Ein Kommentar von Paul Clemente.
Das hatte man sich anders vorgestellt. Noch vor wenigen Wochen hofften US-Demokraten, dass eine Publikation der Epstein-Akten das Ende der Trump-Regierung einleiten würde. Dass dieses Leaking zum politischen Super-GAU ausarten würde: Unvorstellbar. Und dann geschah es. Vor knapp zwei Wochen öffneten das Department of Justice und die CIA die Büchse der Pandora: 300 Gigabyte an Dokumenten, Videos und Fotos wurden freigeschaltet.
Der Inhalt versetzte den Mainstream in Schock-Starre. Die hielt eine ganze Woche. Die Files enthielten nämlich nicht bloß Namen von US-Politikern und britischen Aristokraten. Nein, zahllose Promis aus aller Welt – aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Entertainment – sind hier gelistet. Auf drei Millionen Seiten. Und das ist bloß die Hälfte. Laut dem demokratischen Abgeordneten Ro Khanna hat das Department of Justice weitere drei Millionen Dokumente gebunkert. Da gibt’s noch eine Menge zu enthüllen.
Die ersten Reaktionen? Schock und Desillusionierung. Sogar der Investigativ-Journalist Boris Reitschuster schrieb:
„Meine ausländischen Freunde überhäufen mich mit Nachrichten in Sachen Epstein, sind völlig entsetzt, einige sagen, ihr Weltbild sei zusammengebrochen.“
Ja, was haben die denn erwartet? Dass Menschen, die Macht besitzen, diese nicht missbrauchen? Wann gab es das jemals?
Die Konfusion ging so weit, dass die linksgrüne Taz und Springers Welt sogar eine Rehabilitierung der QAnon-Anhänger erwogen. Unter der ironischen Schlagzeile „Mr. Epstein und die Guten, Wahren und Schönen“ fragt die Welt:
Könnte es sein, dass die Irren, die an die QAnon-Verschwörungsreligion glaubten,
„von Anfang an einfach recht hatten?“ Denn es „gab tatsächlich ein weltweites Netzwerk von Wirtschaftsmagnaten, Prinzen, Prinzessinnen, Politikern; ein gewisser Jeffrey Epstein hatte es geknüpft. Dabei ging es zwar nicht um Kinderblut, aber es ging um minderjährige Mädchen.“
Der letzte Satz stimmt leider nicht. In dem Taz-Artikel „Akten des Grauens“ heißt es:
„Tatsächlich beinhalten die neusten Veröffentlichungen unter anderem bizarr wirkende Aussagen aus einem angeblichen FBI-Interview mit einem mutmaßlichen Opfer, in denen es um ,zerstückelte Babys’ und ,rituelle Opfer’ auf einer Jacht Epsteins im Jahr 2000 geht.“
Sogar Ex-Präsident George Bush Senior soll daran beteiligt gewesen sein. Natürlich beeilt sich die Taz, ihre Leserschaft zu beruhigen: Diese Aussagen deckten sich bislang nicht mit anderen Hinweisen...
Zugegeben: Baby-Kannibalismus ist schon sehr extrem. Anderseits: Gibt es für Upper Class-Mitglieder bessere Machtdemonstrationen als das Überschreiten sämtlicher Grenzen? Man tut das Scheußlichste, begeht den maximalen Tabubruch, weil man es sich leisten kann. Man erinnere sich an die Romane des radikalsten Aufklärers, des Marquis de Sade: Selber Sprössling der französischen Upper Class, schilderte er in dem Roman „Die 120 Tage von Sodom“ den Machtrausch von vier Würdenträgern des Absolutismus: Sie vergewaltigen und morden Minderjährige, sogar die eigenen Töchter. Ein neueres Beispiel liefert Chinas Star-Autor Mo Yang. In seinem Roman „Die Schnapsstadt“ recherchiert ein Kommissar, ob neureiche Parteikader tatsächlich Kinder kochen und verspeisen. Auch hier steht das Verspeisen von Kinderfleisch als Symbol absoluter Macht.
Zurück zu den Epstein-Akten: Egal, ob Kinderfleisch serviert wurde oder nicht: Die Botschaft der Files ist überdeutlich. Senator Bernie Sanders, dessen Name in den Akten nicht vorkommt, fasste deren Bedeutung in einem X-Post zusammen:
„Es geht darum, in welchem Ausmaß extrem reiche und mächtige Menschen nach ihren eigenen Regeln leben – und damit immer wieder ungestraft davonkommen. Es ist ein exklusiver Club, in dem Regeln und Gesetze keine Rolle spielen. Und du gehörst nicht dazu.“
Nein, der US-Durchschnittsbürger gehörte nicht dazu. Dafür aber europäische Promis. Beispielsweise Jack Lang, Frankreichs ehemaliger Kulturminister unter François Mitterrand. Der schätzte Epstein als „bereitwilligen Förderer der Künste". Auch Lang will von Pädo-Partys nichts gewusst haben. O-Ton: „Als ich von den von ihm verübten schrecklichen Verbrechen gehört habe, bin ich aus allen Wolken gefallen. Wie konnte dieser so höfliche, charmante und großzügige Mann solche Abscheulichkeiten begehen! Wir haben natürlich sofort den Kontakt zu ihm abgebrochen." Dennoch gab Lang am Samstag seinen Rücktritt als Vorsitzender des Arabischen Instituts in Paris bekannt.
Bei ihm stellt sich die gleiche Frage wie bei Elon Musk: Alle wollen bis 2019 nichts von Epsteins Handel mit Minderjährigen gewusst haben. Dabei war er bereits 2008 eingeknastet worden. Genau wegen dieser Straftat. Für dreizehn Monate. Wieso wusste das keiner?
Natürlich gab es auch Hollywood-Promis, die bei Epstein ein- und aus gingen. Feinde der Pop-Sängerin Madonna müssen jetzt ganz stark sein: Ihr Name fand sich nämlich nicht in den Files!
Stattdessen der neunzigjährige Woody Allen. Der war sogar Nachbar des Multimillionärs. Beide tauschten sich via E-Mail über die Missbrauchs-Vorwürfe aus, die gegen sie erhoben wurden. Dabei erklärten sie für unschuldig. Dennoch wirkte das New Yorker Stadthaus des Investment-Bankers auf Allen unheimlich: Es habe ihn an die Burg von Graf Dracula erinnert, der „drei junge weibliche Vampire hat, die die Sache in Schuss halten. Wenn man bedenkt, dass Epstein in dem riesigen Haus ganz allein lebte, kann man sich vorstellen, dass er in der feuchten Erde schlief.“ Aber Allens spaßhafte Dämonisierung führt in die falsche Richtung. Denn der Investmentbanker Jeffrey Epstein organisierte nicht nur Sexparties. Er sammelte auch Informationen, organisierte ein globales Networking, stellte Kontakte her.
Letzte Woche wurde der britische Diplomat und Ex-Wirtschaftsminister Peter Mandelson beschuldigt, er habe vertrauliche Regierungsinformationen an Epstein weitergereicht. Ist das nicht seltsam: Ein erfahrener Politiker verrät Staatsgeheimnisse an einen Partylöwen? Wohl kaum. Dass Epstein für den US-Geheimdienst gearbeitet habe, gilt als Verschwörungstheorie. Derweil berichten Medien über Kontakte nach Russland. In einer anonymen FBI-Quelle heißt es: „Epstein war der Vermögensverwalter von Putin“. Er soll sich sogar als Spion angeboten haben. Kurz darauf dementierte ein Sprecher des Kremls diese Behauptung.
Ein vorläufiges Fazit: Bei all den Verbindungen, Anschuldigungen und Spekulationen fällt kaum auf, dass die wichtigste Frage bislang ungeklärt ist. Was war Epsteins Rolle, was war seine Funktion im globalen Politikgeschehen? Kurzum: Wer war Jeffrey Epstein? Vielleicht findet sich die Antwort in den noch unveröffentlichten Files?
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Dank an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.
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Bild: der Schatten von Jeffrey Epstein, der über dem Planeten schwebt.
Bildquelle: Shutterstock AI / Shutterstock
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