Gedankenknoten – Philosophieren | Von Bernd Lukoschik

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Gedankenknoten sind kleine Texte, die philosophische Probleme erörtern, Fragestellungen aufwerfen und den Leser ins Grübeln bringen. Vom Altertum bis zur Moderne werden Begriffe besprochen, die zum Hinterfragen anregen und das philosophische Problematisieren schulen.

Das Thema heute: Philosophieren

Was macht das Philosophieren zum Philosophieren?

Es gibt sicherlich keine Wesensbestimmung oder Natur des Philosophierens. Häufig genug wurde Nachdenken gerade dann zum Philosophieren, wenn es etablierte Vorstellungen davon, was Philosophieren ausmache, infrage stellte. Dennoch brauchen wir zumindest eine grobe Richtung, was wir uns unter Philosophieren vorstellen könnten.

Vielleicht gibt eine Szene aus Platons Dialog „Phaidon“, der die Gespräche an Sokrates’ Todestag wiedergibt, einen Impuls für eine solche grobe Ahnung.

Der Tag der Hinrichtung des Sokrates ist gekommen. Soeben wurde er im Gefängnis von seinen Fesseln befreit, und es wurde ihm mitgeteilt, dass er heute sterben müsse. Nachdem seine Frau und sein Söhnchen die Zelle verlassen haben, setzt sich Sokrates auf sein Bett – und nun gibt Platon eine Szene wieder, deren Schilderung im Zusammenhang mit dem Sterben des verehrten Lehrers recht befremdlich anmutet: Sokrates „krümmte das Bein, rieb sich mit der Hand den Schenkel und sagte dabei: Wie seltsam, ihr Männer, scheint es doch darum zu stehen, was die Menschen Lust nennen! …“

Die Reaktion darauf, tagelang gefesselt zu sein, ist verständlich und etwas ganz Übliches. Jeder würde sich wohl die Beine kratzen.

Warum das hier unter so dramatischen Umständen überhaupt erwähnen? Für Platon ist diese Selbstverständlichkeit ein Mittel, um einen wesentlichen Charakterzug des Sokrates aufleuchten zu lassen: Statt herumzujammern oder sich sonst wie über die Behandlung im Gefängnis zu äußern, statt sich also um die eigene Person zu drehen, erstaunt ihn das Alltägliche, und er nimmt es als Anlass, zu hinterfragen: Das Reiben bereitet Lust. Und diese Lust käme nicht auf, wenn nicht die Unlust des Gefesseltseins vorangegangen wäre: Keine Lust ohne Unlust, keine Unlust ohne Lust. Und seine Gedanken gehen tiefer: „Gott wollte die Feinde miteinander aussöhnen, und als er das nicht fertigbrachte, band er sie an den Enden zusammen.“

Philosophieren könnte also sein: Erstaunen angesichts des Selbstverständlichen, es hinterfragen auf Zusammenhänge mit anderen Alltäglichkeiten, schließlich der Versuch, ein allgemeines Erklärungsschema für diese Erfahrungen zu gewinnen. All das aber spielerisch, nicht dogmatisch, und bereit, jederzeit die gefundenen Erklärungen wieder über Bord zu werfen.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Anastasios71 / shutterstock

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Kommentare (11)

11 Kommentare zu: “Gedankenknoten – Philosophieren | Von Bernd Lukoschik

  1. Horst Kaiser sagt:

    @Rulai
    Wenn ich ab und an einen Blick in die Kommentare der apolut-Artikel geworfen habe, bin ich nicht selten Ihren Stellungnahmen begegnet. In der Regel fanden sie meine Zusstimmung, zumal sie instruktiv, anregend in der argumentativen Durchführung, durch Besonnenheit und Differenziertheit bestachen. Umso enttäuschter war ich heute, dass Sie bei der Lektüre der einfachsten Form der Entzifferung eines parodistisch-satirischen Textes sich nicht gewachsen zeigten, dass Ihnen entgangen ist, dass meine Kritik (gedacht als eine karikierend verdeutlichende Spiegelung des Referenzkommentars) ihrer eigenen Auffassung recht nahekommt.

    Ich frage mich, wie gerade Ihnen ein solches Missverständnis unterlaufen konnte? Die einzige Erklärung, die mir dazu einfällt, ist die heutzutage kollektiv immer mehr die Oberhand gewinnende Hast und Ungeduld des Rezipierens. Aber vielleicht klingelte auch bei Ihnen gerade die Türklingel oder das Telefon, während Sie mit der Lektüre befasst waren?

    In meinem zweiten Kommentar ("Das ist ja hübsch formuliert …..") habe ich in Frageform einige Hinweise gegeben, wie man sich dem Begriff der Philosophie nähern kann. Mit dem Hinweis auf Xanthippe habe ich die der Philosophie eigenen Verdrängungsleistungen angedeutet, und mit der Frage, was denn das Staunen in der griechischen Antike meinte, habe ich auf die mir notwendig erscheinende existentialistisch-materialische Auffassung der Entstehung des Privatmysteriums Philosophie hingewiesen (das Wort thaumazein hat nicht nur die Bedeutung bewundernden Staunens, sondern auch die hier vielmehr zuständige Bedeutung des Schocks, der unliebsamen Überraschung; es wird sogar verglichen mit dem Getroffen-Werden durch einen elektischen Schlag von einem Zitterrochen). Philosophie bzw. die philosophische Haltung ist also eine spezifische Verarbeitungform traumatischer Erfahrungen. – Vieles mehr wäre dazu zu sagen. Doch das würde hier zu weit führen.
    MfG

  2. ytiralugnis sagt:

    Also wenn man schon vom Philosophieren philosophiert, dann sollte man vielleicht die Wortbedeutung von Philosophie zuerst betrachten:

    DIE LIEBE ZUR WAHRHEIT.

    Darauf aufbauend lässt sich sicher ein tiefergehendes Konzept der Philosophie herleiten, was sich jenseits von sentimentalem Geschwafel befindet.

    • Horst Kaiser sagt:

      Ja, manchmal ist guter Rat billig. Will ich Näheres über eine Sache wissen, dann schaue ich mir das Wort an, das die Sache bezeichnet. Handelt es sich um ein zusammengesetztes Fremdwort, dann zerlege ich das Fremdwort in seine Bestandteile. Ich nehme mir irgend ein Wörterbuch, schlage nach, was die Bestandteile für sich bedeuten und erhalte so eine deutsche Übersetzung des Fremdwort, die mir eine solide Grundlage bietet zum Verständnis der zur Diskussion stehenden Sache. Auch wenn dann die Übersetzung nicht ganz korrekt ist (sophia?), kann man darauf ´aufbauend´ dann ´Tiefergehendes´ ´ableiten´. Und aufbauend Tiefergehendes ableitend, befindet man sich jenseits von ´sentimentalem Geschwafel´.
      Mit einem Wort: man stellt unter Beweis, dass man sein Leben der "Liebe zur Wahrheit" gewidmet hat.
      Unwillkürlich muss ich da an die bekannte römische Sentenz denken:

      Frage eines Möchtegern-Philosophen:
      Intellegis me esse philosophum? ["Erkennst du nun, dass ich ein Philosoph bin?“]

      Antwort: Si tacuisses, philosophus mansisses. [„Wenn du geschwiegen hättest, so wärest du ein Philosoph geblieben.“]

    • Rulai sagt:

      "Will ich Näheres über eine Sache wissen, dann schaue ich mir das Wort an, das die Sache bezeichnet. Handelt es sich um ein zusammengesetztes Fremdwort, dann zerlege ich das Fremdwort in seine Bestandteile. Ich nehme mir irgend ein Wörterbuch, schlage nach, was die Bestandteile für sich bedeuten …"

      In der Synthese der Bestandteile läßt sich das Ganze nicht erfassen.
      Die Analyse kann zudem immer nur das herausholen, was Mensch zuvor in das Analysierte hineingelegt hat.
      (So wie man aus einem Kühlschrank nur herausholen kann, was man vorher hineingetan hat. )

      Das wissenschaftliche Vorgehen kann den Frosch zwar in seine Einzelteile zerlegen, aber sie kann das Lebendige hinterher nicht wieder zusammensetzen.

      Oh hätten Sie doch geschwiegen, ist ein Rat ja meist nur an die anderen.

  3. Rulai sagt:

    Auf der Flucht (durch permanente Gedankenaktivität) vor der Todesangst sind ja ganze Philosophien entstanden.
    In allen Bibliotheken nachzuprüfen: Schwere Grabsteinformate. Ganze Hallen voll.

    Kleiner Tip: Innehalten und schauen, was aufsteigt. Aber das ist was für Helden.

    Was sollte aufsteigen? Vermutlich das, wovor man durch den ständigen inneren Lärm ein Leben lang davongelaufen ist.
    Wie? Auch wieder durch inneren Lärm.

    Ingeborb Bachmann:
    Ihr Worte, auf, mir nach.
    Worte können immer nur
    andere Worte nach sich ziehen.

    (Aus dem Gedächtnis zitiert: Weder Wortlaut noch Versbruch dürften korrekt sein, sorry Ingeborg.
    Vermutlich hieß es: Ihr Wörter, auf mir nach.)

    Vernichtendste Kritik des Zenmeisters an den Schüler: Du bist schlau.

    Größtes Lob: Du bist einfach.

    • Rulai sagt:

      "Ihr Worte, auf, mir nach!,
      und sind wir auch schon weiter,
      zu weit gegangen, geht's noch einmal
      weiter, zu keinem Ende geht's.
      Es hellt nicht auf.
      Das Wort
      wird doch nur
      andre Worte nach sich ziehn,
      Satz den Satz.
      So möchte Welt,
      endgültig,
      sich aufdrängen,
      schon gesagt sein.
      Sagt sie nicht.
      Worte, mir nach,
      daß nicht endgültig wird
      – nicht diese Wortbegier
      und Spruch auf Widerspruch!
      Laßt eine Weile jetzt
      keins der Gefühle sprechen,
      den Muskel Herz
      sich anders üben.
      Laßt, sag ich, laßt.
      Ins höchste Ohr nicht,
      nichts, sag ich, geflüstert,
      zum Tod fall dir nichts ein,
      laß, und mir nach, nicht mild
      noch bitterlich,
      nicht trostreich,
      ohne Trost
      bezeichnend nicht,
      so auch nicht zeichenlos –
      Und nur nicht dies: das Bild
      im Staubgespinst, leeres Geroll
      von Silben, Sterbenswörter.
      Kein Sterbenswort,
      Ihr Worte!
      "

      Ingeborg Bachmann

    • Rulai sagt:

      https://www.deutschelyrik.de/ihr-worte-878.html

      Professionell gesprochen

  4. Horst Kaiser sagt:

    Das ist ja recht hübsch formuliert, aber in der Quintessenz doch etwas simpel, verharmlosend und klischeehaft, wenngleich nicht völlig unrichtig. – Aber über die Figur des Philosophen, das Subjekt des Philosophierens, erfährt man wenig. Warum muss die Frau, Xanthippe, in der erwähnten Szene nach Hause geführt werden, ehe die Männer der Oberschichte in den philosophischewn Dialog eintreten? Warum gerät der Philosoph über Selbstverständliches ins Staunen? Was ist das überhaupt, dieses Staunen, im Griechischen? Ist es einfach nur eine besondere Fähigkeit, auf Altvertrautes mit neuer veränderter Optik zu schauen, also eine spezifische subjektive Leistung? – Ich empfehle einfach noch einmal die Geschichte von Kroisos und Solon bei Herodot zu lesen und sich genau anzuschauen wie Kroisos zum Philosophen wird. Wie er dazu kam, die zufrieden-stolze Ruhe des Selbstverständlich-Alltäglichen nicht mehr als selbstverständlich zu behaupten. – Ich wünsche viel Spaß und "Staunen" bei der Lektüre.

  5. sandra beimer sagt:

    Assagne wird sich anstrengen müssen das zu überbieten. Früher wurden unbequeme Geister noch per Hand umgebracht. Heute lässt man beruhigende Substanzen auf die Bevölkerung herunterregnen um ihre Aufnahmefähigkeit für unruhige Gedanken zu reduzieren.

  6. Das wird vermutlich ein neues eigenes Format. Noch ist es unter Standpunkte… bleibt das so?

  7. eine neue stimme – hoffe die 3 anderen vorleser fallen nicht weg <3

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