Warum Washington einen Krieg beginnen, aber nicht beenden kann
Ein Meinungsbeitrag von Dirk Ellerbrock.
An Halloween erklärte Donald Trump vor Gästen, die Atomanlagen des Iran seien ausgeschaltet. Man müsse sich noch um „ein oder zwei Standorte“ kümmern, aber das lasse sich „in 10 Minuten“ erledigen. Einen Tag später erklärte Said Mohammad Marandi, Professor in Teheran und früher Berater der iranischen Atomverhandler, bei Glenn Diesen, was Ajatollah Chamenei den Spitzen der Streitkräfte gesagt habe: Wenn der Krieg wieder beginne, bestimme Iran, wann er ende. Und Pepe Escobar, der aus Schanghai sendet, formulierte es für die amerikanische Seite so: Über dem Ausgang stehe in Neonschrift für die ganze Welt sichtbar „strategische Niederlage“.
Zwei Sätze, zwei Zeitbegriffe. Der eine rechnet in Minuten und Tagen, der andere in Jahrzehnten. Die Jahrzehnte sind konkret gemeint: Escobar gibt die Sicht der iranischen Führung wieder, wonach der Iran seit rund fünfzig Jahren belagert wird, also seit der Revolution von 1979. Belagerung heißt hier ein Dauerzustand, in dem weder Krieg noch Frieden herrscht: Sanktionen, eingefrorene Auslandsguthaben, militärische Drohung, inzwischen eine Seeblockade. Aus dieser Sicht ist der jetzige Krieg keine Ausnahme, sondern die jüngste Eskalationsstufe einer Lage, die Teheran nicht in einer Runde gewinnen, sondern beenden will. Gegen diese Uhr laufen Trumps zehn Minuten. Darin liegt meines Erachtens die eigentliche Information dieser Tage, und sie ist wichtiger als jede einzelne Meldung über Raketenlager, Inseln oder Verhandlungskanäle.
Die Uhr in Washington
Am Dienstag wählten die Vereinigten Staaten ein neues Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats. Alle drei Gespräche, die ich hier auswerte, kreisen um diesen Termin. Escobar sagt, die Entscheidung über einen neuen Angriff falle nach der Wahl. Marandi sagt es ebenso. Glenn Diesen beginnt sein Gespräch mit einer Beobachtung aus der Theorie der internationalen Beziehungen: Nach dem politischen Realismus, der Staaten als Akteure begreift, die dem Druck der internationalen Machtverteilung folgen, sei eine Außenpolitik, die sich nach innenpolitischen Terminen richtet, per Definition irrational. Heute sei genau das Normalität. Um vorherzusagen, was Washington oder Jerusalem tun, müsse man auf deren Wahlkalender schauen.
Das ist mehr als ein Seitenhieb. Wer seine Kriegsplanung an Wahl- und Marktzyklen ausrichtet, kann nur Kriege planen, die in diese Zyklen passen. Die Pläne, von denen jetzt berichtet wird, tun das erkennbar: kurze, intensive Schläge, ein Angriff von drei Tagen, danach die Erklärung, man habe gewonnen. Der Moderator Danny Haiphong stellt in seinem Gespräch mit Marandi genau diese Frage: Wo kommt die iranische Seite in solchen Zeitplänen vor? Marandi antwortet, dort komme sie nicht vor, und das sei derselbe Fehler, den Washington schon im Zwölftagekrieg und zu Beginn dieses Krieges gemacht habe. Man plant, als sei der Gegner ein Objekt, das stillhält.
Marandi liefert dafür eine Erklärung, die man nicht psychologisch, sondern institutionell lesen kann. Die amerikanischen Iran-Experten, sagt er, seien oft Leute, die kein Persisch sprächen, teils Bücher über das Land schrieben, ohne es je betreten zu haben, und deren Aufgabe darin bestehe, den Entscheidern zu sagen, was diese hören wollen. Der Iran dagegen kenne die Vereinigten Staaten gut: durch die Jahre der Besatzung in Afghanistan und im Irak, durch Auslandsstudium, durch die englische Sprache als zweite Sprache. Ob diese Selbstbeschreibung stimmt, kann ich nicht prüfen, und es ist die Selbstbeschreibung einer Seite. Strukturell ist sie dennoch plausibel: Ein Apparat, der Expertise nach Bedarf der Auftraggeber erzeugt, produziert Pläne ohne Gegner.
Die Uhr in Teheran
Teheran rechnet anders, und es rechnet mit Washingtons Uhr. Marandi sagt es offen: Seit Präsident Peseschkian von der UN-Generalversammlung zurückgekehrt sei, habe Iran die Zahl der Schiffe, die es in der Straße von Hormus angreift, drastisch erhöht und auch die Mittel verschärft, von leichten Drohnen zu Raketen, schweren Drohnen und Minen. Schiffe, die ohne iranische Genehmigung passieren wollen, werden getroffen. Die Folge sind höhere Energiepreise und mit ihnen höhere Preise für Düngemittel, Schwefel, Helium, Diesel. Das Kalkül, so Marandi, sei Druck auf Trump vor der Wahl. Zugleich bietet Teheran einen Ausweg an: Außenminister Araghtschi habe gesagt, man könne die Meerenge in zwei Tagen öffnen. Zwei Tage, weil bis zur Wahl nur noch drei Tage blieben, als er das sagte.
Man kann das als Zuckerbrot und Peitsche beschreiben, und Marandi tut es auch. Ich würde es nüchterner fassen: Iran nutzt den Benzinpreis als Transmissionsriemen in die amerikanische Innenpolitik. Eine Supermacht, deren Außenpolitik am Wahltermin hängt, hat damit einen Hebel, an dem ein Gegner ziehen kann, ohne einen einzigen Soldaten über die Grenze zu schicken. Dass die Gespräche sich widersprechen, ob die Wahl für Trumps Entscheidung überhaupt zählt, ändert an der Struktur nichts. (Escobar: gleich wie sie ausgeht, er habe sich schon entschieden; Marandi: ein geschwächter Trump sei verhandlungsbereiter, der Ton im Brief von Vizepräsident Vance sei bereits ein anderer). In beiden Lesarten ist der Wahltermin der Takt, nach dem Washington sich bewegt.
Teheran selbst rechnet dagegen mit einem Ziel, das mit keinem Wahltermin zusammenfällt: dem Ende jener Belagerung, von der eingangs die Rede war. Escobar gibt es mit den Worten der iranischen Führung wieder: Man wolle den Zustand beenden, in dem weder Krieg noch Frieden herrsche. Die sieben Bedingungen, die Marandi als „schön verpackt“ beschreibt (in Wahrheit elf, weil einige zwei Punkte enthielten), laufen darauf hinaus: die eingefrorenen Gelder, das Ende der Seeblockade, die Hoheit über die Meerenge. Und die Reihenfolge ist Teil des Streits. Washington will mit dem Atomdossier beginnen, Teheran will es zuletzt behandeln. Wer beginnt, hat seine Karte aus der Hand gegeben, das ist die Logik hinter diesem Streit um die Reihenfolge.
Wer den Krieg beendet
Daraus folgt: Beginnen kann ein Einzelner, beenden können nur alle. Die jetzigen Gespräche fügen eine Verschiebung hinzu. Wer nur in Zyklen von Wochen planen kann, kann den Krieg zwar auslösen, aber nicht abschließen, denn das Ende richtet sich nach dem Gegner, der in Jahrzehnten rechnet. Chameneis Satz, Iran bestimme das Ende, ist deshalb nicht nur Drohung. Er beschreibt, wer unter den gegebenen Bedingungen über die Dauer verfügt. Hinzu kommt, was Marandi über die materielle Seite sagt: Iran produziere so viele neue Raketen, dass es Lagerprobleme habe, und baue Stützpunkte unter der Erde, während die amerikanischen oberirdisch lagen. Dass dieses Signal der Abschreckung gesendet wird, sagt etwas über die Kommunikationsstrategie, nicht notwendig etwas über die Zahlen.
Die knappe Luftabwehr
Der materielle Kern der Sache ist ein knappes Gut. Beide Gesprächspartner Marandis nennen es: Abfangraketen und Luftabwehrsysteme. Nach seiner Darstellung zieht Washington sie aus Südkorea ab, aus Japan und aus den Vereinigten Staaten selbst und bringt sie nach Israel, in Japan wohl ohne die Regierung auch nur zu informieren. Saudi-Arabien, das ihm zufolge seine Überschüsse in amerikanische Aktien und Anleihen angelegt hat, wird derweil von jemenitischen Raketen und Drohnen getroffen, ohne dass die Abwehr es schützt.
Wenn zwei Kriege, in der Ukraine und gegen den Iran, aus einem Arsenal bedient werden, muss zugeteilt werden, und die Zuteilung enthüllt die Rangordnung: Israel zuerst, die Golfmonarchien danach, die Verbündeten in Ostasien zuletzt. Marandi zieht daraus die Parallele zu Europa: Ein Hegemon im Niedergang wälze die Kosten auf die Frontstaaten ab, die er selbst in den Konflikt gezogen habe. Er verweist auf den früheren Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, der das schon vor Jahren so beschrieben habe. Das Tauschgeschäft, Schutz gegen Gefolgschaft, funktioniert nur, solange der Schutz geliefert wird. Wird er verknappt, müssen die Schützlinge neu rechnen. Marandi erwartet das auch am Golf: Die „Glaspaläste“, wie der von ihm zitierte iranische Offizielle die Golfmonarchien nennt, hätten auf das falsche Pferd gesetzt und müssten sich, so oder so, mit Teheran arrangieren.
Die Sprache, in der man den Krieg kritisiert
Noch eine Beobachtung, die ich für aufschlussreich halte. Senator Chris Murphy, der in geheimen Briefings über die Angriffspläne unterrichtet wurde, nannte sie „wahnsinnig“. Seine Begründung, so Marandi bei Haiphong: Sie zerstörten die Rechtsstaatlichkeit und würden ihre Ziele nicht erreichen. Von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von den Opfern gar, sprach er nicht. Dasselbe sagt Marandi über Obama im Wahlkampf: unnötiger Krieg, hohe Spritpreise, kein Wort über die Toten. Die Kritik am Krieg bewegt sich in der Sprache von Kosten und Nutzen, weil die Opfer in der Selbstbeschreibung dieser Ordnung nicht als Menschen vorkommen. Man kann das moralisch empörend finden, wie Marandi es tut. Strukturell ist es eine Auskunft darüber, was der Apparat überhaupt als Argument zulässt.
Ein Einwand gegen die eigenen Quellen
Eine Unstimmigkeit sollte man nicht überspringen. Marandi sagt bei Haiphong, zwischen Trump, Biden, Obama und Clinton gebe es keinen moralischen Unterschied, Libyen und Syrien seien unter Obama zerstört worden. Das ist eine Aussage über ein System. Auf die Frage, warum dieser Krieg dennoch geführt werde, antwortet er dann mit Personen: zionistisches Geld, mögliches Belastungsmaterial gegen Trump, Epstein, vielleicht eine Konversion zum Zionismus. Er räumt selbst ein, dass es sich um Spekulation handelt. Escobar bleibt bei „Erzsoziopath“ und Demenz. Wer die Kontinuität über vier Präsidenten feststellt, hat die Erklärung nicht in der Psyche eines einzelnen zu suchen.
Was bleibt
Ob am Dienstag oder danach geschossen wird, kann ich nicht wissen, und die Gesprächspartner wissen es auch nicht, so sicher Escobar und Marandi sich geben. Die Struktur lässt sich dennoch benennen. Eine Macht, deren Handlungsfähigkeit an Wahlterminen und Preisen hängt, trifft auf eine, die ihr Ziel in Jahrzehnten bemisst. Die erste kann den Anfang setzen und den Takt der Medien bestimmen. Das Ende liegt, wie es aussieht, nicht bei ihr.
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Bildquelle: Runawayphill / shutterstock
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Quellen:
Pepe Escobar im Gespräch mit dem Moderator Zulfikar, Transition Protocol (Sendung vom 1./2.11.2026, aufgezeichnet kurz nach Mitternacht Schanghaier Zeit): https://www.youtube.com/watch?v=lCSOuw6rHrU
Prof. Said Mohammad Marandi im Gespräch mit Glenn Diesen (1.11.2026): https://www.youtube.com/watch?v=djbGjdytqUY
Prof. Said Mohammad Marandi im Gespräch mit Danny Haiphong (1.11.2026): https://www.youtube.com/watch?v=5MjhzxYIh4A
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Dirk Ellerbrock, Jg. 1946, Dipl.-Sozialwissenschaftler, studierte Wirtschafts-, Politikwissenschaften und Sozialpsychologie, arbeitete viele Jahre in der Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und als Management-Coach.
Mitte der 1990er wandte er sich spirituellen Traditionen zu – Advaita-Vedanta, Zen, Taoismus, Tantra und christliche Mystik –, vertieft durch Stephen Wolinskys „Quantenpsychologie" und die Seminare Ramesh Balsekars in Bombay. Er leitete Meditationsgruppen und veröffentlichte 2010 unter dem Pseudonym Manaschu sein erstes Buch, „Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung" (ISBN 978-3-8391-4517-3). 2026 entstand „Die Schlange der Moral – Gift und Gegengift" (ISBN 978-3-6967-8733-2), das moralisches Urteilen als strukturelle Gewaltform durchleuchtet: https://substack.com/home/post/p-222671216
Heute schreibt er regelmäßig politische und gesellschaftliche Kommentare, u. a. für apolut und auf seinem Substack: https://substack.com/@dirkellerbrock
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