- Thomas Manns geheime Abgründe
Die Lyrische Beobachtungsstelle von Paul Clemente.
Kein Kinoklassiker bleibt verschont: Hundertjährige Stummfilme werden mittels KI koloriert und mit Alltagslärm versehen. Dadurch wird tiefste Vergangenheit zur Gegenwart. So als hätte man „Berlin, Sinfonie einer Großstadt“ nicht 1927, sondern erst gestern gedreht - und dabei eine ultrascharfe Digicam verwendet. Einziger Wermutstropfen: Der Zauber des Vergangenen wird beschädigt, die Exotik des Farblosen gekillt. Aber: Keine Tendenz ohne Gegenströmung. Denn manche Arthouse-Filmer kehren zum Schwarz-Weiß-Film zurück.
Allein im letzten Jahr zogen der Thriller „Das Mädchen mit der Nadel“, das Historiendrama „Das Verschwinden des Dr. Josef Mengele“ oder die Albert Camus-Verfilmung „Der Fremde“ ihr Publikum in eine Welt jenseits der Farben. Dieses Jahr folgt Paweł Pawlikowskis Biopic „Vaterland“. Deren Schwarzweiß schafft Distanz, dient als Verfremdungseffekt.
„Vaterland“ zeigt Deutschland im Jahre 1949: Ein materieller und geistiger Trümmerhaufen. Aufgeteilt in Zonen, überall Ruinen, notdürftig Repariertes, schlecht verdrängte Traumata, Schuld und Verlust. In dieser Stunde Null entstand der Wunsch nach Anknüpfung ans klassische Erbe, nach einem überzeitlichen Humanismus. Und der habe – so glaubten viele – in Goethe und Thomas Mann zwei würdige Vertreter. Und zufällig jährte sich der Geburtstag des Dichterfürsten zum 200sten Male. Na, warum dann nicht Thomas Mann mit einer Goethe-Medaille aus dem Exil locken? Keine Imagekampagne wäre zuträglicher als die Rückkehr des international gefeierten Hitler-Gegners? Also lud Goethes Geburtsstadt Frankfurt ihn zur Preisverleihung.
Die Stadt Weimar, im russischen Sektor gelegen, übernahm diese Strategie postwendend. Schließlich hatte der Dichterfürst den Großteil seines Lebens dort gewohnt und gewirkt. Also offerierte man Thomas Mann einen zweiten Goethe-Preis. Initiator der Weimarer Auszeichnung war der Lyriker Johannes R. Becher. Der kannte Mann aus vergangenen Tagen. Jetzt, als frischgebackener Kulturminister der DDR, wollte er die Symbolfigur Mann nicht dem Westen überlassen. Die Strategie ging auf: Der Literatur-Nobelpreisträger beschließt, beide Goethe-Preise einzusacken: Den aus Frankfurt und den aus Weimar. Den unter westaliierter Schirmherrscher und den unter russischem Protektorat.
„Vaterland“ beginnt mit Thomas Manns Ankunft in Frankfurt. Der reiche Industriellen-Erbe staunt nicht schlecht, als man ihm ein mickriges Hotelzimmer mit Fusellicht zuteilt. Seine Begleitung: Die Tochter Erika. Die hält beide Preisverleihungen für Nonsens: Wieso soll ihr Vater das Image eines Landes aufpolieren, das ihn 1933 zur Migration gezwungen hat?
Nach der Ansprache in der Paulskirche wird der Exilschriftsteller von Journalisten gelöchert. Aber selbst auf aggressive Fragen reagiert er lässig und pointensicher. Hanns Zischler spielt den 74-jährigen als Meister der Form und Selbstbeherrschung. Bei der anschließenden Feier kommt es zur Konfrontation. So trifft Erika am Tresen auf ihren Ex-Ehemann, den legendären Schauspieler Gustav Gründgens. Sie wirft ihm Kollaboration mit dem NS-Regime vor. Als Gründgens zum verbalen Gegenangriff ausholt, scheuert sie ihm eine. Klatsch. Vor allen Gästen. Peinlich, peinlich. 1:O für Erika?
Ähnlich abgewatscht werden die beiden Enkel Richard Wagners: Wieland und Wolfgang. Die bitten Thomas Mann den Wiederaufbau der Bayreuther Festspiele zu unterstützen, wollen ihn als Schirmherren gewinnen. Der aber erwidert lächelnd, dass man das Festspielhaus abfackeln solle. Und dessen Intendantin Winifred Wagner gehöre als Hitler-Freundin in den Knast. Dann wendet der Romancier sich lächelnd ab und lässt die beiden Wagner-Enkel stehen. – Auch hier gilt: 1:0. Mancher Rezensent erlebte beide Abrechnungs-Szenen als kathartisch. Die moralisch Guten, Thomas und Erika Mann, schlagen die Bösen mit Ohrfeigen und Pointen. Die Realität war nicht ganz so schwarz-weiß.
Nehmen wir Gustav Gründgens. Ja, der war Liebling des „Reichsmarschalls“ Hermann Göring, der ließ sich als Vorzeigekünstler einspannen. Aber: Als Intendant des Preußischen Staatstheaters bewahrte er jüdische und politisch verfolgte Kollegen vor dem Zugriff des NS-Regimes. Sogar den Regisseur Jürgen Fehling. Der hatte 1936 in seiner Shakespeare-Inszenierung „Richard III“ die brutale Mordbande des Königs in SA-Uniformen auf die Bühne geschickt. Trotz des Mega-Skandals bestand Gründgens auf Fehlings Verbleib – und kam damit durch. Last but not least ließ er für seine Inszenierung von Schillers „Räubern“ alle antisemitischen Anspielungen streichen.
Umgekehrt Thomas Mann: Den erreichte 1939 in der kalifornischen Villa ein Bittgesuch für den jüdischen Schriftsteller Salomo Friedländer alias Mynona. Obwohl Mann für manchen Kollegen die Bürgschaft übernahm – bei Friedländer blieb er hart. Der hatte nämlich 15 Jahre zuvor Manns Roman „Der Zauberberg“ verrissen. Die Antwort des Beleidigten war kurz und knapp: „Mynona mag ich nicht und wünsche ihn nicht bei mir zu sehen.“ Friedländer überlebte zwar die Verfolgung, starb aber kurz nach Kriegsende an Erschöpfung.
Auch wenn der Film solche Abgründe der Hauptfigur ausspart, in Bezug auf den Sohn Klaus zeigt Regisseur Pawlikowski sie umso deutlicher. Zischlers Darstellung des Seniors erinnert an Bildnisse des späten Goethe: Ein mumifizierter Klassiker. Der trägt keine Kleidung, sondern die Kleidung trägt ihn. Und der Sohn? Der sitzt in der ersten Szene nackt neben dem Bett seines Liebhabers. Klaus Mann lebte die homosexuelle Neigung, die sein Vater unterdrückte. Der ließ sich nicht in steife Fracks zwängen. Außerdem verweigerte er die „große Literatur“, schrieb fast journalistisch, mit Stellungnahmen zum Zeitgeist. Leicht vorstellbar, wie quälend dieses Vater-Sohn-Verhältnis war.
Und dann kommt es knüppeldick: Mitten auf der Frankfurt-Weimar-Tour erfahren Thomas und Erika Mann vom Selbstmord des „verlorenen“ Sohnes. Während Schwester Erika unter Schock steht, den Abbruch der Reise fordert, hält der Vater Distanz: Er schiebt dem Verstorbenen alle Schuld am Missverhältnis zu. Außerdem: Selbstmord? Das hätte er seiner Mutter nicht antun dürfen.
Nach dieser Reaktion wirkt Manns Weimarer Dankesrede noch hohler als die in Frankfurt. Eine wirkliche Götterdämmerung. Ähnlich das Publikum: Kein Interesse oder Inspiration. Zuletzt: ein lauter, aber mechanischer Applaus.
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: Thomas Mann 1937
Bildquelle: Carl Van Vechten / Wiki Commons
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