EU-Korruption für Anfänger – Ein Leitfaden für Katar | Von Rainer Rupp

Ein Kommentar von Rainer Rupp.

Der größte Korruptionsskandal in der Geschichte des Europäischen Parlaments hat hohe Wellen geschlagen. Aus der nachfolgenden Analyse geht hervor, dass das stümperhafte Vorgehen des Golf-Scheichtums Katar hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass die Sache aufgeflogen ist. Im Mittelpunkt des Skandals stand die stellvertretende Präsidentin des Europäischen Parlaments, die junge und hübsche Griechin Eva Kaili.

Aber diese Geschichte hätte nicht mit den polizeilichen Ermittlungen und der Verhaftung von Kaili und anderen zu Ende gehen müssen. Daran waren allein die Auftraggeber aus Katar schuld, weil sie sich nicht an die einfachsten, im Brüsseler Umfeld von EU und EU-Parlament geltenden Korruptionsspielregeln gehalten haben. Vielleicht hilft dieser Leitfaden Katar, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Nachdem die Nachricht vom angeblich größten Korruptionsskandal der EU tagelang in Radio und Fernsehen der EU-Mitgliedsländer breitgetreten worden war und sich “Saubermänner” und “Sauberfrauen” des Europäischen Parlaments (EP) über den verrottenden Apfel “Kaili” im sonst hygienisch sauberen EP-Korb hinreichend empört hatten, blieb allerdings die Frage, was zum Teufel sich Katar dabei gedacht hatte, die sozialdemokratische Europaabgeordnete Kaili und andere EU-Beamte ganz primitiv mit Massen von Bargeld zu bestechen.

Aus den Reihen der wenigen noch in Brüssel verbliebenen investigativen Journalisten wurde sogar die Frage laut, ob die belgische Polizei wirklich 1,6 Millionen Euro Bestechungsgeld in Papiertüten und Koffern in den Wohnungen der Beschuldigten gefunden hatte. Denn das war wie in einem alten Film aus den 1980er Jahren, als es noch keine Bitcoins oder andere Kryptowährungen gab. Zwar üben Stapel von Bargeld in luxuriösen Louis-Vuitton-Koffern auf den Betrachter sicher einen gewissen Charme aus, aber Offshore-Bankkonten in einem der hinlänglich bekannten Steuerparadiese wären weitaus sicherer und einfacher gewesen. Warum wurden die nicht benutzt?

Fragen über Fragen, die wohl nie beantwortet werden. Aber all die, die schon gegen die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar gewettert hatten und die nicht müde wurden, ihr grünes Gutmenschentum auf großen Plakaten vor sich her zu tragen und anderen unter die Nase zu halten, all die fühlten sich nun ethisch und moralisch bestätigt und verweisen auf das “schmutzige Geld aus Katar”, mit dem die Scheichs unsere Demokratie unterwandern und zerstören wollten. Die außerordentliche, künstlich hochgespielte Empörung der Medien und EP-Saubermänner und -frauen diente höchstwahrscheinlich dem Zweck, von dem seit Jahrzehnten in Brüssel aufgebauten System der gesetzlich erlaubten Korruption und Patronage abzulenken. Deshalb ist es an der Zeit, dass jemand Katar sagt, wie die EU hinter der sauberen Fassade wirklich funktioniert.

Die “Nebenjobs” für EU-Abgeordnete und Beamte

In EU-Brüssel ist Bestechung legal und floriert. Niemand muss einen Tag im Gefängnis verbringen, weil er seinen “Anteil” einkassiert hat. Die Abgeordneten des Europäischen Parlaments dürfen sogar ein beträchtliches Vermögen anhäufen, indem sie legal in Teilzeit arbeiten. Was sollen sie sonst mit ihrer Zeit anfangen? Denn um ihren eigentlichen Auftrag zu erfüllen, nämlich die Anliegen der Bürger, von denen sie gewählt wurden, auf europäischer Ebene zu vertreten, dafür braucht man selbstverständlich keine Vollzeitstelle.

In dem Zusammenhang kommt man nicht umhin, den Multimilliardär und knallharten Finanzspekulanten George Soros und sein beeindruckendes Netzwerk von NGOs und Thinktanks zu erwähnen, die mit riesigen Geldsummen herumwerfen, besonders im EP. Aber auch ohne Soros gibt es auf der EP-Ebene eine breite Palette von kommerziellen Sonderinteressen, die ihre Agenda durch völlig legale Lobbyarbeit fördern. Tatsächlich verdienen Abgeordnete, wie ein Bericht zeigt, neben ihrer Rolle als Politiker in der EU viele Millionen in verschiedenen Nebenjobs, oft mit einem klaren Interessenkonflikt. Viele dieser Menschen sind bereits Millionäre. Und diejenigen, die es noch nicht sind, werden schon allein wegen ihres üppigen Gehaltes und ihrer geldnahen Privilegien von den meisten Europäern beneidet. Dennoch scheint auch in EU-Brüssel “genug nie genug” zu sein und es gilt, immer noch mehr Geld zu verdienen.

Nehmen wir zum Beispiel den Europaabgeordneten Guy Verhofstadt, dessen bevorzugtes Angriffsziel seit Jahren der ungarische Präsident Viktor Orbán ist, den er ständig, jedoch ohne Beweise vorzulegen, der Korruption beschuldigt. Trotz seiner Verbindung mit linker Politik ist Verhofstadt ein sehr wohlhabender Mensch, was für sich genommen nicht verwerflich ist. International bekannt wurde er als Premierminister Belgiens. Als er in Belgien politisch abgehalftert war, wurde er von seiner Partei als EU-Abgeordneter in die Europa-Politik geschickt. Dort konnte er offensichtlich aus dem Vollen schöpfen, so sehr, dass er seit Jahren regelmäßig als einer der bestverdienenden Politiker im gesamten Europäischen Parlament eingestuft wird.

Laut einem Bericht von Transparency International (TI) aus dem Jahr 2018 hat er allein in dem Jahr zwischen 920.000 und 1,4 Millionen Euro verdient. Dieses Geld kommt zu seinem Gehalt als Parlamentsabgeordneter hinzu, das sich laut einem Bericht der belgischen Nachrichtenagentur BRF bereits auf etwa 13.000 Euro pro Monat beläuft. Ein Bericht aus dem Jahr 2021, der sich ebenfalls auf TI-Daten beruft, platziert ihn unter den ersten fünf Topverdienern im Europäischen Parlament.

Mit anderen Worten, Abgeordnete und Beamte des Europäischen Parlaments können gekauft werden, aber sie müssen auf die richtige Weise gekauft werden. Ein Beispiel, wie das gemacht wird, hatte Politico in einem Artikel vom 13. Juni 2016 beschrieben. Dabei ging es um zwei deutsche Mitglieder des “Ausschusses für Kultur und Bildung” des Europäischen Parlaments. Die beiden Parlamentarierinnen waren damals beauftragt, eine EU-Direktive (Gesetz) zur Regulierung von privaten Fernsehunternehmen wie Netflix oder Amazon Prime auszuarbeiten, obwohl sie monatliche Zahlungen von dem Konkurrenzunternehmen, nämlich vom deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk WDR erhielten.

Die eine erhielt je nach Arbeitsanfall zwischen 1.000 und 5.000 Euro pro Monat für ihren Nebenjob als Mitglied im WDR-Rundfunkrat und die andere als stellvertretendes Mitglied zwischen 500 und 1.000 Euro pro Monat, gemäß ihren parlamentarischen Erklärungen ihrer finanziellen Interessen.

Der Verhaltenskodex des Europäischen Parlaments besagt, dass ein Abgeordneter, der einen Interessenkonflikt hat, die notwendigen Schritte unternehmen sollte, um diesen Konflikt zu beheben und um unvoreingenommen handeln zu können. Aber in der Regel ist im EP das Problem des Interessenkonflikts bereits gelöst, wenn man seine finanziellen Nebenjob-Interessen öffentlich gemacht hat. Der Rest wird als “Frage der Ethik” dem oder der einzelnen Abgeordneten überlassen. Auf diese Weise wird die Korruption einfach wegdefiniert. Eine wunderbare Lösung, um das EP frei von Interessenskonflikten zu machen.

Mein dringender Rat an Katar ist, sich bei künftigen Bestechungsversuchen auch das Beispiel der beiden deutschen Mitglieder des “Ausschusses für Kultur und Bildung” des Europäischen Parlaments vor Augen zu halten. Die waren bereits für einige Tausend Euro pro Monat zu haben. Mit seinen extravagant hohen Zahlungen an Frau Kaili (Koffer voller Geld) hat Katar das handelsübliche Preisniveau für EP-Korruption empfindlich gestört und sich im Kreise der über 6.000 in Brüssel registrierten Lobbyisten keine Freunde gemacht.

Selbst in den USA gibt es Politiker und Mitglieder von einflussreichen Denkfabriken, die z. B. von Google und anderen Bigtech-Unternehmen für ein paar tausend Dollar gekauft wurden. Das Geld, das Lobbyisten Politikern anbieten, soll die Zielpersonen anfüttern und anschließend an der Leine halten, aber auf keinen Fall darf es ausreichen, um eine Yacht zu kaufen und damit in den Ruhestand zu segeln.

Ein aktueller Bericht in ungarischen Medien beschreibt, wie das normalerweise innerhalb der EU und EP funktioniert, wenn man Einfluss kaufen will. Der Bericht beschreibt, wie die Open-Society-Stiftung des Multimilliardärs und berüchtigten Finanzspekulanten George Soros zum Beispiel Journalisten nicht direkt bezahlt, sondern stattdessen großzügig ihre Kosten “deckt”, einschließlich exquisiter Essen, Aufenthalte in teuren Hotels und bezahlte “Luxusreisen”. Denn oft ist es zu schwierig, den Beamten, Abgeordneten oder Journalisten direkt Geld zu geben. Stattdessen schließen Lobbyisten oder Nichtregierungsorganisationen – was nur ein anderer Name für Lobbyisten ist – zum Beispiel einen Vertrag mit einem Presstituierten ab, für einen ganzen Monat an einem bestimmten Projekt zu arbeiten, das er in zwei Tagen erledigt hat und wofür sie dann z. B. 10.000 Euro bezahlen. Dieses Beispiel trifft jedoch nur auf Journalisten zu.

Bei Politikern und Beamten können die Lobbys viel weiter gehen, wie zum Beispiel mit einem Versprechen einer gut bezahlten “ehrenamtlichen” Vorstandsposition bei einer NGO oder einem Unternehmen, wenn die Betroffenen ihre Position verlassen haben. Gut bezahlte Reden und Vorträge sind auch eine sehr lukrative Option, womit vor allem in den USA viele Politiker schon zig Millionen gemacht haben. Und dann wäre da noch die Drehtür zwischen der politischen Position und einer Topposition in Unternehmen.

Die obszön hohen Geldbeträge, die von den Kataris an einige Mitglieder im Europäischen Parlament verteilt wurden, passten jedoch absolut nicht in diese finanziell fein austarierte Landschaft der etablierten Korruption, ob in Brüssel oder in Washington oder in anderen europäischen Hauptstädten. Wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb Journalisten und andere EP-Politiker so wütend reagiert haben, weil sie mit ihren “legalen” Bestechungsgeldern weitaus weniger verdient haben als Frau Kaili. Dabei ist der Gedanke verlockend, dass die überraschend umfangreiche Berichterstattung über den jüngsten EU-Korruptionsskandal bei den Journalisten und Abgeordneten aus Neid und bei den anderen Lobbyisten aus Ärger entstanden ist, weil Katar das Preisniveau für Bestechungsgelder einfach zu hoch angesetzt hatte. Tatsächlich hat Katars Alleingang den Brüsseler Korruptionsmarkt völlig verzerrt.

Katar muss jetzt schleunigst daran arbeiten, seinen schlechten Ruf zu verbessern, und sich den modernen, westlichen Gepflogenheiten der Korruption anpassen. Vor direktem Kontakt zu Mitgliedern des EP und anderen Parlamenten wird deshalb abgeraten. Aber über den Umweg von Al Jazeera, dem weltweit bekannten und respektierten Medienkonzern, wäre da schon was zu machen. Hunderte von sogenannten Liberalen und Linken haben für Al Jazeera bereits gearbeitet oder der Nachrichtenagentur Interviews gegeben, die von niemand anderem als von Katar finanziert wird, von dem Land, in dem der Feudalismus herrscht und die Scharia regiert. Aber wen stört das schon, wenn die Verbindung nicht deutlich sichtbar ist?

Zu dem Leitfaden für Katar gehört auch, dass man vor einem Bestechungsversuch erst einmal das persönliche Umfeld der Zielperson und deren Charakter gründlich recherchiert. Im Fall von Frau Kaili hatte es im Vorfeld bereits genügend Warnsignale gegeben. Obwohl sie offiziell als Sozialistin firmierte, war sie die Art von Person, die eine Vorliebe für Privatjets, Seidentücher von Hermès und Luxushotels auf griechischen Inseln hatte. Wie “Focus online“ berichtete, ist ihr Instagram voll von Hochglanzaufnahmen von ihrem Jetset-Leben rund um die Welt, wobei sie sich im Kreise der Reichen und Schönen, einschließlich griechischer Oligarchen, tummelte.

Sie liebte es, ihren Luxus zur Schau zu stellen, aber wie jeder kluge Kriminelle weiß, sollte man illegal verdiente Hunderttausende besser nicht zur Schau stellen. Stattdessen wollte Kaili Berichten zufolge noch kurz vor ihrer Verhaftung Luxusimmobilien in Brüssel kaufen. Anscheinend hatte sie auch keine Hemmungen, seelenruhig offen mit ihrem Komplizen am Telefon über ihr Bestechungsgeld zu sprechen, während belgische Ermittler mithörten.

Vielleicht nimmt sich Katar diesen Leitfaden zu Herzen und macht es beim nächsten Mal besser, indem es dem bewährten Modell der westlichen legalen Bestechung folgt und lädt den Autor dieser Zeilen zu einem Luxusurlaub ein.

 +++

Vielen Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

+++

Bildquelle: Alexandros Michailidis / shutterstock

+++
Apolut ist auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommen Sie zu den Stores von Apple und Huawei. Hier der Link: https://apolut.net/app/

Die apolut-App steht auch zum Download (als sogenannte Standalone- oder APK-App) auf unserer Homepage zur Verfügung. Mit diesem Link können Sie die App auf Ihr Smartphone herunterladen: https://apolut.net/apolut_app.apk

+++
Abonnieren Sie jetzt den apolut-Newsletter: https://apolut.net/newsletter/

+++
Ihnen gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://apolut.net/unterstuetzen/

+++
Unterstützung für apolut kann auch als Kleidung getragen werden! Hier der Link zu unserem Fan-Shop: https://harlekinshop.com/pages/apolut

Auch interessant...

Kommentare (12)

12 Kommentare zu: “EU-Korruption für Anfänger – Ein Leitfaden für Katar | Von Rainer Rupp

  1. Schramm sagt:

    Deutsche Parlaments- und Regierungspolitik

    Die Korruption der Ukraine für Deutschland.

    Von Reinhold Schramm

    »Ukraine. Überteuerte Lebensmittel für die Front ▫ Korruptionsaffären belasten Ukraine – zeigen aber auch, dass Kontrollorgane auch in Kriegszeiten wachsam sind.« – Vgl. Wiener Zeitung *

    Info-Kommentar

    Kiewer Korruption und Politik in guter Gesellschaft mit der sizilianischen Mafia,
    demnächst in der NATO und EU-Deutschland.

    Der Korruptionsindex aggregiert Daten aus 13 Einzelindizes von 12 Institutionen, die auf der Befragung von Expertinnen und Experten, Umfragen sowie weiteren Untersuchungen zur Wahrnehmung des Korruptionsniveaus im öffentlichen Sektor beruhen.

    Rangliste:

    Rang: 122 Ukraine

    Rang: 110 Albanien, 96 Türkei, 85 Indien, 82 Belarus, 70 Südafrika, 66 Rumänien, 64 Kuba, Rang: 52 Saudi-Arabien, Rang: 45 Botswana

    Nachtrag:

    Laut Rangliste der Korruption

    Ukraine: Rang 122
    Italien: Rang 42
    USA: 27

    Bestechung – strategische Waffe der Mafia
    Das organisierte Verbrechen arbeitet heute vorzugsweise mit Bestechung.

    Korruption macht Italien arm. Jedes Jahr werden nach offiziellen Schätzungen rund 60 Milliarden Euro dem Staat und der Privatwirtschaft geraubt.

    Italien sei das korrupteste Land Europas, behaupten auch Vertreter von Transparency International. Es ist demnach noch korrupter als Bulgarien und Griechenland, die lange Zeit die Rangliste anführten.

    Siehe: Bestechung – strategische Waffe der Mafia | NZZ

    PS: Demnächst die Ukraine für die NATO und Europäische Union an der Spitze der Korruption? – So die Politik der EU und deutschen Parlamentsmehrheit und liberal-olivgrünen Bundesregierung!

    * Vgl. https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/europa/2175575-Ueberteuerte-Lebensmittel-fuer-die-Front.html

    24.01.2023, R.S. (Zusammenfassung)

  2. Zivilist sagt:

    Ich wollte Bestechungs Berater werden, aber Rupp verdirbt mir ja die Preise !

  3. inselberg sagt:

    Eine "Tagesschau exklusiv"-Produktion, gespielt von der Laienschauspielgruppe "Dilettantico".

  4. Wenn Firmen einen Abgeordneten dafür bezahlen, damit er für sie förderliche Gesetze erlässt, dann ist das Korruption. Wenn Firmen einen Politiker, der eine für sie förderliche Politik macht, fördern (etwa indem Medien oder andere Politiker, die mit diesen Firmen zusammenarbeiten, diesen Politiker pushen), sodass er Abgeordneter werden kann und für diese Firmen förderliche Gesetze erlassen kann, dann ist das keine Korruption.

    Und dann gibt es auch noch die Fälle, wo Abgeordnete nach ihrer Tätigkeit als Abgeordneter Beraterverträge oder Aufsichtsratsposten etc. bekommen.

  5. _Box sagt:

    Etwas tiefer eintauchen:

    Katar-Korruption im EU-Parlament: Herr Sonneborn, was ist da in Brüssel los?
    Interview Die griechische Vize-Präsidentin des EU-Parlaments, Eva Kaili, wurde verhaftet, weil sie Hunderttausende Euro vom Golfstaat Katar kassiert haben soll. Der EU-Abgeordnete, Satiriker und Brüssel-Kritiker Martin Sonneborn zeigt sich überrascht
    Pepe Egger
    (…)
    der Freitag: Herr Sonneborn, überrascht es Sie, dass sich teilweise hochrangige EU-ParlamentarierInnen mutmaßlich von Katar kaufen haben lassen?

    Martin Sonneborn: Eigentlich schon, wir sind ja nicht die EU-Kommission unter Frau von der Leyen. Meines Wissens hat die zypriotische Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides den Eingang von 4 Millionen Euro auf ihrem Familienkonto, kurz nach Unterzeichnung der Impfstoff-Verträge, bis heute nicht schlüssig erklären können.
    (…)
    Finden Sie die juristischen und politischen Reaktionen auf die Vorwürfe bislang ausreichend?

    Ehrlich gesagt, war ich überrascht, dass eine Parlamentarierin festgenommen wurde. Normalerweise hätte das Parlament zuerst ihre Immunität aufheben müssen. Ich warte jetzt mal ab, was bei den Untersuchungen herauskommt. Seitdem in den Medien ein rüstiger Rentnerclub als gefährliche putschbereite Terrorzelle dargestellt wurde, bin ich etwas misstrauisch. Smiley!
    (…)
    Gibt es aus Ihrer Sicht noch andere Fälle von unlauteren oder jedenfalls unethischen Praktiken im EU-Umfeld, die Sie kritisch sehen? Sie haben ja zum Beispiel den Außenbeauftragten Josep Borrell wiederholt in den Fokus genommen …

    Sepp Borrell? Vorbestraft wegen Insiderhandels? Der als Präsident des Europäischen Hochschulinstituts zurücktreten musste, weil er vergessen hatte, eine jährliche 300.000-Dollar-Gratifikation zu erwähnen? Der – als höchster EU-Diplomat – erklärte, die Auseinandersetzung in der Ukraine müsse „auf dem Schlachtfeld entschieden“ werden? Der Mann ist fast so schlimm wie seine Kommissionspräsidentin. Wussten Sie, dass die Europäische Staatsanwaltschaft gegen von der Leyen ermittelt, wegen der Milliardengeschäfte mit Pfizer, die sie persönlich per SMS verhandelt hat? Und dass sie die Herausgabe der SMS verweigert …?

    Ja doch, irgendwas war da. Von der Leyen wurde gerügt, weil sie ihre SMS nicht vorlegte; später sagte die EU-Kommission, sie könne die Kurznachrichten partout nicht mehr finden. Wir bleiben dran!

    https://www.freitag.de/autoren/pep/martin-sonneborn-zu-eva-kaili-und-korruption-festnahme-hat-mich-ueberrascht

    Und schon findet sich auch ein ungarischer MP als willfähriger Exekutor wieder:

    Und auch nicht mit der AFD, die jetzt am Hauptbahnhof demonstriert und versucht auf den Zug aufzuspringen. Vorgestern im Bundestag habe ich sie damit konfrontiert, dass ihr erklärtes Vorbild Viktor Orban in Ungarn das bei weitem drakonischste Notfallgesetz in Europa eingeführt hat, mit völliger Entmachtung des Parlamentes, Regieren per Dekret und mit einem Desinformationsgesetz, auf der Grundlage Kritiker der Corona-Politik der Regierung Besuch von der Polizei bekommen und abgeführt wurden. Und auch wenn Orban gestern angekündigt hat, die Gesetze zurück nehmen zu wollen, kann es doch nicht sein, dass in einer Demokratie solch weitreichende Aushebelungen von Grundrechten möglich sind. Und ich sage ganz klar: Ähnliche „fake-news-Strafgesetze“, wie sie auch in Deutschland immer wieder ins Spiel gebracht werden, lehne ich strikt ab.

    Aus:
    6. Mahnwache "Für unsere Grundrechte", Aachen, 16. Mai 2020
    "Ein Virus ist schädlich, aber die Zerstörung unserer Rechte ist tödlich"
    Alle Reden von Ansgar Klein, Annette van Gessel, Michael Aggelidis und Andrej Hunko in Text und Video (von arbeiterfotografie)
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26809

    Und dann ließe sich noch tiefer graben und man gelangt zu systemischen Ursachen:

    „Mit Aufbrüchen ist hier nicht der Widerstand gemeint, der sich gegen „die EU“ richtet, der von rechtsgerichteten, rassistischen, nationalistischen Regierungen von EU-Mitgliedsstaaten wie Viktor Orban/Ungarn und Jaroslaw Kaczynski/Polen vorgebracht wird. Gemeint ist auch nicht die Kritik von ähnlichen Politikschauspielern wie dem Brexiteer Boris Johnson. Gemeint ist auch nicht der Widerstand von Sekundärpopulisten wie der AfD in Deutschland, die den EU-Kapitalismus bestehen lassen will. Gemeint ist hier der demokratische Widerstand, der gegen das aus der Kritik allermeist ausgeblendete ArbeitsUnrecht geleistet wird.“ (Seite 183)

    Das Buch liefert wichtige Sachkenntnisse für eine dringend erforderliche EU-Kritik im Sinne sozialökonomischer Gerechtigkeit und praktische Beispiele, damit sich Menschen mit Zuversicht und Lebensfreude für eine grundlegende Änderung der besprochenen Gegebenheiten engagieren.
    (…)
    Gleichzeitig in den oberen Etagen des Maschinenraums des Kapitals, wo die Jahresgehälter bei 60.000 oder auch 80.000 Euro anfangen: Unterschiedlich hochbezahlte Arbeit, die wie bei rumänischen Fleischzerlegern aber ebenfalls 60-80 Wochenstunden betragen und auch überschreiten kann, so bei der etwa einer halben Million akademisch hochgebildeter Beschäftigter in Wirtschaftskanzleien, Beratungs- und Prüfungsgesellschaften, PR-Agenturen, Unternehmensstiftungen, Vermögensberatern, Maklerfirmen, ausgelagerten Tochtergruppen von Großmedien und Software-Schmieden: Auspressung der jungen Arbeitskraft verbunden mit hohen Privilegien, die wie die standesgemäß exklusiven und exotischen Urlaube aber oft nur gehetzt und freudlos absolviert werden können. (334)

    Viele Privilegierte dieser Gruppen kapieren trotz bzw. wegen ihrer akademischen (Ver)Bildung gar nicht ihre Lage. Da flüchtet man sich in die schein-proletarische, diffus kritische Attitüde, man müsse einen Bullshit Job ausführen, wie der im Managermilieu gern gelesene Wissenschafts-Anarchist David Graeber (1961–2020) unverstanden, aber ausführlich dokumentiert. (335)

    Hierarchisch geordneter, privilegierter Beamtenstatus in Ministerien, Justiz, Geheimdiensten, öffentlicher Verwaltung, privaten Leit- und Staatsmedien, akademischem und staatlich subventioniertem Kulturbetrieb, öffentlichen und privaten Schulen, privaten und staatlichen Hochschulen. Die sich subjektiv frei fühlenden Beschäftigten müssen von ihrer rechtlich gesicherten, aber bewusstlos eingeübten Abhängigkeit nicht unbedingt etwas merken – im Gegenteil: Sie simulieren mehrheitlich die systemrelevante »geistige Freiheit«, glauben an sie (wenn auch oft nur halbherzig) und verbreiten diesen (Halb)Glauben, ähnlich wie die noch verbleibenden Mitglieder der komplizenhaft erodierenden christlichen Großkirchen.

    Ein besonders ambivalentes Milieu sind die »jungen Kreativen«, die als Selbständige bzw. Scheinselbständige heute ein vielgestaltiges Millionenheer bilden und oft in keinem formellen Abhängigkeitsverhältnis arbeiten. Der Status geht von dauerhafter Armut bis zu plötzlichem Superreichtum als erfolgreicher Startup-Unternehmer, der mit 30 Jahren die nächste zeitgeistige Wohltätigkeitsstiftung gründet.

    Aus:
    Werner Rügemer: Imperium EU – ArbeitsUnrecht, Krise, neue Gegenwehr
    Zur Lage der arbeitenden Klasse in der EU
    Buchtipp von Afsane Bahar
    http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=27192

    • Observator sagt:

      "…später sagte die EU-Kommission, sie könne die Kurznachrichten partout nicht mehr finden."
      Und dann folgen bestimmt "Erinnerungslücken".
      Von der Leyen war auch wegen "Unregelmäßigkeiten" in ihrer Zeit als Verteidigungsministerin "untersucht". Und? Was ist passiert? Sie wurde nach "Europa" katapultiert. Ohne Wahlen. Und jetzt bekommt sie über 36 T. € pro Monat. Gut, für sie Kleingeld… Pfizer sei Dank.

    • _Box sagt:

      Ja:

      Von der Leyen und die Berater: Außergerichtliche Einigung
      20 Jan. 2023 14:05 Uhr

      Es war eine große Affäre, und doch nur ein Vorspiel: die Berateraffäre aus der Zeit Ursula von der Leyens als deutsche Verteidigungsministerin. Zwei Zivilprozesse, in denen es um die Berechnung der Leistungen ging, kamen an ein Ende. Und von der Leyen löscht jetzt andere Handys.

      Dieser Teil der Berateraffäre, die Ursula von der Leyen aus ihrer Amtszeit als Verteidigungsministerin hinterließ, gehört zu den Aufräumarbeiten: eine Beratungsfirma, gegen deren Forderungen das Verteidigungsministerium nach von der Leyens Amtszeit geklagt hatte, erzielte in dem Verfahren um eine Forderung von 630.000 Euro eine außergerichtliche Einigung.

      Ein weiteres Verfahren, dessen Abschluss für Freitag erwartet wurde, ruht derzeit. In diesem geht es um 1,7 Millionen Euro. Die Forderungen wurden angefochten, weil die Leistungen aus Sicht des Ministeriums überhöht abgerechnet oder gar nicht erbracht wurden.

      Die beiden Verfahren betreffen allerdings nur einen Bruchteil der Summe, die unter Ursula von der Leyen in Verträge mit externen Beratern floss. Insgesamt ging es um einen dreistelligen Millionenbetrag – für Aufträge, die oft noch ohne die erforderlichen Ausschreibungen vergeben worden waren.

      https://de.rt.com/inland/160420-von-leyen-und-berater-aussergerichtliche/

    • Observator sagt:

      Einer der "Berater" soll einer ihrer Söhne gewesen sein…
      3-stelliger Millionenbetrag?
      Ham' wa doch.🤦‍♂️
      Zeitweise soll es mehr Berater gegeben haben als Beamte im Verteidigungsministerium.
      Geht doch.

  6. Observator sagt:

    Ja, ja Herr Rupp. Professionslismus will gelernt sein und nicht einfach so mit der Tür ins Haus fallen.
    Und Frau Kaili… Die hätte sich schon ein bissl schlauer anstellen sollen. Ob das nur Dummheit gewesen ist oder nur "mir kann keiner was" – Mentalität? Naja, wen kümmert's? Da wird sich nichts ändern. Außer, die Leutchen werden etwas vorsichtiger.

  7. wolfcgn sagt:

    Herr Rupp, ich weiß nicht, was soll das bedeuten, wenn Sie nach Brüssel ziehn! Ist es dort noch schmutziger als in Kiew und Langley?

    • Observator sagt:

      Ganz neutral gesagt: Man kann sich über jeden auslassen wie man will, man kann jedem unterstellen was man will. Man könnte sogar möglicherweise damit richtig liegen. Das heißt aber noch lange nicht, dass das, was der/die Betreffende (manchmal) sagt oder beschreibt, nicht der Wahrheit entspricht. Und das zählt letzten Endes.

    • wolfcgn sagt:

      … stimmt schon, ich habe mich nur gefragt, ob es Gründe gibt, das Augenmerk zu verlagern.

Hinterlassen Sie eine Antwort