Gedankenknoten – Naturphilosophie 02 | Von Bernd Lukoschik

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Gedankenknoten sind kleine Texte, die philosophische Probleme erörtern, Fragestellungen aufwerfen und den Leser ins Grübeln bringen. Vom Altertum bis zur Moderne werden Begriffe besprochen, die zum Hinterfragen anregen und das philosophische Problematisieren schulen.

Das Thema heute: Naturphilosophie

Die Ortsbewegung – eine Veränderung?

Ist die Ortsbewegung, also die Bewegung eines Körpers im Raum, eine Veränderung? Das hängt davon ab, was man unter Veränderung versteht.

Wenn man wie Aristoteles sich am Lebendigen orientiert, dann ist Veränderung ein Werden und Vergehen, und zwar nicht nur in Bezug auf andere, sondern immer auch Wandel des Sichverändernden und auf ein Ziel hin. Beispiele: Wird etwa jemand beschämt, dann steigt ihm vor Scham die Röte ins Gesicht und er möchte im Boden versinken: eine Veränderung der Qualitäten, die nicht nur äußerliche, sondern auch seelische Eigenschaften wandelt. Oder das Kind, das aufwächst, wandelt sich zum Erwachsenen: eine Veränderung im Werden. Und der alternde Mensch geht dem Tod entgegen: eine Veränderung des Verfalls.

Alle lebendigen Veränderungen sind also endlich, haben einen Anfang, ein Ziel. Und sie haben eine Ursache, so in den Beispielen: den Beschämenden, die Nahrung und den Erziehenden, das genetisch vorgegebene Zellsterben.

Aristoteles behauptet nun, auch die Ortsbewegung, das Grundphänomen der physikalischen Mechanik und Kinetik, sei eine Veränderung. Damit wird auch sie einerseits als endlich, auf ein Ziel hin gerichtet und von einer Ursache bewirkt begriffen. Andererseits soll sich auch der Körper selbst, der sich von einem Ort zum anderen bewegt, in Abhängigkeit von der Bewegung verändern, denn Veränderung ist immer zugleich Selbstveränderung. So zum Beispiel der Rauch: Vom Feuer verursacht, steigt er nach oben und verändert sich dabei, er dehnt sich aus, verliert an Dichte und zerfasert, bis er dann oben sich verflüchtigt. Oder der Mensch, der, sich von einem Ort zum anderen bewegend, zunehmend ermüdet und zu schwitzen beginnt.

Auf den kräftefreien Flug einer Raumkapsel im leeren Raum allerdings trifft das alles nicht zu. Ist die Kapsel einmal auf ihre Bahn gebracht und auf eine bestimmte Geschwindigkeit beschleunigt worden, fliegt sie ohne antreibende Kraft, also ohne Ursache, geradeaus und mit konstanter Geschwindigkeit unendlich weiter. Und an und in der Kapsel selbst geschieht keinerlei Veränderung, an der der Astronaut in der Kapsel etwa erkennen könnte, dass er sich geradlinig-gleichförmig vorwärtsbewegt. Erst der Blick aus dem Fenster ließe ihn erkennen, dass sein Gefährt sich relativ zu anderen Körpern im Raum bewegt.

Im aristotelischen Sinne ist diese Ortsbewegung also keine Veränderung. Da aber Aristoteles sich Ortsbewegung immer nur als Veränderung denken kann, muss ihm eine ursachelose Bewegung eines Körpers wie der kräftefreie Flug schlicht unmöglich erscheinen. Seine Physik lässt so etwas nicht zu.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Anastasios71 / shutterstock

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Kommentare (7)

7 Kommentare zu: “Gedankenknoten – Naturphilosophie 02 | Von Bernd Lukoschik

  1. Wortwahlhelfer sagt:

    Ojemine, da ist aber so Einiges durcheinander geraten.

    1. Zitat: "(…) Fragestellungen aufwerfen (…)"
    Fragestellungen werden nicht "aufgeworfen", FRAGEN werden aufgeworfen oder sie werden gestellt, wenn sie gestellt werden, dann werden sie nicht aufgeworfen. Man kann einen Stuhl schließlich nicht gleichzeitig hinstellen und ihn durch die Gegend werfen. Da stimmt das Bild nicht.

    2. Zitat: "Vom Altertum bis zur Moderne werden Begriffe besprochen"
    Tatsächlich? Ist das so? Werden vom Altertum bis zur Moderne Begriffe besprochen? Das Altertum liegt in der Vergangenheit, also WURDEN dort doch Begriff besprochen, oder nicht? Also, wenn schon, dann bitteschön: SEIT dem Altertum bis zur Moderne werden Begriffe besprochen. Wir leben schließlich in der Gegenwart.

    3. Zitat: "(…) Begriffe, die zum Hinterfragen anregen (…)"
    Na gut, das lasse ich einfach mal so stehen. Warum sollten Begriffe nicht auch anregen können?

    4. Zitat: "(…) Begriffe, die (…) das philosophische Problematisieren schulen."
    Also, das geht dann doch zu weit. Welcher Begriff sollte denn zu Schulungen fähig sein? Und warum sollten sie ausgerechnet das Problematisieren schulen? Wer kann denn ein Interesse daran haben, klare Verhältnisse in Probleme zu verwandeln? Geht es beim Philosophieren nicht darum, Lösungen zu finden?

    5. Zitat: "Ist die Ortsbewegung, also die Bewegung eines Körpers im Raum, eine Veränderung? Das hängt davon ab, was man unter Veränderung versteht."
    Falsch, denn es hängt davon ab, was man unter einem Körper versteht. Eine Veränderung ist immer eine Bewegung, also ist eine Bewegung auch immer eine Veränderung. Man müßte den Begriff der Veränderung schon vollkommen neu definieren, wenn man darunter nicht auch eine Bewegung verstehen wollte. Bei einer Veränderung wird ein Gegenstand als Vorgang betrachtet, der im Verhältnis zu einem Zustand steht, bei einer Bewegung wird ein Gegenstand als Zustand betrachtet, der im Verhältnis zu einem Vorgang steht. Der Unterschied zwischen einer Veränderung und einer Bewegung besteht also allein in der Betrachtungsweise. Betrachtet man einen Körper als ein festes Gebilde, das losgelöst von seiner Umgebung existiert und dabei auch einen Zustand hat, der sich nicht verändert, dann ist eine Bewegung im Raum auch keine Veränderung des Zustandes des Körpers. Dieses Bild von einem absoluten Zustand eines Körpers ist aber altertümlich und längst überholt, es ist eben alles relativ. Raum, Zeit, Materie, Energie, Masse, Geschwindigkeit, hängt alles miteinander zusammen, da ist nichts losgelöst. Körper haben also niemals einen Zustand. Zustände sind nicht in den Dingen, sondern in den Verhältnissen der Vorgänge gegeben. Das Universum IST also ein Vorgang. Das klingt paradox, ist aber so. Einfach eine Frage der richtigen Epistemologie.

    5. Zitat: "Wenn man wie Aristoteles sich am Lebendigen orientiert, dann ist Veränderung ein Werden und Vergehen, und zwar nicht nur in Bezug auf andere, sondern immer auch Wandel des Sichverändernden und auf ein Ziel hin."

    Aha, klingt tiefsinnig, vor allem wegen Aristoteles, ist aber nur eine banale Feststellung, die lautet: Veränderung ist ein Wandel. So so, wer hätte das gedacht. Veränderung ist Wandel auf ein Ziel hin? Warum sollte ein Wandel auf ein Ziel hin erfolgen? Ein Wandel ist ein Wechsel, also ein Austausch von Eigenschaften. Wenn ein Gegenstand sich wandelt, dann verändert er damit seine Eigenschaften, aber er bewegt sich damit noch nicht auf ein Ziel hin. Ganz im Gegenteil bringt der Wandel gerade zum Ausdruck, daß ein Gegenstand sich NICHT auf ein Ziel hin bewegt und nur seine Eigenschaften ändert, denn der Begriff des Wandels ist schließlich sehr abstrakt.

    6. Zitat: "Beispiele: Wird etwa jemand beschämt, dann steigt ihm vor Scham die Röte ins Gesicht und er möchte im Boden versinken: eine Veränderung der Qualitäten, die nicht nur äußerliche, sondern auch seelische Eigenschaften wandelt"

    So so, eine "Veränderung der Qualitäten" "wandelt" also "seelische Eigenschaften", oder vereinfacht gesagt, eine "Veränderung" "wandelt". Das geht irgendwie nicht, denn wie soll eine Veränderung wandeln können, wenn eine Veränderung ein Wandel IST? (nur eben anders formuliert). Das ist so, also würde man sagen, der Wandel wandelt den Wandel, oder, die Veränderung verändert die Veränderung, das ergibt semantisch gar keinen Sinn, weil Subjekt und Prädikat in diesen Sätzen das selbe sind.

    7. Zitat: "Oder das Kind, das aufwächst, wandelt sich zum Erwachsenen: eine Veränderung im Werden. Und der alternde Mensch geht dem Tod entgegen: eine Veränderung des Verfalls."

    Hier im Prinzip wieder das selbe wie im vorangegangenen Zitat. Eine Veränderung, ein Werden und ein Verfall sind semantisch im Prinzip jeweils das selbe, nur mit dem Unterschied, daß Werden und Verfall im Vergleich zu dem abstrakten Begriff der Veränderung mehr konkrete Begriffe sind. Eine Veränderung kann demnach nicht "im" Werden oder Verfall stattfinden, sondern – wenn überhaupt – nur DURCH das Werden oder den Verfall gegeben sein. In diesem Satz werden die Begriff von Werden und Verfall einfach nur metaphorisch zu konkreten Gegenständen gemacht, was für das Urteil jedoch keineswegs hilfreich ist und den Sachverhalt nur verschleiert, weil die Begriffe von Werden und Verfall bereits selbst eine Konkretisierung der Veränderung sind, indem sie nämlich der Veränderung ein Ziel geben und damit der Veränderung eine räumliche oder zeitliche Einschränkung auferlegt wird. Hier werden also Sachverhalte mit Metaphern vermischt, und weil Metaphern der bildlichen Darstellung von zumeist abstrakten Sachverhalten dienen, müssen selbstverständlich die Sachverhalte zunächst richtig beurteilt und festgestellt worden sein, bevor geeignete Metaphern für sie gefunden werden können.

    8. Zitat: "Alle lebendigen Veränderungen sind also endlich, haben einen Anfang, ein Ziel."

    Na ja, wenn man schon versucht, mit Metaphern zu einem Urteil zu gelangen, dann können solche Schlußfolgerungen auch nicht mehr verwundern. Wenn "alle lebendigen Veränderungen" endlich sein sollen, wie ist es dann mit allen anderen Veränderungen? Was sind solche anderen Veränderungen dann überhaupt? Etwa tote Veränderungen? Wenn Veränderungen, ob nun lebendig oder nicht, endlich sein sollen, wo oder wann beginnen sie dann und wo oder wann enden sie dann? Schon mal darüber nachgedacht? Na, vermutlich noch nicht so richtig, wir stehen ja auch noch bei Aristoteles und haben etwa 2500 Jahre Philosophiegeschichte verschlafen.

    Wenn Wolken am Himmel sich verändern, was soll dann ihr Ziel sein? Zu dicken Regenwolken zu werden oder sich in Schleier aufzulösen? Wenn es das Ziel von Wolken ist, sich zu verdichten, wie kann es dann das Ziel sein, sich aufzulösen? Was sind Wolken überhaupt? Sind sie wirklich vorhanden oder sind es nur Eigenschaften der Luft? Oder anders gefragt: Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Wann beginnt ein Huhn ein Ei oder ein Ei ein Huhn zu sein, und weitaus mehr gefragt, was ist das Ziel der gesamten Veränderung, das Huhn oder das Ei? Das Gegenteil von einem Anfang ist das Ende, aber nicht das Ziel, denn das Gegenteil von einem Ziel ist der Start, oder, bezogen auf menschliches Handeln, die Absicht. Von einem Ziel kann nur gesprochen werden, wenn eine Richtung erkennbar ist, so daß Erkenntnis die Voraussetzung für jedes Ziel ist. Können Wolken oder Eier also zu Erkenntnissen gelangen, oder anders gefragt, hat das Universum ein Bewußtsein von sich selbst, kann es selbst die Richtung bestimmen und ein Ziel haben, und wenn ja, welches? Tja, und mit dieser Frage fängt man dann an, wirklich zu philosophieren.

    Insgesamt ist der Beitrag also einfach nur nutzlos und flach. Das geht auch besser.

    TAO!

  2. Nun ja, spätestens beim Vorbeiflug an einem schwarzen Loch ist kräftefrei eine Illusion und ggfs. Eine Veränderung sofort sichtbar.

  3. Träge Masse = schwere Masse (Einstein allg.R.). Das sollte auch für die Gedanken gelten. Aristoteles wusste vieles noch nicht besser, wird aber zum Maßstab heutigen Wissens missbraucht. Ohjeh.

  4. KaraHasan sagt:

    Ursache = Wirkung
    Pragmatismus.
    Die Nazis sollen ja Pragmatiker gewesen sein.

  5. m.uhlig sagt:

    Beschriebene Bewegung im Weltraum hat sehr wohl seine Ursache, nämlich die anfängliche Beschleunigung. Damit könnte Aristoteles dann wohl gut umgehen, denke ich.

    • m.uhlig sagt:

      Oops, Grammatik. Ihre Ursache sollte es schon heißen. 😉

    • MMnn sagt:

      ist es nicht eher so, dass die ursache – welche die kapsel endlos lange auf konstanter geschwindigkeit fliegen lässt, jene ist welche durch ihr fehlen verhindert, dass sich dieser zustand verändert?

      wobei ich vielleicht zum einfacheren verständnis einen lichtstrahl als beispiel nehmen würde. er entsteht aus einer quelle und wird in der leere endlos weiterstrahlen bis er irgendwann auf etwas trifft. würdest du nun sagen, die ursache dafür, dass der lichtstrahl dies tut liegt daran, dass die lichtquelle ihn auf diesen weg geschickt hat, oder geht der lichtstrahl diesen weg, weil es keine ursache gibt die ihn daran hindert?

      die anfängliche beschleunigung ist lediglich die ursache der anfänglichen bewegung und nicht der beschriebenen bewegung. man könnte bei dieser ansicht, aber wohl immer zu dem schluß kommen, dass der urknall stets die ursache für alles was passiert ist und wird, aber das ist ein nullsummenspiel

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