ein Mann an das Steuerrad der Sowjetunion, der die Situation realistisch erfassen konnte. Gorbatschow betätigte sich nicht anders wie ein Insolvenzverwalter in der freien Wirtschaft: er versuchte sein Unternehmen Sowjetunion gesundzuschrumpfen und mit dem sanierungsfähigen Rumpfteil zu retten was noch zu retten war. Die Satellitenstaaten des Warschauer Paktes hingen schon lange finanziell und materiell am Tropf der Sowjetunion. Die gute Nachricht: Gorbatschow entließ diese Staaten nunmehr in die Freiheit. Die schlechte Nachricht an die Trabanten: seht zu wie Ihr in Zukunft alleine klarkommt! Sucht Euch neue Sponsoren im Westen! Von uns kriegt Ihr nichts mehr.

Das hatte die DDR schon Anfang der 1980er Jahre auch ohne Gorbatschow schmerzhaft erfahren müssen, als die Sowjets ihrem subalternen Bruderstaat kein Rohöl mehr lieferten. Die DDR-Wirtschaft musste mehr schlecht als recht ihr Öl aus der heimischen Braunkohle gewinnen mithilfe des in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erfundenen und seither nicht mehr weiter entwickelten Verfahrens der Kohlehydrierung. Eine ganz neue Dimension der Umweltverschmutzung und des Umweltverbrauchs.

Der Liebesentzug der Sowjets traf die ostdeutschen Kommunisten hart. Dabei waren die inneren Probleme schon bedrohlich genug. Die DDR-Bürger bekamen auf Schritt und Tritt vermittelt, dass sie gegenüber den Westdeutschen nur nachrangig behandelt wurden. Beim Urlaub am Schwarzen Meer umwieselten die bulgarischen oder rumänischen Kellner die wohlgenährten Westdeutschen, die in „Valuta“, also in harter D-Mark bezahlten, während die Ostmark nicht sonderlich begehrt war. So wurden die Ostdeutschen auch hier im sozialistischen Bruderland barsch abgefertigt.

Doch auch in der DDR selber war die Nachrangigkeit der eigenen Bevölkerung gegenüber dem Westen mit Händen zu greifen. Was nämlich kaum jemand bis heute weiß: die DDR produzierte keineswegs Schrott und lieferte hochwertige, technisch ausgereifte und anspruchsvolle Waren (2). Allerdings bekam diese Waren kaum jemand in der DDR zu sehen, geschweige denn zu greifen. Elektrogeräte, Textilien und Möbel aus sozialistischer Fertigung gingen sofort in den Westen. Große Versandhäuser wie Quelle und Neckermann oder Möbelhäuser wie IKEA lieferten Qualitätsware aus dem Osten. Salamander-Schuhe wurden nicht nur in Kornwestheim hergestellt, sondern auch in der DDR. Die Bundesbürger aus unteren Gesellschaftsschichten konnten sich auf diese Weise Waren des gehobenen Bedarfs leisten. Was sonst die eigene Lohntüte ohne Dumpinglieferungen aus der DDR nicht hergegeben hätte. So verbesserte die sozialistische DDR das Los der arbeitenden Klassen – aber nicht bei sich zuhause, sondern in der kapitalistischen BRD. Die besten Qualitäten gingen ins kapitalistische Ausland – den Ausschuss bekamen die eigene Bevölkerung und die Brüder und Schwestern aus dem sozialistischen Ausland in die Hand gedrückt.

Wer im Osten Qualität kaufen wollte, musste sich in die Delikat- oder Exquisit-Läden begeben. Dort musste man für die Schreibmaschine „Erika electronic S3006“ sage und schreibe 3.200 Ostmark hinblättern; während dasselbe Modell unter dem Namen „Privileg electronic 1400“ für wenige hundert D-Mark bei Quelle zu haben war. Zudem wurden Textilien, von denen man in der DDR Überschuss produziert hatte, für wenige Pfennige in den Westen verramscht, anstatt sie an die eigene Bevölkerung zu verteilen. Oft subventionierte die DDR-Regierung Exportwaren, sodass diese Waren unter dem Herstellungspreis in den Westen gingen. All diese Effekte waren wenig geeignet, die Bevölkerung von der „Überlegenheit des Sozialismus“ zu überzeugen. Die DDR füllte in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts genau die Funktion aus, die heute Drittweltländer ausfüllen: mit konkurrenzlos niedrigen Löhnen den Lebensstandard in den Industrieländern ohne nennenswerte Lohnerhöhungen künstlich hochhalten – mit allen üblen Folgen für Mensch und Umwelt vor Ort.

Die DDR wäre womöglich schon Anfang der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zusammengebrochen – wenn nicht der berüchtigte Kommunistenfresser Franz Josef Strauß von der bayerischen CSU die Nomenklatura um Erich Honecker mit einem Milliardendeal im Jahre 1983 vor dem Offenbarungseid bewahrt hätte (3). Das war natürlich keineswegs ein Akt der Humanität, wie Strauß das später gerne verkaufen wollte. Er half ganz einfach seinem engen Freund, dem Fleischgroßhändler Josef März, aus der Patsche. Der war nämlich mit seiner Firma Marox zu großem Reichtum gelangt, seitdem er zu absoluten Tiefpreisen Rinder aus der DDR einkaufte und diese Geschöpfe dann in bundesdeutschen Schlachthöfen zu Fleischkonserven verarbeiten ließ. Damit schädigte März nicht zuletzt bundesdeutsche Bauern, die mit dem DDR-Dumping nicht mithalten konnten und Konkurs gingen. Josef März unterhielt nichtsdestotrotz enge Beziehungen zu dem berüchtigten DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski.

Der verkloppte im Auftrag von Honeckers Politbüro einfach alles in der DDR, was sich in West-Devisen umwandeln ließ, egal wie. In der Schlussphase ließ Schalck-Golodkowski sogar unbescholtene DDR-Bürger unter fadenscheinigen Vorwänden von der Stasi verhaften, um sich sodann Wertsachen der Verhafteten unter den Nagel zu reißen und diese Wertsachen dann im Westen gegen Valuta zu verkaufen.

Dass Franz Josef Strauß ausgerechnet der DDR noch eine verlängerte Galgenfrist durch die Akquirierung eines Kredits von einer Milliarde D-Mark unter Führung der Bayerischen Landesbank einräumte, hat ihm politisch geschadet. Aber durch saftige Provisionen wurde der Löwe von Bayern für den Ansehensverlust entschädigt. Wir können übrigens das dubiose Geschacher zwischen Strauß und Honecker heute nicht mehr wissenschaftlich einwandfrei rekonstruieren. Denn mit Billigung des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder wurden alle Stasi-Akten über den CSU-SED-Deal vernichtet. Ganz frech hieß es in der Begründung dieser ungeheuerlichen Vertuschungsaktion, man wolle das Andenken an einen verdienten deutschen Staatsmann nicht besudeln lassen (4). Zu Lebzeiten des Münchner Schlachtersohns Franz Strauß kolportierte die bundesdeutsche Presse dagegen immer wieder gerne, der bayrische Kraftmann habe bei den Zechgelagen mit Schalck-Golodkowski empfindliche Staatsgeheimnisse zu vorgeschrittener Stunde ausgeplaudert. Das kann sein.

Andererseits hat aber wohl auch Schalck-Golodkowski empfindliche Staatsgeheimnisse der DDR-Regierung an bundesdeutsche Stellen weitergegeben. Man kann es noch deutlicher sagen: Schalck-Golodkowski verriet und verschacherte seine DDR an den kapitalistischen Westen. Spätestens als es nichts mehr zu retten gab außer Schalck-Golodkowskis nackte Haut. Nach dieser glorreichen Großtat konnte er dann in einer Villa am bayrischen Starnberger See unter Polizeischutz seinen Lebensabend genießen. Und die Schalck-Nummer funktionierte folgendermaßen: als die DDR für jeden ersichtlich im Sommer 1989 durch gigantische Fluchtwellen ausblutete, begann auch in der SED-Führung ein Umdenken. Zunächst wurde Erich Honecker, durch seine Hofschranzen bis dato permanent von unbequemen Wahrheiten abgeschottet, Mitte Oktober seiner Ämter enthoben. Sein Nachfolger Egon Krenz veranlasste die Erstellung einer Denkschrift, die ungeschminkt und schonungslos alle Schwächen der DDR offenlegen sollte, um endlich mit der Therapie beginnen zu können. Am 30. Oktober 1989 wurde dem Politbüro das so genannte „Schürer-Papier“ vorgelegt (5). Das Papier stellt fest, dass die DDR hoffnungslos verschuldet sei, und dass in puncto Produktivität die DDR meilenweit hinter der BRD hinterherhinke.

Immerhin wollen die Autoren um jeden Preis Kredite beim Internationalen Währungsfond vermeiden, um nicht dort in die Schuldknechtschaft zu geraten. Ihre Therapievorschläge: eine Austeritätspolitik im Stil der englischen Premierministerin Maggie Thatcher mit sozialistischer Rhetorik. Oberstes Ziel ist die Aufrechterhaltung der Souveränität der DDR. Man möchte sogar Länder wie Frankreich, Österreich oder Japan anpumpen, damit diese die Rest-DDR als Gegengewicht gegen eine befürchtete Erstarkung der BRD aufbauen mögen. Gleichzeitig möchte man aber auch von der BRD neue Kredite bekommen. Das geht natürlich nur, wenn dieses Schürer-Papier streng geheim bleibt. Die Empfänger des Papiers sollen dieses Dossier am 31. Dezember 1989 vernichten. Am Papier hat auch Alexander-Schalck-Golodkowski mitgearbeitet. Als dann im Januar 1990 Emissäre der DDR-Regierung bei westdeutschen Bankiers und Regierungsmitgliedern wegen eines Kredits vorsprechen, machen diese auf beleidigt, und berufen sich dabei auf das doch eigentlich hochgeheime Schürer-Papier. Und angesichts des im Schürer-Papier genannten Schuldenstands von 49 Milliarden D-Mark denken sie nicht im Traum daran, in dieses sinkende Schiff noch einen bundesdeutschen Pfennig zu investieren. Wer hat denn die westdeutschen Entscheidungsträger mit dem hochbrisanten Schürer-Papier versorgt? Welcher Schalck hat hier wohl die westlichen Banker geritten?

Die Aussage, dass die DDR mit 49 Milliarden Mark unrettbar verschuldet sei, war der tödliche Hammer für alle DDR-Aspirationen auf eine langfristige nationale Souveränität. Aufgrund dieser Hammerzahlen schwand auch bei den Befürwortern des Fortbestands der DDR jeglicher Mut. Es existierte noch im Herbst 1989 eine klare Zweidrittelmehrheit in der DDR für den Fortbestand eines eigenen Staates. Die Erklärung „Für unser Land“ (6) fand massenhaft Unterstützung. Doch kaum war die Grenze auf, strömten jede Menge Einflussagenten aus der BRD in die DDR, die sich unter die Demonstranten mischten und die Forderung nach „Wiedervereinigung“ ausriefen und deutsche Fahnen ohne Hammer und Zirkel schwenkten und „Helmut, Helmut!“ skandierten (7).

Dabei war auf der großen internationalen Bühne die Annexion der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland längst beschlossene Sache. So konnte man bereits am 4. November, also fünf Tage vor dem sagenhaften Mauerfall, in einer Provinzzeitung (8) folgendes lesen: „Der französische Staatspräsident Francois Mitterand erwartet eine schnelle Wiedervereinigung beider deutscher Staaten und hat keine Angst vor dieser Entwicklung. Das sagte er gestern zum Abschluß der deutsch-französischen Konsultationen in Bonn. ‚Es wird schnell gehen, sehr schnell, aber vielleicht nicht so schnell, wie manche sich das wünschen‘, sagte Mitterand.“

Die Deutsche Demokratische Republik war für westliche Investoren durchaus ein Leckerbissen mit großem Potential. Denn die DDR bildete den östlichen Teil eines einstmals großen Reiches. Der westliche Teil hatte sich optimal in der Ost-West-Spannung eingerichtet, hatte gute Geschäfte gemacht, und strotzte nur so vor Finanzkraft. Allein im ersten Halbjahr 1990 hatte die Bundesrepublik im Außenhandel ein sattes Plus von über 60 Milliarden Mark gemacht. Hier, so dämmerte Gorbatschow, ergibt sich eine Möglichkeit durch deutsche Unterstützung für das marode Sowjetreich. Biete DDR gegen Finanzhilfe. Ein Deal, den der damalige Sowjetchef Nikita Chruschtschow bereits im Jahre 1964 dem westdeutschen Bundeskanzler Ludwig Erhard angeboten hatte. Jetzt jedoch ist die Sowjetunion krank und schwach.

„Die Hoffnung heißt Germanija“, titelte das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel in jenen Tagen (9). Während Bundeskanzler Kohl und Generalsekretär Gorbatschow im Kaukasus abends am Lagerfeuer zusammensitzen, kommt der Gastgeber auf die Probleme zu sprechen: wenn er die DDR am 3. Oktober 1990 in die Wiedervereinigung entlässt, möchte er nicht länger auf den Kosten der sowjetischen Besatzungssoldaten sitzen bleiben, die noch bis 1994 in Ostdeutschland bleiben sollen. Kohl ist überhaupt nicht geizig. Er hatte den Sowjets bereits Lebensmittellieferungen im Wert von 220 Millionen Deutsche Mark mitgebracht. Zuvor hatte die Deutsche Bank trotz der schlechten Zahlungsmoral der Sowjets drei Milliarden DM als Kredit an die sieche Sowjetunion vergeben – was sonst keine Bank mehr gewähren wollte. Gorbatschow rechnet dem Kanzler vor, wo Löcher im Sowjetreich entstanden sind: der Verfall der Erlöse aus dem Öl- und Gasexport; Tschernobyl wird so etwa 15 Milliarden Dollar kosten; Afghanistan hat sieben Milliarden Dollar verschlungen; und durch die Volksseuche des Alkoholismus entsteht dem Staat jedes Jahr ein Verlust von zehn Milliarden Dollar. Kohl hatte sich auf der internationalen Bühne für ein Hilfspaket in Höhe von zwanzig Milliarden Dollar starkgemacht. Es wird über eine Wirtschaftshilfe für zehn Jahre in Höhe von hundert Milliarden Dollar nachgedacht. Kohl war ja auch jemand, der wirklich „liefert“.

Kein Wunder, dass die Presse vom neuen Rapallo raunt. Im italienischen Badeort Rapallo hatten die Weimarer Republik eine enge Kooperation mit der jungen Sowjetunion vertraglich besiegelt. So sagte der Spiegel damals: „Die Wirtschaftskraft der EG-Führungsmacht in Verbindung mit dem bislang nachhaltig verschleuderten Potential der Sowjetunion – dem Überfluß an Rohstoffen und bebaubarem Boden sowie mit Wissenschaftlern von Weltniveau und 80 Millionen Arbeitern, denen die Kommunisten mindestens Grundschulbildung angedeihen ließen. Kein Wunder, daß eine solche Perspektive auch beklommen macht.“ Weniger schwärmerisch, dafür aber umso mehr germanophob, textet der britische Economist: „Wenn Deutschland und Rußland einander wärmen, fangen andere Staaten zu frösteln an” (10).

Ein sowjetischer Diplomat scherzte später einmal bitter, Kohl sei als Bettvorleger gesprungen und dann als Tiger gelandet. Wäre Kohls Deal mit Gorbatschow Wirklichkeit geworden, dann hätte sich der Bundeskanzler aus Oggersheim plötzlich auf Augenhöhe mit den USA befunden. Dann wäre wahr geworden, wovor die Geostrategen in den USA und Großbritannien bereits seit einhundert Jahren immer wieder gewarnt hatten: die gigantischen Rohstoffe der eurasischen Kontinentalplatte, kombiniert mit deutschem Organisationstalent und Know-how. Vor George Friedman hatte bereits der britische Geopolitiker Halford Mackinder im Jahre 1904 das Gespenst einer deutsch-russischen Vereinigung an die Wand gemalt. Dieses eurasische Power-Paket zu verhindern blieb ein wesentliches Motiv angloamerikanischer Politik bis heute. Und so schlief man auch jetzt nicht in Washington und London. Bevor nämlich eine neue gesamtdeutsch-sowjetische Allianz zustande kommen konnte, entmachtete der russische Präsident Boris Jelzin, der unter dem Einfluss der USA stand, wiederum Gorbatschow und löste die Sowjetunion kurzerhand auf.

Die uneinholbaren Schulden von 49 Milliarden Valutamark, von denen das berühmte Schürer-Papier spricht, sollten sich als vollkommen unzutreffend herausstellen. Tatsächlich, das hat sogar die westdeutsche Bundesbank im sicheren Abstand von zehn Jahren 1999 festgestellt (11), bewegten sich die DDR-Schulden mit 19,9 Milliarden Valutamark in Größenordnungen, die durchaus zu wuppen waren. Aber mit dieser Schimäre der uneinholbaren Schulden rechtfertigte die Bundesregierung die totale Annexion der DDR. Und statt der erhofften „blühenden Landschaften“, die der Märchenerzähler aus Oggersheim, Helmut Kohl, versprochen hatte, wurde erste einmal alles platt gemacht, was der bundesdeutschen Wirtschaft im Wege stand.

Die Übernahme der DDR gestaltete sich nicht sonderlich würdevoll. Nach kurzer Umarmung kam die von den Medien produzierte Spaltung der Deutschen in „Ossis“ und „Wessis“. Währenddessen übernahmen Finanzseilschaften aus dem Westen die DDR und bereicherten sich bis weit über jede Schamgrenze hinaus. Sie betrogen die Steuerzahler in Westdeutschland genauso wie in Ostdeutschland. Sie kauften sich nämlich DDR-Banken. In deren Büchern standen angeblich nicht zurückgezahlte Kredite von DDR-eigenen Großunternehmen, den so genannten Kombinaten. Es handelte sich bei den so genannten „Krediten“ jedoch in Wirklichkeit um Gewinnrückführungen. Denn jedes Kombinat zahlte zunächst seine gesamten Gewinne an den Staat, quasi als Steuern.

Dann bekamen sie über die Konten der Banken einen Teil der abgeführten Gewinne wieder zurück, um damit soziale und kulturelle Aufgaben zu finanzieren, wie z.B. Kinderhorte. Dieses Geld wurde als „Kredit“ in den Büchern der Banken geführt, war aber kein Kredit im Sinne westlicher Kontoführung. Diese „Kredite“ forderten sodann die westlichen Investoren von den Kombinaten, plus zehn Prozent Zinsen. Die Kombinate konnten den Betrag nicht zahlen und gingen Pleite, auch wenn sie eigentlich kerngesund waren. Intakte Kombinate existierten in der DDR durchaus in nennenswerter Anzahl. Das Bundesfinanzministerium unter Theo Waigel hatte eigens einen so genannten „Altastentilgungsfond“ gebildet, der die Investoren bei Verlusten in Ostdeutschland entschädigen sollte. Dorthin wandten sich nun die Gläubiger, und wollten den Verlust aus der Pleite der Kombinate vom Bund zurückhaben. Sie bekamen das Geld. Auf diese Weise wurden die deutschen Steuerzahler mal eben um 200 Milliarden DM erleichtert.

Diesen Coup möglich gemacht hatte Horst Köhler, der damals als Staatssekretär im Finanzministerium tätig war. Köhlers Fachreferent für das Grobe hieß Thilo Sarrazin (12). Köhler wurde sodann mit dem Posten des Direktors des Internationalen Währungsfonds belohnt, bevor er sogar zum Bundespräsidenten des vereinigten Deutschland befördert wurde. Sarrazin blieb seiner Profession als Privatisierer von Volksvermögen treu. Als Berliner Finanzsenator half er mit, etwa 70.000 gemeinnützige Wohnungen an internationale Finanzheuschrecken zu verschachern.

Es waren nicht nur krasse Fälle von Kleptokratie, die diese Wiedervereinigung zu einem Fiasko werden ließen. Die Treuhandanstalt liquidierte und privatisierte Unternehmen in der DDR, dass es eine Maggie Thatcher vor Neid erblassen ließ. Gorbatschow hatte sich damals am Lagerfeuer von Kohl auch erbeten, dass die DDR-Unternehmen erhalten bleiben und in vollem Umfang mit der Sowjetunion weiterhin Handel treiben durften. Die auf Veranlassung des letzten Parlaments der DDR, der Volkskammer, ins Leben gerufene Treuhand hatte den klaren Auftrag, genossenschaftliche Unternehmen in Ostdeutschland gegen den Ansturm westlicher Konzerne zu schützen und feindliche Übernahmen abzuwehren. Folglich war der erste Treuhand-Chef ein DDR-Bürger. Doch sobald die Wessi-Funktionäre fest im Sattel saßen, wurde die Funktion der Treuhand radikal umgedreht.

Neuer Treuhand-Chef wurde der als rücksichtsloser Firmensanierer im Westen hervorgetretene Detlev Karsten Rohwedder. Doch Rohwedder enttäuschte die Erwartungen der westdeutschen Kahlschlag-Sanierer. Denn Rohwedder sagte ostdeutschen Kombinatschefs unter vier Augen, dass er die Zerschlagung der ehemaligen DDR-Kombinate unter allen Umständen verhindern wolle. Der Unmut der marktradikalen Freibeuter, die sich mittlerweile fest in der Treuhand eingenistet hatten, wuchs von Tag zu Tag. Rohwedder sei „untragbar“. Rein zufällig erledigte sich die Personalie Rohwedder scheinbar wie von selbst. Denn ein Anschlag der Rote Armee Fraktion tötete den zweiten Treuhandchef. Vermutlich handelte es sich beim Mord an Rohwedder um eine false-flag-Aktion: statt der RAF führten mit hoher Wahrscheinlichkeit professionelle Killer irgendwelcher Geheimdienste diesen inside job aus. Zwar waren alle Fenster in Rohwedders Haus zuvor mit schusssicheren Scheiben ausgestattet worden, wohl wissend, dass ein Treuhandchef gefährlich lebt. Nur das Fenster von Rohwedders Arbeitszimmer war seltsamerweise weiterhin aus ganz normalem Glas gefertigt. Und das wusste der professionelle Scharfschütze, der daraufhin Rohwedders Halsschlagader exakt mit der Kugel traf. Rohwedder verblutete auf der Stelle (13).

Der Weg war nun frei für Birgit Breuel. Die niedersächsische Finanzministerin folgte auf Rohwedder im Amt als Treuhandchef. Als Tochter eines Hamburger Privatbankiers hatte Breuel die Ideologie des Marktradikalismus tief eingesogen. Vollkommen empathiefrei brüstete sie sich damit, in einem Monat mehr Betriebe im Osten privatisiert zu haben als ihr Vorbild Maggie Thatcher in zwei Jahren. Betriebe, die noch intakt waren, wurden abgeschaltet, wenn sie einem Westkonzern beim Zug nach Osten im Wege standen. Andere Betriebe wurden für einen Appel und ein Ei westlichen Konzernen angegliedert. Alle weniger gut gestellten ostdeutschen Unternehmen wurden kurzerhand liquidiert.

Die Ökonomie der Ex-DDR wurde jetzt vollkommen umgepolt auf westliche Wirtschaftskreisläufe. Die Verbindung zwischen Deutschland und der Sowjetunion wurde erneut vollständig gekappt. Heute, wie zu Quelles und Neckermanns Zeiten, ist Ostdeutschland leider wieder die verlängerte Werkbank Westdeutschlands.

Wir lernen aus der Vergangenheit, wie wir die Zukunft besser machen.

Quellen und Anmerkungen:

  1. Hermann Ploppa: Der Griff nach Eurasien – Die Hintergründe des ewigen Krieges gegen Russland. Marburg 2019 S.273ff
  2. https://www.mdr.de/zeitreise/quelle-und-ddr-produkte-100.html
  3. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13488927.html
  4. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bayerischer-verfassungsschutz-stasi-akte-ueber-strauss-vernichtet-a-72280.html
  5. Schürer-Papier:https://www.chronik-der-mauer.de/material/178898/sed-politbuerovorlage-analyse-der-oekonomischen-lage-der-ddr-mit-schlussfolgerungen-30-oktober-1989
  6. Erklärung „Für unser Land“: https://web.archive.org/web/20131012065100/http:/www.hdg.de/lemo/html/dokumente/DieDeutscheEinheit_aufrufFuerUnserLand/index.html
  7. Otto Köhler: Die Grosse Enteignung – Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft ruinierte. Berlin 2011. S.171ff
  8. https://www.op-marburg.de/Marburg/Der-Mauerfall-1989-Was-hat-er-bewirkt
  9. https://www.spiegel.de/politik/die-hoffnung-heisst-germanija-a-2d570c4e-0002-0001-0000-000013507185
  10. Zitat aus Spiegel-Artikel Fußnote 9
  11. https://www.bundesbank.de/resource/blob/689284/7410029db56fb56ea6ce81816f8017ee/mL/zahlungsbilanz-ddr-data.pdf
  12. Hermann Ploppa: Die Macher hinter den Kulissen – Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern. Frankfurt/Main 2014
  13. Wisnewski/Landgraeber/Sieker: Das RAF-Phantom – Wozu Politik und Wirtschaft Terroristen brauchen. München 1993. S.230ff.
  • Empfohlene Lektüre: Vladimiro Giacché: Der Anschluss – Die deutsche Vereinigung und die Zukunft Europas. Hamburg 2015

Bildquellen:

  1. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437,_Berlin,_Demonstration_am_4._November.jpg
  2. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/35/Bundesarchiv_Bild_183-1986-0421-049%2C_Berlin%2C_XI._SED-Parteitag.jpg
  3. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1109-030,_Berlin,_Schabowski_auf_Pressekonferenz.jpg?uselang=de
  4. https://www.dekoder.org/de/article/1990er-bilder-alltag – © Eddi Opp/Kommersant, 1992
    ©Vsevolod Tarasevich/МАММ/russiainphoto.ru
  5. https://de.rbth.com/geschichte/83200-saudi-arabien-oelpreise-sowjetunion
  6. https://www.bpb.de/internationales/europa/russland/47922/stagnation-entspannung-perestroika-und-zerfall-1964-1991
  7. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0713B-021,_Espenhain,_Braunkohleveredelungswerk.jpg
  8. https://www.ebay.de/itm/193492558098
  9. https://ia800705.us.archive.org/29/items/KatalogQuelle1980RFN/01.jpg
  10. https://www.planet-schule.de/wissenspool/alltag-in-der-ddr/inhalt/hintergrund/versorgung.html – ©Gerald Syring
  11. https://100jahre-hde.de/brd-und-ddr/
  12. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0226-315,_Leipzig,_Fr%C3%BChjahrsmesse,_Strau%C3%9F,_Honecker.jpg
  13. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1990-0226-315,_Leipzig,_Fr%C3%BChjahrsmesse,_Strau%C3%9F,_Honecker.jpg
  14. https://www.ovb-online.de/rosenheim/landkreis/strauss-1983-schalck-zehn-jahren-gibt-keine-mehr-5483094.html – privat
  15. https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/deutsche-einheit/zeitung-enthuellt-koko-machenschaften-403798 – gemeinfrei
  16. https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/deutsche-einheit/zeitung-enthuellt-koko-machenschaften-403798 – gemeinfrei
  17. https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1983-31.html_Archiv
  18. https://www.wilsoncenter.org/blog-post/alexander-schalck-golodkowski-east-germanys-back-channel-negotiator-and-hard-currency
  19. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/17/Bundesarchiv_Bild_183-1989-1024-028%2C_10._Volkskammertagung%2C_Rede_Egon_Krenz.jpg
  20. https://www.wikiwand.com/de/Haus_am_Werderschen_Markt
  21. https://www.havemann-gesellschaft.de/19121989-demonstration-gegen-die-deutsche-einheit-in-ost-berlin/ – ©Andreas Kämper/RHG_Fo_AnKae_1591 – gemeinfrei
  22. Bundesarchiv, Bild 183-1989-1211-027 / CC-BY-SA 3.0
  23. https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/612500-612500 – gemeinfrei
  24. https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1990.html
  25. https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/kanzleramt/bundeskanzler-seit-1949/helmut-kohl – gemeinfrei
  26. https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/gorbatschow-in-bonn-gefeiert-389908 – gemeinfrei
  27. https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/338861/vor-30-jahren-gorbatschow-tritt-als-generalsekretaer-der-kpdsu-zurueck
  28. https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1990.html
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  30. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/03/Bundesarchiv_Bild_183-L0106-0008%2C_VEB_Narva_Kombinat_Berliner_Gl%C3%BChlampenwerk%2C_guter_Planstart.jpg
  31. https://www.bundespraesident.de/DE/Die-Bundespraesidenten/Horst-Koehler/horst-koehler-node.html – gemeinfrei
  32. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/91/Bundesarchiv_B_145_Bild-F088842-0027%2C_Berlin%2C_Bauarbeiten_vor_der_Treuhandanstalt.jpg
  33. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f4/Bundesarchiv_Bild_183-1990-0821-025%2C_Detlev_Rohwedder%2C_Pr%C3%A4sident_der_Treuhandanstalt.jpg
  34. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_175-1990-0226-317-34781?cb=1632895605051
  35. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_176-1990-0226-319-34781?cb=1632895605051
  36. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b3/Bundesarchiv_B_145_Bild-F088082-0031%2C_Birgit_Breuel.jpg
  37. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/77/Bundesarchiv_Bild_183-1990-1219-006%2C_Berlin%2C_Stahlwerker_protestieren_vor_Treuhandanstalt.jpg

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Kommentare (18)

18 Kommentare zu: “HIStory: Die Abwicklung der DDR

  1. Ich habe 1983 mit meiner Familie einen Ausreiseantrag gestellt und bis zur Ausreise kurz
    vor Mauerfall viel erdulden müssen (Berufsverbot, perfideste Stasi-Zersetzungsarbeit, u.a.m.).
    Über 10 Jahre haben wir keinen Fuß mehr auf ehemaligem DDR-Boden gesetzt. Doch mit
    der Zeit merkt man doch die Sehnsucht nach den Wurzeln, wobei die kapitalistische Art zu
    leben, ein Übriges tat. . Ich fahre heute regelmäßig in meine alte Heimat, treffe mich mit Schul-
    und Sportfreunden, wobei ich keinesfalls Mauer, Bautzen und Repressionssystem wiederha-
    ben möchte. Seit Gerhard Schröder merke ich, und seit Merkel verstärkt, daß auch in Gesamt-
    deutschland schleichend raffiniert DDR-Methoden "fröhliche Urständ" feiern. Der Wessi merkt
    das weniger, da der Wohlstand – nicht für alle – noch auf hohem Niveau zu genießen ist. Und
    Wohlstand verleitet zur härtesten aller Arbeiten – dem Denken. Das Erkennen Hinterfotzigkeit
    der Regierenden dem gelernten DDR-Bürger immanent und besonders die An-
    dersdenkenden der DDR widern die ekelhaften Methoden für den Ausbau der (Geld-)Macht an.
    Ich war SPD-Fan (Brandt, Schmidt), Heute bin ich gar nichts mehr (nicht einmal mehr in der Kirche),
    außer – wieder Dissident. Hätte ich das gewußt, was kommt, und da sind viele Antragsteller der
    gleichen Meinung, hätte ich keinen Antrag gestellt! Es würde hier zu weit führen, noch länger
    darauf einzugehen, aber man hat mir und meiner Familie den Einstieg in das westliche Leben sehr,
    sehr schwer gemacht. Zum Schluß:Danke, Herr Ploppa.

  2. pmallm sagt:

    Das ist zwar interessant und detailreich, doch so ergibt sich eine einseitiges Bild und es entsteht fast der Eindruck, als hätten hier die BRD-Eliten aus freien Stücken gehandelt. Dem war & ist nicht so. Unsere Marionetten erfüllten ihren Auftrag beim wirtschaftlichen Raubzug im Osten, die DDR Eliten und ihre mächtigen Helfer im Osten den ihrigen bei der Sozialistischen Unterwanderung. Über die Friedensbewegung, die SED/Linke, Die Grünen bis hin zu SPD & CDU wurde systematisch unterwandert und neu ausgerichtet. Auf der Strecke blieb in Ost wie West die Freiheit und zusehends nun auch der wirtschaftliche Wohlstand. Wir sind nun, nach über 20 Jahren am Ende des ,,Guten Weges'' der Top Agentin des Ostens angekommen, doch selbst diese handelte nicht frei. Sie hat ihre Auftraggeber auf der ganzen Welt, in allen Camps des Deeper State. Noch ein Wort zu Gorbatschow.: Er erscheint als der gemäßigte ,,Reformer'', meinetwegen auch Insolvenzverwalter der Soviet Union, in Wahrheit beugte er sich nur insoweit dem Westen, als er vordergründig nachgab, langfristig aber auf die Chinesische Karte setzte. Wie sagte eine seiner Gefolgsdamen in 2019: ,,China ist unser strategischer Partener'' (Merkel !) Ich könnte hier noch ewig weiter machen, doch wie schon zuvor von einem andern Kommentator bemerkt, es bringt zwar einiges an Klarheit, doch viel entscheidender ist doch die Frage nach dem Weg in eine gerechtere & freiere Zukunft.
    Fazit: Die Sozialisten & Neo-Faschisten habe Beute gemacht holen wir uns diese wieder zurück….!!!!
    Peter Mallm

    • _Box sagt:

      Was Getrolle angeht ist das tatsächlich ein neuer Negativrekord. Bei diesen Verdrehungen und völliger Faktenbefreitheit … ist das jetzt Kunst oder kann das weg?

      Anbei:

      Das Schweigen der Lämmer ist kein unabwendbares Schicksal. 1989 hat das Volk sich selbst zum Sprechen ermächtigt und seine Stimme gegen die Zentren der Macht politisch wirksam werden lassen. Es hat den alten Hirten die Gefolgschaft gekündigt — und sich neue gesucht, die seine „Vertreibung ins Paradies“, so das treffende Bild von Daniela Dahn, organisierten: das Paradies der kapitalistischen Warenwelt, der grenzenlosen Reise- und Redefreiheit; das kapitalistische Paradies der individuellen Bedürfnisbefriedigung, der bunten Medienvielfalt und der unerschöpflichen Zerstreuungs- und Unterhaltungsindustrie. Keine Frage: Nach den Kriterien des westlichen Vorbilds ist der Lebensstandard für eine Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland gestiegen — und mehr noch das Ausmaß sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Spaltungen.

      Für den Sieger war dies ein überwältigender Sieg. Und da Geschichte bekanntlich von den Siegern geschrieben wird, kann es keinen Zweifel geben, wer der Sieger ist. Der Sieger des historischen Augenblicks ist die kapitalistische Wirtschaftsordnung und mit ihr die Lebensformen und Annehmlichkeiten des Konsums, die sie ermöglicht.

      Bleibt noch die Frage, wer oder was eigentlich die Verlierer der Ereignisse von 1989 sind. Über den Hauptverlierer gibt es wohl ebenfalls keinen Zweifel: Es ist der real existierende Sozialismus. Er hatte schon früh gezeigt, dass er bereit ist, seine emanzipatorischen Versprechen zu verraten und zu missbrauchen. Auch hat er in der jahrzehntelangen Systemkonkurrenz mit dem US-geführten Kapitalismus und ihren brutalen ökonomischen und militärischen Spielregeln nicht vermocht, eine Lebensrealität anzubieten, die die Bevölkerung über diesen Verrat hätte hinwegtäuschen oder sie dafür hätte entschädigen können.

      1989 hat das Volk sein Veränderungsbedürfnis klar artikuliert und sich für einen besseren, demokratisch reformierten Sozialismus ausgesprochen. „Ich wollte immer in einer Demokratie leben, aber nie im Kapitalismus“, schreibt Daniela Dahn in ihrer soeben erschienenen Abrechnung mit der Einheit, die den Titel trägt: Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute — eine Pflichtlektüre für alle, die die Hintergründe der sogenannten Wiedervereinigung besser verstehen wollen und zugleich mehr erfahren wollen über die Persönlichkeit des Wiedervereinigers, also die Bundesrepublik.

      Nach einem zunächst verheißungsvollen Aufbruch oppositioneller Gruppen in der DDR, die einen Demokratisierungsdruck aufzubauen suchten, der auch auf den Westen übergreifen sollte, wurde jedoch die „friedliche Revolution“, die keine Revolution war, regelrecht aufgekauft — der Kapitalismus hat bekanntlich einen großen Magen.

      Wie die Geschichte ausging, ist bekannt: Die historische Chance auf eine gesamtdeutsche Verfassung, die, wie es in Paragraf 146 des Grundgesetzes heißt, „von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist“, also die Chance einer wirklichen Demokratisierung in beiden Teilen wurde in rigoroser Siegermentalität blockiert. Und damit auch die Chance, sozialen Grundrechten Verfassungsrang zu geben.

      In diesen Siegesstunden bewies der Kapitalismus noch einmal, dass ihm kein ideologisches System an illusionserzeugender Kraft gleichkommt. Keine andere autoritäre Herrschaftsform verfügt über so ausgefeilte Mittel, Menschen zu ihrer freiwilligen Knechtschaft zu verführen. Dazu gehören insbesondere Mittel zur Spaltung der Gesellschaft und zur Zersetzung von Dissens. All diese Mittel konnten 1989 höchst wirksam zur Anwendung gebracht werden, dazu noch mit singulären Renditen für die Kapitalbesitzer. Die Stimmen einer demokratischen Revolution verhallten und der kapitalistische Weg war frei zu einer, in Daniela Dahns prägnanter Formulierung, „feindlichen Übernahme der DDR auf Wunsch der Übernommenen“. Auch das war Demokratie, nur eben „kapitalistische Demokratie“, über die noch zu sprechen sein wird.

      Aus:
      Die verhinderte Demokratie
      Nach der Wiedervereinigung eroberten die Sieger die Deutungshoheit und vereitelten so die historische Chance eines wirklichen Neubeginns.
      von Rainer Mausfeld
      https://www.rubikon.news/artikel/die-verhinderte-demokratie

    • Selbstverständlich ist mir seit Langem bewußt, daß die, die gewählt werden, am langen
      Arm des Geldes hängen. Doch das Unheil braucht Namen, doch die Namen derer, die nicht
      gewählt werden, flimmern, bewußt gesteuert, im Nebel. So drischt unsereins auf den Sack
      ein, meint aber den Esel. Nur glauben 85% der Deutschen nach wie vor, daß sie vom Sack
      regiert werden.

  3. Ruth Jaepelt sagt:

    "Wir lernen aus der Vergangenheit, wie wir die Zukunft besser machen." Ihr Schlusswort in Gottes Gehörgang!

    Wir lernen ja bislang nicht einmal, wie wir Unrecht aus nicht allzu ferner Vergangenheit aufarbeiten und Gerechtigkeit herstellen können. Die Täter bleiben reich und unbehelligt, während die Opfer arm bleiben und jung sterben. So sieht´s leider aus. Und alles, was Sie jetzt aufdecken (z.B. die nur 19 statt 49 Mrd. Schulden der DDR), interessiert heute "keine Sau" mehr. Alles, was unter diesen falschen Annahmen angerichtet wurde, behält Bestand. Da wird nix rückgängig oder wieder gut gemacht. Ist gut gemeint und gewiss interessant. Aber Wirkung in Richtung Vergangenheit und auch in Richtung Zukunft = NULL.

  4. adnil rummut sagt:

    Empfehlenswerter Klassiker zum Thema:

    Peter Decker
    Karl Held
    Abweichende Meinungen zur „deutschen Frage“
    DDR kaputt – Deutschland ganz
    Eine Abrechnung mit dem „Realen Sozialismus“ und dem Imperialismus deutscher Nation

  5. Was gesagt wurde, ist zum größten Teil richtig. Dass aber das MfS "wahllos" DDR Bürger verhaften, ließ, um an deren Vermögen zu kommen, ist ausgemachter Blödsinn. Was die Ablösung Erich Honeckers betrifft, so wurde er nicht von "Hofschranzen", sondern von den Mitgliedern des Politbüros beschlossen und zwar einstimmig, einschließlich der Stimme Honecker's selbst. Er soll das mit den Worten quittiert haben: "Heute ich, morgen ihr." (Originalton Egon Krenz). Letztlich sollte er Recht behalten. Und Recht hatte er auch darin, dass er in vielen seiner Reden sagte: "Die Vereinigung der Sozialistischen DDR mit der kapitalistischen BRD, ist genauso unmöglich, wie die Vereinigung von Feuer und Wasser". Wer will dem, angesichts der Verbrechen, die die westdeutschen Eliten den DDR Bürgern antaten, widersprechen? Bis heute werden in Filmen, Serien, Theaterstücken und Presseerzeugnisse jedweder Art, Dreck auf den Leichnam DDR gegossen und alles, aber auch alles, was wir erreicht und zu verteidigen wussten, wird in den Schmutz gezogen. Ich möchte auch daran erinnern, und das kam zum Teil auch in dem Beitrag vor, dass die Existenz der DDR den Arbeitern und Angestellten in der BRD half, ihre politischen und ökonomischen Rechte gegenüber dem Kapital erheblich leichter durchzusetzen. Eine Privatisierung von Telekommunikation, Post, Bahn, Gesundheitswesen, Bildung und Kultur, Altersversorgung, Pflege in einer derartigen Brutalität, Hartz IV, offene Korruption, bis hin in höchste Ämter, Krieg und Verderben in alle Welt zu tragen, u.v.a.m., wäre noch vor 32 Jahren in dieser Perversität , nicht möglich gewesen. Dafür hat uns das internationale Finanz- und Monopolkapital gehaßt und haßt uns noch heute. Jetzt, nach der Annektion des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden, hat man den dummen, deutschen Michel "im Sack" und das Kapital kann sich ungehindert in Gestalt jedweder Regierung, gleich welcher Couleur, nicht nur gegen das deutsche Volk, sondern, bis auf wenige Ausnahmen, weltweit austoben und nennt das demagogisch " Globalisierung" Dagegen helfen nur die Worte und das Vermächtnis von Karl Marx und Friedrich Engels im "Manifest der Kommunistischen Partei": "Proletarier aller Länder- vereinigt euch!"

    • _Box sagt:

      Anbei eine recht eindrückliche Rede:

      Persönliche Erklärung von Erich Honecker vor dem Berliner Landgericht am 3.Dezember 1992 (Wortlaut)
      https://www.blaetter.de/ausgabe/1993/januar/persoenliche-erklaerung-von-erich-honecker-vor-dem-berliner-landgericht-am-3dezember-1992-wortlaut

  6. _Box sagt:

    Ach Herr Ploppa, sie wären ohnehin für die Schlangengrube viel zu schade gewesen. Und im Ernst, die Schwatzbude hat nun überhaupt nichts zu melden. Hört da überhaupt noch jemand hin, wenn es noch nicht einmal die Anwesenden(?) tun? Das ist doch vorgelebter Autismus. Wenn die Basis da gelandet wäre, hätte man den Bundestag noch von YouTube verbannt.

    Anbei noch etwas zur Abwicklung der Sowjetunion:

    19. August 1991 – Dem gescheiterten August-„Putsch“ in Moskau folgte der Durchmarsch der russischen Neoliberalen

    19. August 2021 um 10:30 Ein Artikel von Ulrich Heyden | Verantwortlicher: Redaktion

    Was die Mitglieder des Moskauer Notstandskomitees, die im August 1991 (vor genau 30 Jahren) Panzer in Moskau auffahren ließen, genau für Pläne hatten, ist bis heute nicht erforscht. Ihr Handeln war so wenig durchdacht wie das Handeln von Michail Gorbatschow, der zwischen Liberalisierung und Zentralisierung hin und her schwankte. Nach Meinung des russischen Linkspolitikers Nikolai Platoschkin trägt Gorbatschow mit seiner Anordnung vom Januar 1989, die Betriebe selbst entscheiden zu lassen, was sie produzieren, Schuld an der rasanten Verarmung der Bevölkerung. Dass sich die Sowjetunion auflöste, habe aber auch mit den Interessen der sowjetischen Republiks-„Fürsten“ zu tun, so der Linkspolitiker, der mehrere historische Bücher schrieb. Die Mehrheit der Bevölkerung in Russland, Weißrussland, der Ukraine und in den zentralasiatischen Republiken habe sich im März 1991 in einem Referendum noch mehrheitlich für den Erhalt einer reformierten Sowjetunion ausgesprochen. Dem gescheiterten Putsch eines Teils der Sowjetführung folgte der Durchmarsch der russischen Neoliberalen, die unter Anleitung des US-Ökonomen Jeffrey Sachs eine Schocktherapie durchzogen, welche die Armut dramatisch vergrößerte. Von Ulrich Heyden, Moskau.

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=75297

  7. Lea5858 sagt:

    Vielen Dank Herr Ploppa für Ihr ungemein interessantes History-Format! Ich bin jedes Mal begeistert (und immer wieder neu geschockt). Dass die Abwicklung der DDR ein Raubzug war, dürfte allgemein bekannt sein. Aber die vielen Zusammenhänge und Details, die Sie bringen, sorgen für viele Aha-Erlebnisse.

  8. DatHeindel sagt:

    Es war keine Wiedervereinigung, sondern eine Übernahme, der Osten wird noch heute vom Westen verwaltet und beherrscht.

  9. Kaja sagt:

    Im Bezirk Karl-Marx-Stadt produzierten die VEB Esda Thalheim Feinstrumpfhosen (die im Westen als Markenname "Nur die geht mit" verkauft wurden), DKK Schwarzenberg Kühlschränke und in Scharfenstein wurden Waschmaschinen, die bei Quelle und Neckermann verkauft wurden, produziert.

    Rund um Berlin verkauften die LPGn Eier und Fleisch, lebende Tiere, Gemüse, Obst und Kartoffeln an den Westen.
    Westberlin entsorgte seinen Müll in DDR-Berlin und auf Müllhalden im Bezirk Potsdam.

    • Ursprung sagt:

      Und die Wessies leiteten aus den zu-billig-Waren in nicht zu uebietender Hirnrissigkeit eine eigene vermeintliche Ueberlegenheit ueber die Ossies ab. Ich weiss das, weil ich selber Wessie war.
      Aber die Ossies haben uns mit der Merkel alles heimgezahlt.

    • Kaja sagt:

      @ Ursprung:
      Das Unternehmen, in dem der Grundstoff fürs Fertigen der "Nur die geht mit" Damenfeinstrumpfhosen texturiert wurde, der Volkseigene Betrieb Texturseidenwerke Flöha, wurde 1990 geschlossen und die Betriebsmittel wurden verschrottet und verramscht.
      Im Jahre 2020 wurde derselbe Betrieb mit derselben Produktion in derselben Kleinstadt bei Karl-Marx-Stadt (sorry: bei Chemnitz) wieder aufgebaut und die Produktion läuft längst wieder. Dass Irre-Sein hat Methode!

  10. Ursprung sagt:

    War in den ersten Jahren mit meinem Planungsbuero in den neuen Laendern als Dependance vor Ort taetig. Ich war entsetzt ueber den Dilletantismus westdeutscher Verwaltungsleute, die in den Osten auf die Chefposten geschickt wurden, dort auf technisch bestens kundige Ingenieure trafen und dennoch teils geradezu irrsinnige Entscheidungen gegen alle Vernunft durchsetzten.
    Was mir damals als Branchenbloedismus schlechter Verwaltungschefs aus dem dritten Glied vorkam, wird unter dem, was Ploppa jetzt hier vortraegt, impertinente Ausschlachtungsabsicht der westdeutschen Administrative. Geboostet natuerlich mit Korruption der jeweils groessten Marktplayer als Generalunternehmer und unnoetig teuersten ungeeigneten statt technisch besseren und guenstigeren Alternativen.

  11. Jokerin sagt:

    Hochinteressant, danke!
    "Denn die DDR bildete den östlichen Teil eines einstmals großen Reiches."
    Pommern, Schlesien und Ostpreußen, die *Ost*gebiete des Deutschen Reichs, standen völkerrechtlich von 1945 bis 1990 unter polnischer bzw. sowjetischer *Verwaltung*.

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