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Frankreich: „Wir stürmen die Bastille“ | Von Paul Clemente

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Demos in Frankreich: „Wir stürmen die Bastille“

Ein Kommentar von Paul Clemente.

Was man in der Not nicht alles tut: Die Generation Z, regelmäßig wegen mangelndem Leistungswillen gerügt, wird von zwei Wirtschaftsliberalen umworben. Einer davon ist sogar Kanzler. Auf der Pyramide seiner Desaster sitzend, erklärt Merz:

„Nach Wohlstand für alle muss jetzt folgen: Wohlstand für die Jugend.“

Ihr will er eine lebenswerte Zukunft bereiten. Dafür stehe auch seine „Reform“-Politik. Übersetzung: Sagt euren Eltern, dass die aktuelle Schredderung des Sozialstaats euch zugutekommt. Irgendwann. 

Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt bläst ins gleiche Hörnchen. Nach seinem Frust über die Weigerung ausgewachsener Bürger, sich dem „globalen Kapitalismus“ zu beugen, trommelt er jetzt bei der Jugend, bietet sich als Sprachrohr an. Ihnen will er die Freiheit predigen. Natürlich auch die wirtschaftliche. Ob die Jugend solche Unterstützer will? Viele sind von Zukunftsangst verzagt. Die Praxen von Therapeuten und Psychiatern sind maximal voll.

Anders in Frankreich: Da schreit das Jungvolk seine Angst, seine Wut durch die Straßen. Aber diesmal geht es nicht um Klimawandel. Am vergangenen Samstag verabreichten hunderttausende Demonstranten der Regierung die verdiente Schocktherapie. Aufgerufen hatten Gelbwesten, Schüler, Studenten, Gewerkschaften und weitere Gruppen. Die gemeinsame Forderung: Bezahlbare Lebenshaltungskosten und Ausbau der öffentlichen Dienste.

Begonnen hatte der Protest-Pogo als Schüleraufstand. Man beklagte marode Unterrichtsräume und die geringe Anzahl an Lehrkräften. Außerdem quälte die Vorahnung, dass das Schulwissen direkt in die Arbeitslosigkeit führt. Auf Weisheits-Sprüche, wonach mehr Arbeit zu höherem Einkommen führe, fällt hier niemand mehr rein.

Am Samstag verwandelten sich Angst und Unsicherheit in Wut: Neben obligatorischen Prügeleien mit Polizisten, dem Abfackeln von Autos, der Plünderung zahlreicher Geschäfte stürmten die Demonstranten auch zahlreiche Ämter. In der Stadt Limoges, nordöstlich von Bordeaux, gingen zwei historische Bauwerke in Flammen auf. Das Rathaus und der 43 Meter hohe Glockenturm, unter dem Namen Campanile bekannt.

Auch in Lyon eskalierte die Gewalt. Auf dem zentralen Place Bellecour stürmten Vermummte ein Tourismusbüro. Nach der Verwüstung folgte die Brandstiftung. Resultat: Ein Inferno aus Flammen und Rauch. Die Feuerwehr kam nicht zum Einsatz, weil Demonstranten ihr den Weg versperrten. Erst nach polizeilichem Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern konnten die Löschaktionen beginnen. 

Laut Berichten haben die Straßenschlachten in Marseille das übliche Maß des bisherigen Krawall-Pegels überschritten. Die Unruhen beschränkten sich nicht mehr auf einzelne Brennpunkte. Stattdessen überrollten sie ganze Straßenzüge. Bei der Erstürmung des Rathauses am Alten Hafen riefen die Demonstranten:

„Wir stürmen die Bastille“.

Ein Satz, der in der medialen Berichterstattung kaum erwähnt, geschweige denn kommentiert wurde. Dabei enthält er einen direkten Verweis auf die Französische Revolution. Die Bastille, ein riesiges Gefängnis, stand für den Terror des Ancien Regime. Einer Elite, die den Problemen des Landes nicht mehr gewachsen war.

Laut des französischen Innenministeriums wurden am Samstag 1200 Personen festgenommen, davon alleine 855 in Paris. Unter den Polizisten gab es 150 Verletzte. Der Premierminister Sébastien Lecornu postulierte laut der Tageszeitung Le Figaro einen Wendepunkt:

„Es ist an der Zeit, Partei zu ergreifen. Entweder für die Republik oder für die Randalierer“

Natürlich kennt Lecornu auch die treibende Kraft hinter den Demos: Eine „besonders gewalttätige Ultralinke“ trage Verantwortung für die Angriffe.

Die Pariser Polizeipräfektur erklärte die Proteste gänzlich durch Lust am Randalieren und Bereichern: „Ihr einziges Ziel sei es gewesen, zu rauben und zu plündern“. Das Naheliegende findet freilich keine Erwähnung: Hier nahmen sich junge Menschen, was die Gesellschaft ständig verspricht, aber nur für wenige einlöst. Es ist kaum Zufall, dass zu den beraubten Läden so viele Geschäfte mit Luxuswaren zählten. Hier lag es im Schaufenster, das Unerreichbare. Daran ändert auch härteste Schufterei nichts. 

2020 erschien der französische Comicband Vernon Subutex nach dem Roman von Virginie Despentes. Eine visionsartige Zeichnung zeigt eine riesige Demo gegen soziale Härten. Aber über den Demonstranten schwebt ein verkokster Spekulant, der auf die Protestierenden uriniert. Dazu sein Kommentar: Die Massen könnten schreien so viel sie wollten. Da, wo er residiere, höre man sie ohnehin nicht. Ein Bild, dass die Stimmung im Westen auf den Punkt formuliert.

Trotzdem soll hier nichts entschuldigt werden. Brennende Autos, zerschlagene Läden, das trifft meistens die Falschen: Prekäre Mittelständler, die für ihr Auto sparen mussten. Oder die Besitzer kleiner Läden, die sich trotz Horror-Mieten durchschlagen. Sie alle stehen jetzt vor den Trümmern ihrer Existenz. Das gilt auch für die Zerstörung von Kulturgut. Deren Existenz erfreut keineswegs nur Hipster oder Gentrifizierer.

Bei Analyse und Bewertung der Pariser Eskalation haben sich viele „Alternative Medien“ vom Mainstream kaum unterschieden. So faselte Apollo News von einer „neuen Hemmungslosigkeit“, von einem „Raubzug gegen den Westen.“ Gläubig zitiert der Autor die Behauptung der Pariser Stadtverwaltung wonach es „praktisch keine Verbindung“ mehr zu den anfänglichen Studenten- oder Schülerprotesten gebe.

Die Hauptschuld? Liegt natürlich komplett in der Migrationspolitik:

„Man sieht junge Männer schamlos mit Taschen im Wert von Tausenden Euro aus Geschäften spazieren oder sich an Handys, Elektrogeräten und Modeartikeln bereichern. Das Einzige, was sie am Westen schätzen, sind offenbar seine Kostbarkeiten.“

Selbst Kinder im Grundschulalter hätten sich an der Plünderung beteiligt. Die größte Sorge des Kommentators: Wie erklären wir das unseren Kindern? – Vielleicht damit, dass auch junge Menschen den Glauben an das Märchen von alternativloser Armut verloren haben?

Ähnlich wie Apollo schreibt auch das Online-Magazin Nius, während die Wochenzeitung Junge Freiheit die Demonstranten zu „Linksextremen“ erklärt. Ähnlich behauptet Journalistenwatch, dass die ehemalige Schüler-Demo von Linksradikalen gekapert wurde. Von Jean-Luc Mélenchon beispielsweise, dem Gründer der linken Partei "La France insoumise". Der hatte die französische Regierung aufgefordert, Frankreichs Staatsschulden schlicht zu streichen. Angeblich versuchten auch Hamas-Anhänger eine Unterwanderung. O-Ton:

„Frankreichs ,Schülerproteste’ kippen völlig ins Chaos – Linksradikale und propalästinensische Islamisten wollen sie nach Deutschland exportieren.“

Vor sechs Jahren versuchte man die Delegitimierung der „Gelbwesten“, in dem man ihnen „rechte Unterwanderung“ vorwarf. Inzwischen, so scheint es, haben rechte Maulwürfe ihr Schreckpotenzial verbraucht.

Natürlich hat auch AfD-Chefin Alice Weidel die Schuldigen schnell ausgemacht und will die Aufstände ebenfalls als ethnisches Problem deuten. Subtext: Gute Europäer machen so was nicht.

Was diese Statements verraten: Die Blauen sowie die „Alternativen Medien“ sind längst zur Pseudo-Opposition verkommen. Sie propagieren die brutale Marktwirtschaft und verlangen braves Stillhalten von den Verlierern. Mit solchen Leuten lässt sich keine Bastille stürmen.

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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bild: Paris, Frankreich, Europa, 06. Oktober 2026, Schülerprotest in den Straßen von Paris

Bildquelle: Pierre Laborde / Shutterstock


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